Joab – Kapitel 26 – Asaël

Joab

Asaël

Die Vierundzwanzig Aufgespießten hatten es angekündigt. Es missfiel dem Herrn Israels offenbar, dass die Söhne Jakobs miteinander stritten. Der Morgen wurde dunkel in Joabs Geist.

Asaël jagte nicht einem der jungen Männer hinterher, er folgte Abner und wollte die Rüstung des erfahrenen Heerführer Schauls für sich erbeuten, sich seinen Platz unter den Mannen Dawids endgültig erringen. Der Gazellensprung Asaëls war weit und lang, er lief schneller als je zuvor. Abners Blick zurück verriet Überraschung und sorgenvollen Grimm. Gerade und gleichmäßig war Asaëls Lauf, er verlor Abner nicht aus den Augen und der Abstand verringerte sich.

Joab spannte seine Muskeln und sog die Luft tief in seine Brust. Der Bruder war kaum einzuholen. Auch Abischai bemerkte, was der Jüngste im Sinn hatte und war bald gleichauf mit dem Ältesten. Sie warfen sich vielsagende Blicke zu und strafften japsend ihren Lauf.

Abner warf hektisch den Kopf zurück und erblickte die drei Brüder. Er wandte sich rufend an seinen Verfolger: „Asaël, bist du es?“ Er kannte diesen Mann noch als Jungen, stets seinen Brüdern nacheifernd. Er kannte auch Joab und Abischai. Er wusste um den Ruf der Zerujasöhne.

Leichtherzig im Lauf antwortete der Gefragte: „Ich bin es!“

Abner wandte sich abermals um und nach Luft ringend riet er dem Jüngeren: „Lasse ab von mir, weiche nach links oder rechts! Nimm dir einen der jungen Männer, wirf ihn nieder und nimm dir seine Rüstung!“

Asaël aber lief unbeirrt weiter und jagte Abner noch schneller nach als zuvor. Gleich hätte er den Heerführer eingeholt.

Beinahe verzweifelt wandte sich Abner noch einmal um: „Asaël! Weiche ab! Warum soll ich dich erschlagen? Was soll ich Joab sagen, wenn sein Bruder von meiner Hand stirbt!“

Doch Asaël nahm die nächsten Schritte mit einer Gewalt, der Joab und Abischai nicht mehr folgen konnten. Er ließ die Brüder hinter sich und hatte Abner fast erreicht.

„Niemals!“

Joab konnte sich nicht entsinnen, ob er den Namen seines Bruders gerufen hatte. Er wusste nur, dass er den schlanken Rücken des Jüngsten vor sich schwinden sah und dass die Wolken des Morgens Unheil gekündet hatten, das er nicht zu lesen vermochte.

Abner hielt an. Plötzlich und unerwartet. Mit einem Ruck stemmte er die Hacken in den heißgetretenen Staub, beugte sich nach vorn und stieß das Holz seines Speeres nach hinten, ganz sicher in der Absicht, Asaëls Lauf mit Wucht zu bremsen, sich zu wenden und den Jungen zu Boden zu werfen. Ihn zu lehren, was es hieß, einen älteren und erfahrenen Waffenmeister frech herauszufordern.

Doch er hatte Asaëls Lauf zu gering eingeschätzt, denn niemand in ganz Israel und Juda hatte einen Lauf wie der Jüngste der Zerujasöhne. Gerade als Abner sich mit Gewalt in den Boden stemmte und hart nach vorne beugte, sprang Asaël mit einem letzten Schritt nach vorn, um den alten Knecht Schauls zu erhaschen und niederzuwerfen. Es war der letzte Schritt, den Asaël in dieser Weltzeit tat. Er stürzte auf das stumpfe, holzige Ende des ragenden Speeres. Mit Gewalt fuhr die Waffe rücklings in seinen Bauch und Joab sah das blutige Ende aus dem Rücken seines Bruders dringen.

Mit Schrecken und entsetztem Grimm ließ Abner den Speer und den jungen Mann fallen. Dessen Ende war gewiss, deshalb zog der alte Waffenmeister mit einem kräftigen Ruck seinen Speer aus dem Leib des übermütigen Läufers und bescherte diesem damit einen raschen Tod. Er sah auf und er sah die beiden anderen Zerujasöhne schreiend auf sich zu laufen.

Joabs Himmel zerriss und Finsternis ergoss sich in sein Herz. Schreiend warf er sich in das Blut seines gefallenen Bruders und drückte den, den er am meisten geliebt hatte, an sein Herz. Abischai blickte herab auf Joabs Angesicht und mit verzerrter Miene schüttelte er den Kopf. Lass ihn liegen. Er ist ehrenhaft gefallen im Kampf. Ihm nach, der ihn niederstieß! Und sie jagten schreiend und voller Zorn dem nach, der ihnen das Liebste geraubt hatte.

Abner wusste, dass er sich vor den beiden harten Söhnen der Zeruja bergen musste und steigerte seinen Lauf. Hinter ihnen blieben die nachfolgenden Männer Judas stehen und sahen schweigend auf Asaëls Leichnam, der warm und blutend dalag. Keiner mochte mehr einem anderen nachjagen. Mit Asaëls Tod war der Kampf an diesem Tag zu Ende, das wussten sie.

Joab und Abischai hingegen ließen alle hinter sich und jagten zu zweit dem einen nach, um ihn einzuholen und zu stellen. Über die Ebene hetzten sie, röchelnd und von Finsternis erfüllt, während die Sonne ihren Lauf über diesem unheilvollen Tag beendete und rot und böse niedersank.

Abner hetzte den Hügel bei Amma hinauf, auf dem sich seine Mannen schon versammelt hatten. Von hier oben ließe sich verhandeln. Benjamins Rest sammelte sich um Schauls alten Heerführer, so dass Joab und Abischai halten mussten, die eigenen Männer weit hinter sich. Allein standen sie nun vor dem, der ihren Bruder, den Geliebten, niedergestreckt hatte. Joab stieß seinen Speer in den Boden und blickte zu Abner hinauf. Das schwere Atmen hob und senkte die Brust der müden Männer. Und als die Luft es wieder zuließ, begann Abner zu reden.

„Joab… Soll das Schwert denn weiter und weiter fressen? Weißt du nicht, dass nur Bitternis entstehen kann, wenn wir Brüder einander schlagen? Sag deinen Männern, sie sollen von der Verfolgung ihrer Brüder ablassen und umkehren.“

Joab wurde ruhig. Er wusste, dass Abner Recht hatte und mit einem Schwur beendete er diesen grimmig blutenden Tag, während die Sonne hinter den Horizont schlich und die Erschöpfung auch über ihn und seine Seele kroch. „So wahr der Gott Israels lebt, wenn du heute Morgen nicht geredet hättest, dann wären die Brüder auseinander gegangen, jeder in sein Haus in Israel! Du botest den Kampf an.“

Damit griff Joab an seinen Gürtel und blies mit einem letzten, kräftigen Atemstoß, den er finden konnte, in das Widderhorn. Die Männer hinter ihm, die ihm noch gefolgt waren, blieben stehen. Joab hatte mit der Anrufung des Herrn Israels die Waffenruhe besiegelt, doch zugleich legte er die Schuld für das Blutvergießen auf Abner. Vor allem die Schuld an Asaëls Blut blieb für Joab an Abners Händen. Sollten sich diese beiden Heerführer noch einmal im Feld begegnen, würde einer von ihnen fallen. Darin waren beide gewiss, als jeder seine Männer sammelte und sich zurückzog.

Man zählte an diesem Tag 360 Erschlagene von Abner und nur Zwanzig von Joab. Doch der eine dieser Zwanzig wog mehr als alle anderen Gefallenen zusammen. Sie zogen nach Süden, Richtung Bethlehem. Sie suchten das Grab des Mannes auf, der Asaël gezeugt hatte. Dort begruben sie den Jüngsten der Zerujasöhne. Die Mutter und die Frauen klagten, als Asaël, der Vaterlose, im Tode zu seinem Vater gelegt wurde.

Nur Joab und Abischai vergossen keine Träne mehr. Sie dachten an den ersten Löwen, den Asaël erschlagen hatte, wie er sich im Lauf umgewandt und das gelbe Tier mit dem Speer niedergestoßen hatte. Jetzt war Asaël der Löwe, der von seiner Beute geschlagen wurde, als sie sich umwandte. Sie lächelten über den schnellen Lauf ihres Bruders. Sie ergrimmten über Abners Heftigkeit.

Für Jonathan war ein Lied gesungen worden, als er starb, doch Joab konnte keine Lieder singen für den Bruder. Er würde sein Schwert singen lassen für Asaël. Das musste genügen, denn das war das von Jah für ihn bestimmte Teil. Kein Prophetenwort und kein Lautenklang, nur das Singen des Eisens und die Sprache des Kampfes.