Buchbesprechung zu „Verfall und Untergang“ von Evelyn Waugh
Neuübersetzung aus dem Englischen von Andrea Ott, erschienen im Diogenes Verlag 2014
Alles nimmt seinen Anfang damit, dass ein junger Theologiestudent in Oxford seiner Hose entledigt wird, daraufhin auch bald seines Studienplatzes und schließlich seines Erbes, das ihm ebenjene Ausbildung ermöglichen sollte. Das ist auch schon das Aufregendste, was man über den jungen Paul Pennyfeather erfährt. Der Leser sucht vergeblich nach weiteren Charakterzügen des Helden, nach geliebten Eigenheiten oder abstoßenden Kanten. Pennyfeather ist ein langweiliger „Hinnehmer“ und „Nichtssager“. Doch genau diese Eigenschaften sind es, die ihm wohl die abwechslungsreichste und aufregendste Zeit seines Lebens bescheren.
Widerspruchslos und damit eben nicht ganz unverschuldet durchläuft er verschiedene Stationen, die ihn immer wieder mit der höheren Gesellschaft Englands in Verbindung bringen. Das unbeschriebene Blatt Pennyfeather wird zum Spiegel für die skurrilen Ansichten und Lebensgeschichten der Personen, denen er begegnet. Aberwitzig gescheiterte Persönlichkeiten, denen ihr Geld und ihr großer Name einen Platz in der obersten Schicht der Gesellschaft sichern, der durch nichts zu erschüttern ist:
Ein Geistlicher mit obskuren Zweifeln an der Existenz im Allgemeinen. Ein Deserteur, der nicht erschossen wird, weil er „Privatschulmann“ ist. Ein Schuldirektor, dessen Attitüde der Verachtung sich auch über seine eigenen Töchter ergießt. Ein Architekt, für den alles Natürliche hässlich ist, weil es von Natur aus unvollkommen und damit nicht absolut funktional ist. Eine unverschämt reiche und schöne Witwe, deren Haupteinnahmequelle wohl nicht ganz anständige Geschäfte mit jungen Frauen ist. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.
Lakonisch und britisch kühl lässt Evelyn Waugh die Gestalten und Ereignisse an Paul Pennyfeather vorüberziehen. So entsteht ein satirisches Sittenbild der Gesellschaft Englands zwischen den beiden Weltkriegen. Die Eigenheiten des englischen Bildungssystems schaffen dabei eine Art Grundgerüst für das gesamte Gefüge und sind die Voraussetzung dafür, dass keiner entkommt. Sei er ein klangvoll benannter, illustrer „Alastair Digby-Vaine-Trumpington“ oder ein unbedeutender, langweiliger Paul Pennyfeather.
Das System lässt niemanden fallen, weil es den „Ehrenkodex von der Stange, diese leise, befehlsgewohnte Stimme des Gewissens, die jeder Engländer auf der ganzen Welt kennt“ gibt. Der Engländer ist ein Gentleman und das ist es, was ihn am Leben erhält, trotz allen Verfalls und Untergangs. Mag der Völkerbund auch versagen und die Welt einem zweiten Großen Krieg entgegen gehen, der gebildete Brite lässt sich nicht erschüttern.
Überhaupt lässt sich keine der Figuren in ihrer Selbstgefälligkeit, Selbstverliebtheit oder Überheblichkeit erschüttern. Auch ein Paul Pennyfeather letztlich nicht. Alles ringsum zerfällt, alles ändert sich, aber ein jeder klammert sich fest. Diese Spannung erzeugt in Evelyn Waughs Roman ein unglaubliches Vergnügen am Absurden und Überspitzten. Im Vorwort zur zweiten Auflage berichtet der Autor davon, dass sein Manuskript wegen „Unanständigkeit“ zunächst abgelehnt wurde.
Das einzig Unanständige an diesem Roman ist wohl das Vergnügen des Lesers über das grandiose Scheitern und Fehlverhalten der Einzelnen. Es ist aber ein recht empfehlenswertes Vergnügen für alle diejenigen, die dem britischen Humor zugeneigt sind. Der Roman wurde trotz Unanständigkeit gedruckt. Denn am Ende, mag die Gesellschaft noch so lachhaft sein, siegt manchmal auch der Anstand.

Hinterlasse einen Kommentar