Buchbesprechung: Ian McEwan – Kindeswohl
(Roman, aus dem Englischen von Werner Schmitz)
Die Richterin Fiona Maye ist kühl, intelligent und äußerst gewissenhaft, ihre Urteile sind präzise und ausgewogen formuliert. Sie ist unter Kollegen geachtet und hat eine beispiellose Karriere gemacht. Vor ihrem Richterstuhl landen komplizierte Fälle des Familienrechts. Es geht um Scheidungen, Unterhaltsansprüche, Kindesentziehungen, Sorgerecht. Bezeichnenderweise haben sie und ihr Mann Jack selbst keine Kinder und ihre eigene Ehe steht vor dem Ende.
Das Paar ist wohlhabend und sie haben sich bisher harmonisch miteinander arrangiert. Doch seitdem Fiona einen besonders prestigeträchtigen Fall bearbeiten musste, bei dem sie über das Leben und Sterben eines siamesischen Zwillingspaares zu entscheiden hatte, ist sie nicht mehr dieselbe. Zweifel und Schuldgefühle haben sich eingeschlichen, das Gewissen ist härter als irdische Richter. Jack sucht noch ein letztes Abenteuer und wirft ihr ihre emotionale Distanz vor.
Fiona muss erkennen, dass ihr Mann nicht ganz Unrecht hat, doch erst ein neuer Fall bringt sie wieder in Verbindung mit ihren eigenen Gefühlen. Ein siebzehnjähriger Junge ist an Leukämie erkrankt und er lehnt die Behandlung mit Blutkonserven ab. Ebenso seine Eltern. Sie sind Zeugen Jehovas. Der Fall ist sozusagen ein klassisches Beispiel und keine sehr aktuelle Geschichte, wenn man sich die derzeitigen Konflikte auf dem Globus ansieht, die sich meist um radikale Gruppen innerhalb des weiten und unübersichtlichen Feldes des Islam drehen.
Der Fall funktioniert hier jedoch als Gemeinplatz, als Beispiel für den Konflikt zwischen Glaube und Rationalität, den Wert eines menschlichen Lebens und der Macht einer religiösen Überzeugung. Soll Fiona den begabten und intelligenten Jungen für volljährig erklären, um seinem eigenen Willen zu entsprechen? Ist er reif genug, die Konsequenzen seiner Entscheidung abzusehen und voll zu erfassen? Ist es wirklich seine Entscheidung oder ist es die seiner Eltern und der Gemeinschaft der Zeugen Jehovahs, die ihn beeinflusst haben?
Der Autor Ian McEwan selbst ist Atheist und übt hier durchaus Kritik an der Religion als einer Macht, die sich um das Leben eines Einzelnen nur wenig zu scheren scheint. Die Oberhand sollten Vernunft und Moral behalten. Doch die Kritik des Autors fällt nicht so harsch und radikal aus, wie man meinen könnte. Die Eltern des sterbenden Jungen und der Junge selbst wirken nicht wie fanatische Gestalten, die das Leben eines Menschen unbedingt einem Prinzip opfern wollen. Sie sind intelligente, ehrliche, vernünftige Menschen. Ihre Überzeugungen werden ernst genommen und nicht einfach fort gewischt. Diese Toleranz wünscht man sich innerhalb und zwischen religiösen Lagern häufig vergeblich.
Der Umgang des Autors mit dem Thema nötigt Respekt ab. Es lohnt sich, den neuen Roman von Ian McEwan zu lesen und sich mit den darin angeschnittenen Themen und Gedankenanstößen zu beschäftigen, auch wenn man ihn nicht zu seinen Lieblingsautoren zählt.

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