Joab
Vier Hundert in Adullam
Isai war ein harter Mann und immer noch saß er hoch aufgerichtet unter den Ältesten in Bethlehem, obwohl er schon ein beträchtliches Alter erreicht hatte. Joab hingegen war ein sehr junger Mann und keineswegs so besorgt wie der Alte, als es hieß, dass ihr ganzes Haus nach Adullam hinunter zu Dawid ziehen sollte. Der Jähzorn Schauls allerding hätte das Ende aller waffenfähigen Männer aus Isais Haus bedeuten können oder schlimmer noch das Ende aller männlichen Nachkommen Obeds. Joab nahm dies schlicht als gegebene Bedrohung hin.
Doch ärgerlich und mit bitterem Gesicht befahl Isai den Frauen, nur nötigen Hausrat zusammen zu raffen. Dawid war sein jüngster und zugleich sein tüchtigster Sohn, doch ebenso derjenige, der am meisten Unglück über sein Vaterhaus zu bringen schien. Isai wollte seine Tage lieber bei der beträchtlich gewachsenen und gut gedeihenden Schafherde fristen, anstatt sie den Knechten anzuvertrauen. Er wollte seine Ehren unter den Ältesten genießen, bis der Scheol nach ihm rief.
Aber auch die Ältesten Bethlehems baten Isai fortzugehen. Sie wollten nicht den Zorn König Schauls erregen und womöglich noch ganz Bethlehem auslöschen lassen. Im schlimmsten Fall hätte es einen Bruderkrieg zwischen Benjamin und Juda gegeben, zwischen zwei besonders kriegstüchtigen Stämmen unter Jakobs Söhnen. So zog also das ganze Haus Isais aus dem Tor Bethlehems hinaus zu Dawid in die verborgene Höhle bei Adullam.
Die Frauen sorgten sich um das Nähren ihrer Kinder. Isai gebot ihnen zu schweigen, denn die Sorgen der Männer waren andere und schwerwiegendere. Joab und Abischai nickten einander zu. Dass sie sich zu Dawid und seinen Männern versammelten, bedeutete im Grunde einen Bruderkrieg, denn das Haus Juda mit all seinen Familien rückte immer weiter von Schaul und seinen Mannen ab und hing sein Herz an Dawid, den von allen Geliebten, diesen Mann, der schön von Gestalt war, ebenso schöne Worte machen konnte und obendrein noch nie einen Kampf verloren hatte, unverschämt gesegnet und beschenkt durch Jah.
Asaël, gerade erst von der Kindlichkeit zu einem schlanken Mann gereift, grinste noch unbesorgter als seine Brüder in die Sonne Jeschuruns und lieferte sich mit einigen jungen Männern, Knechten aus dem Haushalt Isais, ein Wettrennen. Der Alte geriet darüber derart in Zorn, dass sich auch der Jüngste der Zeruja-Söhne gerügt und gedemütigt seinen beiden älteren Brüdern anschloss und im Ernst versank. Joab ohrfeigte seinen Bruder und ermahnte ihn ebenfalls, doch so, dass kein anderer hinsah. Erbost funkelte Asaël ihn an, aber die Liebe zum Ältesten war so stark, dass er diesen Schlag nicht als Demütigung verstand, sondern als ehrenden Tadel trug und sich auf dem Rest des Weges als mannhaft erwies.
In Adullam, einer kleinen, unbedeutenden Siedlung im Herzen des Stammes Juda, gab es Wasser und einige große Höhlen im hellen Fels, der unter der Sonne Jeschuruns fast blendend weiß ins Auge stach. Es war eine etwas karge Gegend, nur blühend zu den Regenzeiten, doch sie genügte, um die vierhundert Mannen Dawids zu nähren und das Haus seines Vaters. Zudem boten die Höhlen Schutz und Dawid war klug genug, sie gut zu befestigen und bewachen zu lassen.
Als Isai in der Höhle seinem Jüngsten mit bitterem Gesicht entgegen trat, ging Dawid vor seinem Vater auf die Knie, ungeachtet dessen, dass ihn seine Mannen dabei beobachteten. Doch so war sein Onkel Dawid schon immer gewesen, ein Freund demütiger Gesten, mit denen er ein jedes Herz für sich gewinnen konnte. Selbst Joab wusste nie zu sagen, ob Dawid dies berechnend tat oder ob es tatsächlich Teil seines Wesens war. Joab hätte sich niemals gebeugt, einzig vor IHM.
Doch als der Alte das schöne und offene Gesicht seines Sohnes erblickte, erweichten seine Züge und er zog ihn an sich, drückte ihn seufzend an seine Brust und küsste zärtlich sein Gesicht. Der eigene Vater konnte am allerwenigsten dem Geist dieses Mannes widerstehen und auch Joab verspürte Erleichterung, als er den einstigen Heerführer Schauls, seinen jüngsten Onkel, erblickte und wie er von seinem eigenen Vater geehrt wurde.
Die Hände Dawids, die so leise und zart über die Saiten der Zither glitten und Lieder von weidenden Schafen und schönen Hirschkühen, brüllenden Löwen und blutigen Schlachten begleiteten, waren auch die Hände, die durch einen einzigen Wurf mit der Hirtenschleuder und einen einzigen Hieb des Schwertes die Philister auf lange Zeit gedemütigt und in Schrecken versetzt hatten. Als Goliath fiel, begann eine lange Reihe von Siegen über die umherstreifenden Rotten der Philister und in offenen Schlachten gegen sie. Allesamt klug und geschickt ausgetragen von Dawid und seinen Mannen, einiges Volk von Benjamin und viele von Juda, die bald nicht mehr Schaul sondern dem Dawid ihre Siegeslieder sangen.
In den letzten Kämpfen waren auch Joab und Abischai beteiligt gewesen. Heute war der Tag, an dem Asaël in die Reihen der Männer trat und zum ersten Mal den Geruch von Schweiß, Angst und Zorn in sich aufnahm. Vierhundert grimmig blickende Männer, die dicht gedrängt in den Höhlen lagerten, umhergingen oder sich ruhend an die Wände lehnten und prüfend ihre Blicke über Isai, Dawids Brüder und Neffen gleiten ließen. Einige waren in der Siedlung, besorgten Vorräte oder hielten an verborgenen Plätzen zwischen den Felsen Wache, um den ganzen Landstrich um Adullam im Auge zu behalten.
Freilich waren dies hier kaum erfahrene Soldaten, eher gesammelte Reste von Manneskraft, halbe Greise, zornige Jungen, entflohene Schuldner, lose Herumtreiber ohne Herkunft und Auskommen. Sie hingen an Dawid, weil er sie alle mit dem gleichen wohlwollenden Blick bedachte, vor dem sein Vater Isai sich ergeben hatte. Er hieß sie alle willkommen und sie alle wussten um die letzte Tat Schmuels an diesem jungen Mann, auch wenn keiner es aussprach.
Unter den vierhundert Männern wurde Dawid bereits als König verhandelt. Joab wusste, dass auch all die kriegstüchtigen Männer, ob aus Juda oder Benjamin oder einem der anderen Stämme weiter im Norden, die alle unter Dawid Siege errungen hatten, die meisten an ihm hingen. In Juda wünschte man sich ohnehin einen Königswechsel, nachdem Schaul weniger erfolgreich gegen die philistäischen Rotten vorging und durch Dawids Flucht die schönen Siege auszubleiben schienen. Wer, wenn nicht Dawid, der stets klug gehandelt hatte und siegreich gewesen war, der allen Zuflucht und Wohlwollen bot, wäre dieser Ehre wert? Und war es nicht das Haus Isais, das Schmuel zuletzt vor seiner Rückkehr nach Rama besucht hatte? Jener Schmuel, unter dem die Stämme Jakobs zum ersten Mal die Philister mit Erfolg und Kraft zurück drängen konnten. Und war es nicht Schaul, den dieser Schmuel verlassen hatte und bis auf diesen Tag nie wieder aufgesucht hatte? Und war Dawid nicht sogar mit Schaul verschwägert und hatte daher auch die Möglichkeit, als Schwiegersohn des Königs und erfolgreichster seiner Heerführer, Anspruch auf den Königstitel zu erheben? Nannte er nicht den Sohn des Königs seinen Verbündeten? Man munkelte gar, dass Jonathans Liebe zu Dawid so weit gehen könnte, dass er auf seinen erblichen Anspruch verzichten würde.
Das Haus Israel war nicht Ägypten. Die Königswürde war keineswegs darauf festgelegt, vererbt zu werden. Selbst die Söhne des großen Schmuel hatten Mühe, sich als Richter im Volk durchzusetzen. Nur wenige vertrauten auf ihr Urteil und dies auch nur, weil sie immer noch an Schmuel hingen. Schmuel selbst hatte keine Macht und Würde an seine eigenen Söhne weitergegeben. Im Gegenteil hatte er Schaul zum König gemacht, dass er die Stämme Israels leitete, wie auch andere Völker von ihren Königen geleitet wurden.
Warum also sollte nicht Dawid an Jonathans statt König über die Söhne Jakobs werden? Die Königswürde wurde ohnehin verliehen, von IHM und seinen Propheten bestätigt, vom offenkundigen Segen in Erfolgen gefestigt. Hätte Dawid sich nicht verbergen müssen vor diesem jähzornigen Hund aus dem Hause Benjamins, so wäre er längst das Haupt Judas. Alle wussten dies, doch keiner sprach es aus.
Joab sah auch, was Isai als Vater seines Jüngsten nicht sah, nicht sehen konnte. Er sah hinter der Stirn seines Onkels den festen Willen, sich vor Schaul nicht nur zu verstecken, sondern ihn völlig zu überwinden. Mit Kraft und Geschick, wie er es immer getan hatte. Mit schönen Worten und dem Schwert.
Joab wusste, dass dies auch seine eigene Stunde und die Stunde seiner Brüder war. Vaterlos wie sie waren, hatten sie unter den losen Männern ihr Teil. Neffen Dawids und nur wenig jünger als der Jüngste aus Isais Haus, Söhne seiner ältesten Schwester, mit ihm unter Isai aufgewachsen, waren sie ihm mehr Brüder geworden als die anderen Söhne des Alten. Und hier im Dunkel der Höhle bei Adullam begann man sie Söhne Zerujas zu rufen und drückte ihnen damit das Zeichen der losen Schar Dawids auf, das Zeichen derjenigen, die ihre unehrenhaften Gründe hatten, sich dem Wohlwollen des jüngsten Sprosses aus Obeds Haus auszuliefern. Doch war dies kein Spottname, sondern bezeichnete zugleich ihre Nähe zu Judas auserkorenem König. Auch Dawid selbst begann sie so zu nennen. Sie waren nicht seine Brüder, doch er konnte sich in manchen Dingen eben besser auf Joab und Abischai verlassen, als auf die zornige Rotte, die sich um ihn versammelt hatte.
So hielt Dawid seinen Neffen Joab stets in seiner Nähe und redete zu ihm über die Möglichkeiten, sich hier in der Höhle zu verbergen oder lieber weiter zu ziehen. Zwar lag die Festung Adullam mitten in judäischem Gebiet, doch zuverlässige Boten, zum Teil ausgesandt von Jonathan selbst, berichteten von den Plänen Schauls, seinem Schwiegersohn hinterher zu jagen und ihn zu stellen.
Vor allem Mutter und Vater und die Frauen aus dem Haus Isais wollte Dawid in Sicherheit wissen. Es waren nicht viele Frauen, denn die meisten hatte man in Bethlehem zurück gelassen mit den Kindern und einigen Knechten. Doch die, die zu nah mit dem Haus Isais verwandt oder verschwägert waren, hatten sie mitgeführt, wie auch einige kleine Kinder. Sie alle mussten sich in einer zweiten Höhle hinter der ersten verbergen, getrennt von den Männern. Dawid hatte einen alten Eunuchen zur Hand, der sich vor den Eingang stellte und sein Auge darauf hatte, dass nicht einer der Vierhundert sich einmal zu den Frauen schlich. Sie mussten die Frauen fort schaffen, denn das gab nur Unruhe unter den Männern.
Isai selbst war hart und unnachgiebig, aber auch zu alt, um noch im Kampf zu stehen und sein jüngster Sohn blickte besorgt auf den Vater, der unter Söhnen und Enkeln sein Alter genießen wollte. Stattdessen musste er ihm nun eine Flucht zu den abgewichenen Söhnen Lots nahe bringen, denn nach Moab wollte er seine Eltern bringen. Joab war anfangs dagegen. Man sollte sie doch besser bei vertrauenswürdigen Männern in Juda verbergen. Moab war ein ferner Bruder Israels und wenn kein zwingender Grund vorlag, führte man gegen diesen Bruder keinen Krieg. Doch sie waren ein Volk ohne den Gott Abrahams geworden. Joab warf ihnen vor, dass sie sich die Sitten aus Sodom angenommen hätten. Kemosch war ihr erwählter Gott, nicht Jah. Was wäre, wenn sie Dawid verraten würden, um sich mit Schaul gut zu stellen, der immer noch alle Macht und Königswürde besaß.
Dawid hörte sich an, was Joab zu sagen hatte. Wohlwollend lächelte er und wog ab. Dann schüttelte er den Kopf und entgegnete Joab, er solle seine eigene Herkunft nicht vergessen. Beide hätten sie ihre Wurzel auch in einem Haus Moabs. Obed hatte schließlich die Moabiterin Ruth geheiratet, obwohl das gerade unter den Priestern und manchen Propheten nicht gern gesehen wurde.
Außerdem bliebe Dawid keine andere Möglichkeit, als sich mit Moab, Ammon und Edom gut zu stellen, wenn schon die Philister ihm immer mit Hass entgegen stehen würden, wäre er nun König oder nicht. Ein Verbündeter gegen Schaul und die Philister war ratsam und weise. Selbst wenn man nie auf seine Hilfe angewiesen wäre, würde es schon genügen, den Rücken frei zu haben, um mit dem Schwert nur einen Feind bekämpfen zu müssen.
Dem musste Joab zustimmen, auch wenn er, eine moabitische Urgroßmutter hin oder her, nur Verachtung für ein Volk empfinden konnte, dass sich einen so schwachen Gott wie Kemosch wählte und sich meist als feige und hinterhältig erwiesen hatte, seine Kämpfe mit Zauberformeln und Verfluchungen austragen wollte, anstatt aufrichtig nur mit dem Schwert.

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