Siebenter Tag

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Das Wesen spiegelt sich wahrhaft in dem Geschaffenen. Das Wesen des Schöpfers fließt hinein in alle Schöpfung. Das Wesen des Menschen fließt hinein in das, was er arbeitet, schafft, baut, erfindet, kreiert, gestaltet. Das Wesen ganzer Kulturen, Nationen, politischer Bewegungen und Mächte spiegelt sich in dem, was sie hervor bringen. Wer mag angesichts dessen noch den Gedanken einer Schöpfung durch einen Schöpfer als sinnlos, irrelevant oder irrational ablehnen? Man muss zumindest die Möglichkeit als eine vernünftige Möglichkeit akzeptieren, erhebt man den Anspruch von Rationalität und Objektivität.
Wir treten hinaus aus der verspielten, schöngeistig äußerst ausgefeilten Architektur einer verheißungsvollen Jahrhundertwende. Zugegeben, es spiegelt sich auch ein wenig Dekadenz, Protz, Überheblichkeit, Arroganz äußersten Wohlstandes. Doch über allem schwebt ein Bemühen um das wahrhaft Schöne und Gute, das den Augen wohl tut und damit der Seele. Denn die Augen sind tatsächlich ihre „Fenster“ und lassen alles Geschaffene hinein, das Saiten in uns anschlägt und uns abstößt oder verbunden fühlen lässt.
Aus diesem Hort von hingehauchter Schönheit und Eleganz treten wir in den nächsten Ort ein. Beton gewordene Funktionalität, Nüchternheit, Sachlichkeit. Graufleischern kriecht der Koloss in leichtem Bogen am Ostseestrand entlang. Rechtwinklige Poesie der Grausamkeit, geradezu überwältigend beeindruckende Hässlichkeit, die zu beiden Seiten scheinbar endlos liegt.
Der tiefe Fall einer Gesellschaft. Nicht Gleichberechtigung und Gerechtigkeit, sondern das Gleichmachen allen Fleisches, das Einebnen der Menschenseele auf den nüchternen Grund einer angeblichen Realität, die gleichförmige Leistung und Funktionalität hervor bringen soll.
Mensch, hüte dich und rette deine Seele! Hüte dich vor verspielter Individualität und hüte dich gleichfalls vor allem, was dich gleich und gleicher machen will mit anderen.
Je eifriger das Streben einer Gesellschaft nach Gleichberechtigung ist, je ausschließlicher das Ziel des Gleichen unter Gleichen verfolgt wird, desto gefährdeter ist der Einzelne. Denn Gerechtigkeit ist ein Dorf noch weit jenseits von Utopia und wer es hier mit unbedingter Kraft errichten will, muss scheitern. Das ist der Widerspruch des Daseins.

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