Joab
Der Bote
Jonathans Nachrichten von der bevorstehenden Schlacht mit den Philistern waren die letzten gewesen, die Dawid und seine Mannen in Ziklag erreichten. Die Männer blieben am ersten Tag in Ziklag bei ihren Frauen und Familien und erholten sich von der Schlacht und dem tagelangen Jagen. Am zweiten Tag begannen einige bereits damit, ihre Häuser wieder aufzubauen, Asche und zerborstene Ziegel zu entfernen.
Dawid wartete unruhig auf einen Sendboten von Jonathan, der ihm berichten mochte, wie es um das Heer Israels stand. Doch auch der zweite Tag neigte sich gegen den Abend und der dritte Tag hatte ohne Nachricht begonnen. Joab beobachtete seinen Onkel aufmerksam, wie er mit finsterem Gesicht auf Nachrichten von seinem geliebten Freund wartete. Auch er selbst fuhr sich leicht beunruhigt mit der Hand durch das Gesicht und wechselte Blicke mit seinen Brüdern Abischai und Asaël. Es stand nicht gut um die Stämme Jakobs im Westen und im Norden, das wussten sie.
Schaul war durch das Jagen nach seinem Schwiegersohn nachlässig geworden und immer öfter waren streunende Philisterbanden eingefallen, hatten gespäht und geplündert. Sie konnten sich ruhig sammeln, während sie Dawid und Juda mieden. Zu nahe war dem ehemaligen Inselvolk die Erinnerung an den schweren Fall Goliaths und das Lied über Dawids Zehn Tausend. Sie spürten noch den Schmerz des Verlustes von 100 Vorhäuten, die er einst für Michal als blutiges Brautgeld von den erschlagenen Unbeschnittenen genommen hatte. Doch würde Israel in der Schlacht erliegen, dann wäre es nur eine kurze Zeit, bis sie ihren Sinn nach Rache auf Dawid und Juda richten würden.
Joab sah auf zum Himmel über Ziklag. Kurz nur war er bei seiner Frau gewesen. Sein Onkel brauchte ihn jetzt umso mehr. Er spürte, dass der Kampf und das Männerschlachten ein Leben lang auf Dawids Schultern lasten würden, auf den Schultern eines Mannes, der mutig war, aber nicht kühl genug, immer zuzuschlagen. Joab hingegen schien geboren für den Krieg und das Übermannen Amaleks legte sich wie Balsam auf seine Wunden und sein Gemüt, als er mit den anderen Heerführern und Dawid im Tor von Ziklag stand.
Von Norden her bewegte sich eine Gestalt, aus der Richtung, aus der sie alle Botschaft ersehnten. Der Mann kam schnell näher. Ein Israelit? Er sah nicht danach aus, obwohl er aus der erwarteten Richtung heraneilte. Die Botschaft würde übel sein, denn das Kleid des Mannes war über der Brust zerrissen, das Haar auf dem unbedeckten Haupt verworren und verdreckt von aufgeworfener Erde. Eine Botschaft des Klagens und des Verlustes würde es sein. Die Schlacht war verloren, ohne Zweifel.
Dennoch erwarteten sie ruhig das Ankommen des Boten. Dawid trat hervor, seine treuen Mannen und Joab dicht hinter ihm. Der zerschundene Mann warf seinen abgelaufenen Leib vor Dawid auf die Erde, schüttete erneut Hände voll Staub auf sein Haupt und blieb vor dem Sohn Isais auf den Knien.
Joab runzelte die Stirn. Was wollte der hier, dass er vor Dawid so bereitwillig auf die Erde fiel? Jonathans Boten hatten dies nie getan, sie waren Boten von Freund zu Freund. Auch Dawid zögerte, gleich nach der Schlacht in Jesreel zu fragen. Stattdessen befragte er argwöhnisch den Boten „Wo kommst du her?“
Der Bote antwortete bereitwillig. „Ich komme aus dem Heer des Schaul, aus dem Heer Israels.“
Joab nickte. Irgendetwas jedoch stimmte an diesem Mann nicht. Er war allzu bereitwillig, allzu eifrig.
„Wie steht es in dieser Sache? Berichte mir!“, forderte Dawid mit der lauernden Lieblichkeit Ruths auf dem Angesicht.
„Aus der Ebene Jesreel, aus dem Kampf, ist das ganze Volk geflohen. In Gilboa sind viele gefallen und in den Bergen umgekommen. Schaul und sein Sohn Jonathan sind tot.“
Joab glaubte Dawid schwanken zu sehen. Jonathan, der Geliebte, er war tot. Doch Dawid blieb vorerst unbewegt, auch er spürte, dass an dieser Sache noch mehr zu hören war. Noch leiser fragte er weiter, mit unbewegter Miene. „Sprich. Wie konntest du erfahren, dass Schaul und Jonathan tot sind?“
Der Mann sah auf und berichtete weiter. „Nur zufällig geriet ich in die Berge Gilboas, mein Weg führte mich dorthin.“
Joab wechselte einen Blick mit den Brüdern. Zufällig also war dieser hier auf das Schlachtfeld geraten. Er war gar nicht unter den Kämpfenden gewesen, sondern hinterher dorthin geschlichen, neugierig und darauf aus, seinen Teil zu finden.
Doch unbeirrt plauderte der junge Mann weiter. „Schaul lehnte noch auf seinem Speer. Wagen und Reiter der Philister waren ihm gefolgt und hatten es geschafft, ihn auf einem Felsen zu erreichen. Er wandte sich um zu mir und entdeckte mich. Er rief mich heran. Hier bin ich, sagte ich zu Schaul und ging heran an ihn. Er fragte mich, wer ich sei. Ich antwortete dem König: ich gehöre nicht zu Israel, ein Amalekiter bin ich, nur zufällig hier. Schaul forderte mich auf: tritt zu mir und töte mich! Du siehst, ich bin schon schwach, dem Tode nahe, doch das Leben will nicht aus mir weichen. Ich trat zu Schaul und tat, wie er mir befahl, denn ich sah, er war schon auf sein Schwert gefallen und er würde nicht am Leben bleiben. Ich nahm ihm das Königsdiadem vom Kopf und die Armspangen nahm ich ihm ab, um sie hierher, zu dir, meinem Herrn zu bringen.“
Mit diesen Worten zog der Amalekiter den Kopfschmuck und den Armschmuck Schauls, den Dawid und die Seinen noch zu gut kannten, aus seinem Mantel hervor und reichte sie Dawid. Jetzt erst schrie Dawid auf. Er griff sich an die Brust und zerriss sein Obergewand. Er weinte bittere Tränen. All die Männer im Tor begriffen nun, dass es um Schaul und um Israel geschehen war. Sie alle zerrissen ihre Kleider, warfen sich auf den Boden und streuten sich schreiend und klagend den Staub der Erde auf das Haar.
Auch Joab begann zu zittern und zu beben. Wütend und bitter über Israels Fall. Auch er zerriss sein Kleid und weinte. Es ging ihm tiefer an das Herz als er für möglich gehalten hatte. Es waren seine Brüder, die dort gefallen waren. Kein Unbeschnittener durfte Hand an das Volk des Höchsten Gottes legen!
Der Amalekiter hatte zwar damit gerechnet, Trauer über Israels Fall zu sehen, doch die Wucht des Klagens irritierte ihn sichtlich. Und zum ersten Mal ahnte er, dass es vielleicht kein kluger Gedanke gewesen war, Dawid die Botschaft über Schauls Tod zu überbringen. War Schaul nicht sein Feind? War Jonathan nicht der Erbe dieses Feindes? War es für Dawid nicht ein Sieg und eine Genugtuung, dass nun der Weg zu seiner eigenen Größe frei war?
Dawid richtete sich wieder auf und ging auf den jungen Boten zu. „Woher genau kommt du?“ Die Lieblichkeit Ruths war gänzlich geschwunden.
Zögernd antwortete der Befragte. „Ich bin der Sohn einer Israelitin und eines amalekitischen Vaters.“
„Wie hast du es wagen können, ein Amalekiter, der du bist, deine Hand auszustrecken und den vom Herrn, dem Höchsten Gott, geweihten und gesalbten König zu töten?“
Dawid wandte sich um. Er winkte den Asaël heran, ebenso blutjung wie dieser Amalekiter, doch so hart und kühl wie seine älteren Brüder. „Komm her! Stich ihn nieder!“
Asaël zögerte keinen Augenblick. Bevor der Amalekiter noch ein Wort sagen konnte, erstarben seine unverständigen, vor Schreck geweiteten Augen. Durchbohrt sank er nieder, ganz genau wie Schaul und seine Söhne.
Dawid beugte sich traurig über den toten Leib und sagte: „Die Schuld an deinem Blut liegt auf dir, denn du hast gegen dich selbst gezeugt, als du gesagt hast: ich habe den König des Herrn erschlagen.“
Niemand durfte ungestraft den Gesalbten des Herrn erschlagen. Nicht die Philister und nicht ein Amalekiter, nicht einmal ein Israelit. Dawid hatte nie gewagt, Schaul zu beseitigen oder ihn beseitigen zu lassen, nie hätte er so etwas an seinem Schwiegervater getan. Joab verstand, dass er diesen Boten nicht leben lassen konnte und er war stolz auf seinen jüngsten bruder, der mannhaft und grimmig den Befehl des Königs ausgeführt hatte. Es brauchte einen harten Sinn, um einen Mann ohne Zögern außerhalb einer Schlacht zu töten.
Die Männer zogen sich aus dem Tor ins Innere von Ziklag zurück. Von überall hörte man Schluchzen und Klagen, wimmernde Gebete an Jah, der Sein Volk retten und schützen solle. Niemand rührte eine Speise an. In der Mitte von Ziklag saß Dawid mit seinen engsten Vertrauten. Joab lauschte dem Saitenspiel seines Onkels. Klagend und kräftig zitterte die Melodie über den Köpfen der müden und hungrigen Männer in der Halle. Das Feuer war beinahe schon heruntergebrannt und Joab sah im Schatten des sich neigenden Tages im Inneren dieser Mauern gerade noch die Tränen, die dem Sohn Isais über die Wangen liefen, während er zum ersten Mal das Lied Jonathans und Schauls sang.
Joab erschauerte, als er dem Gesang lauschte. Er wusste, dass Dawids Herz an seinem Freund gehangen hatte, doch zum ersten Mal spürte er deutlich, dass das Herz seines Onkels in gefährlicher Weise lieben und auch verdammen konnte. Er hoffte, diesen Mann niemals enttäuschen zu müssen. Noch nie hatte er sich ihm so fern gefühlt. Fröstelnd und ärgerlich ob seiner Regungen erhob er sich und setzte sich ein Stück weiter zu Abischai und Asaël. Hier gehörte er hin, zu den Söhnen der Zeruja. Dennoch drangen Dawids Worte deutlich zu ihm hinüber.
„Zierde Israels, wie liegst du nun erschlagen,
Auf den Hügeln, wehe! , hingestreut deine Helden!
Machet keine Meldung in Gat!
Keine Kunde in Aschkelons Wegen!
Dass nicht freudetaumeln Philistertöchter,
Dass nicht jubelschrein die Vorhauttöchter.
Berghänge Gilboas,
niemals wieder falle Regen
niemals der Tau auf euch herab,
ihr Todschattenberge
Der Schild der Helden ist beschmutzt,
Von Blut und Fett der Erschlagenen.
Jonathans Bogen wich niemals zurück,
Schauls Schwert war nie ohne Beute.
Schaul und Jonathan,
die Vielgeliebten, die Verehrten,
weder im Leben noch im Tod getrennt.
So flink wie des Adlers Flug,
so stark wie des Löwen Lauf.
Ihr Töchter aus Israel,
so klagt und weint und schreit um Schaul,
der euch rotleuchtend und prachtvoll kleidete,
der euch Geschmeide und Schmuck anlegte.
In heftigem Kampf sind die Helden erschlagen.
Jonathan, weh! ,
auf der Höhe liegst du durchstochen!
Mein Bruder Jonathan,
Weh und wund bin ich um dich!
Wie teuer und lieb warst du mir,
wunderbarer als die Liebe einer Frau,
war mir deine Liebe,
mein Bruder Jonathan!
Gefallen sind die Gottesstreiter,
Geraubt ist Waffe und Schmuck!“

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