Joab – Kapitel 7 – Philister vor Keïla

Joab

Philister vor Keïla

Die Niederlagen, die Dawid den Philistern beigebracht hatte, blieben den fünf Städten lange im Gedächtnis, so dass sie zunächst keinen Einfall nach Juda wagten, nicht einmal eine Streifschar schickten. Doch die Waffenruhe dauerte nicht so lange wie erhofft. Boten berichteten Dawid, der noch immer die Berge Judas rings um Adullam durchstreifte, dass eine Rotte von Philistern über Keïla hergefallen war und sie ihrer Ernte beraubte.

Die Bewohner dieser kleinen Stadt vertrauten nicht mehr auf Schaul, der nur noch mit der Verfolgung von Verrätern befasst war. Dass Schaul unschuldige und unbewaffnete Priester durch einen Fremdling und Söldner hatte schlachten lassen, ließ ihn nur noch weniger als erwünschte Hilfe erscheinen, wenn sie ihn als König auch fürchteten. Dawid jedoch war ein Judäer, ihr Bruder. Er hatte diese Gottlosen schon oft vertrieben und hielt sich in ihrer Nähe auf. Darum fragte man ihn um Hilfe.

Joab sah das Zögern auf dem Angesicht seines Onkels. Wenn er in offener Schlacht auftrat, würde es Schaul nur allzu bald bekannt werden. In Keïla waren sie schon beinahe über die Grenze Judas hinausgeschritten und verließen das schützende Bergland. Mittlerweile hatte Dawid Sechs Hundert Männer um sich, doch besonders kampfesmutig schauten sie alle nicht drein. Aus dem Hinterhalt in den Felsen zuschlagen, wenn es sein musste, war die eine Sache. Vor einer Stadt auf offenem Feld einem feindlichen Heer entgegentreten eine ganz andere.

Dennoch barg dieses Hilfegesuch eine willkommene Möglichkeit. Rettete Dawid diese Stadt, dann würde sie ihm zu Dank und Abgaben verpflichtet sein. Sechs Hundert Männer mussten versorgt und wohl auch beschäftigt werden, damit sie nicht mürbe wurden. Lange konnte Dawid sie nicht mehr mit schönen Worten und seinem wohlwollenden Wesen an sich binden. Ein gemeinsam errungener Sieg allerdings würde dies erreichen.

Mittlerweile hatte Dawid Joab und Abischai jeweils über Ein Hundert der Männer gesetzt, denn er konnte nicht mehr alle Streifscharen alleine einteilen und anführen. Unter den zu Dawid Übergelaufenen befanden sich nun einige wirklich fähige und kampfestüchtige Kriegsmänner, die er über die anderen Hundertschaften setzte.

Jischbaal, Eleasar und Schamma hatten sich als besonders anhänglich und treu Dawid gegenüber erwiesen. Sie waren ihm ganz ergeben und taten sich besonders hervor durch geschickte Streifzüge. Diese drei Männer setzte Dawid über weitere Drei Hundert Männer. Er selbst nahm das letzte Hundert. Asaël war Joab zugeordnet. Er war noch zu jung und unerfahren, um in vorderer Reihe zu kämpfen.

Dawid rief den Priester zu sich und hieß ihn, die Urim und Thummim befragen, ob er Keïla retten sollte oder nicht. Dies war nicht nur eine ehrfürchtige Geste, sondern auch klug gedacht, befand Joab. Denn wäre seine Entscheidung von Jah selbst bestätigt und durch einen gesalbten Priester bezeugt, dann hätte sie ungeheures Gewicht. Zwar waren die Männer ihm allesamt ergeben, doch es waren alles stolze Männer, selbst Oberhäupter über Familien und tüchtige Judäer. Sie würden keinesfalls zögern, ihren Unmut kundzutun, auch wenn sie Dawid ehrten und ihn gern als neuen König gesehen hätten.

Es kam genauso, wie Joab es erwartet hatte. Der Priester holte das Efod hervor und warf die Steine aus. Abjatar blickte auf, sah Dawid fest und klar ins Gesicht und verkündete, was Jah von ihnen erwartete: „Ziehe hinaus, schlage die Philister, rette Keïla!“ Mehr sagte er nicht. Joab betrachtete Abjatar eingehend und sah auf die Steine, die für ihn und alle anderen Männer Israels, die keine Priester waren, nichtssagend dort lagen. Doch so hatte es Jah dem Mose und dem Aaron geboten, so wurde es ausgeführt und Dawid würde sich daran halten, sich fest mit dem Priestertum verbindend.

Als der Priester das Efod wieder an sich genommen hatte und sein Blick Joab streifte, erkannte dieser die Weisheit der Entscheidung. Dawid benötigte nicht nur treue Männer und einen treuen Priester. Er benötigte nach langer Zeit auch wieder einen Sieg, ein sichtbares Zeichen, dass er tatsächlich erwählt war als Haupt über Juda und Israel.

Dawid winkte Joab, Abischai, Jischbaal, Eleasar und Schamma näher zu sich heran und verkündete seine Entscheidung. Sie würden nach Keïla ziehen. Joab war es gleich, doch die anderen Männer zögerten. Sie waren keinesfalls kampfesscheu, doch auch sie hatten Verstand genug, die Gefahr in diesem offenen Kampf zu erkennen. Dawid würde sich aus den sicheren Bergen Judas entfernen und in die Ebene hin zur Grenze der Philister kommen. So würde früher oder später bekannt werden, dass er sich dort aufhielt. Und noch waren sie zu wenige und zu schwach, um dem Heer Schauls und den Benjaminitern entgegen zu treten.

„Die Männer sind zu lange in den Bergen gewesen. Sie stinken von Furcht, schon hier in Juda. Wie sollen sie da siegreich gegen die Hunde der Philister sein?“, bemerkte einer von ihnen. Dawid zögerte, seine Entscheidung durchzusetzen. Wenn er zu lange zögerte, würde man ihm das als Schwäche auslegen. Nähme er seine Entscheidung zurück, würde es ebenfalls als Schwäche gelten. Setzte er jedoch seine Entscheidung unbedingt und sofort durch, könnte er die ohnehin ungeduldigen Männer verärgern und ihre Treue verlieren. Doch ein weiteres Mal erkannte Joab, dass hier ein wahrer König vor ihnen stand.

Er entschied, dass Jah noch einmal durch das Efod Abjatars befragt werden sollte. Eine weise Entscheidung, von der Joab wusste, wie sie ausfallen würde. Abjatar würde dieselbe Antwort Jahs geben und Dawid würde ihr folgen. Tatsächlich befragte Abjatar geduldig ein weiteres Mal die Urim und Thummim. Er blickte auf und verkündete abermals: „Brich auf. Zieh nach Keïla. Jah wird die Philister in deine Hand geben!“

Joab lächelte, als er den letzten Satz des Priesters hörte. So waren die Männer zu überzeugen, denn sie hatten nicht nur die Weisung, in den Kampf zu ziehen, sondern auch die Zusicherung eines Sieges. Joab zweifelte nicht an der Lauterkeit Abjatars oder an der Macht und Kraft, die in den Urim und Thummim lagen, aber er war ein Mann von einfachem und klarem Verstand und wusste, dass dies die einzig mögliche und richtige Entscheidung war. Für sich selbst entschied er, an das Wort von einem Sieg zu glauben. Der Scheol würde ihn auch dieses Mal nicht bekommen.

Eilig brachen sie auf und zogen die Berge Judas hinab auf Keïla zu. Eine Siedlung, die unglücklich dicht an der Grenze zum Gebiet der Philister lag. Als sie sich der kleinen Stadt langsam näherten, stellten sie zweierlei fest. Es war kein übermäßig großes Heer der Philister, das hier lagerte, sondern nur eine der üblichen Streifscharen, allerdings wie stets gut bewaffnet.

Zudem hatten sich diese unbeschnittenen Abkömmlinge der Inseln überall um die Siedlung ausgebreitet und sogar ihr eigenes Vieh mit sich getrieben. Sie versuchten tatsächlich, ihr Gebiet zu erweitern, nachdem Schaul eine Weile keinen erneuten Krieg begonnen hatte und auch von Dawid nichts mehr zu hören war.

Dawid hieß die Sechs Hundert sich breit aufteilen und in einem großen Bogen der Stadt nähern. Sie steigerten die Geschwindigkeit ihres Laufs von Elle zu Elle und fielen von drei Seiten über die lagernden und weidenden Philister her. Durch den entschieden ausgerichteten Marsch und Dawids festen Willen zum Kampf hatten die Männer Mut gewonnen. Als sie die unbeschnittenen, blassgesichtigen Krieger vor sich sahen und wie sie die ganze Stadt, eine Schwester in Israel, umringt hatten, steigerte sich ihre Wut und der Beginn der Schlacht war an Leichtigkeit kaum mehr zu überbieten.

Mit Schrecken erkannten die Philister, dass Dawid kein einfaches Bronzeschwert einer ärmlichen, israelischen Streifschar in Händen schwang, sondern eines der seltenen, großen Eisenschwerter, deren Fertigung seit langer Zeit nur den Philistern bekannt war. Die letzte Erkenntnis, bevor ein Mann in den Scheol geschickt wurde, mochte die sein, dass es Dawid war, der mit Goliaths Schwert eine erneute Demütigung über sie brachte.

Die Plötzlichkeit und die Wut waren auf Seiten der Männer Dawids und sie töteten viele der Philister und trieben über den Tag den Rest von ihnen zurück auf ihr Gebiet, hetzten und töteten viel von ihrem Vieh und reinigten die Felder und Fluren Keïlas völlig von ihrer Anwesenheit.

Juda war erwacht für Dawid. Sechs Hundert kämpften allein für ihn und man hörte wohl einige Rufe an diesem Tag, dass Juda einen König hätte, der die Philister den Schrecken Jahs lehren würde. Auch Joab ließ sich mitreißen und die Freude des sicheren Sieges stieg hinauf in seine Arme und Hände und es wurde ihm leicht, seine Hundert Mannen mit sich zu ziehen und eine Bresche vor sich zu schlagen. Das Blut der Männer floss wie das des Löwen, es war genauso rot und es roch ebenso nach Angst und Leben.

Joab sah nach Asaël und erblickte im Gesicht seines jüngsten Bruders all das, was auch er in seinem ersten Kampf durchlebt hatte. Das Zögern, die gesammelte Kraft und Überwindung, die Erinnerung an bereits vergossenes Blut und letztlich Entschlossenheit und die Freude und Atemlosigkeit des Sieges, berauscht von Blut und Schweiß.

Lächelnd sah er seinem Bruder nach, wie er den Philistern hinterher jagte und jeden Mann einholte und niederstreckte, den er verfolgte. Asaël war gesegnet mit einer Schnelligkeit, die keiner überwinden konnte. Darüber gewann der jüngste der Zeruja-Söhne das, was er für alle folgenden Kämpfe benötigen würde. Das Vertrauen in seine Manneskraft und Fähigkeit, den anderen zu überwinden.

Neben der Freude über den Sieg und die Erleichterung, keine schweren Verluste oder Wunden davon getragen zu haben, entbrannten in
Joabs Herzen Stolz und die Liebe zu Asaël in ungeahnter Kraft. Er hatte nicht zugelassen, dass einer seinen Bruder schlug und dennoch hatte er ihn nicht beschämt, denn Asaël musste selbst bluten, um den Ernst des Kampfes zu begreifen und vor dem Übermut bewahrt zu bleiben, der in ihm wohnte.