Joab
Eine Stadt mit Tor und Riegel
Dawid und seine Sechs Hundert lagerten einige Wochen in und um Keïla. Die kleine Stadt war zuerst überaus dankbar, dass ihnen von den Kriegern Dawids eilige Hilfe zu Teil wurde und sie waren nur allzu gern bereit, den verwundeten und hungrigen Männern die ihnen zustehenden Gaben zukommen zu lassen. Als allerdings einige Tage vergangen waren, änderten sich die Gesichter der Bewohner Keïlas und sie begegneten den Mannen um Isais Sohn zwar immer noch mit Achtung und Furcht, aber nicht mehr mit derselben Liebe und Bewunderung.
Hatten zuvor die Philister mit Gewalt die Stadt ihrer Vorräte beraubt, taten es nun die Sechs Hundert umso mehr, indem sie bei der Stadt blieben und lagerten und aßen. Dawid wusste, dass er nicht mehr länger dort weilen konnte. Auch Joab riet ihm zu einem baldigen Abzug von dort. Doch Dawid zögerte, denn zum ersten Mal waren seine Mannen wieder satt und zufrieden. Er musste einen verständlichen Grund finden, von Keïla fortzuziehen.
Einige der Männer redeten ihm sogar zu, dass er sich doch in dieser Stadt zum König über Juda ausrufen lassen sollte und von dort aus seinen Einfluss auf das ganze Gebiet der Stämme Israels ausbreiten sollte, Schaul und die Philister gleichermaßen fern haltend von diesem Gebiet. Doch er schüttelte nur den Kopf, denn es war weder die rechte Zeit noch der rechte Ort, dies zu tun.
Hinzu kamen Boten, die berichteten, dass Schaul nun endlich bekannt gemacht wäre, wo David sich aufhielt. Jonathan war ein treuer Freund und ließ seinen Bundesbruder stets wissen, was sein Vater im Sinn hatte. Er ließ ihm sagen, was Schaul beschlossen hatte. „Dawid ist verworfen durch Jah. Er ist eingeschlossen in einer Stadt mit Tor und Riegel, hinter den Mauern hat er sich selbst eingeschlossen. So hat Gott ihn in meine Hand gegeben.“ Schaul rief sein ganzes kriegstüchtiges Volk zusammen, um Dawid entgegen zu ziehen. Das Heer Schauls war zu stark gegen die Sechs Hundert Mannen.
Dawid schickte einige seiner Männer nach Abjatar, der in der Sicherheit der Höhlen und Felsen zurückgeblieben war. Er hieß ihn zu eilen und wieder in seine Nähe zu kommen, dass ihm von Schaul nichts widerfahren würde. Als Abjatar vor Dawid trat, forderte er ihn auf, abermals Jah durch das Efod zu befragen.
Der Priester trug das Efod nun stets bei sich. Er war der Priester Dawids, der Priester des Königs über Juda. Niemand sprach es aus, doch alle wussten es und auch die Bewohner Keïlas sahen, dass ein Priester des Herrn in Dawids Lager getreten war. Sie fürchteten nun umso mehr einen Bruderkrieg, wussten sie doch, dass Schaul Abjatars Haus hatte schlachten lassen und Dawid immer noch entgegen stand.
Dawid sprach nun laut zu seinem Gott. Joab sah auf dem Gesicht seines Onkels festes Vertrauen darauf, dass er die gewünschte Antwort erhalten würde. Noch mehr war zu sehen. Joab erkannte denselben Glauben und dieselbe Furcht in ihm wie in sich selbst, jedoch war der Glaube seines Onkels voller Vertrauen auf einen Bund mit diesem Gott, der schon einen Bund mit den Vätern Israels geschlossen hatte. Joab selbst kannte nur das Hinnehmen und die Furcht. Dawid hatte den Glauben, den ein König brauchte.
Er beneidete seinen Onkel nicht darum, denn er wusste, dass Gefühl im Glauben stets auch die Gefahr bedeutete, die allzu einfachen und klaren Entscheidungen nicht zu fällen. Es gab die Weisungen Gottes, die klar und einfach waren, doch ein Fühlen und Hoffen war etwas ungleich Schwierigeres, das ein König brauchte, jedoch einem Kriegsmann hinderlich sein konnte.
„Jah, Gott Israels! Dein Knecht bin ich. Gehört habe ich, dass Schaul gegen Keïla zieht um meinetwillen. Werden die Bewohner Keïlas mich in seine Hand geben? Wird Schaul aus Benjamin hinabkommen? Lass es mich, deinen Knecht, mit Gewissheit wissen!“
Abjatar befragte die Urim und Thummim. Sie lagen dort die Steine, nichtssagend und still, sie schwiegen und waren Steine, doch auch Joab konnte sein Herz nicht davor bewahren, eine Kraft und Größe um den Priester und um Dawid zu empfinden, die in ihm die Furcht vor Jah beunruhigend heiß entfachte.
Abjatar sah auf und Joab bemerkte auf dem Gesicht des Priesters dasselbe fühlende Hoffen wie auf dem seines Onkels. Dawid und der Gott Jakobs waren nun fest miteinander verbunden und er würde der neue König Judas und schließlich ganz Israels werden. Vielleicht war dies der eine winzige Augenblick, in dem Joab beschloss, sich diesem Streben ganz hinzugeben, sein Leben und die ganze Kraft seines kampferprobten Armes darein zu legen, dass sein Onkel Dawid zu jener Ehre kam. Mit diesem Mann würde er steigen und fallen.
Abjatar brachte die klare Antwort Jahs. „Schaul wird herabkommen aus Gibea!“
Dawid nickte ergeben und verständig. „Und Keïlas Bewohner? Werden sie mich in die Hand Schauls übereignen?“
Abjatar blickte auf die Urim und Thummim, dann aufrichtig in das Gesicht seines Königs. „Sie werden dich ausliefern!“
Dawid winkte Joab, Abischai, Jischbaal, Eleasar und Schamma zu sich heran, während der Priester das Efod wieder an sich nahm. Er befahl ihnen, die Männer sofort zu sammeln und zum Aufbruch bereitzumachen. Sie befolgten seine Anweisung ohne Murren, doch die Sechs Hundert waren voller Unmut, weiterziehen zu müssen. Dennoch war keiner von ihnen so voller Torheit zu glauben, man könnte gegen Schaul bestehen oder mitsamt der Stadt gegen das ganze Heer Israels siegreich sein.
Dawid beschloss, nicht wieder zurück in die inneren Berge Judas zu gehen, sondern sich nach Süden in die Wüste Ziph aufzumachen. Er ließ es durch den Boten Jonathans an diesen ausrichten. Schaul würde zwar gegen Keïla ziehen, aber er konnte nicht das ganze Heer aller Stämme Israels in die Wüste führen und versorgen. Das war schon für die Sechs Hundert Mannen Dawids schwer genug, obwohl sie regelmäßig von Bethlehem und den Hirten Judas Hilfe und Vorrat hatten.
Doch auch in Zif um Horescha zog Dawid sich mit seinen Mannen in die Berge zurück. Dort fühlten sie sich sicherer und fanden in Felsspalten und Höhlen Zuflucht und Obdach vor den kalten Nächten, die über den Süden kamen, je näher man Edom rückte.

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