Joab – Kapitel 10 – Schauls Versuch

Joab

Schauls Versuch

Es waren nicht Jonathans Männer, allesamt Benjaminiter, die Dawid an Schaul verrieten. Es waren die Bewohner von Ziph. Die Ziphiter hatten Boten zu Schaul gesandt, um ihm kundzutun, wo sich sein Feind aufhielt. Judäer, Brüder, waren es, die Dawids Streifzüge durch das Bergland Judas bekannt machten. Jonathan wiederum entsandte seine Boten, um Dawid mitzuteilen, dass er verraten wäre und durch wen.

Gerade noch rechtzeitig schafften es die Sechs Hundert aufzubrechen und von Ziph fort nach Maon zu ziehen, noch weiter südlich in die Wüste hinein. Joab war es gleich, doch er bemerkte die wachsende Unruhe unter den Männern und ihre Furcht, hier in den Bergen der Wüste aufgerieben zu werden. Es fehlte nicht viel und Dawids eigene Männer hätten ihn vielleicht auch verraten.

Soweit kam es jedoch nicht, denn zunächst hatten sie alle nur Furcht um sich selbst und flohen vor Schauls Heer, das ihnen nachzog. Sie hielten sich wie stets dicht bei den Felsen. Dawid hatte einige seiner Männer hinauf auf die Berge geschickt, um zu erkunden, an welcher Stelle Schaul wäre und wohin sie sich wenden könnten, um ihm zu entkommen.

Die Botschaft war keine gute. Schaul und seine Männer befanden sich, von Norden herangezogen, genau auf der anderen Seite der Berge und jagten voran Richtung Süden. Dawids Vorsprung war nicht mehr groß, zumal seine Sechs Hundertschaften seit Stunden schon liefen und ohne Rast und Versorgung waren. Schaul würde sie einholen, vielleicht sogar um den nächsten Felsen herum auf sie zu stürmen und sie in einem schmalen Durchgang zerreiben.

Joab griff fest nach seinem Schwert und hielt es mit der Faust umklammert. Er hieß Asaël dicht bei ihm bleiben und sich gefasst machen auf das Töten, sein zweites Töten. Der Jüngste nahm es mit Gleichmut hin, wie seine Brüder auch. Sie waren die Söhne Zerujas und der Tod schreckte sie nicht, solange ihre Arme Kraft hatten und ihre Finger eine Waffe berührten. Wer sich wehren konnte, der war noch nicht tot und der Scheol verschlang jene mit besonderer Vorliebe, die sich ergaben, noch bevor der Kampf begonnen hatte.

Joab sah die Furcht auf Dawids Gesicht und wie er sie hinter seine Stirn verbannte. Dann blitzte die Schönheit des Sohnes Isais in seinen Augen auf und er begann zu singen. Joab schüttelte den Kopf, doch er bemerkte auch, wie dadurch die Männer ruhiger wurden. Wenn ihr Heerführer sang, dann gab es Hoffnung auf ein Entrinnen. Zu gut kannten sie nun schon den entschlossenen Grimm Dawids und die Härte seiner Neffen, als dass sie Schaul mit allzu großem Zagen entgegen gesehen hätten.

„Jah, rette mich durch die Macht deines Namens und Urteils!

Höre auf mein Gebet, höre die Worte aus meinem Mund!

Gottlose trachten nach meinem Leben, Mörder jagen meine Seele!

Jah ist mein Helfer, Jah schützt meinen Seelenhauch!

Das Unheil komme auf die Verfolger, deine Gnade sei ihnen nicht!

Mein Opfer gilt dir, mein Dank gehört dir!

Du hast mich gerettet! Meine Feinde sind unter mir!“

Einige sangen die letzten Verse mit. Du hast uns gerettet! Unsere Feinde sind unter uns! Verbissen beschleunigten die Männer ihren Schritt, legten ihr Leben in die Hände Jahs, machten sich bereit auf den Scheol und fassten nach ihren Waffen, während sie liefen.

Joab wusste, dies war nicht der Tag, an dem er sterben würde, als ein weiterer Mann zwischen den Felsen hinabsprang und vor Dawid hinfiel, so aufgeregt war er. Zitternd richtete sich der Junge auf vor ihm, dem Mann mit der Lieblichkeit Ruths auf den Zügen. „Der Herr hat deine Feinde von dir abgewandt!“ Schaul und seine Mannen hatten ihre ganze Heeresmacht umgewandt und zogen aus den Felsen wieder hinaus Richtung Norden, immer weiter fort von Dawid und seinen Sechs Hundert.

Dawid lächelte Joab zu. Der nickte zurück. Der Gott Jakobs schien wirklich mit dem Sohn Isais zu sein, denn wenig später erfuhren sie, dass die Philister, nachdem sie es ja bei Keïla in Juda versucht hatten, nun in größerer Menge in das Gebiet Benjamins eingefallen waren. Schaul musste sein ganzes Heer abziehen und sie zurückdrängen. Für seine eigenen Pläne, Dawid zu finden und zu stellen, blieb ihm nun kein Raum mehr.

Dennoch kehrte Dawid nicht in die Felsen zurück, die ihn bisher geschützt hatten, wenngleich er auch in Juda bleiben musste. So schlugen sie einen Bogen und zogen hinab zum Salzmeer und dort wieder hinauf in die Felsen So verbargen sie sich in den Höhlen bei der Wasserstelle En Gedis.

Doch so kurz wie der Kampf um Keïla gedauert hatte, so gering fiel auch die Schlacht auf Benjamins Gebiet aus und Schaul ließ bald wieder nach Dawid suchen. Die Kundschafter berichteten von einem Heer mit Drei Tausend Männern. Joab schüttelte den Kopf über Schauls Dummheit. Wie konnte er die besten Israels abziehen und hinter seinem Schwiegersohn her jagen, anstatt die Grenzen gegen die Philister zu befestigen und sich so einen guten Namen zurück zu erobern?