Joab
Der Teich Gibea
Der König von Juda und der König Israels bauten jeder sein Haus. Isch-Boschet blieb in der Nähe Mehanajims, weit genug fort von Philistern und Judäern. Ebenso verblieb Dawid in Hebron und widmete sich seinen Frauen und Kindern und den Gesprächen und Plänen mit seinen engsten Vertrauten.
Und mit den Frauen hatte Dawid wahrlich genug zu tun. Neben Ahinoam aus Jesreel und Abigajil vom Karmel nahm er sich in den kommenden sieben Jahren noch vier weitere Frauen. Unter anderem eine Tochter aus dem alten Stamm der Aramäer bei Geschur weit im Norden auf dem Gebiet Israels, Maacha, die Königstochter des Talmai. So schwächte Dawid durch eine Heirat den Sohn Schauls in seinem Rücken.
Er verband sich durch Heirat mit den Fürsten Judas, er hatte die angesehenen Familien aus Kalebs Sippe hinter sich durch die Ehe mit Abigajil. Doch vor allem – der Herr musste wirklich mit ihm sein, befand Joab – gebaren ihm alle diese Frauen Söhne. Hebron war befestigt, das Haus des Königs durch Söhne gesichert. Dawid beugte sich über die Saiten seiner Harfe und ließ Joab oft allein mit den Kämpfern Judas ausziehen bis an die Grenzen zu den anderen Stämmen Israels, denn Abner versuchte für den seinen König Gebiete auf judäischem Boden zu gewinnen.
So kam es zu jenem einen, dunklen Tag für die Zurujasöhne, als Abners Truppen gen Süden zogen und Joabs Truppen gen Norden. Beide Scharen standen sich in einer Senke in Gibeon, weit nördlich von Bethlehem und Jeruschalajim, gegenüber.
Abner, der alte Kriegsherr, der seinen König Schaul überlebt hatte, aber nicht verwinden konnte, dass dieses stolze Geschlecht Benjamins ein Ende finden sollte, winkte dem Heerführer Dawids, sich zu nähern. Joab, jünger als Abner, doch ebenso hart und bluterprobt, im Herzen sicher, dass Dawids Haus aus Juda das Königtum zustand, setzte sich wie Abner in langsame Bewegung.
Hinter Joab standen Abischai und Asaël, seine Brüder. Sie lachten in den Morgen, sie hatten keine Furcht vor Schauls Rest, vor Isch-Boschets schwacher Streifschar. Doch auch Abner und Joab, Isch-Boschet und Dawid, Israels Vielzahl und Judas Stammeskraft, sie waren Brüder. Ein großes Schlachten und das Blut der Söhne Jakobs in Gibea waren das Letzte, was sie wollten.
Joab und Abner trafen sich in der Mitte, um sich zu unterreden. Beim Teich Gibeon trafen sie aufeinander, Joab auf der südlichen Seite, Abner auf der nördlichen Seite. Das Wasser war weit genug, sie zu trennen und wenig genug, um ihre Stimmen leicht an das andere Ufer zu tragen.
Aber rief zuerst hinüber. „Lass uns keinen Bruderstreit entfachen. Schicke einige deiner jungen Männer und ich sende von meinen, dass sie sich treffen und ein Kampfspiel aneinander proben. Zwölf aus jedem Lager. Für jeden der Söhne Jakobs einer. So sehen wir, welcher Stamm es wert ist, die anderen zu führen. Juda oder Benjamin!“
Joab nickte. Ein Kampfspiel mit Siegern und Verlierern und mit ein oder zwei Getöteten wäre besser als ein offener Kampf. „Einverstanden. Sie sollen sich aufmachen und jenseits des Teiches aufeinander treffen!“
Ein Kampfspiel wäre genau das Richtige, um den unerfahrenen jungen Männern einen Geschmack auf das Männerschlachten zu geben, ohne ein wirkliches Blutbad in Israel anzurichten. Joab zählte zwölf tatendurstige, kräftige Mannen ab und wies seinen jüngsten Bruder Asaël mit einem einzigen zornigen Blick zurück. Du nicht, mein Bruder, du hast schon geschlachtet, lass die anderen lernen und spare dir die Kräfte, falls Bruder auf Bruder trifft und das Waffenspiel nicht genügt für diesen Tag.
Der Morgen schien dunkel zu werden wie die Abenddämmerung, als die jungen Männer aufeinander zuliefen. Vierundzwanzig starke Männer, jung und glatt, schnell und leichtfüßig. Hirten und Söhne von Hirten, Ackermänner und Söhne von Ackermännern, zu Dawid geschickt, zu Schaul gesendet, bei Joab an den Waffen geübt, bei Abner am Schwert erprobt.
Was nun geschah, ließ selbst den beiden eisernen Heerführern das Herz im Leib schwer werden. Nur kurz währte das Aufeinandertreffen, als die Männer Brust an Brust prallten, jeder seinen Gegner mit den Armen packte, die Hand an den Nacken des ihm bestimmten Kämpfers legte. Als würde eine unsichtbare Hand sie mit Gewalt führen und zwingen, zogen sie alle ihre Schwerter und jeder bohrte dem anderen die Klinge tief in die Seite des warmgelaufenen Leibes. Blut und Inneres wurden von der Erde gefressen und in wenigen Augenblicken waren Vierundzwanzig Söhne Israels dahin und atmeten nicht mehr. Schrecken und Lähmung kamen über die beiden Lager Israel und Juda. Joab hätte ahnen sollen, dass dieser Tag kein gutes Ende finden würde, doch das Hören auf Wind und Stimmen war die Sache seines Onkels. Ebenso rief Abner seine Mannen zur Ordnung und die Scharen strömten um den Teich aufeinander zu.
Das Schlachten sollte beginnen, doch nur zögerlich hieben die Schwerter auf die Brüder ein, weshalb das Kämpfen ein elendes Mühen blieb. Dawids Heer war ausgeruhter und zahlreicher, während die Reihen Abners immer noch geschwächt und ausgedünnt waren durch das Schlachten auf Gilboas Bergen. Joabs Mannen schwärmten endlich um den Teich herum aus und drangen hart auf Israel ein, zwangen sie zurück. Die ersten aus Israel fielen und es würde nicht mehr lange währen, bis das Männertöten überhandnahm.
Joab kannte Abner noch aus der Zeit, als Dawid mit Schaul gezogen war. Er wartete auf das Einsehen des erfahrenen Kriegers und tatsächlich rief Abner dazu auf, sich zurückzuziehen. Israels Rest löste sich von seinem Bruder Juda und rannte über das Feld. Joab rief den Männern zu, sie sollten hinterherjagen und sich jeder eine Rüstung erbeuten.
Irgendwann würde Abner sich geschlagen geben und um Waffenruhe bitten. Joab würde sie ihm gewähren, denn zu sehr achtete er den alten Kriegsherrn für seine Treue zu Schaul und seine Standhaftigkeit im Kampf. Ohne Abner wäre Schaul vielleicht schon viel früher unter die Füße der Unbeschnittenen getreten worden. Also ließ Joab ihn laufen, obwohl es sein Teil gewesen wäre, hinter ihm her zu jagen. Stattdessen lief er hinter einigen der jungen Männer hinterher, um die sich lösende Schlachtreihe nicht aus den Augen zu verlieren und rechtzeitig mit Abner verhandeln zu können, wenn der sich umwandte.
Doch in diesem Augenblick trennte sich Asaël von Abischai, an dessen Seite er gekämpft hatte und zog auch an seinem ältesten Bruder Joab vorbei. Der wusste, dass es nichts half, den Lauf des Jüngsten einzuholen. Die schlanken Beine Asaëls bewegten sich gerade so schnell wie die Läufe einer jungen Gazelle.
Joab lächelte, als er hinter seinem flinken Bruder her lief. Doch als er bemerkte, was dieser im Sinn hatte, erstarb die Kampfesfreude auf seinem Gesicht und er beeilte sich schwerer und schwerer atmend, dem Gazellenlauf Asaëls zu folgen.

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