Joab – Kapitel 1 – Ruf des Scheol

Joab

Ruf des Scheol

Für gewöhnlich hatte er keine Angst vor dem Tod. Wenn sein Arm erhoben war und die Schulter schon seit Stunden im Schmerz entbrannt, die Sonne die Glut des erhitzten Leibes noch anfachte und der Geruch des Blutes und des aufgewirbelten Staubes in seine Nase stiegen, dann kannte er keine Furcht und kein Zögern. Scheol war der Ort, an den er die anderen schickte. Männer, Väter, Brüder. Alle endeten sie im Scheol bei Männern, Vätern, Brüdern. Er war nicht dumm und wusste, dass ein einziger Streich genügte, ein winziger Moment des Ermattens und Nachlassens, um selbst dorthin zu gelangen. Alle gelangten dort hin. Das wussten die Großen und die Geringen. Das wussten schon die Kinder. Davon sangen die Prophetenschüler. Davon hatte selbst der König gesungen, wieder und wieder, während er über die Saiten des Instrumentes ebenso geschickt strich wie er auch das Schwert und den Speer geschickt verwendete.

Joab selbst kannte nur die Kunst von Schwert und Speer und er kannte den Geruch des Blutes, kannte den reißenden Schmerz klaffender Wunden und tiefer Schnitte, geplatzter und sonnenverbrannter Haut, eiternder Schwielen vom harten Leder. Das alles bedeutete ihm keine Angst vor dem Tod, es bedeutete ihm das Leben. Aus dem Scheol jedoch kehrte man nicht wieder, es sei denn, man war ein großer Prophet namens Schmuel und König Schaul rief nach einem. Damals wurde offenbar, dass auch die Totenbeschwörerinnen nicht fähig waren, wirklich tief in den Scheol zu blicken oder jemanden von dort zurückzuholen. Einzig Jah vermochte diesen Ort zu öffnen und zu schließen. Und einzig die Männer des Schwertes besaßen eine Macht über das Ende eines Menschen wie sie sonst nur Krankheit und Alter hatten.

Auch Joab besaß diese Macht. Sein Haupt war zwar ergraut, doch sein Arm immer noch von unfehlbarem Schlag, der Leib hart und gespannt. In dieser Stadt zu leben hatte ihn wie viele andere Männer unvorsichtig gemacht. Er färbte nicht sein Haar wie einige von ihnen, denen das Leben in Jeruschalajim das Weibische einzuhauchen schien, aber er trug auch nicht seinen Waffenrock, nicht sein Kurzschwert. Und darum fürchtete er sich vor dem Tod, denn er trat ihm nicht entgegen in der Schlacht, sondern wartete hier am Altar auf ihn.

Die Sonne Jeschuruns brannte über dieser Stadt, brannte über dem Vorhof und brannte über dem Altar für die Brandopfer. Es roch nach Blut und es roch nach Asche, es roch nach Fett und es roch nach Staub, es roch nach Räucherwerk und es roch nach Schweiß, es roch nach Angst und Tod. Ein Geruch, den er liebte, den er suchte, in dem er tief atmete und in dessen Sog sein Arm nie das Ziel verfehlte, seit er mit seinem jungen Onkel den ersten Löwen erschlagen hatte.

Jetzt hielten seine Hände die Hörner des Altars, dass aus den Fingern das feuchte Blut drang. Menschenblut auf dem heiligen Altar Jahs. Würde man wirklich Menschenblut an ihn gießen? Könnte dann das Blut eines Tieres sein eigenes Blut von dieser Stelle waschen? Würde einer wagen, einen Mann vor IHM zu erschlagen? Er selbst hätte es gewagt und er wusste, dass der, welcher sicher ausgesandt war, ihn zu töten, ein ebensolcher Mann war wie er selbst in den Jahren seiner größten Kraft.

Joab atmete tief und tiefer noch den kommenden Geruch seines eigenen Todes und dehnte dann in einer plötzlichen Wendung, als wäre es die Rückzugslist in einer Schlacht, seine Gedanken fort vom Scheol. Er dachte sanft und zärtlich an seine beiden jüngeren Brüder. Alles hatte begonnen bei den Schafen, beim Blut der erschlagenen Löwen und bei den Namen der Söhne Zerujas.