Joab – Kapitel 14 – Schauls dritter Versuch

Joab

Schauls dritter Versuch

Sie durchstreiften den Süden Judas, die Wüste und die Berge, machten Halt in Maon, in Karmel, in Jesreel, wagten Vorstöße in die Ebene und zogen sich dann wieder zurück, hielten sich in Hebron auf, nahmen ihre Frauen und den Hausrat mit und lagerten schließlich wieder in Ziph. Auch Dawid nahm seine beiden Frauen mit sich oder ließ sie in Hebron wohnen.

Nur Joab ließ alles zurück, nahm einzig sein Schwert und hielt sich nun ganz zu seinem Onkel und seinen Brüdern. Er hatte Dawid geraten, lieber in Maon zu bleiben, denn die Ziphiter hatten ihn schon einmal verraten. Doch auch Dawid hatte Recht. Solange es nur flüsternd von Mund zu Mund getragen wurde, dass Dawid König in Juda sei und ihn niemand zu einem König ausgerufen hatte, mussten die Sechs Hundert umherziehen und durften kein allzu festes Lager gründen, auch nicht in Hebron.

Die Ziphiter verrieten an Schaul, wo sich Dawid aufhielt, ganz so wie sie es schon einmal getan hatten. Doch auch dieses Mal ließ Jonathan es seinen Freund wissen und Dawid und seine Mannen waren darauf vorbereitet. Sie zogen sich ganz in die Felsspalten zurück, sandten kleine Gruppen aus, die erspähten, wo genau Schaul mit seinen Drei Tausend umherzog und sein Lager aufschlug. Sechs Hundert waren noch recht einfach zu verbergen, das Heer Schauls jedoch konnte sich nicht verstecken, es musste in breitem Strom nach Juda ziehen. Der Benjaminiter war voller Zorn und Hass und es schien, auch ebenso töricht.

Die Nacht hatte sich gerade herabgesenkt, als Joab berichtete, wo Schaul sein Lager aufgeschlagen hatte. Abischai war in dieser Nacht mit der Wache an der Reihe. Dawid winkte ihn zu sich heran und auch Ahimelech, einen Fremdling von den Hetitern, der sich dem Sohn Isais anschließen wollte. Joab wusste, dass Dawid auf diese Weise die Treue des neuen Mannes erproben wollte.

„Joab führt uns zum Lager Schauls. Abischai, Ahimelech. Wer kommt mit hinab in das Lager der Drei Tausend unter die Schlafenden, hinab zu Schaul?“

„Wir kommen mit dir.“, bestätigte Abischai. Und leise schlichen sie sich über die Berge und liefen sachte und leichtfüßig in das Tal hinab, in dem das Heer lagerte, während Joab mit Asaël oben blieb, um Alarm zu schlagen, sobald sich etwas regen sollte. Joab war nicht wohl dabei, dass Dawid seinen Bruder Abischai mit sich nahm. Er war ein erfahrener Kämpfer und dem Onkel treu ergeben, doch er neigte zu übereilten Taten. Sie mussten das Lager Schauls ausspähen und konnten es nicht den unerfahrenen Männern überlassen, konnten auch nur auf diese Weise den Hetiter erproben. Joab griff nach seinem Schwert und bohrte seine Augen in das undurchdringliche Dunkel und Durcheinander der schlafenden Soldaten Schauls. Wäre er nur selbst mit ihnen.

Lange mussten sie warten, bis Dawid, Abischai und der Hetiter wieder den Berg hinaufkamen. Dawid trug einen Wasserkrug und Abischai hatte einen großen und schweren Speer über die Schulter gelegt, wie ihn nur ein Waffenträger für seinen Herrn mit sich führte.

Sie waren mitten in das Lager eingedrungen und hatten zwischen den drei Männern gestanden: Abner, dem Heerführer, Schaul und seinem Waffenträger. Kampfbereit hatte der Speer des Königs bei seinem Kopf im Boden gesteckt. Abischai hatte nach ihm gegriffen und geflüstert: „Einmal nur, ein zweites Mal wird nicht nötig sein. Keinen Laut wird er von sich geben. Lass mich ihn am Boden aufspießen, deinen Feind. Hat nicht Gott selbst ihn dir ausgeliefert, mitten in seinem eigenen Lager?“

Doch Dawid wollte nicht. Joab konnte seinen Bruder Abischai verstehen, auch wenn es gewagt war, den König mitten unter seinen Männern zu töten. „Habt ihr vergessen, was geschehen ist, als Abigajil uns entgegen kam?“, fragte Dawid. Verständnislos sahen ihn Abischai und Asaël an. Der Hetiter blickte missmutig drein. Doch Joab dachte zurück an die klugen Augen dieser Frau und daran, dass durch sie Hebron und Karmel zu ihnen gehörten.

„Der Gott Israels hat gesehen, was Nabal getan hat und Er hat ihn heimgesucht. Sollte Er nicht sehen, was Schaul mir antut? Unser Gott wird ihn schlagen oder die Philister, das ist ganz gleich. Doch ich werde nicht durch meine Hand Schuld auf uns alle bringen und einen Bruderkrieg entfesseln. Es ist genug, dass Er uns hat ungesehen in das Lager eindringen lassen. Schauls Speer haben wir und seinen Wasserkrug als Beute. Das muss genügen.“

Noch ehe Joab oder seine Brüder etwas erwidern konnten, wandte sich der Sohn Isais um und rief hinab in das schlafende Heer: „Abner! Wach auf und antworte mir, Abner!“

Abischai griff nach Dawids Arm, als sei dieser von Sinnen. Doch der schüttelte ihn ab und funkelte die Söhne der Zeruja zornig an. Joab winkte ab. Er wusste um die gewundenen Worte seines Onkels und dass nun ebenso ein demütigender Streich erfolgen sollte wie am Salzmeer.

„Abner! Du bist des Todes! Abner, antworte mir!“

Im Lager regten sich die Soldaten und griffen zu ihren Waffen. Doch sie hörten nur eine Stimme, sahen kein Licht und keine blinkenden Speere und Schwerter um sich. Sie lagen unbehelligt in der Ebene und nur die Stimme eines Mannes flog eilig über ihre Köpfe.

Und Abner antwortete. „Wer bist du, dass du mich rufst? Zeige dich!“

„Abner! Du bist ein Mann in Israel und keiner ist dir gleich unter Israels Männern! Doch du hast deinen König unbewacht gelassen. Ein Hund aus Israel ist eingedrungen, deinen Herrn zu töten und du hast es nicht bemerkt! Ihr Männer seid des Todes, denn ihr habt euren König ausgeliefert! Euren König, der über euch gesetzt ist, dem Gott Israels gesalbt durch Schmuel. Schau dich nur um. Wo ist Schauls Speer, wo sein Wasserkrug für die Nacht?“

Der Hetiter riss verblüfft Augen und Mund auf. Abischai und Joab wechselten einen wissenden Blick und nickten sich zufrieden zu.

Schaul war erwacht und rief ebenfalls laut, seine Stimme noch zitternd vom Schlaf. „Mein Sohn, Dawid. Ist es deine Stimme?“

„Mein Herr und mein König. Es ist meine Stimme. Wieder jagst du deinem Knecht nach. Was habe ich dir Böses angetan, mein Vater? Wem jagst du nach? Einem einzigen Mann mit Drei Tausend. Einem Floh in Israel! Du vertreibst mich aus meinem Erbe in Israel und ich muss noch sterben fern von meinem Volk und meinem Gott!“

„Komm zu mir zurück, Dawid, mein Sohn!“ Flehentlich klang Schauls Stimme und die alte Liebe zu seinem Schwiegersohn schien noch einmal erwacht. „Ja, ich habe gesündigt an dir. Mein Leben hast du verschont, zum Narren habe ich mich gemacht!“

Dawid seufzte und sprach: „Sieh her, dein Speer, dein Wasserkrug. Lass einen hinaufkommen. Dann gebe ich ihm, was ich als Pfand für dein Leben nahm. Und dann lass ab von mir und ziehe fort! Dein Leben ist mir teuer, so handle jetzt treu an mir und lass mir das meine.“

Dawids Worte waren nicht mehr so freundlich und sanft wie zu Anfang. Er forderte sein Leben ein und Schaul musste diese Demütigung offen hinnehmen. Einer seiner Knechte kam hinauf und nahm den Speer mit sich hinab ins Lager. Am nächsten Morgen war die Ebene leer, Schaul war nach Gibea zurückgekehrt. Joab sah auf den zertretenen, staubigen Boden hinab, und er sah, was Dawid gestern gesehen haben musste.

Schauls Zeit war vorüber, dennoch konnten sie nicht länger mitten in Juda bleiben und einen Bruderkrieg hervorrufen. Drei Versuche Schauls, mit seinem Heer in das Gebiet Judas vorzudringen und Dawids Mannen zu stellen, genügten. Sie mussten weiter fort an Kraft gewinnen.