Joab – Kapitel 13 – Der Trost der Abigajil

Joab

Der Trost der Abigajil

Joab blinzelte im Abendlicht hinüber zu seinem Onkel und fand in seinen Augen etwas, das er gut kannte und das ihn ein wenig lächeln ließ. Diese Frau gefiel ihm. Er wusste um diese Schwäche Dawids und hoffte, dass sie ihm hier sogar dienlich wäre zu einer klugen Entscheidung. Dawid war ein Mann, der kluge und schöne Worte genauso liebte wie kluge und schöne Frauen. Er hatte offensichtlich große Freude daran, dem Weib zu antworten.

„Dich hat der Gott Israels selbst zu mir gesandt, Abigajil, Nabals Frau. Du bist ebenso klug wie dein Mann ein Narr ist. Der Herr hat dich reichlich gesegnet, dass du so weise handeltest und er hat mich gesegnet, dass meine Hand zurückgehalten wird von Blutschuld.“, antwortete Dawid der verschleierten Frau, die immer noch auf der Erde kniete und ihn im festen Blick ihrer klaren Augen hielt. Der Sohn Isais trat ihr entgegen und half ihr auf, eine Geste der Versöhnung und des Wohlwollens. Ernst und laut fuhr er fort: „Es war beschlossen bei mir, dass alles Männliche aus dem Hause Nabals den kommenden Morgen nicht sehen würde! Ich nehme aus deiner Hand, was Nabal mir hätte geben sollen. Ich habe dich wieder aufgerichtet, dein Gesicht erhoben. Also ziehe hin in Frieden in dein Haus.“

Damit ließ er seinen Blick noch eine etwas zu lange Zeit auf ihrer Gestalt ruhen und wandte sich dann um. Er gab einigen Männern Befehl, die Esel mit sich zu führen und schweigend verließen sie Karmels Seite. So eilten sie zurück in das Lager bei Maon, reich beladen mit Vorräten.

Am folgenden Abend brannten die Feuer heller und die Männer tranken vom Wein und waren fröhlich. Einzig Dawid saß etwas abseits und ließ sinnend seine Finger über die Seiten der Laute gleiten. Joab ging zu seinem Onkel, um ihm schweigend einen Schlauch des guten Weines zu reichen. Es war sein Teil als Anführer der Sechs Hundert. Ihm stand ein starker Schluck des Traubensaftes zu. Joab lauschte der Melodie, als er sich näherte und befand es nun für noch nötiger, dass sein Onkel sich ein wenig dem Rausch ergab.

Ein altes Liebeslied, das unter den Hirten geteilt wurde, erklang von den Saiten und Dawid summte leise und wehmütig auf seine Hände hinab. Seine Augen trafen die des Sohnes der Zeruja. Joab schüttelte den Kopf und hielt ihm den Schlauch hin. Trink. Vergiss Michal, sie ist verloren. Und vergiss Abigajil. Sie gehört ebenfalls einem anderen. Sie brauchten keine Worte. Starrsinnig blickte Dawid an seinem Neffen vorbei, erhob sich, griff nach dem Schlauch und trank, nur um sich danach wieder zu setzen und weiter in seine Laute zu greifen und zu summen. Joab schüttelte den Kopf und ließ ihn. Vielleicht brauchte Dawid wirklich eine Frau. Vielleicht würde er nur so den Trost und die Ruhe finden, die er benötigte, um stark zu sein für seine anderen Aufgaben. Es war eine Schwäche, doch war sie nicht verzeihlich? Selbst die Priester hatten Frauen und sie sprachen davon, dass es dem Mann nicht bestimmt sei, allein zu bleiben, dass ER es so vorgesehen hatte, dass ein Mann sich sehnte.

Auch Joab kannte dieses Sehen, doch es zog ihn nicht wie seinen Onkel. Er war zufrieden, solange er sein Schwert fest greifen konnte, unter den Männern und bei seinen Brüdern lagerte. Er teilte sich mit seinen Brüdern einen Becher Wein. Abischai blickte zu Dawid hinüber und sah dann zu Joab. Der nickte seinem Bruder zu und brachte mit einem zweiten Blick den Jüngsten zum Schweigen, als dieser den Mund zu einer Frage öffnen wollte. Asaël wusste es besser, als dass er seinem Bruder jetzt etwas entgegnet hätte und hielt sich an das Vergnügen, unter den Männern zu trinken und das gewürzte Schafsfleisch zu essen, das Abigajil ihnen zugedacht hatte.

Die Nacht, die folgte, war ruhig und finster und wurde nur unterbrochen vom satten Grunzen einiger Männer und schlaftrunken Torkelnden, die einen Ort außerhalb des Lagers suchten, um sich zu erleichtern. Maon war ein guter Platz im Lande unter Israels Stämmen. Berge, in denen man sich verstecken konnte. Hirten, die treu zu Juda standen und wenig von den Benjaminitern und ihrem König hielten. Genug Wasser und doch den Schutz der Wüste und der Berge Judas zugleich bietend.

Hier hielten sich Dawid und seine Mannen häufig auf. Einige der Männer hatten sich Frauen genommen, die in Maon jenseits des Lagers wohnten oder in der Ebene Jesreel hinter den Bergen Karmels. Dawid erlaubte seinen Männern, nachts zu den Frauen zu gehen, wenn sie nicht zur Wache oder in einem Streifzug eingeteilt waren. Denn Schaul hatte es lange unterlassen, ihnen nachzusetzen und schien sich damit zu begnügen, dass Dawid sein Gebiet nicht streifte und auch keine größeren Bemühungen machte, sich selbst zu einem Herrscher aufzuschwingen.

Joab sah in den Nachthimmel über sich und fragte sich, ob der Gott Israels wohl jenseits der Himmelslichter wohnte und die Gebete dorthin gerichtet sein mussten, wenn andere Stämme ringsum die Leuchten der Nacht und des Tages selbst schon anbeteten. Darüber schlief er ein, das Schwert unter sich und die Hand fest am Griff, auch wenn er ruhigen Tagen entgegen schlummerte.

Zehn endlose Tage unter der Sonne Jeschuruns vergingen, in denen Joab und Asaël lustlos die Berge Judas durchstreiften und der Jüngste seine Augen auf sein erstes Mädchen warf, das an einem Brunnen Wasser schöpfte. Belustigt über die nachfolgende Redseligkeit seines Bruders ging Joab zurück ins Lager bei Maon und fand seinen Onkel im Gespräch mit einem jener Knechte, die ihnen die Esel entgegengebracht hatten.

Abigajil hatte ihn geschickt. Sie hatte ihrem Mann Nabal nach dem Fest der großen Schur berichtet, welches Schicksal sie von ihm abzuwenden gewusst hatte. Der fette und feiste Mann war im Schrecken niedergesunken und nach zehn Tagen hörte sein Herz auf zu schlagen und er hauchte seinen letzten Atemzug.

Dawids Augen leuchteten auf und er sagte: „Siehe! Nicht nur hat der Gott Israels mich bewahrt, ein ganzes Haus um der Schuld eines einzelnen willen zu vernichten, sondern er hat nun selbst an diesem Mann die Ehre Dawids wiederhergestellt und das Unrechte gerächt!“

Joab nickte. „Bedenke, warum wohl hat Abigajil dir das sagen lassen? Durch sie fallen dir die Kalebiter zu und Hebron wird dein!“

Dawid sah seinen Neffen an und lächelte. „Schick Asaël, deinen Bruder, er ist ein schneller Läufer und soll mein Bote sein. Ist es nicht gut für einen jungen Mann, eine solche Botschaft zu überbringen?“

Und so setzte Joab den Asaël über eine kleine, nur leicht bewaffnete Gruppe Männer und sandte sie hin mit Geschenken, Beute aus der Schlacht mit den Philistern, in das Haus des Kalebiters einzutreten und um Abigajil zu werben. Es war ein Leichtes, die Männer aus Nabals Verwandtschaft von diesem Ansinnen zu überzeugen, wussten sie doch, was Nabal beinahe über sie gebracht hatte. Sie wollten sich nun sehr bereitwillig verbünden mit dem Haus Obeds. Von Bethlehem über Hebron bis hin zum Karmel und Jesreel hingen die Männer Judas dem Hirtensohn und Kriegsmann Dawid nun an.

Und als Dawid nicht mehr nur Trost bei Abigajil, sondern auch bei Ahinoam aus Jesreel suchte, wussten alle, dass er sich ein dauerhaftes Haus in Juda baute und die Stimmen, die ihn als König wünschten und sahen, wehten lauter über Judas Berge hinüber nach Gibea, in dem Schaul im Finstern saß und mit seinem wütenden Geist brütete.

Eine Zeit der Ruhe in Juda war angebrochen. Doch es war auch eine Zeit, in der sowohl Schaul als auch die Philister sich irgendwann erheben würden. Joab wusste, dass Hebron noch nicht dauerhaft der Sitz seines Onkels bleiben konnte. Seine Hand blieb stets am Schwert, seine Sinne blieben stets geschärft und seine Augen wandte er nur einmal ab von seinen Brüdern, als er sich ein eigenes Weib in Hebron suchte. Joab nannte niemandem ihren Namen. Er ließ sie wohnen in der Stadt und ging zu ihr, wenn er ihre Nähe wünschte. Sie war wie Zeruja, seine Mutter. Schweigsam, zäh und eine Frau, die ihre Kinder mit strenger Hand hütete und sie liebte, ihrem Mann treu blieb, aber niemals nach ihm fragte oder etwas von ihm verlangte.

Joab würde mit Dawid ziehen und auch seine Kinder hätten keinen Vater. Deshalb wollte er keine Frau, die nur lieblich und anhänglich wäre, sondern eine, die eine Säule wäre, wie die Mütter Israels, Rahel und Lea. Die lieblichen Frauen waren die Schwäche seines Onkels, nicht die seine. Und er würde die Schwächen seines Königs ausgleichen müssen, wollte Israel ein beständiges Königtum unter den Völkern erlangen. War dies nicht sein Teil unter den Lebenden, welches Jah ihm, Joab, dem ältesten Sohn der Zeruja, bestimmt hatte?