Joab
Schauls zweiter Versuch
In der Ebene und zwischen den Felsen weideten die Schafe, getrieben von einsamen Hirtenjungen, die sich weit von ihren Hürden und den Heimatsiedlungen entfernt hatten, um Gras für ihr Vieh zu finden. Wenn Joab sie sah, musste er zurückdenken an Bethlehem und die umliegenden Hürden und Weideplätze. Er dachte an Zeruja und ihre harte Mutterhand, wie sie ihn gezüchtigt hatte, um ihn an seinen Platz zu erinnern. Er sollte Isai dienen ohne zu murren. Schließlich hatte der Alte Zeruja und ihre Söhne in sein Haus aufgenommen und nach dem Recht Israels war er nun sein Vormund.
Isai indes hatte genug eigene Sohnesfreuden gehabt, nachdem ihm acht geboren worden waren. Sollten sich nun seine Söhne um Zerujas Sprösslinge kümmern. Joab, Abischai und schließlich auch Asaël waren also wie Dawid verantwortlich für das Vieh Isais, fett und zahlreich und begehrt von Raub und Fraß aus der Nacht.
Einst hatte Joab in langen Tagen und Nächten wie diese Jungen bei den Schafen gelegen. Nun lag er bei den Mannen Dawids in der Höhle und schlief neben seinem Schwert. Er sehnte sich nach den Sternen. Das Fest der Laubhütten, durch deren nachlässig gedeckte Dächer man die Sterne erblicken konnte, war schon immer sein liebstes gewesen. Die Schafe hingegen vermisste er nicht. Ihm gefielen der Gebrauch seines Armes, die Kraft seines Schlages, der Geruch der Männer um sich und auch die Macht, die über ihn kam, wenn er einen Mann übermochte und zu Fall brachte.
Die Tage in En Gedi waren lang und die Männer ruhten von Keïla und der Verfolgung durch Schaul. Dawid ging ganz auf in seinem Spiel mit der Zither und sang leise vor sich hin, während Joab, Abischai, Jischbaal, Eleasar und Schamma mit ihren Hundertschaften weit hinten in den verzweigten Höhlen im Dunkel schliefen und sich auf ihre kommenden Streifzüge vorbereiteten.
Joab ruhte nur, er schlief nicht. Seine Gedanken hielten ihn wach, während er auf das Lied Dawids hörte. „Du bist meine Zuflucht, Jah. Meine Seele ist gefangen.“ Joab verstand seinen Onkel. Das Dunkel der Höhle drückte auch ihm auf das Gemüt. Er wollte wie zuvor ausziehen und kämpfen oder einfach nur leben und sich vielleicht ein Weib suchen, ein paar Söhne zeugen. Irgendetwas Lebendiges tun, anstatt hier zu liegen und sich um Asaël zu sorgen, den Dawid als Kundschafter ausgeschickt hatte.
Doch während Dawid ein zuweilen sanftes Gemüt besaß und Joab selten zu großen Gefühlen neigte, behandelten sie Asaël unterschiedlich. Joab sah stets nach ihm und hatte Acht, dass er in seinem blühenden Übermut nichts Unbesonnenes tat. Dawid hingegen setzte ihn ein, wo er konnte. Joab musste seinem Onkel Recht geben. Der Jüngste war genauso gut wie seine beiden älteren Brüder, vielleicht sogar besser. Er musste lernen und sich einen Namen machen, denn die Söhne der Zeruja hatten keinen Namen außer dem, den sie sich erkämpften. Darum hatte Zeruja sie wenig mütterlich behandelt, als sie alt genug waren zu stehen und einige Gedanken beisammen zu haben. Sie hatte Recht getan, diese Frau, denn sie waren wie Brüder Dawids neben ihm aufgewachsen, weil sie wussten, wo ihr Platz war und nie darüber hinausgingen.
Joabs Platz und der seiner Brüder war immer neben und nach Dawid und nur in seinem Schatten würden sie groß werden oder sinken. Auch sein Onkel wusste dies. Immer hatte er seine Neffen mit Nachsicht und zuweilen gar mit Zuneigung behandelt. Doch nie überstieg diese Neigung seines Herzens das Maß, welches Joab, Abischai und Asaël auf ihren Platz beschied. Sie waren es zufrieden und Joab wusste einmal mehr, als er Dawid singen hörte, dass sein Onkel in dieser Sache Recht behielt. Jah war ihre letzte Zuflucht. Joabs Leben gehörte IHM.
Im Eingang der Höhle gab es Bewegung, Joab richtete sich auf und griff sofort nach seinem Schwert. Erst als er die schlanke Gestalt seines jüngsten Bruders erkannte, lockerte sich sein Griff. Er und Abischai stellten sich zu ihm und Dawid. Fest und schweigend schlug Joab seinem Bruder auf die Schulter, um ihm zu bedeuten, dass er seine Sache gut machte.
Was Asaël zu berichten hatte, gefiel ihm hingegen weniger. Schaul bewegte sich im Salztal und durchstreifte mit Drei Tausendschaften die Wüste. Ob er zielgerichtet ging, fragte Dawid. Asaël schüttelte den Kopf. Schaul sah aus wie ein Suchender, sein Heer schritt langsam aus und hatte nicht den Tritt der Jagenden und Eilenden. Sie machten sogar Halt für eine Rast.
Dawid bedeutete den Männern über seine Sechs Hundert. Sie sollten sich so tief und weit in die Höhlen zurückziehen, wie es nur möglich war, dicht aneinander gedrängt und keinen Laut gebend. Sie beseitigten alle Spuren hinter sich, verwischten mit Zweigen ihre Tritte, zerstreuten die Asche und sammelten ein paar abgelegte Stücke ein. Ruhig und tief atmend saßen sie vor ihren Männern in der Höhle, den Eingang im Blick behaltend.
Würde Schaul sich auf das Wort der Hirtenjungen verlassen, dass hier keiner Zuflucht gesucht hatte? Joab wusste, dass diese Hirtenjungen dankbar waren für die Nähe Dawids und sich vor den Drei Tausend schnell selbst in die Felsen zurückziehen würden. Vor Dawid fürchtete man sich, vor Schaul erfasste die meisten das Grauen, nachdem er die Priester hatte schlachten lassen. Darauf mussten Dawid und seine Mannen sich nun verlassen.
Joab roch die Angst und spürte die gespannten Leiber der Männer hinter sich. Sie hofften, dass die Drei Tausend vorüber ziehen mochten und niemand den Gedanken fasste, die Höhlen und Felsen nach Spuren Dawids zu durchsuchen. Sie hofften, dass die Hirten treue judäische Männer blieben und nicht preisgaben, dass sich nur einige Steinwürfe entfernt Dawids Rotte der Sechs Hundert in En Gedis Höhlen verbarg, atmend und schwitzend.
Doch der alte Schmuel hatte wohl Recht behalten. Der Geist des Herrn, mit dem er Schaul gesalbt und gesegnet hatte, musste von ihm gewichen sein, übergegangen auf Dawid, wie Abjatar behauptete. Denn hätte er noch Geist und Licht in sich gehabt, wäre er bei klarem Verstand, Schaul müsste die Angst der Sechs Hundert, die über ihm in den Bergen lagen, sogar riechen und fühlen.
Tatsächlich bewegte sich am Eingang der Höhle etwas. Ein einzelner Mensch. Joab hätte beinahe laut gelacht. War Schaul denn so von Sinnen, dass er einen Mann allein zum Auskundschaften der Höhlen ausschickte? Doch gleich darauf weiteten sich Joabs Augen in Erstaunen, als er die hoch aufgerichtete Gestalt des Benjaminiters erblickte. So ähnlich der des Jonathan, nur älter, breiter und gelebter.
Joab und Abischai packten Dawid bei den Armen und blickten ihn im Dunkel der Höhle von beiden Seiten an. Er merkte wohl ihre Gedanken und schüttelte ihren Griff unwillig ab. Joab hörte Asaël hinter sich aufgeregt atmen. Auch er nahm die heißen Gedanken wahr und wenngleich er Schaul nie von Angesicht gesehen hatte, so musste er noch Jonathans Gestalt vor Augen haben und sein Verstand war ebenso scharf wie der seiner Brüder.
Schaul erstieg ächzend die Höhle und sah sich um, als müsse er sicher sein, dass niemand ihn beobachtete. Die Dämmerung in der Wüste sank schnell herab und spiegelte sich dumpf im Salzmeer, warf einen fahlen Schein in die Höhle, traf auf die Finsternis und verbarg umso mehr die Männer vor den geblendeten Augen des Königs, dessen Leib sich deutlich vom Eingang der Höhle abhob.
Was tat er hier in der Höhle? Suchte er selbst nach Dawids Spuren? Suchte er ebenso wie der, den er verfolgte, eine Zuflucht für sich und seine Männer in der Nacht? Wollte er sein durch die Sonne Jeschuruns erhitztes Gemüt im Schatten des Felsens kühlen und sich allein besinnen?
Jetzt war Joab wirklich kurz davor zu lachen und er spürte hinter sich dasselbe unterdrückte Raunen der Belustigung bei denen, die gut genug sehen konnten, was Schaul mitten in der Höhle tat. Hockte er sich tatsächlich hin? Joab war fassungslos vor Erstaunen. Israels König hockte sich vor das Angesicht von Sechs Hundert Männern und raffte sein Gewand über den Knien zusammen, dass es ihm auf die Füße fiel, während sein Hinterteil bloß und schwer über dem gelben Staub hing. Er ächzte leise. Schaul war nur in die Höhle gekommen, um sich fernab vom Heer, wie es Sitte in Israel war, zu entleeren.
Abischai wagte es noch einmal, Dawids Arm zu ergreifen. Er flüsterte ihm ins Ohr, so dass Joab es gerade noch hören konnte. „Hat der Herr nicht zu dir gesprochen durch Schmuel, dass dein Feind in deiner Hand sein wird am bestimmten Tag? Dass du tun wirst, was Recht ist in deinen Augen, wenn ER ihn in deine Hand gibt? Sieh doch, das ist der Tag, an dem Jah den Schaul in deine Hand gegeben hat!“
Beinahe ergrimmt schüttelte Dawid ihn ab. Dennoch zog er eine kurze, scharfe Klinge aus seinem Gewand, erhob sich lautlos und glitt geschmeidig auf Schaul zu. Gebannt blickten die Männer jedem seiner Schritte nach. Schaul ächzte immer noch und entleerte sich, als Dawid ihn erreichte und sich hinter ihn hockte, jedes Glied seines Leibes gespannt, die Klinge erhoben. Joab beobachtete es mit Grimm im Auge. Sein Onkel hätte besser gewartet, dass Schaul mit seinen Mannen abzog. Wenn er ihn jetzt niederstach, würden sie ihren König in den Höhlen suchen und auf Dawid und die Seinen stoßen.
Auch wenn Schaul seinem ehemaligen Heerführer ohne den Grund eines Übels nach dem Leben trachtete, wäre es ein feiges Morden, ihn so niederzustechen. So würde es auch in den Augen Israels sein. Aus dem Kriegsmann Dawid würde ein feiger Königsmörder, der nicht Mann genug war, sich Schaul offen entgegenzustellen.
Joab spannte seinen Leib, um Dawid zurückzuziehen. Abischai hingegen atmete schnell in der Erwartung, dass sein Onkel zustoßen würde. Doch der Sohn Isais zögerte und ließ die Klinge sinken. Da wusste Joab, dass er seinen Onkel recht beurteilt hatte und lockerte seine Glieder und seinen Atem. Dawid griff nach dem Zipfel von Schauls Mantel, der seitlich herunter hing. Dann kehrte er so lautlos wie zuvor in den hinteren Teil der Höhle zu seinen Männern zurück.
Während Schaul sich erhob und sein Gewand richtete, um erleichtert hinaus zu schreiten, flüsterte Dawid seinen Männern in harter Weise zu: „Vor dem Herrn schwöre ich! Meine Hand soll fern sein von Schaul, dem Gesalbten des Herrn!“ Sie nickten verständig. Einzig Abischai war etwas enttäuscht. Doch Joab verstand seinen Onkel. Schaul setzte ihm nach, ohne dass Dawid schuldig an dem Benjaminiter geworden wäre. Er hatte die Priester geschlachtet, die dem Herrn gesalbt waren. Die Salbung vor Jah war niemals aufzuheben als nur durch den Tod und es kam einer Feindschaft mit dem lebendigen Gott Israels gleich, einen, der mit dem heiligen Öl gesalbt und geweiht war, niederzumachen. Es war klüger, Jah und seine Priester und Propheten auf seiner Seite zu haben.
Einige der Männer Dawids knurrten ärgerlich, doch er wies sie hart zurecht. Mehr noch. Er stand plötzlich auf und ging Schaul nach, vor den Eingang der Höhle. Abischai wollte ihn aufhalten, doch Joab hielt seinen Bruder zurück. Er hatte verstanden. Nur auf diese Weise würden sie entrinnen. Dawid konnte Schaul zwar nicht töten, ihn demütigen hingegen schon. Das genügte meist, um einen Sieg davonzutragen.
Eilig gingen die Mannen Dawids ihrem Heerführer nach bis an den Eingang der Höhle. Sie drängten sich dicht und hielten mit fester Hand ihre Waffen. Schaul war schon ein großes Stück hinabgestiegen, seiner wartenden Leibwache am Fuß des Berges entgegen. Die Drei Tausend lagerten weiter entfernt am Wasser.
Dawid richtete sich hoch auf, hielt den abgetrennten Zipfel von Schauls Mantel hoch und rief laut heraus: „Mein Herr und Mein König!“ Schaul wandte sich um und sah erstarrt in das vom Dämmerlicht glänzend gemachte Angesicht seines verhassten Schwiegersohnes. Dawid gab sich, als wäre zwischen ihm und dem Benjaminiter nie etwas Arges geschehen. Er demütigte sich gar zutiefst vor Schaul, indem er auf die Knie ging und seine Stirn in den Staub presste.
Dawids Männer waren entsetzt. Ergab sich der Sohn Isais diesem verächtlichen König, obwohl es keinen Anlass dazu gab und er sich gut hätte verbergen können, während das Heer vorüberzog? Doch Joab lächelte. Er kannte die List und das schlaue Wesen seines Onkels und wartete mit lockerer Haltung auf den unvermeidlichen Wortwechsel, aus dem Dawid wie stets siegreich hervorgehen würde, während Schaul gedemütigt würde, gedemütigt durch Dawids nachsichtige und demütige Gesten, die er nicht übergehen konnte.
„Warum nur, Schaul, mein König, hörst du auf Worte verächtlicher Menschen? Sie sagen, Dawid sucht dein Unheil! Sieh genau hin! Heute ist der Tag, an dem deine Augen sehen, dass der Herr selbst dich in meine Hand gegeben hat!“ Dawid schwenkte den abgetrennten Zipfel über seinem Kopf, während der blass gewordene Schaul nach seinem Mantel Griff und ihn untersuchte, um bestätigt zu finden, was Dawid sagte.
„Meine Männer drängten mich, dich zu töten! Doch ich hörte nicht auf sie! Ich verschonte dich, denn du, ja du bist der Gesalbte des Herrn!“ Damit machte Dawid seine Absicht deutlich, Schaul nicht töten zu wollen, es sei denn in einem unvermeidlichen Kampf. Dawid aber konnte noch geschickter reden.
„Mein Vater! Sieh den Zipfel in meinen Händen. Ihn schnitt ich von deinem Mantel, als ich dir nahe war in der Höhle, dass ich dich hätte töten können! Keine Bosheit habe ich begangen an dir, niemals, bis auf diesen Tag! Du aber, König, du stellst mir nach und trachtest nach meinem Leben! Jah möge zwischen uns richten, ER selbst möge mich rächen. Doch ich, ich werde keine Hand an dich legen! Wem stellst du denn nach? Wen verfolgst du? Einen einzelnen Floh, jemanden, der so bedeutend ist wie ein toter Hund vor dir! Der Herr möge es sehen und mir vor dir Recht verschaffen!“
Joab lächelte, denn nun hatten es auch die anderen Männer verstanden und nickten einander abwartend zu. Dawid hatte Schaul zu verstehen gegeben, dass er ihn nicht antasten durfte, weil auch er ihn verschont hatte. Schaul durfte ihn nun nicht mehr ergreifen, vor den Männern seiner Leibwache, die ihn begleiteten und genauso gebannt wie Dawids Mannen verfolgten, was zwischen dem könig und seinem in Ungnade gefallenen Schwiegersohn geschah.
Zudem hatte Dawid dem Schaul dreifache Ehre zugestanden, indem er ihn seinen Herrn, seinen König und seinen Vater nannte. Schaul konnte Dawid nichts tun, gerade weil er sich ihm gestellt und ausgeliefert hatte. Er konnte auch nicht wissen, ob alle Männer Dawids in den Höhlen lagerten oder einige Rotten in den Felsen lauerten und wie viele es waren. Die Höhlen zu stürmen und vielleicht in der Enge eingeschlossen zu werden, konnte er auch mit Drei Tausendschaften nicht wagen.
Keiner würde, und das wog am schwersten, in guter Erinnerung behalten, wenn Schaul Dawid niedermachte, obwohl dieser sich ihm unterworfen hatte. Das Schlachten der Priester hatte den König schon genug in Verruf gebracht. Auf der anderen Seite war es genauso entehrend, denjenigen, dem man nachgestellt hatte, ziehen zu lassen.
Joab blickte zufrieden auf Schauls entsetzte Miene und seine hektischen Bewegungen, als er immer wieder nach seinem Mantel griff und auf das beschädigte Ende blickte, mit rotem Angesicht und Zorn auf der zerfurchten Braue. Zwischen Dawid und seiner Leibwache und der eigenen Leibwache stehend, bot Schaul eine Belustigung für alle Männer. So nahe war ihm der Sohn Isais gekommen, als er seine Notdurft verrichtete, und er hatte es nicht bemerkt. Schaul aber blieb keine Wahl, er musste auf Dawids Rede antworten.
„Mein Sohn Dawid! Es ist deine Stimme, die ich hören darf?“ Plötzlich schwand der Zorn und Schauls Züge fielen zusammen, seine Empfindungen kamen in Heftigkeit über ihn und sein zerstobener Geist entflammte in unerwarteter Richtung. Schaul weinte in Auflösung und in Zorn zugleich. Ihm blieb nichts weiter, als sich auf ein Wortgefecht mit seinem verhassten Schwiegersohn einzulassen und seine Ehre zu bewahren, so gut er es vermochte.
„Du bist der Gerechte von uns beiden! Ich bin es, der Schuld auf sich geladen hat!“
Erstaunt beobachtete Joab, wie Schaul wirklich von seinem Grimm abließ und zu Rührung und Sanftmut wechselte. Wahrhaftig, ihn musste ein übler Geist umtreiben und Joab empfand beinahe so etwas wie Mitleid mit diesem Benjaminiter, was noch schlimmer war als die Verachtung, die er zuvor für Schaul und sein Handeln übrig gehabt hatte. Es war offenbar, dass das Heer Israels nur noch zu Schaul hielt aus Furcht vor seinen üblen Launen. Auch seine vertraute Leibwache, Abner und seine Männer, die hinter ihm standen, hielten nur zu ihm, weil sie dem Benjaminiter Treue geschworen hatten und nichts weiter als Mitleid für ihn empfanden. Was war ein König wert, den man nur noch bemitleidete? Joab erkannte umso deutlicher, dass Schauls Königtum dahin war. Auch Schaul wusste dies.
„Findet jemand den, der ihm nachstellt, so lässt er ihn nicht ziehen und tötet seinen Feind. Du aber, mein Sohn, hast mir Gutes erwiesen, obwohl ich dir im Zorn Übles zugedacht hatte. Dieses Gute möge Jah über dich bringen!“
Schaul sprach zwei verschiedene Dinge mit einem Zungenschlag. Er blickte seinen Schwiegersohn an und zwei Geister stritten in seinem Augenlicht. Er sagte ihm, ich liebe dich, warum bist du von mir fortgezogen und warum ließest du mir mein elendes Leben? Und: Ich hasse dich, du hast mir mein Volk gestohlen und mich nun offen vor meinen Männern gedemütigt. So möge Gott dir ebenfalls tun! Schaul war darin bis ins Innerste gespalten. Joab fasste seine Waffe mit ergrimmtem Sinn. Er musste wachsam bleiben. Hatte Schaul nicht einst versucht, Dawid mit einem Speer gegen die Wand zu spießen?
„Ich habe erkannt, erkannt habe ich es, dass du König sein wirst nach mir. König über Israel. Und dein Königtum wird Bestand haben!“ Schauls Angesicht hatte alle Schärfe verloren und war wie einst überschattet von dem Geist, mit dem Schmuel ihn gesegnet hatte.
„Schwöre mir, Dawid, mein Sohn, schwöre mir bei dem Herrn selbst, dass du weder meine Nachkommen vernichten, noch meinen Namen aus meinem Haus in Israel auslöschen wirst!“ Schaul bat wie Jonathan. Er hatte die Schlacht verloren.
Dawid antwortete ruhig, mit der Schönheit und Sanftheit seiner Urgroßmutter Ruth auf dem Angesicht. „Ich schwöre es dir, wie ich es Jonathan geschworen habe!“
Schaul wandte sich um und ging in die Mitte seiner Männer, den Felsen hinunter in das Salztal zu den Drei Tausend. Joab wusste, was aus dieser Begegnung folgte. Die beiden Männer gingen auseinander. Schaul überließ es Dawid, in Juda an Kraft zu gewinnen und Juda würde Dawid zufallen, noch unter Schaul oder nach ihm. Der König hoffte auf den Bund zwischen seinem Sohn und dem Sohn Isais, dass dem Jonathan wenigstens Benjamin blieb.
Vorerst also waren Dawid und seine Mannen sicher in den Bergen Judas. Doch irgendwann, das wussten sie alle und Joab hatte das zutiefst verstanden, nachdem er Schaul gesehen und gehört hatte, würde der zerstörte Geist in Schaul wieder entflammen und wenn nicht noch einmal die Philister über die Grenzen stießen, so würden sich Juda und Benjamin wieder als Feinde entgegenstehen und dann käme es doch zu einem Bruderkrieg.
Für welche Seite würde Jonathan sich dann entscheiden? Gegen sein Vaterhaus und für Dawid? Das war trotz der tiefen Liebe zwischen den Männern kaum vorzustellen. Man würde in den Bergfesten bleiben und sich weiter vor Schaul verbergen, um einen solchen Krieg zu vermeiden, zumal Dawids Sechs Hundert Schauls Drei Tausend nicht gewachsen waren.
Joab wusste, bei En Gedi konnten sie nicht bleiben, sie mussten sich wieder fortbewegen von diesem Ort. Dawid entschied, dass man nach Maon zurückkehrte. Die Bewohner und die Hirten dort waren ihnen wohlgesonnen und hatten sie nicht wie Keïla oder Ziph an Schaul verraten.
Joab sah auf seinen jüngsten Bruder Asaël, der Gefallen gefunden hatte an der Gemeinschaft mit den Männern. Joab selbst liebte den Kampf, doch wie die anderen Männer sehnte er sich nach einer festen Stadt, von der aus sie handeln konnten. Vielleicht auch ein Weib oder wenigstens ein bisschen Fleisch für den Bauch nach den Monaten in der Wüste.

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