Buchbesprechung und Empfehlung zu:
Eliyah Havemann: „Wie werde ich Jude? Und wenn ja, warum?“
Weshalb sollte ein Buch, das konvertierungswilligen Suchenden Erfahrungen und Ratschläge aus erster Hand bietet, auch für andere Leser interessant sein?
Sicher nicht nur, weil der Autor Eliyah (eigentlich Felix) Havemann der Sohn von Wolf Biermann und Sibylle Havemann ist. Das alleine wäre kein Grund, dieses Buch zur Hand zu nehmen und es von vorne bis hinten durchzulesen.
So ähnlich argumentiert der Autor, wenn es darum geht, warum jemand zum Juden werden will oder nicht. Es gibt weniger gute und bessere Gründe, aber scheinbar keinen wirklich triftigen oder vernünftigen Grund, weshalb man Jude werden will oder werden sollte. Dieses Buch ist also kein missionarisches Buch, es will nicht vom Judentum überzeugen. Es ist auch kein Buch, das eingefleischten Philosemiten romantisches Futter gibt und ihnen das Judesein als etwas Wunderbares und Überhöhtes vor Augen malt.
Dieses Buch richtet sich vor allem an eine ganz spezielle Gruppe von Menschen. Menschen, die sich ernsthaft mit dem Gedanken tragen, zum Judentum zu konvertieren. Mit leicht ironischem Augenzwinkern rät Eliyah Havemann zunächst davon ab. Wie gesagt: es gibt keine guten Gründe, nur persönliche. Und der Weg ins Judentum, wenn man nicht hinein geboren wurde, ist lang und beschwerlich. Mitunter kann es 10 Jahre dauern, bis ein Konvertit zugelassen und aufgenommen wird. Diesen Weg muss man wollen und durchhalten. Ganz zu schweigen von solch prägenden Erlebnissen wie der mehrfachen Befragung und Prüfung durch ein strenges Rabbiner-Gericht (das Beit Din) oder der Beschneidung…
Warum aber hat Eliyah Havemann diesen Weg auf sich genommen und ist konvertiert? Aus seiner Sicht hat er im Judentum eine Heimat gefunden. Er ist glücklich geworden mit seiner Entscheidung. Und Eliyah Havemann ist konsequent. Modern-orthodox, Jude mit Leib und Seele, von morgens bis abends und auch nachts, wie er schreibt. Er ist nach Israel ausgewandert und lebt dort mit Frau und Kindern. Kippa auf dem Kopf, Gebetbuch immer dabei. Konsequenter geht es nicht.
Also doch ein typisch religiöses Buch? Wieder so ein erleuchteter Fundamentalist, der uns sagen will, wie viel besser er und seine Religion jetzt sind? Nein. Denn das Buch ist eben nicht nur der einschlägige Ratgeber für Konvertiten. Es will offen bleiben für andere Leser. Leser, die sich nicht zu schade sind, echtes und vorbehaltloses Interesse am Anderen zu haben. In diesem Fall am gelebten Judentum.
Das Buch bietet etwas Außergewöhnliches an. Eine Außen- und Innensicht zugleich. Judentum von außen mit Interesse beobachtet und Erfahrungen von Konvertierung und religiösem Leben von innen mitgeteilt. Ein persönlicher, aber dabei nicht anbiedernder Bericht.
Ja, man bekommt auch allerhand Wissen vermittelt über bestimmte Traditionen, Strömungen im Judentum, religiöse Begrifflichkeiten und Rituale. Doch die knapp 240 Seiten fliegen kurzweilig am Auge vorüber. Hin und wieder muss man wohlwollend schmunzeln. Es ist sicher eines der wenigen religiösen Bücher, die zugleich auch unterhaltend sind, geprägt von einer gesunden Toleranz, die eigene Überzeugungen nicht opfert, die anderer jedoch stehen lassen kann. Die eigene Religion ist die Wahrheit, wird dem anderen aber nicht lästig.
Exemplarisch für den humorvollen und darin eben durchaus ernst zu nehmenden Umgang mit der eigenen Religiosität soll hier eines meiner Lieblingszitate über den Umgang der Juden mit dem Gesetz Gottes stehen:
„RASEN BETRETEN VERBOTEN Ein solches Schild versteht der sprichwörtlich obrigkeitshörige Deutsche so: Diese Rasenfläche muss ich komplett meiden, ich darf mich weder darauf aufhalten noch darüberlaufen. […]
Wäre das Schild ein g´ttliches Gebot des Raseng´ttes und sollte von einem Rasenjuden eingehalten werden, würde er nicht versuchen, den Grund zu ergründen, denn des Raseng´ttes tiefe Gründe bleiben ihm verborgen, und es wäre anmaßend zu glauben, sie zu kennen. Daher hält er sich einfach an das Gesetz, wie es ihm übermittelt wurde: „Rasen betreten verboten!“
Betreten ist jedoch etwas, das man mit den Füßen tut. Robben, Krabbeln, auf Händen laufen, Fahrrad fahren, eine Decke darauf legen, Sitzen und Liegen fallen nicht unter dieses Verbot.
Rasen sind Grashalme ab einer gewissen Dichte und Reinheit, wie sie die Rasenrabbiner definiert haben, daher sind beispielsweise Stellen mit Blumen aus dem Verbot ausgeschlossen und dürfen betreten werden. Rasenrabbi Rose BenBlume aus dem Botanischen Garten Berlin sagt: Betreten kommt von „treten“, und dafür braucht man Treter, also Schuhe. Darum ist der Rasen ohne Schuhe begehbar.
Seine Anhänger sind besonders strenge Rasenjuden und robben, krabbeln und laufen auch auf Händen nicht nur ohne Schuhe, sondern komplett barfuß, da Socken schuhähnlich sind und ein Beobachter aus der Ferne glauben könnte, der Rasenjude trage Schuhe.
Rasenrabbi Erdloch BenTagebau aus Kohlenflöz wiederum sagt, dass „betreten“ nur für eine Fußbewegung steht, die einen Tritt nach vorne beinhaltet. Deshalb verbietet er das Fußballspielen, erlaubt aber das Laufen mit Schuhen auf dem Rasen. Seine Anhänger sind so streng in der Auslegung der Gesetze, dass sie nicht nur kein Fußball spielen, sondern auf dem Rasen auf alle Ballspiele verzichten, bei denen lufgefüllte Bälle verwendet werden. Frisbees sind erlaubt. Der Rest der Rasenjuden akzeptiert die beiden Rasenrabbiner als Autoritäten. Aus diesem Grunde laufen sie nur in Socken und spielen keinen Fußball, dafür aber Volleyball, und sie haben Schuhe an, während sie sitzen.
Die ganz strengen Rasenjuden spielen barfuß Frisbee und versuchen dabei auf einem Fleck mit mehr als 20 Gänseblümchen pro Quadratmeter zu stehen. Gepicknickt wird dann aber zusammen auf einer großen Decke.“
(Havemann, Wie werde ich Jude? S. 48/49)

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