Wenn man beginnt, etwas zu erzählen und dazu die Worte “in der Adventszeit” oder “in der Weihnachtszeit” benutzt, weiß jeder sofort, woran er oder sie ist. Das ist eine Wortfolge, in der ein Leser oder Zuhörer sich sofort heimisch fühlt. Er oder sie wird zufrieden nicken und zu sich sagen jawohl, das kenne ich, ich weiß wie die Welt zu dieser Zeit aussieht. Es ist eine Umgebung, in der man jede beliebige Geschichte platzieren kann.
Garniert mit etwas trübem Kerzenschein und kaltem Tannenduft, dem Gedanken an pelzigen Zimtgeschmack auf der Zunge und schläfriger Musik, die träge in Glühweintassen auf Weihnachtsmärkten tropft, ist das für jemanden, der eine Geschichte erzählen will, die perfekte Umgebung und Zeit, denn man hat es nicht nötig, sich mit allzu langen Umschreibungen von Natur oder dem unsäglich langatmigen Heraufbeschwören einer bestimmten Atmosphäre zu befassen.
Man sagt einfach jene Worte und schon entsteht in den Köpfen der Menschen eine Welt, gar ein ganzes Universum an Möglichkeiten für jede Art von Geschichte, die sich in die Falten der kuschligen Adventszeit schmiegen mag, ohne sie bösartig zerreißen zu wollen. Es darf ruhig ein bisschen weh tun. Es darf ruhig ein bisschen traurig sein. Es darf ruhig ein bisschen das Herz erwärmen und das Haupt mit hohlem Trost überschütten.
Ihr Herz jedenfalls war erwärmt, nachdem auch ihre hohlen Hände die Steifheit und Winterstarre an den heißen Tee abgegeben hatten, um die Kälte abermals zu empfangen, als sie das Haus verließ und auf die dunkle, schmale Gasse trat. Sie zog die Mütze bis tief hinunter auf die Brauen und stopfte die Fäuste flink in die Manteltaschen. Wenn man mit leicht angehobenen Schultern ging, kam es einem vor, als würde man den Rücken gegen den Winter stemmen und ihm wehren, sich des Menschen zu bemächtigen.
In den Seitengassen war es finster und nur leicht floss orangefarbener Schein von vereinzelten Laternen über das glänzende, mit Schneematsch befleckte Pflaster. Erst die breiten Straßen mit den breiteren Häusern schufen dem hungrigen Blick ein Feld des Schauens auf warmes Licht und schwarzes Grün, auf ein kleines Karussell, das am frühen Abend mitten in der Woche nur von einer Hand voll Kinder und gähnender Mütter belagert wurde.
Sie zog daran vorbei und die Schultern noch höher hinauf. Hinein in die nächste Straße, die sich in der Straße darauf wieder verschmälerte und erst nach zwei weiteren Gassen dem Auge erneut mehr als verdunkeltes Fachwerk und träges Laternenlicht bot. Der Weihnachtsmarkt einer Kleinstadt, vollgestopft mit den Hütten üblicher Ess- und Kaufkultur, die sich bis zum Weihnachtsfest eine Bresche des Wohllebens in den Dezember bricht.
Sie stellte fest, dass das Auge alles in die Seele ließ und sich in der Seele das Vertraute zu dem wohligen Bild der Adventszeit zusammenschloss. Sie bemerkte, dass dieses Bild sich über die Jahre gewandelt hatte. In diese Zeit am Ende des Jahres fielen nicht mehr nur fettiges Essen, gebrannte Mandeln und melancholisch geblasene Weisen. Hinzugekommen waren Lederwaren, blinkender und glitzernder Kitsch, der sein weißes Licht scharf zwischen den orangefarbenen Laternenschein und das goldene Stimmungsleuchten schoss und Traumfänger, die im kalten Hauch baumelten und abgekühlte Träume fingen.
Ihre Träume lagen tief unter Eis und Schnee, der selbst im Sommer nicht taute und eine lichte Decke auf ihre Traurigkeit und Freuden legte. Jetzt schien er sich umso dichter um sie und ihre Seele zu legen. Nur noch ein kleines Stück höher zog sie die Schultern und ließ sie wieder sinken, denn wenn sie ihm ohnehin ausgeliefert war, konnte sie dem Winter auch unbekümmert den Rücken darbieten.
So wie sie unbekümmert an den Gerüchen, Lichtern und Waren vorbei zog, alles mit einem Mal wahr nahm und doch wieder von sich abtat, als sie ihm durch den Matsch und die Menschen entgegen ging und ein ehrlich erleichtertes Lächeln aufsetzte. Denn keiner war hier allein unterwegs, wie Magneten klebten die Menschen nebeneinander oder hintereinander an ihrer jeweiligen Begleitung. Sie strebte fast eilend ihrem Gegenüber zu. Er setzte mit lässiger Schnelligkeit die Füße voreinander, seine eigene Erleichterung verschleiernd.
Sie trafen sich mit kurzem Gruß und einer flüchtig weichen Umarmung, um danach wie alle anderen Magneten immer wieder an den Schultern anstoßend über den Weihnachtsmarkt zu gehen, die Schritte fast ein wenig zu zügig, als suchten die Beine noch nach der Erleichterung, die den Sinn schon erfasst hatte.
Erst als die Augen alles abgetastet hatten und die mittlerweile gefühllosen Hände Halt an einer heißen Tasse würzigem Glühwein fanden, breitete sich die Erleichterung vollends über beide aus und sickerte in ihr leises Gespräch hinein. Man fühlte sich wohl in der Nähe des Anderen und kein Zwang und keine Verpflichtung trübten den Blick auf die Worte, die der andere sagte. War man sich zu ähnlich oder woran mochte es liegen? Die Frage versank im nächsten Schluck aus der Tasse, der schon nicht mehr glühte.
Die Kälte fraß alles, und in sie hinein fraßen sich die Lichter und die Hütten, fraßen die Worte und Wortfetzen sich Löcher, in die man seine Seele legen konnte und ausruhen. Dann war es auch nicht mehr bedrückend, dass der Winter über die Schultern fiel und sich zwischen die Nähe schob, denn die Worte fraßen ja weiter ihre Löcher und schufen immer wieder neu das Gegenüber.
Er stellte seine leere Tasse auf den Tresen und der Mann in der Hütte, den die Kälte schon gefressen hatte und dem dies nichts auszumachen schien, räumte sie weg, streifte nur kurz den Blick und wandte sich dem Winter zu und denen, die ihre kalten Finger nach seinen warmen Getränken ausstreckten.
Sie hatte noch einen Schluck in ihrer Tasse und zögerte, ihn zu trinken. Doch er zündete sich eine Zigarette an. Sie wusste, sie würde sie sich mit ihm teilen, also trank sie mutig bis auf den Grund und stellte dem kältegefressenen Mann gleichgültig die Tasse auf den Tresen.
Er reichte ihr die Zigarette und sie zog daran. Sie rauchte nicht, aber zwischen ihnen war es ein selbstverständliches Ritual, das sich stets wiederholte und seinen eigenen Trost besaß. Freilich wurden die Hände wieder kalt, doch auch der Rauch fraß seine Löcher in die Winterstarre und schuf Nähe.
Man ging gemeinsam weiter und wieder trafen die Schultern wie Magneten aufeinander, während man sich durch die anderen Menschen, die ebenfalls wie Magnete aneinander klebten, drängte. Man zog sich an, man stieß sich ab und einige warfen mit den Augen ihre erkalteten Träume in den Schnee.
Die Traumfänger fingen solche Träume auf. Wenn sie daran geglaubt hätte, nie hätte sie sich hier einen dieser federbewehrten Ringe gekauft. Sie hätte die kalten Träume der Vielen nicht mit sich nehmen wollen. Stattdessen wollte sie die eigenen erkalteten Träume fallen lassen und nach neuen greifen.
Er reichte ihr wieder die Zigarette. Sie zog daran und zog einen neuen Traum in sich hinein und wusste, dass in der starren Kälte eine fast ekstatische Hoffnung glühte und tanzte, umwirbelt von winzigen Flocken des ersten schüchternen Schnees, der in die Löcher ihrer Gespräche fiel, aber sie nicht zu füllen vermochte.
Darum würde die Hoffnung bleiben und sie verließen die lose geordnete Ansammlung von Hütten und Buden, ließen Zuckerwatte, die den Schnee spiegelte und Traumfänger, die über den Menschenseelen baumelten, hinter sich, ließen alle Lichter hinter sich und tauchten ein in die schwarzen Gassen, tauchten ein in die unverschämte Gegenwart der orangefarbenen Laternen.
Ihr ausgeschrittener Kreis, ihr Gespräch und die zweite geteilte Zigarette führten sie wieder zurück auf den Weihnachtsmarkt. Jetzt standen sie abgetrennt von dem Angebot der Ess- und Kaufkultur adventlichen Wohllebens dort und entschieden sich, die Zeit auszureizen, dem Winter zu trotzen und eine weitere Zigarette zu teilen. Weiter draußen, im Dunkeln, wo Wollen und Schlafen ihre Wohnung haben und freundliche Nachbarn sind.
Zwischen diesen Nachbarn ließ es sich gut rauchen und reden, ohne dass Bedenken und Zwänge und der kalte Winter den Menschen überwältigten. Die Zeit war hier zugleich Freund und Feind. Sie goss den Winter in fließende Grenzen und sie setzte auch diesem Abend eine sanfte Grenze.
Man trennte sich. Worte hatten Löcher gefüllt. Nähe hatte den Atem der Hoffnung genährt. Die Zeit, willkommener Feind und verachteter Freund, würde sich zwischen sie legen und man würde das Rechte tun und denken. Man würde dennoch wieder zueinander finden und sich fragen, warum die Dinge lagen und wuchsen wie sie waren. Die Antwort würde stets dieselbe sein. Die Banalität der weihnachtlichen Musik, die sie in der Ferne hörten, unterstrich die Banalität der Antwort: Es war eben so.
Wenn man eine Weihnachtsgeschichte oder eine Adventsgeschichte erzählt, dann passt alles, was man zu sagen oder worüber man zu schweigen vermag, in die Falten dieser Zeitspanne. Und erst wenn verschiedene Spannen der verstrichenen Zeit über die Dinge hingegangen sind, die so sind, wie sie eben sind, wird man vielleicht sagen können: Es war so, weil…

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