Joab
Davids Hand über Amalek
Zwei Hundert blieben zurück beim Einschnitt Besor. Sie konnten ihn nicht mehr überqueren. Zu lange waren sie umhergewandert. Mit den Philistern nach Jesreel, zurück nach Ziklag zu einem Tag des Weinens und nun wieder ein hitziges Jagen und Rennen in vollen Waffen. Das Eisen der Unbeschnittenen wog schwerer als die leichten Waffen, die sie vorher gewohnt waren. Einige waren zu alt, um in der Geschwindigkeit Davids zu jagen, andere zu jung, um schon die volle Manneskraft erreicht zu haben.
David entschied, nur die Vier Hundert weiter mit sich zu nehmen. Vier Hundert, mit denen sie schon in den Höhlen umhergezogen waren. Eine erprobte Waffe aus Männerfleisch, die ihr Ziel nicht verfehlen würde. Ein Zug aus Männern, der drei Tage und Nächte laufen konnte und dennoch sank ihnen der Blutdurst nicht.
Nachdem sie die Grenze im Süden überschritten hatten und sich nun auf den Gebieten Amaleks bewegten, wurde ihr Lauf im freien Feld schneller und hektischer. Vergessen war der Zorn gegen David, der letzte Schmerz in den Gliedern vorbei, vor dem Auge lag bereits die Spur des Feindes. Joab erspähte in der Ferne ein dunkles Bündel unter einem Strauch und er schickte eine Hand voll junger Männer voraus, um zu sehen, was das wäre. Der Heerzug hielt an, als sie dem Dawid einen fiebernden und ausgehungerten Mann vor die Füße warfen.
Dawid winkte denen, die die Vorräte mit sich führten und hieß sie, dem Mann Wasser einzuflößen. Als er erwachte, griff er gierig nach dem dargereichten Brot und dem Wasserschlauch, ohne sich um die vielen Augen zu scheren, die auf ihm ruhten und ohne danach zu fragen, ob er Freund oder Feind vor sich hatte.
Dawid beugte sich zu dem schwer atmenden und vom Fieber gezeichneten Mann hinunter. „Wem bist du zu Eigen? Du gehörst jemandem, oder nicht? Wo kommst du her?“
Die Art und Kleidung des Mannes sprach eine deutliche Sprache. Er war weder ein reicher Mann, noch ein verirrter Hirte, noch ein erfahrener Krieger. Er war einfach und sah fremd aus, er war weder von den Unbeschnittenen noch von den Völkern bei Edom oder aus dem Negev.
Nun erst blickte der Ausgehungerte ängstlich in das lieblich-freundliche Gesicht von Ruths Enkel. Zweifellos sprach er die Wahrheit und er begriff, dass er sich zu niemandem dazu zählen durfte, wollte er weiter leben. Also antwortete er klug. „Aus Ägypten komme ich. Ein Sklave eines Amalekiters bin ich. Mein Herr hat mich hier liegen lassen, als ich erkrankte. Drei Tage liege ich nun hier, bis ihr mich gefunden habt. Wir waren im Südland Judas, bei Kaleb haben wir geraubt und geplündert und danach trafen wir auf Ziklag und haben es niedergebrannt, alle mit uns geführt, die darin waren.“
Joab nickte zufrieden. Ein ausgehungerter Sklave, den man zum Sterben in der Wüste gelassen hatte, konnte eine glückliche Hilfe sein. „Wirst du mich zu Amalek führen?“, fragte Dawid unvermittelt.
Der Mann wusste längst, dass es die Herren Ziklags waren, die ihn hier aufgelesen hatten. Es war klug gewesen, Ziklag besonders zu nennen und zu berichten, was sie dort getan hatten. Es war ein unausgesprochenes Angebot, seine Herren, die ihn hier zum Sterben zurückgelassen hatten, zu verraten. „Schwöre mir!“, so sprach der Ägypter. „Schwöre mir bei dem Höchsten Gott, dass du mich nicht töten wirst, nachdem du mich hier gefunden hast. Und schwöre mir, dass du mich nicht an meinen Herrn auslieferst! Dann will ich dir gern zeigen, wo Amalek lagert.“
Dawid schwor es ihm und er nahm den Ägypter als seinen eigenen Knecht auf. Er kannte die Wege der Amalekiter und führte die Mannen Dawids Zuverlässig an ihren Ort, wo sie sich aufhielten. Über die Felsen blickten sie hinab auf das Lager, das wie Heuschrecken auf das Land gefallen war und sich satt fraß an der mitgeführten Beute aus Kalebs Haus und aus Ziklag. Der Lärm ihres Essens und Trinkens und Tanzens drang hinauf bis zu den schweigenden Vierhundert. Sie waren betrunken und unachtsam. Sie rechneten nicht damit, dass Dawids müde Schar sie innerhalb so weniger Tage einholen würde. Dawids Hand und seine Waffe von Vier Hundert beraubten Mannen kamen über die Amalekiter, die betrunken und müde lagerten, schon am frühen Morgen. Die Männer Judas waren warm gelaufen und wach, zornig und willens, sich ihren Teil zurückzuholen.
Als der Abend des kommenden Tages über dem Lager hereinbrach, hetzten über den Boden der südlichen Wüste noch vierhundert Amalekiter auf ihren Kamelen davon. Das Übrige lag tot und verwüstet zu den Füßen Dawids. Blutig und weinend umarmten die Männer ihre Frauen, ihre Söhne und Töchter.
Selbst Joab löste die Fesseln seiner Frau und seiner beiden Söhne und drückte sie schweigend an sich. Die Jungen sahen auf zu ihrem grimmigen und blutenden Vater und sie wussten, sie durften keine Fragen stellen. Wie alle anderen nahmen sie die Lasttiere, Esel und Kamele, und führten alle Beute, die die Amalekiter aus Philisterland und Judäerland geraubt hatten, mit sich. Ziklag würde reicher sein denn je. Niemand würde die Beute von Dawid zurückfordern, der sie mit Blut und Schweiß bezahlt hatte.
Wie glücklich die müden Männer waren, als sie die Rinder und Schafe vor sich her trieben! Sie kamen zurück zu den Zwei Hundert jenseits des Besor und riefen: „Das alles ist die Beute Dawids!“ Noch getrauten sie sich nicht, ihn ihren König zu nennen, doch Joab spürte, dass es den Männern auf den Lippen brannte.
Freundlich begrüßte Dawid seine Zwei Hundert Mannen am Besor und er winkte die Frauen und Kinder heran und die Lasttiere, die sie führten. Er wollte sie beschenken, seine Männer, seine Treuen, zu denen er siegreich zurückgekehrt war. Da riefen von hinten einige andere Männer: „Nein! Lasst sie ihre Frauen und Kinder nehmen und gehen. Das muss genügen! Wir sind mit dir gezogen und haben gekämpft. Dir und uns steht die Beute zu, nicht diesen Feiglingen!“
Joab legte wieder seine Hand an das Schwert, bereit seinen Herrn und Onkel zu verteidigen. Er wurde nie des Krieges müde und wusste selbst nicht, warum es so war. Doch Dawid legte ihm jetzt beschwichtigend die ruhige Hand auf den Arm und wandte sich an seine Mannen. „So soll es nicht sein! Der Herr selbst hat uns die Kinder und die Frauen zurückgegeben und all diese Beute in die Hand gelegt. Macht es nicht so mit euren Brüdern! Seht doch! Nicht einer unter euch ist zu Schaden gekommen, nicht einen Mann, nicht ein Weib, nicht ein Kindlein haben wir verloren! Keiner wird auf eure Stimme hören, heute an diesem Freudentag! Von jetzt an soll es so sein: Der gleiche Teil für den, der kämpft wie für den, der beim Lager bleibt!“
Keiner murrte, keine Stimme erhob sich mehr gegen den Sohn Isais. Dawid zog zurück nach Ziklag und jeder wusste: Dies ist nicht mehr nur ein großer Mann in Israel, dies ist unser König und er darf über die Beute verfügen, wie es ihm gefällt, denn er ist es, der uns zum Sieg geführt hat.
In Ziklag ließ Dawid Männer zu sich rufen, denen er vertraute. Er schickte sie als Boten in ganz Juda aus. Er wusste, dass sie unbehelligt durch das Land ziehen würden, da Schaul und sein Heer immer noch gegen die Philister standen. Einem jeden Boten gab er von der Beute und er schickte sie zu den Familienhäuptern in Juda, zu jenen Männern, die ihm Vorräte gegeben hatten, die ihn verborgen hatten, die ihn nicht verraten hatten und in deren Gebieten er sich unbehelligt aufgehalten hatte.
Joab ahnte ebenso wie Dawid, dass es Schauls letzte Schlacht sein würde. Juda gehörte bereits jetzt Dawid. Sein Onkel ließ also die Geschenke überbringen und die Boten berichteten von seinem Sieg über Amalek, während Schaul eine Niederlage gegen die fünf Philisterkönige bevorstand. Als die Fürsten Judas wohlwollend die Geschenke Dawids entgegennahmen, floh das Heer Israels aus der Ebene Jesreel hinauf in die Berge Gilboas. So wie Dawid sich vor Schaul hatte in den Bergen verstecken müssen, musste Schaul nun vor den Philistern in die Hügel und Berge Gilboas hinaufziehen.

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