Joab – Kapitel 24 – Ruf des Scheol II oder: Benaja

Joab

Ruf des Scheol II oder: Benaja

Immer noch hielt Joab die Hörner des Altars umklammert, immer noch sog er den Duft der Opfer ein. Der Gedanke an seine Brüder hatte ihn ruhig gemacht, auch wenn er den Abgrund des Scheol nun offen vor sich sah. Asaël wartete dort auf ihn. Jener Bruder um dessentwillen er hier wohl stand. Wie für den Jüngsten der Zerujasöhne würde es nun auch für Joab keine Wiederkehr geben.

Schlomo hatte Benaja ausgesandt. Ausgerechnet Benaja, darüber musste er fast lachen. Dieselbe Härte zeigte sich in diesem jungen Mann wie sie einst in ihm selbst erstarkt war. Benaja würde Schlomos Heer anführen wie Joab das seines Onkels Dawid geführt hatte. Joab sah, dass es der Wille des Herrn über Israel war, dass der Sohn der Bathseba nach Dawid König würde. Allein, er konnte es nicht begreifen und nicht zulassen.

Darum stand er hier, am Altar, und wartete auf seinen Tod. Asaël war der Grund, dass zwischen Joab und seinem Onkel die kühle Liebe ganz erkaltete. Es blieb nur noch die Treue zum König Israels. Sie war der Grund, weshalb Joab nicht fragte, als er Uria dem Tod aussetzen sollte. Schlomo hätte nie geboren werden dürfen. Die Geschichte um Bathseba war auch Joabs Schuld und deshalb konnte er nicht zulassen, dass ausgerechnet dieser Sohn Dawids regierte.

Doch warum wollte der Herr, dass der Sohn einer gefallenen Frau auf dem Thron Israels saß? Vergebung war die Antwort. Vergebung. Die Schuld war gesühnt, ganz ohne Opfer im Tempel. So hatte Dawid es gesagt. Wie war das möglich? Joab wusste, dass Schuld nur durch Blut beglichen werden konnte. Die Schuld an Asaël hatte Joab mit Blut beglichen. Warum war die Schuld an Uria nicht mit Blut beglichen worden? Warum durfte die Frau leben, warum ihr zweites Kind?

Oder war es sein eigenes Blut, das nun die Schuld an Uria begleichen musste? Wann hörte das Begleichen der Schuld auf? Warum gab es für das Blut, das Joab vergossen hatte, wieder Blut, um einen Ausgleich zu schaffen, und warum floss für Dawids vergossenes Blut kein neues Blut?

Weil sein Onkel Dawid die Saiten hatte, in die er die Lieder für Jah hineinsang und spielte. Ein König, der den Atem Gottes fühlend verstand.

Joab hatte nur sein Schwert. Das war sein Teil von Gott. Etwas anderes war ihm nicht gegeben. Kein Prophetentum, kein Königtum, kein Priestertum. Er war Joab. Jah war sein Vater und das Geschenk Jahs an diesen Sohn Israels waren ein starker Arm, ein eiserner Sinn und ein schneller Lauf. Der Preis für dieses Geschenk war sein Blut. Liebte er den Gott Israels wie Dawid ihn geliebt hatte? Er liebte Asaël, wie Dawid den Jonathan geliebt hatte. Das musste genügen. Vor Gott und dem Scheol hatte er Furcht. Auch das musste genügen, denn dort stand Benaja, im Vorhof unter dem Altar, auf dessen Stufen Joab stand. Hinter ihm weitere Männer in Waffen.

Benaja rief zu ihm hinauf: „Der König spricht, geh hinaus aus dem Tempel!“

Joab sah dem jungen Mann auf das Gesicht. Benaja würde keine Zukunft haben unter Schlomo, wenn ihm das Gesetz des Königs nicht gleich dem Gesetz seines Gottes wäre. Für Joab war das Gesetz Gottes immer eiserner gewesen als das Gesetz Dawids. Ruhig entgegnete er dem jungen Mann: „Nein. Ich gehe nicht hinaus. Hier will ich sterben. Genau hier.“

Und er wollte es. Er wollte vor Jah sterben, vor dem Gott, dem er stets mehr gehorchen wollte als seinem König und den er doch wie seinen König enttäuscht hatte. War er nach dem Gesetz Gottes des Todes, dann wollte er auch vor diesem Gott sterben. Benaja musste sich entscheiden. Wollte er seinen neuen König Schlomo heilig halten oder den Altar Gottes?

So oder so, würde der Altar durch Blut befleckt. Erst durch Joabs Blut und dann durch das eines Tieres, um Joabs Blut wieder abzuwaschen. Das war der Lauf der Dinge in dieser Welt. Blut wurde durch Blut beglichen und deshalb dachte Joab in den Minuten vor seinem Tod an seinen jüngsten Bruder. An Asaël. An den Bruder, den er geliebt hatte.