Joab
Zwischenstück – Der Morgen über Gilboa
Die Philister hatten Wohnung genommen in der Ebene Jesreel und jenseits davon. Israel brach eilends auf wie einst in Ägypten und sie zogen sich zurück in die Gebiete der anderen Stämme Israels oder flohen in den Süden, wo David siegreich gegen die Amalekiter gewesen war. Wo auch immer sie sich Sicherheit versprachen, da zogen sie hin, denn Philisterland war größer geworden, Schauls Drei Tausend waren völlig zerschlagen und an den Felsen aufgerieben.
Über den sanften Berghängen und den Schluchten Gilboas, nördlich der eroberten Ebene Jesreel, dämmerte der Morgen mit einem allzu süßen Dunst. Nur der Vogelruf war hier und dort zu vernehmen, denn die Vögel sammelten sich und sie würden auch bald das andere Getier, das nach Aas, nach gefallenem und faulem Fleisch hungerte, nach sich ziehen.
Sonst war nur Stille und der Geruch von durchbohrten und zerschnittenen Männerleibern. Hier und da auch ein Unbeschnittener, doch überall lagen die Söhne Israels, Schauls Heerzug der Drei Tausend, als toter Same ausgestreut über die Berge.
Auf einem Felsvorsprung, umringt von den kräftigsten der Erschlagenen, lag einer, dessen Körperlänge ungleich größer war als die der anderen Israeliten. Er lag zusammengekrümmt in der schartigen Klinge, über seinem Leib der Leib des Waffenträgers in derselben Klinge. Doch der Sturz in das Schwert war nicht die tödlichste der Wunden, jemand hatte ihn noch einmal durchbohrt, um ihm den Rest des Lebens zu nehmen.
Etwas weiter lagen die Leiber dreier Männer, die dem ins Schwert gesunkenen, großen Mann ähnelten. Einer stattlicher als der andere, doch allesamt getroffen durch Pfeil und Schwert. Die drei Söhne waren mit ihrem Vater gefallen, die Stärke eines ganzen Hauses in Israel an einem Schlachttag ausgelöscht. Schaul, Jonathan, Abinanab und Malkischua waren tot. Das Geschenk des Höchsten Gottes lag erschlagen, die Großmütigkeit Schauls war durchbohrt, die Hilfe des Königs zerschnitten.
Eine Streifschar der Unbeschnittenen trat mit den Füßen nach den Leichen, wendete sie um und nahm an sich, was man gebrauchen konnte. Leder und Waffen und was sich unter dem Staub und Blut noch finden ließ. Schaul fand keine Ruhe, denn der gefallene König Israels war selbst im Tode deutlich zu erkennen. Irgendein diebischer Hund hatte den König bereits um sein letztes Hab und Gut erleichtert, er trug keinen Schmuck mehr und nichts auf dem Haupt, nur die Kleidung war ihm geblieben und seine Waffen.
Den Philistern war es gleich. Sie zuckten mit den Schultern und waren zufrieden, lag doch ihr ärgster Feind vor ihnen am Boden. Sie zogen den Waffenträger aus der Klinge und warfen ihn achtlos beiseite. Sollten sich die Hirten der Israeliten, die ständig diese Berge durchstreiften, doch um die Leichen ihres Volkes kümmern. Sie hatten Schaul und sie hatten das Schwert Schauls, das genügte als Beweis des Sieges.
Einer der Hauptmänner schlug dem König den Kopf ab. Nun war er nicht mehr größer als alle anderen. Man lachte und warf sich die Leiche und die Leichen seiner Söhne über die Schultern, zerrte den Kopf des Schaul an den Haaren und dem Bart. In Bet Schean, in der Ebene, hatten die Philister ihr Hauptlager und mit Seilen zogen sie die entehrten Leichname die Stadtmauer hinauf, dass jeder von Weitem sehen konnte, wer dort hing. Mit Pflöcken und Nägeln befestigten sie die Leiber und den abgeschlagenen Kopf. Die Waffen schickten sie unter sich hin und her als Dankesgabe an ihre Götter, bis jedem bekannt war: Der König der Israeliten ist gefallen! Morgen schon werden wir vielleicht in ihren Häusern wohnen und ihre Felder besitzen!
Doch als die Nacht gnädig den geschundenen Leib des Königs bedeckte und die Philister siegestrunken feierten, nahmen mutige Männer aus Jabesch ihn von der Mauer. Ebenso hatten sie die Söhne Schauls aufgelesen. Unter einem Baum in der Nähe Jabeschs, weit genug fort von der Grenze, die die Philister nun gezogen hatten, begruben sie die edlen Krieger.
Schaul war ein gefallener König, gefallen im Leben und im Sterben. Doch er war Israels erster König und er hatte sie vor den Philistern geschützt so gut er konnte. Die Bewohner der Stadt Jabesch hatten auch nicht vergessen, wie eilig Schaul einst von Besek aus zu ihnen gekommen war, um sie vor einem Einfall der Ammoniter zu bewahren, noch bevor er überhaupt zum König über Israel bestimmt wurde. Was jedoch viel schwerer wog: Er blieb ein Sohn Israels und durfte nicht den Unbeschnittenen überlassen werden.

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