Joab
Zerujas Söhne
Asaël war der jüngste, doch in Kraft und Härte stand er seinen älteren Brüdern in nichts nach. Dafür hatte seine Mutter gesorgt, indem sie ihren Söhnen ihre Namen gab, sie der Fürsorge Jahs anvertraute und der Obhut ihrer Onkel unterstellte. Männer, die keinen Vater hatten, mussten sich ihre Manneskraft umso härter erringen. Zuruja hatte das gewusst. Sie nannte ihren Jüngsten daher „Gotteserschaffen“ und er vereinte tatsächlich das Beste seiner Brüder in sich. Er hatte den drängenden Mut Abischais und die besonnene Kraft Joabs. Er war der Beste unter ihnen und wert, seinen Brüdern zu folgen, in Kampf und Ansehen. Im Wettstreit mit ihnen hatte er dieselbe Härte erlangt und seine älteren Brüder waren ihm über alles zugeneigt. Er war das Herz der Männer, in dessen Herz sonst nichts Platz haben durfte.
Wie der König stets Joab an seiner Seite hatte, so zog Joab seinen jüngsten Bruder mit sich. Zeruja hatte sich nur wenig darüber beklagt. Sie wusste, dass jeder im Scheol endete und dass ihre Söhne früh dorthin gelangen könnten. Daher hatte sie ihre Namen gewählt, Namen, die ihnen den Vater geben sollten, den sie nicht hatten. Das Geheimnis um die ältere Schwester des Königs wurde niemals erwähnt, denn Zeruja gehörte zu Isais Haus und ihre Söhne waren wie des Königs Brüder, also gab es das Schweigen. Dafür riefen die Namen es heraus.
Als Joab, ihr Ältester, geboren wurde, hatte Zeruja es nach den letzten Wehen fest beschlossen. „Jah ist Vater“, sagte sie und so riefen sie den Jungen und der Junge wusste, dass er nicht nach seinem Vater zu fragen hatte, denn sein Leben gehörte IHM allein. Er lauschte den Priestern und dem Propheten Schmuel, wenn sie die Geschichten Jahs, Seine Taten und Gesetze, berichteten.
Kurz darauf kam Zeruja zu Abischai, ihrem zweiten Sohn. „Der Gott des Friedens ist Vater“, sagte sie und so riefen sie alle den Jungen. Joab und Abischai wussten, dass sie nicht nach ihrem Vater zu fragen hatten und ihr Onkel Dawid war wie ihr älterer Bruder, nahm sie mit auf das Feld und tötete vor ihren Augen den Löwen. Dann ließ er sie allein mit den Schafen und unter den Augen der Tiere der Nacht.
Etwas später gab Zeruja dem Asaël das Leben. „Gott hat ihn erschaffen“, sagte sie und Asaël lernte von seinen Brüdern, dass er nicht nach seinem Vater fragen sollte. Er lernte von ihnen, dass er Mann sein sollte. Er lernte von ihnen, was es bedeutet, sich im Kampf zu messen. Und wenn ihm der Kampf mit den Brüdern genügte, lief er ihnen davon über das Feld. Blau geprügelt und lachend. Schlank wie eine Gazelle war er und genauso schnell, behauptete Dawid, als er ihn schließlich vor dem Löwen davonlaufen sah.
Doch seine junge Gestalt durfte nicht darüber hinweg täuschen, welche Härte auch in seinem Leib war. Das sahen Joab und Abischai und Dawid, als er sich in einer plötzlichen und flinken Regung umwandte und seinen Stab tief in den Leib des ausgehungerten Tieres trieb. Joab erinnerte sich sofort an seinen ersten Löwen, als er Asaël lächelnd über den röchelnden Leib der gelben Bestie gebeugt sah. Genauso hatte auch er gelächelt. Er hatte das Blut gerochen und in diesem Augenblick wusste er, warum an den Altar Jahs das Blut der Tiere ausgegossen wurde. Denn das Blut des Löwen roch wie sein eigenes und wie das der Männer auf dem Schlachtfeld.
Ihr Onkel Dawid hatte oft gesungen von den Zehn Tausenden, die fielen, von dem Tod ringsum. Und seit seiner ersten Schlacht wusste Joab, dass das Blut einige wenige Leiber wie Tausende werden ließ und dass das Blut eines einzigen Tieres reichte, um die Schuld vor Jah zu bedecken. So lehrten die Priester und einige der Leviten. Die Prophetenschüler hingegen sangen davon, dass kein Blut genügte, um Schuld zu löschen.
Joab wusste es besser. Schuld war ausschließlich mit Blut zu begleichen. Immer wieder würde Blut zur Begleichung von Schuld fließen, beginnend bei Kain und Abel und in alle Weltzeit. Auch die Schuld an Asaël war zu begleichen. Und als Joab den Sohn des Ner tötete, um mit seinem Blut das Blut des jüngsten Bruders zu begleichen, wusste er, dass auch sein eigenes Blut an einem anderen Tag gefordert werden würde.
Wer mit dem Schwert das Leben nahm, dem wurde das Leben durch das Schwert genommen. Joab betete, dass es so sein möge, denn er wusste, sein Leben gehörte IHM.

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