Joab
Der Kalebiter
Schmuel war tot und Dawid konnte nicht hinaufziehen, jenseits von Schauls Stätte in Gibea, um in Rama seinem Begräbnis beizuwohnen. Während alle Männer Israels jeden Bruderzwist vergaßen und sich trauernd versammelten, führte Dawid seine Mannen wieder tiefer hinein in die judäischen Berge. Auch auf ihnen mochte der Gram um den großen Schmuel liegen, doch die Trauer aller bot eine Gelegenheit für die Streifscharen des Sohnes Isais, aus dem Zugriff Schauls dauerhaft zu entkommen.
In Maon stießen sie wieder auf die Knechte Nabals. Die Hirten des reichen Kalebiters, die um Maon weideten, waren Dawid und seinen Streifscharen stets freundlich und gastfrei begegnet. Dawid hatte daraufhin eine seiner kleinen Abteilungen um die Hürden der großen Schafherden des Kalebiters ziehen lassen und den Besitz dieses Mannes, dessen Knechte und Anverwandten ihm so freundlich gesonnen waren, besonders geschützt. Joab wusste, dass sein Onkel ein aufrichtiges Herz hatte, aber nie etwas tat, ohne daran zu denken, was ihm daraus erwachsen könnte.
Beschützte Dawid den Besitz eines angesehenen und wohlhabenden Judäers, zumal aus einem so großen und bedeutenden Haus wie das des Kaleb, würde ihm der Rest Judas offen folgen, wenn eine der Familien ihm fest zur Seite stand. Hebron, der Sitz dieser Sippe, lag mitten in Judas Gebiet. Joab wusste, dass Dawid einen sicheren Standort brauchte, um zu neuer Kraft zu kommen und weitere Männer an sich zu bringen.
Würde er sich mit den Kalebitern verbünden können und lagerte er dauerhaft bei Hebron, dann fiele ihm Juda wirklich zu und es wäre Schaul nicht möglich, seinen abgängigen Heerführer zu stellen, ohne einen Bruderkrieg zu entfachen. Und diesen würde selbst Schaul meiden, solange die Philister drohten. Es hieß, sie sammelten ihre Heereskraft neu und bereiteten sich auf einen Einfall vor.
Erschöpft lagerten sich die Mannen Dawids im Gebiet von Maon. Einige von ihnen schickte Dawid jedoch aus, um die Hirten zu befragen. So erfuhr er, dass der Kalebiter zu seinem Sitz nach Karmel gezogen war, wie es seiner Gewohnheit entsprach, das einmal im Jahr zu tun, wenn die Schafschur bevorstand. Dort hatte er jenseits von Hebron seinen eigenen Wohnsitz, an dem er das Vieh sammelte. Drei Tausend Schafe und Ein Tausend Ziegen nannte er sein Eigen. Die Zeit der großen Schur war gekommen und damit zog das ganze Haus Nabals, alle seine Knechte, nach Karmel und sie arbeiteten hart in diesen Tagen.
Das Haus Isais war selbst äußerst wohlhabend an Vieh und Joab wusste, dass die große Schur stets ein Anlass war, der ganzen Familie ein Fest zu richten. Dawid hielt diesen Zeitpunkt für geeignet, eine Schuld einzufordern, denn die Schur brachte neuen Wohlstand und nach dem großen Mühen war das Fest ausgelassen und fröhlich und jeder erhielt sein Teil. Joab stimmte mit seinem Onkel darin überein. Jetzt war die rechte Zeit, die ausstehende Gunst einzufordern, Entlohnung für den Schutz und das wohlmeinende Beisammensein mit Nabals Hirten. Es war Sitte an einem Festtag, jedem Bittenden mit Freigebigkeit zu begegnen. So sandte Dawid seine jungen Männer aus nach Karmel und schärfte ihnen genauestens ein, welche Worte sie zu sprechen hätten. Denn Nabal mochte zwar wohlhabend und seine Familie angesehen sein, doch er hatte auch den Ruf eines Mannes ohne allzugroße Weitsicht.
„Sprecht zu ihm: Dawid, der Sohn Isais, fragt, ob es dir wohl geht. Er lässt dir sagen, du mögest lange leben. Frieden soll mit dir sein und mit den deinen, mit allem, was zu dir gehört! Dein Knecht hat gehört von der großen Schur. Wir haben zusammen gelagert mit deinen Hirten, Tag um Tag. Frage sie selbst. Nichts ist zu Schaden gekommen, kein Verlust hat deine Herden getroffen, in den Tagen, da wir bei ihnen waren. An diesem Tag nun kommen wir zu dir und hoffen, Gunst in deinen Augen zu finden, ist dies doch ein Festtag. Gib deinem Sohn Dawid, was immer dir gefällt.“
Joab war zuversichtlich, dass sich aus dieser Verbindung Vorteile ergeben würden. Sie hatten sich als nützlich erwiesen für Nabals Haus. Er würde Dawid und einige seiner Vertrauten zum Fest laden und sie könnten einen Bund schließen gegen Schaul und die Benjaminiter. Dies musste selbst ein Mann wie Nabal verstehen, auch wenn man ihm nachsagte, er sei ein Narr, einzig verliebt in sein Hab und Gut.
Deshalb war sie alle umso überraschter, als die jungen Männer zurückkamen und ihre Mienen überschattet und zornig trugen. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Joab erhob sich und griff wie im Schlaf zu seinem Schwert, als die Boten sich Dawid näherten. Offen und mit glatten Zügen sah der Sohn Isais sie an, das Angesicht immer noch hell und voller Erwartung. Joab beneidete seinen Onkel um sein Gemüt, das von allen Menschen zuerst das Beste annahm. Der älteste Sohn der Zeruja aber wusste, dass von einem Mann nicht nur Gutes ausging. Er wusste es, weil er sich selbst kannte. Er hatte es gewusst seit jenem Tag, als er wie Asaël seine erste Schlacht geschlagen hatte. Auch auf dem Angesicht seines jüngsten Bruders zeichnete sich dieses Wissen ab. In Zerujas Söhnen ruhte nicht mehr die Lieblichkeit Ruths wie sie den Söhnen Isais noch mitgegeben war.
Einer der Männer berichtete ihnen also, während die anderen dunkel verschwiegen zur Seite blickten.
„Wir zogen zu Nabal hinauf und wir haben ihm deine Worte mitgeteilt, ganz so wie du es uns gesagt hast. Nun berichten wir dir seine Worte, ganz so wie er sie uns sagte. Er sprach: Wer ist Dawid? Wer ist Isais Sohn? In diesen Zeiten gibt es viele Knechte, die hingehen, wo sie wollen und die ihren Herren davonlaufen. Für meine Knechte, die mir die Schafe scheren, für sie habe ich schlachten lassen. Sollte ich etwa davon nehmen, von meinem Geschlachteten und meinem Wasser und es Männern geben, von denen ich nicht einmal weiß, woher sie sind und wem sie entlaufen sind?“
Dawids Angesicht sank herab und dieselbe Finsternis zog auf seiner Stirn auf, die schon auf den Söhnen Zerujas lag. Das war eine offene Beleidigung und es war eine Entehrung, nicht nur Dawids, sondern auch des ganzen Hauses Isais, das nicht unbedeutend war in Juda.
Joab bohrte die Augen in das Angesicht seines Onkels. Es blieb keine Zeit, um den Priester zu befragen, jetzt würde sich offenbaren, ob Dawid der rechte Mann für ein Königtum wäre. Demut vor dem Schrecken Isaaks war notwendig, um das Priestertum und das Volk auf seine Seite zu bringen, doch ein Schlag gegen die Ehre des Hauses Obeds konnte nicht unbeantwortet bleiben.
Mit eisiger Miene, die nur noch wenig von Ruths Lieblichkeit verriet, griff auch Dawid nach seinem Schwert und rief nach hinten zu seinen Mannen: „Jeder greife nach seinem Schwert und gürte es fest um die Hüfte! Wir ziehen hinauf nach Karmel und fordern von diesem unwürdigen Kalebiter sein Gut und sein Leben!“
Die stets kampfbereiten Vier Hundert, die seit der ersten Stunde mit Dawid gewesen waren, hoben ihre Waffen und setzten sich in eilige Bewegung, jeder unter einem der von Dawid bestimmten Anführer. Die anderen Zwei Hundert blieben beim Lager. Sie waren zu jung oder zu frisch hinzugestoßen, als dass Dawid sie für solch einen Kampf mit sich führen wollte. Zudem war ihr Lager beträchtlich angewachsen, sie führten ein wenig Vieh mit sich und Vorräte an Waffen und Nahrung. Das alles konnte nicht unbewacht bleiben.
Würde Dawid sich heute gegen den Kalebiter durchsetzen und stießen noch mehr Männer zu ihm, so würden sie nicht mehr lange vor Schaul fliehen, sondern stünden ihm bedrohlich entgegen, gefährlicher noch als die unsäglichen Philister.
Joab sah zu seinem jüngsten Bruder Asaël hinüber und bemerkte die Hitze, die in dessen Wagen aufstieg, dieselbe Hitze, die auch über ihn selbst kam in Erwartung des Kampfes, ein Beisammensein von Tatenfreude und willkommener Todesfurcht, die einen besonderen Glanz auf dem schönen Gesicht des Jüngsten hinterließen. Joab lächelte und richtete seinen Blick wieder nach vorn.
Karmel lag schon vor ihnen, die geschützte Seite des Berges fiel im Licht der sinkenden Nachmittagssonne sanft ab. Sie näherten sich dem Sitz des Kalebiters von dort, wo er sie nicht sehen konnte. Doch was war dies? Sollten nicht alle Knechte über der Schafschur sein? Eine schlanke Linie herabsteigender Esel wand sich einen schmalen Pfad entlang, schwer beladen und geführt von einfach gekleideten Knechten. Hinter ihnen mit etwas Abstand auf einem Esel sitzend und geschmeidig reitend eine verschleierte Frau.
Verdutzt hielt Dawid inne und mit einer Handbewegung hieß er den ganzen Tross der Vier Hundert halten. Vier Hundert schwitzende, bewaffnete Männer standen am Fuß des Berges und reckten ihre Köpfe, um zu sehen, wie eine Frau langsam von einem Esel stieg, an den Knechten und den schwer beladenen Lasttieren vorbeischritt und vor dem Sohn Isais stehenblieb.
Joab musterte die Frau, eine kräftige, wohl gestaltete Israelitin, etwas kleiner als Dawid. Ihre Kleidung war fein gewebt und ließ sie als wohlhabende Herrin eines Hauses erkennen. Ihre Augen blickten nicht auf zu ihnen, sondern direkt in ihre Gesichter, so schien es. Klugheit blitzte in ihnen auf und ließ die Männer erstaunt schweigen und warten, was diese Frau zu sagen hätte. Es war unzweifelhaft eine Frau aus Nabals Haus. Langsam verbeugte sie sich vor Dawid, sie fiel vor ihm auf ihre Knie. Sie erhob ihre klugen Augen und sprach.
„Mein Herr, auf mich lass die Schuld fallen, die du heimzusuchen gedenkst am Hause Nabals, denn dazu bist du gekommen, das weiß ich. Höre zuvor meine Worte an! Lass dich nicht erzürnen von einem Menschen, der so voller Dummheit ist, wie Nabal. Sein Name klingt wie er auch ist. Boshaft und ein Narr. Ich sah deine Boten nicht, Herr, dass ich ihm hätte zureden können. Doch hat mir einer der Knechte gesagt, was Nabal ihnen antwortete. Bei dem Herrn Israels beschwöre ich dich, lass keine Blutschuld auf dein Haupt und das Haupt deiner Männer kommen wegen eines Narren! Ein Geschenk habe ich dir bereitet, lass es als Geschenk aus dem Hause Kalebs vor dir gelten. Zweihundert Brote für deine Männer. Wein. Schafe, Korn und Kuchen von Rosinen und Feigen. Damit sind diese Esel hier beladen. Vergib mir die Schuld, die Nabal auf uns geladen hat, mein Herr. Lass ab von uns und töte uns nicht. Dafür möge der Herr dich segnen und dein eigenes Haus bauen und alle deine Feinde zunichtemachen, wie auch Nabal sich zunichtemacht durch seine eigene Dummheit. Auch ich weiß, dass du zum König über Israel bestimmt bist. Verschone jetzt und denke dereinst wohlwollend an mich und das Haus Kalebs, wenn der Herr dich erhebt!“

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