Joab
Der geliebte Bundesbruder
Jonathans junger Knecht war zuverlässig und treu ergeben. Das verwunderte weder Dawid noch Joab, der Jonathan schon einmal erblickt hatte. Es verwunderte Joab nicht einmal, dass seines Onkels Herz diesem Benjaminiter so zugeneigt war.
Jonathan war wie sein Vater in jungen Jahren, hoch gewachsen und für einen Israeliten von ungewöhnlicher Größe. Er hatte das kriegerische und aufbrausende Wesen seines Vaters, dessen Stärke und Mut und Unnachgiebigkeit. Dennoch hatte er Schaul eines voraus und Joab dachte schmunzelnd darüber nach, dass der ungetrübte Verstand und der klare Geist von seiner Mutter kommen mussten. Das verlieh dem jungen Mann die Sanftheit und Ruhe, die seine Männer an ihn banden.
Die einen in Juda hofften, dass Dawid König würde, die anderen in Benjamin hofften, dass Schaul bald dem Scheol anheimfiel und ihm sein Sohn Jonathan folgte. Zudem wusste jeder Mann in Israel, dass beide Männer eine tiefe Freundschaft verband. Sie hofften also, dass es unter Schaul nicht zu einem Bruderkrieg kommen möge und dass nach Schaul eine gewisse Ordnung einkehrte, die Israel gegen die Philister erstarken ließ. Vielleicht würden sich beide Männer die Königswürde teilen?
Doch Joab kannte seinen Onkel zu gut, als dass er glauben konnte, er würde an den Sohn des Benjaminiters die Hälfte der Königswürde abtreten. Und auch Jonathan wusste wohl, dass solches nicht möglich war und wie Dawid sah er voraus, dass einzig ein König über ganz Israel alle Bruderzwistigkeiten beseitigen und ein vereintes Heer israelitischer Männer mit voller Kraft gegen die Philister aufstellen konnte.
Der Knecht war also treu und zuverlässig und hatte Jonathan genau berichtet, wohin Dawid und seine Mannen gezogen waren, ohne dass sein Vater Schaul davon etwas erfahren hätte. So hatte Jonathan eine kleine Streifschar mit sich genommen und war unter einem Vorwand ausgezogen, die Grenzen Israels auszukundschaften und dabei herauszufinden, ob die Philister etwas Neues ersannen. Dies tat er auch, doch schlug er alsbald einen Bogen hinein in judäisches Gebiet und dann hinunter in den Süden nach Horescha, wo er auf Dawid und eine Hand voll seiner Männer stieß.
Joab und die anderen Anführer der Sechs Hundertschaften hielten sich im Hintergrund wie auch die Männer Jonathans. Doch blieben die einen wie die anderen in Hörweite und bekamen genug mit, um ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.
Die jungen Männer schritten zunächst ruhig und gemessen aufeinander zu. Doch als sie sich begegneten, umarmten sie sich fest und küssten einander zur Begrüßung. Sie lachten sich zu und weinten dann ein paar schmerzliche Tränen des allzu kurzen Wiedersehens. Joab bemerkte einmal mehr, wie bewegt das Herz seines Onkels war und dass ihm in manchen Dingen das Fühlen über das Denken ging. Nun, im Falle von Schauls Sohn hatte es sich als nützlich erwiesen. Dennoch war er erleichtert, als Dawid Abjatar heranwinkte.
Der Priester sollte Zeuge werden für einen erneuten Bund zwischen dem Haus des Judäers Dawid und dem Haus des Benjaminiters Jonathan. „Lass uns vor dem Herrn einen erneuten Bund schließen!“
Jonathan schwor Dawid und Joab sah in seinen Augen die Liebe zum Freund und die schwere Erkenntnis, dass sein Haus niemals so bedeutend sein würde wie das des Isai-Sohnes, der von den Schafen zu Schauls Heer gekommen war und dem sich alle Herzen zugeneigt hatten, während Schaul und seinem Haus mit Grimm und Furcht im Angesicht begegnet wurde.
„Mein Vater Schaul wird dich niemals finden und stellen! Alle wissen es, ich weiß es und Schaul weiß es ebenso. Du bist der, der König sein wird über Israel! Schmuel hat dich gewählt, die Priester haben dich gewählt und das Volk hat dich gewählt. Ich selbst wähle ebenso. Lass mich nach dir der zweite sein, Haupt über meinem Haus! So wie ich dir Treue und Freundschaft schwöre, schwöre du mir, dass meinem Haus durch dein Haus immer Gnade wiederfährt. Lass meinen Sohn leben, wenn du dereinst über Schaul und seine Mannen kommen magst!“
„Niemals werde ich nach deinem Leben oder dem deiner Söhne trachten! Das schwöre ich dir vor dem Herrn und bei der Liebe zwischen uns! Du musst zu deinem Vater zurückkehren, unter seine Hand. Doch liefere mich ihm nicht aus. Ich schwöre dir, dass meine Hand nicht gegen ihn sein wird! Hat der Herr mich erwählt, wird es so kommen, dass mir das Königtum über Juda und Israel zufällt. Nur sorge dafür wie du kannst, dass Schaul mir nicht nachstellt. Ich will nicht schuldig sein an seinem Blut!“
Sie umarmten sich und küssten sich abermals. Abjatar bestätigte ihren Bund. Es wurde ein Schaf herbeigebracht und geschlachtet. Dawid, Jonathan und ihre Männer aßen miteinander und der Bund zwischen ihnen war bestätigt und besiegelt. Noch in der Nacht brach Jonathan mit seiner Streifschar auf und verließ unter Tränen seinen Freund.
Joab schüttelte den Kopf. Jonathan musste seinem Vater dienen, doch sein Herz war Dawid zugeneigt. Als er aber den Kopf wendete und auf Asaël blickte, wie er voller Lebenslust in das gebratene Fleisch biss, verstand er seinen Onkel. Er liebte seinen jüngsten Bruder ebenso wie Dawid seinen Freund liebte. Und solange die beiden Männer einander wie Brüder waren, käme es zu keinem Bruderkrieg zwischen Benjamin und Juda, weder jetzt noch nach Schaul. Die Philister genügten.
Während Jonathan zurück nach Gibea zog, sammelte Dawid seine Sechs Hundert und zog noch weiter südlich in die Berge der Wüste bei Ziph. Sie mussten sich in immer neue Schlupfwinkel der Berge Judas zurückziehen, denn auf Jonathan war Verlass, auf seine Männer hingegen vielleicht nicht. Zudem konnte niemand sagen, wer Jonathans Streifschar beobachtet hatte und es Schaul verkündete.

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