Joab – Kapitel 5 – Zurück in Adullam

Joab

Zurück in Adullam

So zogen Dawid und Joab und die mit ihnen gekommenen Männer zurück zu den anderen nach Adullam und sie verharrten dort in der Höhle. Noch war die Regenzeit erst kurz vorüber und in der Ebene grünte es. Bei Jaar Heret, wo sie beim Durchstreifen der Büsche und Bäume ihre Spuren verwischt hatten, stand alles in Saft. Um die Siedlung von Adullam gediehen die Felder und es würde ein gutes Jahr mit reichlicher Ernte werden und auch aus Bethlehem würde man Dawid und seine Vier Hundert versorgen.

Bei Adullam gab es genug Judäer, die dankbar waren, dass Dawids Rotte nicht noch mehr Raub bedeutete, sondern die Hirten in den Bergen und den Ebenen unbehelligt ließ und zuweilen sogar schützte. Dafür überließen sie Dawid und seinen Männern einige Vorräte, um sie sich weiter gewogen zu halten. Joab wusste, dass sie auch unter den Judäern etwas Furcht verbreiten mussten, wenn sie diese Zeit überdauern wollten.

Dawid teilte die Männer also in Gruppen ein und ließ sie die Berge durchstreifen. Einige schliefen in der Höhle, andere waren wach und unterhielten sich, wieder andere waren in der Ebene und sammelten Holz oder lösten die verteilten Posten ringsum ab. Auch Joab hatte darum gebeten, eine der Gruppen anzuleiten, doch vorerst wollte sein Onkel ihn und Abischai in seiner Nähe wissen. Ihre Zeit würde da sein, wenn es wirklich zu einem Kampf kommen sollte. Jetzt brauchte er sie, um sich mit ihnen zu beraten.

Joab wusste es besser. Dawids Gesicht hatte wieder diesen Zug angenommen, den sein Neffe als die einzige Gefahr auf dem Weg zum Königtum sah und erkannte. Es drückte seinem Onkel auf das Gemüt, hier in dieser Höhle festzusitzen, nicht zu wissen, wann etwas geschehen würde und ob sein Gott ihn wirklich erwählt hatte wie es Schmuel ihm versichert hatte.

Auch der Prophet Gad hatte ihm geraten, aus Moab wieder nach Judäa zurückzukehren. Selbst wenn es gefährlich war, so durfte Dawid nicht die Verbindung zu seinen Brüdern und seinem Stamm verlieren. Er würde dereinst ihre Kraft und Unterstützung brauchen, wenn er seinen Anspruch als König durchsetzen wollte.

Im Schein eines schwachen Reisigfeuers nahm Dawid seine Zither in die Hände, das einzige, was er mit sich genommen hatte, als er vor Schaul geflohen war. Joab schüttelte noch jetzt den Kopf darüber, dass seinem Onkel dieses Instrument oft wichtiger war als das Schwert, welches sein Leben bedeuten konnte. Schließlich war ihm Jah aber doch gnädig gewesen und hatte ihm bei Nob das Schwert Goliaths in die Hände gegeben.

Das Haus des Priesters Ahimelech hatte es aufbewahrt, als Zeichen des Sieges über die unbeschnittenen Hundesöhne der Philister vor dem HERRN. Es war lang und schwer und unfassbar gut geschmiedet. Die Gottlosen von den Inseln wussten offenbar, wie man mit den Erzen umzugehen hatte. Doch achtlos lag es neben Dawid, während er am Eingang der Höhle gegen den Fels lehnte und auf das staubige Grün und die weißen Steine unter sich blickte, die in der sinkenden Sonne immer weiter verblassten. Mit sanften Händen und geschickten Fingern glitt er über die Saiten der Zither und spielte eine leise Melodie, die die Schwere seiner Züge widerspiegelte.

Joab lauschte den Zeilen, die Dawid mit fester Stimme bald leise sang, bald nur sinnend auf seine Hände flüsterte, während er nach neuen Worten suchte. Joab schüttelte wieder den Kopf. Die Gefühle seines Onkels waren das einzige Hindernis auf seinem Weg. Nicht einmal Schwert und Verrat bargen so viel Gefahr wie das eigene Herz. Er musste Acht auf seinen Onkel haben.

Auf Schaul hatte niemand Acht gehabt und seine Regungen hatten sich ausgewachsen zu Jähzorn und schließlich Wahn. Wäre er in all dem ein kluger Mann geblieben, dann hätte er sich Dawid gewogen gemacht und ihn immer näher an sich gezogen. So aber hatte Schaul gerade den Weg bereitet für ein neues Königtum. Den beliebtesten Mann des Volkes verstieß man nicht, man band ihn an sich.

Auch Dawid hatte dies begriffen und er band Joab und Abischai an sich. Doch in Joab wohnte dieselbe Klugheit wie in seinem Onkel und er würde Dawid treu sein, aber niemals um den Preis, seine Wachsamkeit aufzugeben. Deshalb lauschte er auf die neuen Worte des jüngsten Sohnes Isais, ob er in der Klage und im Grämen bleiben oder in all dem seine Sicherheit wiedergewinnen würde.

„Oh, Gnade mir, Elohim, Gnade mir!

Meine Seele, Jah, sie birgt sich an dir.

In deinem Flügelschatten berge mich,

Bis vorüber drohende Verderbnis!“

Joab betete niemals so innig und heiß wie Dawid und das Verzücken der Propheten war ihm fremd, wenn sie sangen und mit glänzenden Gesichtern Worte und Weisungen Jahs aussprachen. Er hielt alle dem ganzen Volk Israel verordneten Feste ein und beachtete die meisten Vorschriften der Priester, wenn ihn nicht gerade der Krieg davon abhielt. Und er betete zu jenem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der nach Zeruja sein wahrer Vater war.

Für Joab lagen die Dinge klar und einfach. Vor jeder Schlacht betete er ein einfaches Gebet, dass der lebendige Gott ihn vor dem Scheol bewahrte, seinem Arm Kraft verlieh und seinem Herzen Mannhaftigkeit. Er war seinem Gott so ergeben wie er auch seinem Onkel ergeben war, nur dass er diesen Gott fürchtete und seinen Onkel nicht. Joab hatte nicht einmal Isais Strenge gefürchtet, wenn er etwas getan hatte, was die Bestrafung durch das Haupt des Hauses Obeds verlangte.

Joab hatte schon einige Männer getötet und die Seele aus ihnen weichen sehen, dennoch fürchtete er das Schwert des anderen kaum. Er fürchtete nur diesen Gott, der ihm das Leben gegeben hatte und es ihm wieder nehmen konnte. Deshalb ehrte er ihn und achtete auf die Weisungen der Priester und die festgesetzten Zeiten. Doch ihm wäre nie in den Sinn gekommen, ein Lied für Jah zu erdenken und zu singen.

„Unter den Löwen liegt jetzt mein Leben,

Die Zähne, Speer und Pfeil mir entgegen!

Empor, Elohim, erhebe dich,

Von dem Himmel her, Jah, rette mich!“

Joab musste lächeln. Die Löwen hatten einen festen Platz in den Liedern seines Onkels. Sie standen stets für den Feind, der drohte und an das Leben wollte. Joab verstand dies zutiefst. Die Hebräer waren immer Hirten gewesen und ihr Vieh war ihr Leben und mit ihrem eigenen Leben beschützten sie das Leben des Viehs. Denn ohne die Ziegen und Schafe war einer Familie jede Möglichkeit genommen, sich dauerhaft und sicher zu nähren.

Eine Ernte konnte ausfallen und eine Hungersnot das Land treffen. Die Tiere aber fanden immer noch trockene Grasbüschel in den Hügeln und Bergen und wenn sie keine Milch mehr gaben, so hatte man das Fleisch. Verendeten die Tiere, verendete das Haus.

Die Ägypter und die Söhne des Ostens, die schon lange in Städten lebten, mochten darüber lachen. Doch Joab wusste, dass sie die Stämme der Hebräer auch fürchteten und es nur schwer wagten, sie im Kampf zu stellen. Gerade Israel, die Söhne Jakobs, waren bekannt für ihre Kriegstüchtigkeit. Immer war es um ihr Leben gegangen und immer würden sie ihr Leben erstreiten.

Ein Junge, der seinen ersten Löwen oder gar einen Bären getötet hatte, für den war es leichter, sich einem anderen Mann in der Schlacht gegenüber zu sehen und das Zögern zu überwinden, das unabdingbar kam, wenn man einem anderen das Leben nehmen musste.

„Ein Netz meinen Schritten ,

Eine Grube meinem Leben!“

Da war der Gram in Dawids Stimme, das Brechen seines Herzens, das an Michal hing und besonders an Jonathan. Joab machte sein Gesicht hart und hörte aufmerksam zu, bereit, etwas zu sagen und seinen Onkel aus der Trübsal zu reißen.

„Sie, ja, sie sind dort hinein geraten!“

Erleichtert atmete Joab auf. Dawid sprach aus, was kommen sollte und seine Stimme gewann wieder an Festigkeit und mit sicherer Stirn sang er in die kommende Nacht über Adullam hinein.

„Fest ist mein Herz, mein Gott, fest ist mein Herz!

Ich werde singen, ich werde spielen.

Wache auf, Seele, wache auf, Zither!

Ich werde das Morgenrot erwecken!“

Joab nickte zufrieden und blickte auf Dawids schlanke und sehnige Gestalt, seine feste Stirn und das siegreiche Schwert neben ihm. Dies war der neue König Judas und mit einigem Geschick ganz Israels. Er hatte nicht nur Kraft und Verstand, sondern es wohnte etwas in ihm, was in Joab nur in stiller Ehrfurcht verborgen lag. Schmuel hatte Dawids Geist geweckt, während der Geist Schauls erloschen und verfinstert war.

„Unter Völkerschaften danke ich dir,

Unter Völkerschaften singe ich dir.

Gnade hast du bis zum Himmel hinauf,

Und Treue hast du bis zu den Wolken.“

Joab zweifelte nicht daran, dass ihr Gott sie niemals vergessen würde und dass er Gnade und Treue war und denen Gnade und Treue zeigte, die selbst an Gerechtigkeit und Treue festhielten. Doch darüber hinaus war der Schrecken Isaaks ein Gott, der über Leben und Tod befand, der in den Scheol bannen und von dort herauf holen konnte.

Kein anderer Gott war so gewaltig und Joab verstand nicht, weshalb die Bruderstämme Israels sich andere Götter gewählt hatten, obwohl sie doch Abrahams Gott gekannt hatten. Vielleicht hatte die Eifersucht die Brüder gereizt, sich einen eigenen Gott zu wählen, so wie Israel es gereizt hatte, einen eigenen König für sich zu wählen.

„Oh, erhebe dich, Elohim,

Empor über alle Völker!“

Der letzte Vers verklang und die Nacht senkte sich schnell herab. Gestärkt und mit Wohlwollen empfing Dawid die zurückkehrenden Männer und sandte eine andere Streifschar aus, die nächtliche Wache vor der Höhle zu übernehmen.

Joab sprach noch kurz zu seinen Brüdern Abischai und Asaël, dann wickelte er sich in seinen Mantel und schlief nicht weit von seinem Onkel die erste Hälfte der Nacht, um die letzte Wache vor der Morgendämmerung mit ihm zu übernehmen. Dawid bestand darauf, wie seine Männer zu sein und in allem die gleichen Aufgaben zu übernehmen. Joab war es recht.

Erhebe dich über alle Völker. Der letzte Vers klang noch in seinem Ohr. Würde es eines Tages so sein, dass jener El über allen Völkern bekannt war? Oder wäre Jah auf ewig nur der Gott Israels? Die Propheten hätten darauf sicher eine Antwort. Für Joab gab es nur den kommenden Tag.