Sanft fließendes Grün ergießt sich in den dunklen und eisigen Gang. Das Winterlicht, das durch die hohen, spitz zulaufenden Fenster moderner Gotik fällt, wird gebrochen durch das Grün des Strohstern-übergossenen Baumes im Altarraum. Deshalb legt sich ein warmer Unterton um ihre müden Augen, die nach einem Punkt suchen, an dem sie ruhen und versinken können.
Sie vermisst die düstere Zuflucht einer Seitenkapelle oder einer verborgenen Krypta. In diesen modernen Kirchengebäuden gibt es keine Säulen mehr, hinter denen sich der Mensch vor Gott verstecken könnte, wie einst Adam und Eva im Paradies sich hinter den Stämmen der Bäume Edens bargen.
Alles liegt blank und die Kälte dringt in die Mauern, versickert darin und nimmt Wohnung zwischen den glatt und gerade schlafenden Bänken. Sie könnte sich setzen, doch sie fürchtet, dass die Kälte dann erwacht, sich von der Bank erhebt und ihr den Rücken hinauf kriecht, wie einer, der seinen Arm um einen Freund legen möchte. Doch diesen Arm will sie nicht auf ihrer Schulter spüren. Weder diesen, noch einen anderen. Weder einen Blick noch ein Wort. Sie möchte sich hinter Bäume oder Säulen stellen und still sein wie die Bänke.
Ihre Augen wenden sich von dem verdunkelten Altarraum ab. Ist dies der Ort, an dem Gott selbst sich versteckt und ihr hinterhältige Blicke zuwirft? Ist dies die Stelle, an der ein Funke des Garten Eden ein jedes Stück Erde berühren kann, auf dem eine Kirche steht? Warum aber gibt es hier keine Säulen, keine Bäume aus Stein und Mörtel? Gab es nicht in Gottes Garten zahllose Bäume? War es nicht eigens ein Ort, an dem Menschen zwischen den Bäumen gingen und geschützt waren vor argen Blicken, vor beißenden Lichtstrahlen?
Hier schneidet das Winterlicht weiße Wunden in ihre müden Augen, die sie deshalb auf den Boden richtet. Kein Stein, der sich in seiner Farbe dem Erdreich angleicht und den Boden für Bäume bereitet, deren Früchte reich verzierte Kapitelle sind. Sondern rote Fliesen, eng und in wirrem Muster aneinander gefügt. Der Blick findet keinen Punkt der Zuflucht, sondern verliert sich im Labyrinth der Rillen.
„Kirche offen“ verkündet das Schild vor der Tür. „Kirche leer“ hätte es besser getroffen, befindet sie und schreitet den Gang ab. Obwohl sie nichts Freundliches vermutet, wo das fromme Bollwerk des Tannenbaumes die fünf durch einen roten Teppich bekleideten Stufen zum Altar beschattet, bewegt sie sich darauf zu. Die behängte Tanne ist der einzige Baum in diesem steinernen Eden, doch er zählt nicht, denn er wurde der Erde entrissen, in der er einst verwurzelt war. Der Baum wird sterben und Bänke schlafen bloß und ungeschützt.
Auf jeder Parkbank hätte man angenehmere Zuflucht gefunden, als in diesen stummen Reihen, die mit jedem Schritt kühl an ihr vorübergleiten und sich in ihrem Schlummer nicht aufstören lassen. Denn dort draußen blickt niemand auf den, der auf einer Bank Platz nimmt. Im Park gibt es Bäume, die als Sehnsucht Edens ihre Zweige über den Menschen wippen lassen. Hier jedoch blickt Gott vorbei an den Strohsternen.
Jeder kennt das Gefühl, aus dem geosteten Altarraum beobachtet zu werden, mag er nun an einen Gott glauben oder nicht. Kann Gott nur vom Osten in den Westen blicken? Umspannt sein Blick dann die ganze Welt vom Osten wieder in den Osten? Welch ein Irrtum zu glauben, dass ein Altar ein Kirchen bestückendes Möbelstück ist, mit dem Zweck, Gott zu schauen. Es ist genau umgekehrt. Gott sitzt die ganze Zeit auf dem Altar und schaut nach den Menschen. Er ist es, der sieht. Der Mensch sieht nichts. Er sitzt nur schlummernd da in der schlummernden Bank und ihm fehlen die Bäume Edens.
Jetzt steht sie vor den fünf Stufen. Der Teppich ist rau. Seltsam, dass Gott sein Wohnzimmer so ungemütlich einrichten lässt, denkt sie und muss lächeln und fragt sich sogleich, ob Gott wohl über die Menschen lächelt, die jenen Raum, in dem man ihm begegnen soll, so herrichten, dass einer bei Verstand sich bei dem Anblick sofort nach dem eigenen Wohnzimmer mit dem alten, durchgelegenen Sofa sehnen muss. Daneben die Zimmerpflanze, Abglanz eines Gartens, in dessen warmem Grün der Mensch einst heimisch war.
Der Winter kennt nur das schwarze Grün der Tannen und das blasse Weiß, das sich zwischen wolkenbetupftem Himmel und schneebedeckten Hügeln immer wieder ineinander spiegelt. Darum ist sie in das steinerne Eden geflohen und endlich erblicken ihre Augen etwas, das ihr helfen wird, die Aufmerksamkeit vom Altar abzuwenden. Abseits unter der schlicht gefügten Holzkanzel steht ein kleiner Tisch, auf dem Talglichter träge sich selbst verzehren. Manch eines ist schon in sich ertrunken, ein anderes erstirbt gerade mit letztem Glühen. Ein drittes flackert mit der Gewissheit eines langen Lebens.
Ein Schild, was sie nur halb liest, erklärt den Zweck. Ein Licht entzünden, ein Gebet sprechen. Sie denkt nicht weiter über den Sinn dieses Rituals nach, sondern greift sich ein unbenutztes Talglicht, will es eben anzünden und zögert dann. Nein, sie wird ihr Licht nicht an dem wild flackernden Schein der Kerze entfachen, die noch Stunden brennen wird. Sie hält den Docht dicht über eines der kläglich ersterbenden Lichter. Ein kühler Schauer überkommt sie, als der Docht ihres ausgewählten Lichtes ruhig aufleuchtet und im selben Augenblick das Feuer, von dem ihre Flamme genommen ist, gänzlich erstirbt.
Sie hält das Talglicht fest und fragt sich, mit welchem Gebet sie es wieder zurück auf den Tisch stellen soll. Ihr kommt nur ein einziger Gedanke in den Sinn. Sie wünscht sich einen Baum, unter dem sie Zuflucht finden kann und sie wünscht sich, dass freundliche Augen sie darunter suchen. Aus dem Altarraum weht ein Hauch, der die Kerzenflammen scharf zur Seite weht und einer Hand voll den letzten Gar aus macht.
Sie zieht sich an die Seite des Tisches zurück, unter die Kanzel, in den einzigen Schatten, den dieses erzwungen gotische Gemäuer bietet. Sie blickt nach oben und stellt fest, dass die Kanzel grob geschnitzte Ornamente trägt. Blätter- und Rankenwerk, unter dem sie nun steht und erneut nach Osten schaut. Aus einer Tür rechts hinter dem Altar treten drei Männer heraus, miteinander flüsternd und Papiere in der Hand drehend. Sie nicken ihr zu, als sie sie bemerken. Sie nickt zurück und fragt, ob sie gehen soll.
Freundlich entgegnet ihr einer der Männer, sie könne bleiben und der Probe beiwohnen. Sie bedankt sich und zieht sich noch weiter in den Schatten des geschnitzten Laubes zurück. Sie will gehen, doch die Aufmachung der Männer weckt ihr erkaltetes Interesse. Sie beneidet die drei beinahe um das, was sie tragen. Dicke Felle und aufgeplusterte Wollwesten, grobe Hosen und schwere Stiefel. Diese Kleidung ist wesentlich wärmer als ihre feminin geschnittene Jacke und die dünne Jeans.
Offensichtlich mimen diese drei die Hirten aus dem Krippenspiel. Sie schnappt einige Wortfetzen auf. Man ist zu pünktlich, die anderen Mitspieler werden in einiger Zeit eintreffen und dann kann man das Stück proben, schließlich ist es nicht mehr weit bis Weihnachten und man muss noch jede Gelegenheit nutzen, den Text zu lernen und miteinander zu üben. Man beschließt, ohne die anderen, den eigenen Part weiter einzustudieren.
Auf den Treppenstufen nehmen sie nun Platz. Einer sitzt auf der dritten Stufe, die anderen zwei sitzen links und rechts von ihm auf der ersten und strecken ganz unprofessionell die Beine von sich. Es wird wild und verwirrt in den zerschundenen Seiten des Stückes geblättert, bis man den Teil der Hirten aufgefunden hat. Sie will gehen und in den Park hinaus, unter die Bäume und in den Schnee.
Statt dessen wachsen ihre Füße in die roten Fliesen des Bodens, verknoten sich ihre Augen mit den sanft hin und her schwingenden Flammen der Talglichter und trennen sich ihre Ohren ganz von ihrem Körper ab, schweben durch den eisigen Gang und lauschen hinein in den Altarraum, in dem Gott jetzt etwas geboten bekommt, was er ja vielleicht vergnügt betrachtet.
Das Dach über dem Schauspiel in Gottes Wohnzimmer löst sich auf.
Es ist Nacht, das grüne Winterlicht schwindet und schafft dem Licht uralter Sterne kühlen Raum, in dem sie sich ausbreiten wie hingeschüttete Mandelblüten auf einem schwarzen Tuch. Die drei Männer und ihre Gesichter verschwimmen und nur noch die Stimmen sind aus dem Dunkel zu vernehmen. Angst überschattet ihr Gemüt und sie fürchtet, dass einer sie berühren könnte. Sie will keine Geste und kein Wort, sie will sich nur einen Baum suchen auf dem Feld der Hirten und dagegen lehnen und Ruhe finden.
Doch jenseits des schneidenden Winterlichtes und jenseits der blühenden Sterne öffnet sich ein grelles Leuchten, das durch die grotesk gotischen Fenster fällt und alles verzehrt, den frommen Baum mit den frommen Strohsternen, den Osten und den Westen, die drei Männer und ihr Hirtenspiel. Es ist so warm wie die winzigen Flammen der sterbenden Talglichter, doch es wird nicht sterben wie sie.
Es ist nicht die Kälte, die nun ihren Arm um sie legt. Es ist jene Stimme, die aus dem Spiel in Gottes Wohnzimmer zu ihr dringt und ihre Ohren füllt, ihren ganzen Kopf umfasst und ihren Körper unter der grobschlächtigen Kanzel wie eine dazugehörige Säule erstarren lässt.
Die Gotik des Gebäudes ist lächerlich, das Spiel der Laien ist unfertig und der Winter kühlt jede Regung. „Kirche offen“ verkündet das Schild vor der Tür. Mag die Kirche noch so weit geöffnet sein, ihr Herz ist verschlossen, bis jene Stimme einen neuen Stern an ihrem Horizont entzündet. Fürchte dich nicht. Er ist da.
Sie tritt aus dem spitzen Portal und weiß, dass ihr von nun an freundliche Augen aus Gottes Wohnzimmer folgen und dass kein Baum mehr nötig ist im neuen Eden, der dem Menschen nur Versteck bietet. Ein jeder Baum ist Schmuck und seine Zweige flüstern auf ewig: Fürchte nicht.

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