Joab – Kapitel 17 – Zwischenstück – Schaul und die Finsternis

Joab

Zwischenstück – Schaul und die Finsternis

Die Philister waren tief in das Gebiet der Benjaminiter eingedrungen und lagerten nördlich von Jerusalem, nahe bei Schunem, nachdem sie durch Jesreel gezogen waren. Schaul hatte sich mit seinen erlesenen Drei Tausend Mannen bis an die Berge Gilboas zurückgezogen und sammelte dort alle waffenfähigen Männer aus Israel. Mochten sie ihren König nun verachten oder lieben, es waren die Philister, die es zu schlagen galt. Dafür war ein König über ihnen.

Unruhig ging Schaul im Lager umher und blickte hinab auf die Philister. Alle fünf Könige der Philisterstädte waren versammelt. Wie hatten sie nur wieder so erstarken können? War Schaul nicht einst siegreich gewesen? War er nicht ein guter König, der sein Volk schützte? Hatte nicht sogar dieser elende Hirtenjunge aus Bethlehem erst eine Streifschar von ihnen zurückgedrängt? Oder stimmten die Gerüchte und sein Schwiegersohn zog jetzt mit diesen Hunden von den Inseln ein und aus? War er bereits mitten unter ihnen und hatte sich den Kopf Schauls erbeten und das Königtum über ganz Israel, dafür, dass er mit ihnen dreinschlug? Entsprach es der Wahrheit, was man sich erzählte? Führte er das Schwert Goliaths und hatten seine Sechs Hundert ebenfalls eiserne Schwerter von den Philister-Hunden erhalten? Diese Klingen schnitten schärfer als der schwere Speer, den sein Waffenträger ihm hielt.

Sollte er jetzt durch Dawids Schwert geschlagen werden? Alles, nur nicht diese Demütigung! Mit dem Kopf des Riesen in der Hand stand er einst da, der bräunliche, schmächtige Hirtensohn, das blutige Schwert in der anderen. Hatte Schaul nicht schon an diesem Tage gewusst, dass dieser ihm den Untergang bedeutete? Und dennoch hatte er ihn an sich zu binden versucht, ihn gar zu seinem Schwiegersohn gemacht. Um den Preis von Ein Hundert Vorhäuten der Philister. Welcher König konnte einem seine Tochter versagen um diesen Preis? Er musste sie ihm überlassen.

Und alle hatten sie ihn verlassen und verraten. Sogar sein Erstgeborener, ganze Kraft seiner Lenden, einzige Freude seines Herzens, hatte nichts anderes zu schaffen, als sich selbst und sein Erbe dem eigenen Knecht hinzuwerfen und hinter dem Rücken seines Vaters Boten zu Isais Sohn auszusenden. Schaul wusste es, doch konnte er nichts dagegen ausrichten. Jonathan war seinem Vater ebenbürtig geworden in Wuchs, Stärke und Stolz. Und schließlich stand er jetzt an seiner Seite, sein Sohn, sein Erbe. Sollte auch er sterben?

Nein, nicht Jonathan!

Schmuel, er musste Schmuel befragen! Immer hatte er gewusst, was zu tun war, wie ein Krieg zu entscheiden und zu schlagen war, ob es einen Sieg oder eine Niederlage gab. Er musste Schmuel befragen. Doch auch dieser Vater Israels hatte ihn verlassen, zweimal hatte er ihn verlassen. Bis zu seinem Tod war Schmuel nicht mehr bei Schaul eingekehrt und Schaul durfte nicht zu ihm kommen. Und dann war er gestorben, bevor die Philister sich wieder zusammenrotteten, um Schaul zu vernichten.

Schaul war der König. Wie hatte Schmuel es wagen können, ihn zu verlassen? Es gab andere Propheten, die er hätte um Rat und Opfer und Gebet fragen können. Selbst Dawid hatte Gad bei sich und den entflohenen Priestersohn Abjatar. Warum hatte nicht auch Schaul einen Propheten? Es stand ihm zu, dass Schmuel ihn beriet und den Gott Israels selbst in die Schlacht mit diesen gottlosen Hunden führte.

Schaul wand sich und bemerkte, dass sein Sohn ihn aufmerksam beobachtete. Sollte er ihn beobachten. Sollte er lernen, was es hieß ein König zu sein und Entscheidungen vor einer Schlacht zu fällen. Er brauchte Schmuel! Er brauchte Schmuel! Sein ganzer Verstand war nur noch von diesem Gedanken erfüllt.

Aber Schmuel war nicht da. Schaul ließ dennoch einige Priester vor sich kommen und die Urim und Thummim befragen. Doch sie sahen ihn nur an und schüttelten den Kopf. Der Herr Israels schwieg. Schaul verstand. Was sollten ihm die Priester helfen, nachdem er ihre Brüder hatte schlachten lassen? Aber hatten sie es nicht verdient? Sie hatten ihn an Dawid verraten! Sie verdienten für ihren Verrat einen schändlichen Tod, hingestreckt durch einen Edomiter. Immerhin ein Beschnittener. Sollten sie damit zufrieden sein.

Schaul schickte die Priester unwillig fort. Sichtlich erleichtert verließen sie sein Zelt. Also schickte er eilige Boten aus, einige von den Propheten zu holen. Das Land war voll von Propheten Jahs und ihren Jüngern, seit Schaul auf Geheiß Schmuels die anderen Wahrsager und Totenbeschwörer hatte aus den Städten und Dörfern treiben, töten und verbannen lassen. Es gab sie noch, aber sie getrauten sich nicht mehr, ihre Götter offen anzubeten oder ihre Beschwörungen auszuführen.

Und deshalb wucherten die Prophetenschulen überall im Land. Überall betete man zu Jah, der ihn, Schaul, verlassen hatte. Doch ohne den Gott Israels, ohne seine starke Hand, die die Männer ermutigte und ihnen den Segen für das Schlachten gab, würde kein Krieg zu gewinnen sein.

Also befragte Schaul die Propheten. Sie brachten Opfer, sie beteten, sie mühten sich. Doch wie die Priester schüttelten sie nur den Kopf und Jah schwieg. Bei einigen von ihnen meinte er Unheil und Schrecken auf ihren Gesichtern zu sehen, doch sie sprachen es nicht aus. Hatte ihnen ihr Gott das Schweigen geboten oder hielten sie ebenfalls zu Dawid, wünschten sich sogar, dass die Philister Schaul erschlugen?

Schaul spürte die Glut und Hitze seines Zornes aufsteigen und als er die Propheten hinausgeschickt hatte, die nicht weniger erleichtert waren als die Priester zuvor, war er der Raserei nahe. Er nahm seinem Waffenträger den Speer aus der Hand und rammte ihn in den Boden. Dann funkelte er seinen Sohn an. Ja, du, mein Sohn, du hast mich verraten, wie alle, wie die Priester und Propheten und wie Jah selbst!

Dann wieder setzte er sich und schluchzte auf. Schmuel, ich brauche Schmuel. Er stand auf und ein Einfall, klar wie der erste Morgen nach der Regenzeit, legte sich auf seine Stirn. Jonathan blickte zu seinem Vater hinüber, ernst, treu und doch ein Verräter! Was hast du vor Vater, was sollen wir tun?

Bringt mir einen von den Knechten aus den fremden Völkern, die wir zu Diensten verpflichtet haben. Und die Knechte aus seinem Haus traten vor und warteten auf das, was Schaul ihnen zu sagen hatte.

„Sucht mir eine, die noch die Toten befragen kann! Ich will zu ihr gehen und sie befragen. Denn die Priester und Propheten wissen nichts.“

Jonathan blickte entsetzt drein, doch er sagte nichts. Ein kluger Mann. Denn Schaul würde nicht zögern, auch ihn aufzuspießen, sollte er in dieser Stunde etwas gegen seinen König und Vater sagen. Er hüllte sich in Schweigen und Verachtung für das, was sein Vater tun wollte. Der treue Jonathan. Der Verräter.

Die Knechte blickten einander an und einer sagte: „Schau, ich weiß von einer Frau in En-Dor, nicht weit von hier. Sie hat lange keine Toten mehr befragt, denn du hast es verboten. Doch ich weiß, dass sie es kann.“

„Gebt mir alte Kleider und einen alten Mantel, einen Schal, in dem ich mich verhüllen kann. Ich will zu ihr gehen!“ Schaul nahm zwei Mannen mit, denen es gleich war, ob sie bei einem Propheten oder einer Beschwörerin standen. Jonathan, sein Sohn, blieb zurück. Der treue Jonathan. Seinem Dawid treu und seinem Gott treu. Nur seinen Vater ließ er allein.

Die Nacht war herabgekommen auf beide Kriegslager. Heute würde keine Schlacht mehr geschlagen. Die Philister lagerten schon einige Tage dort und sie schienen untereinander Verhandlungen zu führen, denn die Unruhe in ihrem Lager war keine Unruhe wie vor einer Schlacht, eher die vor Verhandlungen. Die Bewaffneten gingen müßig und das Zelt der Könige war bewacht und geschlossen.

Schaul würde seine eigene Beratung in dieser Nacht durchführen. Er klopfte hart an die Tür der Frau. Eine kleine und ärmliche Hütte. Früher einmal waren diese Frauen angesehen und erlangten mehr Besitz als ihre Männer durch ihre Arbeit. Sie wurden gut entlohnt für ihren Rat und ihre Beschwörungen. Die Frau öffnete unwillig und aus dem Schlaf geweckt. Sie sagte nichts, sondern starrte die drei Männer nur an und wartete, was sie zu sagen hätten.

„Ich will, dass du mir weissagst. Hole mir einen aus dem Scheol, den ich dir nenne, und befrage ihn. Kannst du das?“

Erschrocken blinzelte die Frau aus ihren dunklen Augen und antwortete: „Du weißt, dass Schaul alle Wahrsager und Totenbeschwörer hat töten und vertreiben lassen und es nicht gestattet ist, solche Dinge zu tun. Willst du mich zu Tode bringen, so etwas von mir zu verlangen?“

Schaul sah, dass hier nichts auszurichten wäre, es sei denn, er schwor bei dem Höchsten, was er kannte. „Frau, ich schwöre es dir, bei Jah, dem Lebendigen, selbst! Dich wird keine Schuld und Strafe treffen in dieser Sache!“

Sie winkte die Männer herein. Dunkelheit war über dieser Stunde und was genau geschah, das erfuhr keiner außer den zwei Männern und Schaul selbst. Doch als die Frau ihre Lichter entzündet und ihre unreinen Opfergaben dargebracht hatte, Blut geflossen war und der Raum in der Hütte sich in Finsternis hüllend zusammenzuziehen schien, da zeigte Wirkung, was die Frau tat, doch nicht so, wie sie es wollte.

„Wen soll ich rufen?“, fragte sie.

Und kaum hatte Schaul es ausgesprochen, da erschien ein gleißendes Licht. „Schmuel. Hole mir Schmuel herauf!“ Und Schmuel erschien. Er stand dort im Raum. Greifbar und wie lebendig atmend. Die Frau schrie auf vor Entsetzen, denn sie hatte noch nicht einmal gerufen, wen sie rufen sollte.

Sie und Schaul beschattete das Entsetzen und die Erkenntnis. Es war wahrhaft Schmuel, der vor ihnen stand. Und es war nicht die Frau, die ihn gerufen hatte.

„Du bist es! Du bist Schaul! Wer sonst sollte Schmuel rufen wollen?“, schrie das Weib.

„Fürchte nichts! Sage mir nur, was du siehst und hörst!“ Denn Schaul traute seinen Augen nicht.

„Ein Geist steigt herauf, ein alter Mann und er ist in eines jener Obergewänder gehüllt, wie eure Priester.“

Schaul fiel zur Erde, mit dem Gesicht auf den Boden. Er brauchte nicht die Frau, um zu sehen und zu hören. Denn Schmuel sprach zu ihm, ein allerletztes Mal.

„Was störst du meine Ruhe bis zum Ende der Weltzeit? Was lässt du mich aus dem Scheol heraufkommen?“

„Schmuel! Ich bin in Bedrängnis! Die Philister sind gegen mich gezogen. Gott ist von mir gegangen und er redet nicht zu mir, weder im Traum noch durch Priester und Propheten. Darum ließ ich dich rufen. Dass du mir sagst, was ich tun soll.“

„Warum befragst du mich aus den Toten, wenn doch Gott selbst dir keine Antwort gibt? Ich redete zu dir, was der Herr dir tun wird, dass er von dir geht. Und so ist es dir geschehen. Du weißt es. Das Königtum ist nicht mehr in deiner Hand, es gehört Dawid. Du hast nicht ausgeführt, was der Herr von dir verlangte, als du gegen Amalek ziehen solltest. Dawid hingegen ist gegen Amalek gezogen, obwohl er noch nicht die Königsherrschaft hat. Morgen, Schaul, wird der Herr dich und deine Söhne in die Hand der Philister geben und ganz Israel mit euch. Morgen schon werdet ihr bei mir sein im Scheol!“

Schaul fiel vollends zu Boden. Finsternis und Todesfurcht überfielen ihn und alle Kraft war aus seinen Gliedern gewichen. Nur mühsam ließ er sich von der Frau aufrichten und sich zureden. Sie hieß ihn essen, denn eine solche Nacht forderte die ganze Kraft. Die Frau richtete Schaul und seinen Männern ein Mahl zu aus Brot und Fleisch. Denn du musst deinen Weg gehen, sagte sie.

Und Schaul ging seinen Weg. Verfinstert im Gemüt und dem Tode geweiht. Die Frau würde nie wieder einen Toten heraufholen und befragen.