Joab – Kapitel 6 – Abjatars Botschaft

Joab

Abjatars Botschaft

Der Morgen brach nach einer kühlen Nacht mit fast plötzlicher Wärme herein. Die Trockenzeit hatte ihren Höhepunkt erreicht. Joab und eine Hand voll anderer Männer folgten Dawid durch die Felsen zurück und hinauf zur Höhle. Es gab eine ganze Reihe kleinerer und größerer Höhlen und die Vier Hundert wechselten von einer Höhle zur anderen, dass niemand wusste, wo sie sich aufhielten. Einzig ein paar der Hirten entdeckten sie hin und wieder, doch so schnell wie die Männer ihr Versteck änderten, konnte sie niemand verraten.

Es sei denn, einer machte sich auf den Weg und meldete Schaul, dass sie in den Bergen Judas weilten. Doch selbst Schaul würde Tage und Wochen damit zubringen müssen, sie zu finden und zu stellen. Einen Kampf auf den Felsen würde er auch kaum wagen, zumal Dawid und seine Mannen aus dem Hinterhalt kommen könnten.

Als sie in die Höhle zurückgekehrt waren und sich umwandten, bemerkten sie allerdings, dass ihnen ein Mann folgte. Verwundert blickten sie einander an. Joab kniff die Augen gegen die aufgestiegene Sonne zusammen. Der Mann war schlank und sah keineswegs wie ein Kriegsmann aus. Auch wenn der gelbe Staub seine Füße und sein Gewand mindestens bis zu den Knien bedeckte, konnte man erkennen, dass er in feines, weißes Leinen gekleidet war.

Einer der Priester näherte sich der Höhle und hatte große Mühen mit dem Aufstieg zwischen den Felsen, schien gehetzt und entkräftet zu sein, zudem ungewöhnlicher Weise allein auf dem Weg. Joab sah auf den Zügen seines Onkels dieselben Gedanken, die auch ihn gerade bewegten. Der Besuch eines einsam wandernden Priesters, der sie hier gefunden hatte, konnte nur Unheil bedeuten.

Als der Mann näher kam, erkannte Joab, dass er noch sehr jung war und sein Gesicht bestätigte die Befürchtungen der Männer. Auch wenn von jenem Priester, der nun auf sie zu wankte, sicher keine Bedrohung ausging, konnte man nicht wissen, wer ihm vielleicht gefolgt war und so hatte Joab seine Hand fest um den Griff seines Kurzschwertes gelegt und machte seine Stirn hart.

Der junge Mann war vor dem Eingang der Höhle angelangt und starrte in das Gesicht Dawids. Seufzend sank er auf die Knie, hob die Hände und pries Jah, dass er ihm geholfen hatte, den Sohn Isais zu finden und dass sein Leben verschont geblieben war. Joab blickte auf das Gesicht des Mannes und nickte vor sich hin.

Das war das Angesicht eines, der aus einer Schlacht kam und Männer verloren hatte, die ihm lieb waren. Ein Mann, der zum ersten Mal hatte Menschenblut fließen sehen, noch dazu das Blut derjenigen, die ihm nahe standen. Er blickte auf seinen Onkel und der nickte ihm zu.

Endlich hatte der junge Priester seine Gebete beendet und stand auf, um Dawid und seine Männer zu grüßen. Dawid umarmte ihn herzlich und mit größtem Wohlwollen. Es war Abjatar, der Sohn des Priesters Ahimelech aus Nob, wo Dawid das Schwert Goliaths und rettende Wegzehrung erhalten hatte. Da er und die zunächst wenigen Männer bei ihm seit Tagen rein geblieben waren und keine Frau gesehen hatten, gab man ihm die alten Brote, die vor dem Herrn lagen und sonst nur von den Priestern und ihren Söhnen verzehrt werden durften.

Dawid hatte dies nicht vergessen und er hatte auch kein Gesicht aus dem Hause Ahimelechs vergessen und keinen der Namen seiner Söhne. Joab wusste, dass sein Onkel dazu neigte, sehr nachsichtig und stets wohlwollend zu sein, doch er vergaß niemals, wer ihm wohl gesonnen war und wer gegen ihn aufgestanden war. Das war ein wichtiger Zug für einen König.

Dawid winkte dem Priester, in die Höhle zu treten und man reichte ihm Wasser und etwas Brot, um sich zu stärken und zu erfrischen. Einer der Männer wusch ihm die Füße und sobald Abjatar als willkommener Gast aufgenommen war, setzte Dawid sich zu ihm und winkte auch Joab und Abischai zu sich heran. Sie hörten sich schweigend an, was der erschöpfte Priester zu berichten hatte.

Der Schrecken und das Entsetzen in ihm waren so groß, dass er mit ruhiger und tonloser Stimme redete und keine Regung zeigte. Joab wusste, dass der Schmerz und die Tränen erst später über ihn kommen würden. Der Schrecken und das Blut machten den Verstand klar und es war klug, einen so Entronnenen sofort zu befragen, wenn das Grauen noch frisch und offen auf dem Geist lag und das Herz es noch nicht verdrängt hatte.

König Schaul hatte den Priester Ahimelech und dessen ganzes Haus, beinahe alle Priester, zu sich nach Gibea rufen lassen, um sie zu befragen. Was hätten sie auch anderes tun sollen, als dem Befehl zu folgen? Natürlich ahnte Ahimelech, dass Schaul wieder in vollen Zorn entbrannt sein musste und schon als Dawid sich Brot und Schwert erbeten hatte, wusste er, dass der Sohn Isais nicht von Schaul gesandt war, sondern auf der Flucht sein musste, aus der Gunst des Königs gefallen. Doch bei dem Altar Jahs war Zuflucht für alle und sollte ein Priester nicht Zuflucht bieten dem, der die schmerzhafteste Demütigung der Philister herbeigeführt hatte? Das Schwert Goliaths stand Dawid zu und keinem anderen, denn er war es ja gewesen, der mit dieser Klinge das Haupt des letzten Abkömmlings der Riesen abgeschlagen hatte.

Doch hätten sie den Ruf des Königs nach Gibea missachtet, so wäre ihnen sofort Verrat und Aufstand gegen das Haus Schauls zur Last gelegt worden. Schaul war fast weinerlich. Dann tobte er wieder. Er hatte erfahren, dass sein eigener Sohn sich mit Dawid verbündet hatte und ihm zur Flucht verholfen. Seinen eigenen Sohn konnte und wollte er nicht töten, doch er bedrohte seine engsten Vertrauten und Heerführer, dass sie ihm nichts davon kundgetan hätten.

Bei Schaul stand einer aus Edom, der sich in Juda und Benjamin verdingt hatte. Es war Doëg, der sich auch an jenem Tag in Nob aufgehalten hatte, als Dawid bei den Priestern Zuflucht gesucht hatte. Da wusste Ahimelech, dass ihr Verderben bei Schaul beschlossen war. Dennoch versuchte er, sich und sein Haus zu retten. Mit dem Recht auf seiner Seite behauptete er, ganz im Sinne des Königs gehandelt zu haben.

Schließlich war Dawid ein enger Freund seines Sohnes, war der Schwiegersohn Schauls, weil er Michal geheiratet hatte und keiner seiner Heerführer war gegen die Philister jemals so erfolgreich wie Dawid gewesen. Es war Recht und der Wille Jahs, dass er Dawid geholfen hatte. Von einem Verrat wussten weder er noch sein Haus etwas.

Plötzlich schien sich der Zorn Schauls zu legen und er wurde ganz ruhig. Doch er sprach nur: „Sterben sollst du! Du und dein ganzes Haus!“ Er befahl seinen Leibwächtern, über die unbewaffneten Priester her zu fallen und sie zu schlachten. Die Männer jedoch zögerten und erbleichten. Keiner von ihnen wollte einen Priester Jahs töten und solch eine Schuld über sich bringen. Das war schlimmer, als selbst dafür zu sterben, dass sie den Befehl des Königs nicht ausführten. Sie alle wussten, dass Schaul im Grunde zornig auf seinen Sohn war und dass Hass und Eifersucht ihm den Geist verbrannten.

In seiner schäumenden Wut wandte sich Schaul schließlich an Doëg, der die Priester verraten hatte. Einen Sohn Esaus kümmerte es nicht, ob die Männer vor ihm Priester Jahs waren oder nicht. Was hatte er mit diesem Gott zu schaffen? Doch von Schaul, dem König, bevorzugt zu werden und Sicherheit für sich, seine Männer und Edom zu gewinnen, das war etwas, das ihm gelegen kam.

Er tötete 85 Priester und goss ihr Blut auf die Erde. Danach zog er mit seinen Mannen nach Nob und machte die ganze Stadt nieder. Er ließ sie alle töten, Männer, Frauen und Kinder und sämtliches Vieh. Nur wenige entkamen dem Schwert des Edomiters. Auch Abjatar war entkommen und er holte hervor, was er gerettet hatte. Er trug das Efod bei sich, die Urim und Thummim. Ahimelech hatte sie nicht mitgenommen, denn er wollte für Schaul nicht den Herrn befragen.

Dawid und Joab sahen sich an. Sie wussten, was dies bedeutete. Das Priestertum war ihm und seinem Anspruch auf die Königswürde über Israel zugetan. Dawid erhob sich, sah Abjatar, der sich ebenfalls erhoben hatte, mit Freundlichkeit und tiefem Bedauern an und sagte:

„Ich bin es, der schuldig ist am Tod aller aus deinem Hause! Als ich Doëg sah, wusste ich, er würde es Schaul berichten. Bleibe bei mir, befrage den Herrn für mich. Die uns nach dem Leben trachten, sind dieselben. Fürchte nicht und bleibe bei mir! Du sollst sicher sein!“ Auch Abjatars Gesicht war nun wie das des Königs der Moabiter von plötzlicher Erkenntnis überschattet. Vor ihm stand der neue König Judas und ganz Israels.

Joab überdachte ihre Lage, die denkbar ungünstig war, versteckt in den Bergen Judas, darauf angewiesen, dass die Leute ihnen aus Furcht und dem Rest ihrer Liebe zu Dawid zugeneigt waren und sie versorgten.

Andererseits hatten sie, was Schaul nicht hatte. Dawid war immer noch geachtet und ganz Juda und auch die anderen Stämme hatten nicht vergessen, wie er die Philister immer wieder bekämpft und besiegt hatte. Sie vertrauten auch jetzt noch auf den Schutz durch Dawid und seine Männer. Juda fühlte sich sicher vor den Philistern, solange Dawid in seinen Bergen war.

Zudem hatten sie den Propheten Gad, der wie Schmuel daran festhielt, dass es Dawid war und nicht Schaul, den Jah sich über seinem Volk gewählt hatte. Schließlich war nun auch noch ein gesalbter Priester des Herrn bei ihnen und hatte das Efod bei sich, um Jah zu befragen und Entscheidungen Dawids zu bekräftigen.

Joab verachtete Schaul immer mehr. Er hatte den alten König verstanden, dass er um seine Macht fürchtete, als sein Onkel im Volk immer beliebter wurde und die Gerüchte, Schaul selbst könnte seinen Schwiegersohn als Nachfolger noch vor seinem eigenen Sohn Jonathan bevorzugen, sich verbreiteten.

Doch unbewaffnete Priester, die bisher auf niemandes Seite standen und von Jah selbst verpflichtet waren, jedem Israeliten Zuflucht zu bieten, schlachten zu lassen, noch dazu von einem Hund von einem Edomiter, das bewies in Stärke und Klarheit, dass Schaul tatsächlich verworfen und verdorben war wie Schmuel es ihnen gesagt hatte.

Joab achtete einzig die Männer aus Benjamin, die ihrem König treu waren, obwohl er völlig verfinstert im Geist war und in seinem Wüten sich und dem Haus Benjamin großen Schaden zufügte. Es wunderte Joab geradezu, dass sich aus seinem Haus noch niemand gefunden hatte, der Schaul beseitigte. Er hätte es beinahe verstehen können, wenn Jonathan selbst derjenige gewesen wäre, der dies veranlasste. Und doch verhielten sie sich aller Treue zu Schaul zum Trotz stets mannhaft und fürchteten Jah und seine Weisungen.

Jonathan blieb bei seinem Vater und trotzdem hielt er treu an dem heiligen Bund mit Isais Sohn fest. Schauls Männer schützten ihn und doch hatte kein Israelit Hand an die Priester des Herrn gelegt. Joab wusste, Schaul und sein Haus waren des Todes, vielleicht sogar sein Sohn Jonathan. Auf jeden Fall hatte Doëg seinen Fuß sicher auf den Weg zum Scheol gesetzt.

An diesem Abend griff Dawid abermals zu seiner Zither und spielte und sang ein Lied hinein. Es erklang nicht mehr so schwermütig wie das Vorige. Joab lauschte und er wusste, dass Dawid zum Kampf entschlossen war und in ihm genau dieselbe Verachtung für Doëg lag. Ihn wunderte nur, dass sein Onkel kein böses Wort für Schaul und seine Verderbnis übrig hatte.

„Jah wird dich zerstören und ausreißen!“, sang er über den Verräter. „Ich bin ein grünender Olivenbaum, denn ich vertraue auf die Gnade Jahs!“, beschloss der Sänger und legte bald die Zither zur Seite. Dass Abjatar bei ihnen war, bedeutete einen Schlag gegen Schaul ungeachtet der Schuld, die sein Onkel tatsächlich empfand, weil die Priester um seinetwillen umgekommen waren. Joab wusste, dass Dawids Worte an Abjatar nicht leer waren, als er gesagt hatte: „Ich bin schuldig!“ Dawid würde ein König mit klarem Gewissen sein.

Joab hoffte nur, dass ihn dieser Wesenszug eher zu gerechten Urteilen als zu schwermütigen Gefühlen leiten würde. Die einzige Gefahr für diesen Mann. Darauf würde er Acht haben müssen, beschloss Joab noch einmal.