Joab – Kapitel 23 – Könige

Joab

Könige

Abjatar hatte die Urim und Thummim befragt und der Herr antwortete, wie Joab es gedacht hatte. David konnte nun ungehindert mitten durch Juda ziehen, durch die Gebiete der Männer, denen er die Beute der Amalekiter geschickt hatte. Er war siegreich gewesen, während Schaul nun begraben lag und das Blut der Israeliten an den Hängen Gilboas trocknete.

Dawid zog wieder zurück nach Hebron, wo er sich schon einmal kurze Zeit aufgehalten hatte. Hier nahm er mit seinen beiden Frauen und den engsten Vertrauten mitten in der Stadt Wohnung. Die Söhne Zerujas, einige von Dawids älteren Brüdern und eine Hand voll der erfahrensten Kämpfer aus den vergangenen Jahren in der Wüste und unter den Philistern lagerten bei Dawid in der Halle.

Joab wich seinem Onkel kaum mehr von der Seite, seit sie gehört hatten, was Abner, der Heeroberste Schauls, der im Kampf nicht gefallen war, getan hatte. Er war zurückgezogen in den Stamm Benjamin und hatte dem verbliebenen Sohn des gefallenen Königs die Nachricht vom toten Vater überbracht. Isch-Boschet war nicht geschickt zum Krieg und nicht geschickt zum Regieren. Er beackerte die Felder Benjamins und zog seine eigenen Söhne groß. Er war Vierzig Jahre alt und hatte noch nie etwas anderes in Israel bewegt als einen Pflug vor sich her.

Abner hingegen war beides, ein Kriegsmann und mit Macht in Arm und Auge ausgestattet. Israel musste stark sein, sollte es nicht ganz von den Unbeschnittenen überrannt und besetzt werden. Er zog mit Isch-Boschet fort nach Ramot-Gilead und bei Mahanajim ließ er ihn zum Nachfolger seines Vaters und zum König ausrufen und salben, von der Ebene Jesreel aus, in der die Philister lagerten, über Benjamin und alle Stämme Israels hinweg. Ausgenommen Juda, denn auch Abner wusste, dass die Judäer für Schauls Königtum längst verloren waren.

Die Wahl des Ortes Mahanajim für Isch-Boschet, um sich als König über Israel einsetzen zu lassen, war gut getroffen. War es nicht jener Ort, an dem Jakob einst träumte und den Himmel offen sah? Jener Ort, an dem Jakob, dem Vater aller Stämme Israels, der Herr erschienen war? Und hier nun sollte Isch-Boschets Königtum von Jah selbst bestätigt werden.

Dawid ließ sich nicht beirren, denn in seiner Halle in Hebron standen nun die Ältesten der Familien Judas vor ihm. Jene Männer, durch deren Gebiete er gezogen war, deren Vieh er vor Philistern und Amalekitern geschützt hatte. Jene Männer, die er großzügig beschenkt hatte. Sie waren Zeugen, als Abjatar das heilige Salböl noch einmal über Dawids Haupt goss und ihn so zum König machte. König über Juda.

Und so wie Abner der Oberste über Israels Heer war, so legte Dawid dem Joab die Hand auf die Schulter, blickte ihn mit undeutbarer Miene an und machte seinen Neffen zum Obersten über die Männer Judas.

Hart und kühl, sehnig und unbewegt standen die Söhne der Zeruja im Tor von Hebron. Ihr Onkel war König und sie selbst waren nur um weniges geringer als er. Nicht einen seiner älteren Brüder oder einen der Vier Hundert Männer aus der Zeit in den Bergen Judas machte Dawid zum Heerobersten, sondern Joab, den Vaterlosen, den harten Sohn der Zeruja. Denn er wusste, dass dieser Mann ihm treu war und völlig ergeben und bereit, menschliches Blut zu vergießen, wenn der König es verlangte.

Joab sah in die Nacht hinaus und er spürte das Ziehen der neuen Macht, die er erhalten hatte. Oberster über wie viele Männer war er nun? Über die Vier Hundert von Adullam. Über die Sechs Hundert von Ziklag. Über die Acht Hundert bei Hebron. Über mehr als Drei Tausend aus Juda. Alle Männer waren in seiner Hand und er würde nicht mehr nur sein eigenes Schwert lenken, nicht mehr nur eine Streifschar von Hirtensöhnen. Er lenkte den rechten Arm Israels. Den Sohn, den Jakob als Ältesten eingesetzt hatte, nachdem Ruben in Ungnade gefallen war. Israels Vorhut, Israels stärkster Stamm, nach dessen Namen die umliegenden Völker schon manchmal das ganze Volk Israel benannten. Die Judäer.

Joab war selbst bald Vierzig Jahre alt und wenn der Herr, der Gott Israels, der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, ihm gnädig war, würden ihm noch weitere Vierzig hinzugefügt werden. In diesem Augenblick war Joab, der vaterlose Israelit, einer der größten Männer seines Volkes. Er wusste es, doch er lächelte nicht, denn es konnte sowohl einen Anfang als auch ein Ende bedeuten. Er sah die Sterne über Jeschurun, hörte aber gleichzeitig die leise Stimme des Scheols.