Joab – Kapitel 4 – Bei Lots Söhnen

Joab

Bei Lots Söhnen

Die Lieblichkeit Ruths lag auf den Gesichtern der Männer aus dem Hause Obeds in Bethlehem. Doch in Dawid, dem jüngsten Spross jener Wurzel, spiegelte sich diese Schönheit in besonderer Weise. Sie sprach aus seinen Augen, floss in seine Finger und in seine Stimme, wenn er sang und spielte und verschaffte ihm verstohlene Blicke der jungen Frauen und äußerstes Wohlwollen bei den Männern und Ältesten.

In Joab spiegelte sich eher die Schlichtheit und Kraft Leas, Mutter Judas, die Rauheit Zerujas, eigenwillig wie ihr Vater Isai, und die Härte eines Kriegsmannes, der um seine Bedeutung und Sicherheit im Kampf weiß. Schönheit besaß in seinen Augen nur eine gut ausgeführte Schlacht oder ein Festopfer vor der Bundeslade.

Sein Verstand indes war ebenso klug und scharf wie der seines Onkels Dawid, doch ihm ging die Vorliebe für schöne Worte und schöne Frauen ab. Wie jeder Mann liebte er die Umarmung einer Frau, aber er suchte sie nicht in Dawids Art. Deshalb hatte er wenig Verständnis für Dawids eigentümlich traurigen Zorn über seinen Schwiegervater Schaul, als dieser seine Tochter Michal einem anderen Mann anvertraute.

Er verstand, dass Dawid erzürnt und erbost war über diese offene Beleidigung und Zurückweisung, doch er verstand nicht den tiefen Schmerz seines Verlustes. Es gab andere Frauen. Denn wäre Dawid erst einmal König, gäbe es genug Weiber, die ihn über den Verlust Michals hinweg trösten würden. Doch Dawid bestand darauf, Michal dereinst für sich zurück zu gewinnen, obwohl Joab ihm riet, es nicht zu versuchen.

Man würde es nicht gern sehen, wenn der König bei einem Weib lag, das ein anderer nach ihm hatte. So etwas war im Gesetz verboten und gerade die Gebote um die Ehe mit einer Frau wurden strengstens beäugt. Auch wäre Michal selbst eine andere, wenn sie erst einmal bei einem anderen Mann gelegen hätte, Dawid nicht mehr so zugeneigt. Bei Frauen ging es auf diese Weise zu. Das wusste er von Zeruja, das wusste er von anderen, das wusste er von dem ersten Mädchen, auf das er jemals seine Augen geworfen hatte und das ihn nie mehr anblickte, nachdem sie einem anderen Mann versprochen wurde, weil sie einen Vaterlosen nicht heiraten sollte, ohne sicheres Erbe für seine Söhne.

Joab würde also wie sein eigener Vater ebenso vaterlose Söhne zeugen. Besser er tötete seine Leidenschaften, ehe es zu viele wurden. Erst wenn seinem Onkel das Königtum zufiel und Joab an seiner Seite an Ansehen gewonnen hätte, könnte er auch ein eigenes Haus erbauen. Sein eigenes Aufsteigen und Absteigen war mit diesem Manne verbunden und sein Herz war es ebenso.

Erleichtert bemerkte Joab, dass Dawid in Mizpe wieder der besonnene Mann und Heerführer war, den er schätzte und unterstütze. Als sie vor den König Moabs traten, um ihre Bitte zu verhandeln, war er gewohnt sicher und wohlwollend und gewann mit seinen Worten ein Bündnis mit Chemesch. Die Könige und Stammesfürsten Moabs nannten sich gerne nach ihrem Gott.

Wenn man miteinander verhandelte, dann berief man sich in Schwüren und Bündnissen auf jenen „El“, den fernen Gott Abrahams und Lots. Dass Jakobs Söhne sich darauf beriefen, jenen „El“ als ihren Gott, als Jah, der da war und immer da war, zu ehren und Lots Söhne sich Kemosch gewählt hatten, einen Gott weit unter „El“, blieb von solchen Gesprächen fern.

König Chemesch war ebenfalls nicht dumm. Er wusste, dass Dawid auf der Flucht vor Schaul war. Doch er sah auch, dass die Zeit König Schauls sich dem Ende zuneigte. Insgeheim war er dankbar dafür, dass Dawid die Philister auf deren Gebiet hielt und auch Schaul dafür gesorgt hatte, dass diese Eindringlinge von den Inseln nicht weiter vordrangen und schließlich vielleicht noch den Moabitern ihr fruchtbares Gebiet streitig machten, das ihr Stammvater Lot sich einst gewählt hatte.

Joab sah, wie sich die Augen der beiden Männer trafen und die Züge des Moabiters von plötzlicher Erkenntnis überschattet wurden. Er hatte den nächsten König vor sich stehen. Ganz Juda, einer der stärksten Stämme Jakobs, stand offen oder heimlich hinter ihm. Der Sohn des Königs war sein Freund. Er war verschwägert mit Schaul. Schaul selbst war verachtet in den Augen des Volkes, während Dawid von allen geliebt wurde, selbst wenn niemand es offen einzugestehen wagte, den Jähzorn Schauls des Benjaminiters fürchtend.

Freundlich und darauf hoffend in der Zukunft unbehelligt an der Seite eines judäischen Königs die eigene Macht zu erhalten, grüßte er Dawid und nahm seine Eltern und ihr Haus in seinem Gebiet auf. Moab hatte nun das Haus Isais geschluckt und wollte Schaul Rache üben an Dawids Familie, so musste er einen offenen Krieg mit den Söhnen Lots führen. Das würde selbst dieser Jähzornige nicht wagen, mochte sein Geist auch noch so verfinstert sein, wie Dawid behauptete.

Nun war es nur noch Dawid selbst, er und seine vierhundert Mannen in Juda, denen Schaul nachjagen würde. Zwar hatte er das Recht des Königs, die Gebiete Israels zu durchstreifen, um nach David zu suchen, doch eine Bruderschlacht zu entflammen mitten im Gebiet Judas, das würde er vielleicht nicht so schnell wagen. Eher würde Schaul versuchen, David selbst zu stellen und auch dies würde seine Zeit brauchen.