Joab – Kapitel 19 – Stille über Ziklag

Joab

Stille über Ziklag

Stille schwebte über den geschliffenen Mauern und  eingestürzten Dächern von Ziklag. Kein Vogel rief. Nur ein verletztes Schaf blökte entfernt und in Schmerzen. Ein losgelassener Esel lahmte an den Augen Joabs vorbei. Über den Stummeln der verkohlten Begrenzungsmauern stieg letzter Rauch auf. Einige Steine waren noch heiß, als Joab seine Hand darauf legte, während die Mannen Dawids fassungslos auf die Wege zwischen den verbrannten Hütten und Häusern rannten. Auf den Pfaden sammelte sich kein Blut in Rillen und Senken, wie es sonst war, wenn eine Stadt vernichtet wurde. Kein Geruch verbrannten Fleisches stieg in Joabs Nase. Da erst begriffen Dawid und Joab und die anderen, was geschehen sein musste.

Man hatte sich für eine wichtige Schlacht gerüstet und war mit allen Sechs Hundert ausgezogen, ehe man als Bundesgenosse beleidigt und zurückgewiesen worden war. Eine Streifschar der Amalekiter hatte ringsum Verwüstungen hinterlassen und Ziklag ohne Bemannung gefunden. Sie wussten, dass aus Ziklag der kam, der ihre Dörfer stürmte und ihr Volk tötete. Sie waren geschwächt, ihnen fehlten Frauen und Kinder und man beschloss, es Dawid nicht gleich zu tun und den Todes-Bann auf seine Stadt zu legen, sondern ihm und seinen Mannen die Frauen und Kinder für sich selbst zu rauben, um den eigenen Stamm wieder zu stärken. Dies würde den Mann Dawid ungleich mehr schwächen und demütigen als eine offene Schlacht, die man nicht eingehen wollte und konnte. Ohnehin schlugen die feigen Amalekiter bevorzugt aus dem Hinterhalt zu.

In Joab stieg Zorn auf. Auch er hatte hier seine Frau und die Kinder wohnen lassen. Er hätte nicht erwartet, dass ihn der Schmerz über den Verlust so hart treffen würde. Als er zu seinem Onkel hinübersah, begriff er, dass dessen Schmerz ungleich viel größer und heftiger war. Joab wusste, dass einem Frau und Sohn und Leib und Leben genommen werden konnten, wenn man mit dem Schwert andere Frauen und Söhne und Männer schlug. Doch selbst er, der harte Sohn Zerujas, fiel auf sein Gesicht und die Knie und weinte wie alle anderen.

Die Männer warfen ihre Waffen von sich, setzten sich auf die verbrannte Erde, warfen sich mit beiden Händen den Staub und die Asche auf den Scheitel und hörten nicht auf zu klagen. Joab aber wusste, dass das Klagen irgendwann ein Ende nehmen musste und dass er seinen Onkel darin zu bestärken hatte, mannhaft zu sein, wenn die Zeit gekommen wäre. Wie viel Zeit dann letztlioch vergangen war, wusste Joab nicht zu sagen, doch die Sonne Jeschuruns sank bereits dem Horizont entgegen, rot und blutig über dem verbrannten und geschundenen Ziklag, als eine zweite Stille sich herabsenkte. Diese Stille war nicht gut, denn aus Trauer und Klage wurden Zorn und Groll geboren. Wer mit seinem Schwert Blut verursachte, der würde selbst vom Groll übermannt werden, wenn ihn das Unglück traf.

Dawid saß noch benommen und weinte um seine Frauen, Ahinoam und Abigajil, als die Anführer der Hundert und der Fünfzig zu ihm traten und sich vor im aufstellten.

Joab erhob sich und trat hinter seinen Onkel. Er bedeutete seinen Brüdern, das Gleiche zu tun. Sie mussten bereit sein, zuzuschlagen, denn das Licht auf den Gesichtern der Mannen Dawids war finster. Hinter ihnen sammelten sich alle entehrten Männer Judas, langsam und trunken noch vom Weinen, bevor sie einen neuen Trank genossen, nämlich den des Zornes.

Einer rief: „Er hat uns zu den Philistern geführt, die wir hätten erschlagen müssen. Unser Gott hasst sie, so sollten auch wir tun!“ Ein anderer fiel ein: „Darum hat sich unser Gott gegen uns gekehrt und uns die Söhne und Töchter weggenommen!“ Und endlich sprach einer der Heerführer es aus: „Es ist deine Schuld, Dawid, du Mann Judas, dass uns dies widerfahren ist.“ Von weit hinten rief sogar einer: „Er sollte dafür den Tod schmecken!“ Bitterkeit und Hass stiegen über dem Rauch der Ruinen auf und legten sich auf Dawids Geist. Einer raunte dem anderen zu und Joab vernahm, wie sie forderten, Dawid zu steinigen, auf dass ihnen Gott dann wieder gnädig sein würde, hätten sie den Schuldigen beseitigt.

Doch keiner getraute sich, wirklich Hand an ihn zu legen. Noch nicht. Joab blieb auf der Hut. Aber dann erwies sich sein Onkel abermals als weise und geschickt.

„Männer, auch ich habe meine Frauen und Kinder verloren! – Abjatar, tritt hierher! Du bist der Priester des Herrn, unseres Gottes! Frage doch, wen die Schuld trifft. Frage doch, ob wir Amalek einholen, wenn wir ihnen jetzt nachsetzen!“ Das brachte die Männer zum Schweigen. Dawid wies die Schuld nicht von sich, sondern wollte das Schwert ergreifen und Amalek erschlagen, sich zurücknehmen, was ihm geraubt war. Kein Platz für Klage und Weinen mehr. Er war ein König, daran bestand kein Zweifel. „Abjatar! Bring das Efod! Ich will den Herrn befragen!“

Und Abjatar brachte das Efod hervor, das er sorgfältig verwahrte. Was sollte er den Herrn fragen?

„Frage Gott, den Herrn: Soll ich der Streifschar der Amalekiter nachjagen? Werde ich sie einholen?“

Abjatar legte die Urim und Thummim aus, vor den Augen der Heerführer und der Mannen Dawids. Abjatar war klug und beantwortete gleich jene Frage, die keiner stellte, ob sie siegreich sein würden. „Jage ihnen nach! Du wirst sie erreichen und alle Gefangenen mit Gewissheit befreien!“

Joab fasste sein Schwert und lächelte. Dafür war er geboren, um die Schlacht seines Königs zu schlagen. Hatten sie nicht mit den Philistern gegen Schaul ziehen können, so würden sie nun aber über den feigen Amalek kommen, jene Schlacht schlagen, die eigentlich Schaul hätte schlagen müssen. Vor Jahren schon.