Joab
Abner
Dawid sammelte oft seine Söhne um sich und freute sich an ihrem Spiel. Amnon, Kilab, Absalom, Adonija, Schefatja und Jitream waren seine ganze Freude und er liebte jeden einzelnen von ihnen. Joab warf ein sorgenvolles Auge auf die Schar der kleinen Jungen. Der Älteste, Amnon, war kaum 7 Jahre alt. Sollten dem König Judas noch mehr Söhne geboren werden und sie alle das Mannesalter erreichen, dann würde es dem Herzen Dawids schwer werden, den rechten Nachfolger auszuwählen, das wusste Joab, wenn er seinen Onkel mit den Söhnen scherzen und spielen sah.
Er selbst suchte nur selten die Umarmung seiner Frau und er wusste seine Söhne gut bewahrt in ihren Händen. Joab war Tage und Wochen im Feld, unter den Bäumen und Sternen, in den Felsen und Höhlen, wie in den Jahren zuvor. Er besprach sich mit dem König, welche Grenze zu sichern war, welches Volk in seine Schranken gewiesen werden musste. Während Dawid immer seltener auszog, hatte Joab die Männer Judas fest in seiner Hand und führte sie sicher auf allen Streifzügen.
An diesem Tag kehrte Joab mit gefüllten Händen zurück. Sie hatten viel erbeutet auf ihrem Streifzug, waren einigen geschmückten Philistern begegnet und brachten eiserne Waffen und Gold aus dem geplünderten Lager zurück. Joab traf im Tor Hebrons auf seinen Bruder Abischai, der ihn mit dunklem Blick begrüßte. Abischai, der Bruder, der ihm geblieben war.
Seit Asaël in Abners Speer gelaufen war, wurde Joab durch den Anblick seines Bruders immer wieder erinnert, dass sie beide den verloren hatten, der ihnen am liebsten war. Deshalb suchte er die Nähe seiner Männer und mied den Bruder. Sie zogen nicht mehr so häufig gemeinsam aus. Dennoch verband sie derselbe Grimm und sie hielten aneinander fest.
„Was ist es, das dein Gesicht trübt, Bruder, dass du mich so grüßt?“
Abischai zog den Ältesten zur Seite. „Abner war hier, bei Dawid.“
„Und er hat ihn gehen lassen, hat ihn nicht festgehalten?“
„Du weißt, sie haben einen Bund geschlossen, gegen den Sohn Schauls. Sie haben gemeinsam gegessen.“
„Besser wäre es, Abner zu beseitigen, dann fehlt Isch-Boschet ebenso die Stärke. Was sollen wir mit einem Verräter zu schaffen haben?“
„Du weißt wie er ist, unser Onkel. Er hat einen Bund geschlossen und wird ihm treu bleiben, selbst wenn der andere ihn verrät.“
„Ich weiß es. Doch er hat Asaël…“
Weiter sprach Joab nicht und Abischai nickte. Joab ließ den Bruder stehen und ging in die Halle des Königs, schmutzig und blutig wie er war. Er konnte gegen den Onkel auftreten, hatte er doch schließlich mit seinem Schwert in sieben Jahren das Haus Isais in Juda befestigt und war nie leer heimgekehrt.
„Was hast du getan?“, fragte er den König unvermittelt. „Abner ist zu dir gekommen und du hast ihn in Frieden gehen lassen? Du kennst Abner. Du kennst das Haus Schauls und die, die zu ihm gehören. Er hat dich mit Worten überredet, er hat dich ausgekundschaftet, er kennt deine Schwächen. Er hat dir Michal geschickt, weil er deine Schwäche für sie und die Frauen kennt. Wenn er Isch-Boschet verrät, wird er dich auch verraten! Er wird Herr über Benjamin und Israel bleiben!“
Dawid sah seinen Neffen an, mit der kühlen Liebe auf dem schönen Gesicht, die er für die Söhne seiner Tante übrig hatte. Er schüttelte den Kopf. Ich habe ihn in Frieden ziehen lassen und ich habe einen Bund mit ihm geschlossen. Genug des Bruderkampfes. Wenn der Herr will, wird er mir ganz Israel zuwenden.
Joab eilte ohne ein weiteres Wort hinaus und zog seinen Bruder Abischai mit sich. „Wir senden Boten aus. Abner ist noch nicht weit. Wir holen ihn zurück. Wir finden einen Grund, ihn aufzuhalten.“ Abischai verstand und sie fanden schnell einige junge Männer, die sie auf Eseln hinter Abner her senden konnten. Während er mit Abischai im Tor Hebrons stand und wartete, wanderten Joabs Gedanken zurück.
Abner war der eigentliche Herr über Israel, Isch-Boschet nur der Platzhalter, der den guten Namen seines Vaters Schaul trug, um der Königsherrschaft einen Anschein von Recht zu verleihen. Abner verhielt sich auch gerade so, als gehöre ihm das Königtum. Er zog ein und aus, nahm sich Beute, hielt die Grenzen zu Juda fest und ließ, wie Joab auf dem Gebiet Judas, die Philister keinen Fingerbreit mehr Land von Benjamin oder einem der anderen Stämme des Nordens dazugewinnen. Doch vor allem in Mahanajim benahm Abner sich wie ein Herrscher. Er verletzte zwar nie die Ehre Isch-Boschets, doch da Schaul tot war, nahm er sich eine der Nebenfrauen des gefallenen Königs. Auch ein Kriegsherr wollte im eigenen Heim in den Armen einer Frau liegen können.
Joab konnte das verstehen. Ihm wäre es nie in den Sinn gekommen, so wie Dawid nach den Frauen Ausschau zu halten, doch auch seine eigene Frau und seine Söhne waren ihm nach langen Märschen und Streifzügen eine willkommene Abkühlung seines Gemütes. So konnte er Abner durchaus nachsehen, dass er sich die Rizpa genommen hatte. Zudem stellte er so eine zwar eigennützige Verbindung zu Schauls Haus her, aber keine, die die Ehre des Königs beschnitten hätte.
Doch Isch-Boschet war nicht zum Herrschen und Verhandeln geschickt wie sein Bruder Jonathan, der eigentlich der Nachfolger seines Vaters hätte sein sollen. Er sah wohl, dass seine ganze Macht von Abners Kriegskunst abhing, doch er brauste unklug auf gegen den alten Kampfgefährten seines Vaters. Er stellte ihn zur Rede wegen der unbedeutenden Nebenfrau.
Im Zorn über diese Beleidung brach Abner mit Isch-Boschet, der dagegen wiederum nichts auszurichten hatte, denn alle Gewalt über Benjamins Männer und Israels Stämme lag in der Hand von Abner, der die Männer siegreich und ohne große Verluste ein- und ausführte. Er schwor, dass er das Königtum Dawid zuwenden wolle, da Isch-Boschet des Königtums nicht wert sei, wenn er ihn wegen einer unbedeutenden Frau beleidigte.
Er hatte tatsächlich Boten zu Dawid gesandt, der ihm versprach, ihn im Frieden aufzunehmen und gehen zu lassen. Abner würde wie zuvor Benjamin und den Rest Israels führen, während Dawid die Königsherrschaft über alle Stämme aus den Söhnen Jakobs erhalten hätte. Als Beweis der Bundestreue forderte Dawid seine Frau Michal zurück, die Tochter Schauls. Joab hatte zunächst versucht, es seinem Onkel auszureden. Michal gehörte längst einem anderen. Was nützte es, die Ehre eines Mannes in Israel zu kränken und ihm die Frau wegzunehmen? Michal wäre für Dawid ohnehin verloren, da sie einem anderen Mann gehört hatte. Doch wahrscheinlich hatte der Sohn Isais Recht. Es kam nur darauf an, dass Schauls Tochter sich am Hofe Dawids befand, dass der Schwiegersohn Schauls sein Recht einforderte.
Dawid hatte Abner daraufhin zu sich kommen lassen, nachdem Michal in Hebron angekommen war. Joab war im Feld, als Dawid endgültig seinen Bund mit dem alten Heerführer Schauls schloss. Das war klug, aber nicht weit genug gedacht. Abner musste weg, sollte Dawid wirklich König über alle Söhne Jakobs werden. Abner musste weg für das Haus Isais. Er musste weg um Asaëls willen, der einen ehrenvolleren Tod verdient hatte. Wenn Abner den Jüngeren, der es ja so wollte, in offenem Kampf gestellt und getötet hätte, dann hätte Joab ihn vielleicht ziehen lassen. Doch es war ein ungeschickter Unfall, eine List in einem Kriegsspiel, bei dem ein junger Mann nicht zu Tode kommen sollte. Joab konnte das nicht verwinden. Für das Blut des Jüngsten musste bezahlt werden.
Abner kam wieder hinauf mit den jungen Männern. Was will der König noch von mir? Joab zeigte sich im Tor und grüßte Abner freundlich. Während die Boten zurück in die Stadt gingen, winkte Joab den Heerführer zu sich heran und zog ihn zur Seite, wo schon sein Bruder Abischai wartete. Abner sah zu spät, was die Brüder im Sinn hatten. Abischai packte Abner bei den Schultern und zog ihm die Arme nach hinten. Joab zögerte nicht einen Augenblick. Er nahm den Dolch, den er in seinem Kleid verborgen hatte und stieß ihn schnell und sauber in den Bauch dessen, der seinen Speer in Asaëls Bauch gestoßen hatte.
Abner war tot und Joab war erleichtert. Die Bitterkeit ließ nach und im Tode konnte er den Heerführer Schauls wieder achten. Nur so war es möglich. Blut musste durch Blut bezahlt werden. Und auch wenn Joab jetzt wusste, dass um Abners Blut irgendwann das seine gefordert werden würde, lächelte er, als er an Asaël dachte. So oder so würde er mit dem Bruder im Scheol vereint sein. Ob im Kampf oder selbst durch einen anderen gerichtet.

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