Buchbesprechung zu: Evelyn Waugh. Lust und Laster.

Buchbesprechung zu: Evelyn Waugh. Lust und Laster.
Neuübersetzung von pociao im Diogenes Verlag, 2015, 284 Seiten

(Erstveröffentlichung 1930, Originaltitel: „Vile Bodies“)

Die Neuübersetzung von „Vile Bodies“ unter dem deutschen Titel „Lust und Laster“ setzt mit dieser Übertragungsvariante dort an, wo die vorangegangene Neuübersetzung von „Decline and Fall“ in der direkten Übersetzung als „Verfall und Untergang“ aufgehört hat. Die Wahl dieses neuen Titels für die neue Übersetzung ist durchaus nicht zufällig, denn der zweite Roman von Evelyn Waugh ist in gewisser Hinsicht eine Fortsetzung von „Verfall und Untergang“. Wenn auch die Hauptprotagonisten in „Lust und Laster“ ganz andere sind, so verkehren sie doch in denselben Kreisen wie unser Held Pennyfeather in „Verfall und Untergang“. Der Zeitraum der Handlung liegt ein wenig später als der im ersten Buch und kann als kurz vor der Wirtschaftskrise Ende der 20er Jahre und vorausschauend auf einen drohenden Zweiten Weltkrieg festgesetzt werden, während Pennyfeather noch zu Beginn der Wilden 20er unterwegs ist.
Mit unserem neuen Helden Adam Fenwick-Seymes erleben wir die Vollendung des im ersten Roman angedeuteten Untergangs der englischen Gesellschaft. Und was für eine Vollendung! Es ist wieder ein hastiger Ritt durch belanglose oder skurrile Dialoge und eine atemlose Aneinanderreihung von Partys und gesellschaftlichen Vergnügungen der „Jungen Wilden“, allesamt Söhne und Töchter der höheren Gesellschaft, denen ganz und gar nicht der Sinn danach steht, sich den alten Gepflogenheiten und Traditionen zu unterwerfen. Nach dem Ersten Weltkrieg will man leben, und zwar richtig! Ein Jeder will das Leben auskosten und genießen. Die Alten neiden es den Jungen sogar oder hegen wohlwollendes Verständnis. Eine Gesellschaft in scheinbar totaler Auflösung.
Wenn es beispielsweise dazu kommt, dass eine junge Dame auf einem Kronleuchter schaukeln will und dabei zu Tode kommt, dann geht man eben auf ihre Beerdigung und anschließend wird gleich nach der nächsten Party gefragt. Wo findet sie statt? Wer gibt sie? Auf einem Luftschiff? Viel Alkohol? Warum nicht? All das klingt ziemlich aberwitzig und das ist es auch. Der satirische Humor Evelyn Waughs setzt sich in seinem zweiten Roman fort.
Allein die Wortspiele in den Namen der auftretenden Figuren lohnen es, irgendwann zum englischen Original zu greifen. In der vorliegenden Übersetzung hat man die Namen allesamt ohne Übersetzungsversuch stehen lassen. Größeren Lesegenuss hat der, der sie sich übersetzen kann. Da ist eine amerikanische Evangelistin namens Mrs. Ape (Affe!), die eine Schar Engel mit Flügeln anführt. Es sind junge Frauen, die religiöse Lieder singen und als Engel verkleidet auftreten. Sie tragen die Namen christlicher Tugenden. Chastity (Keuschheit!) allerdings hat zum Beispiel mehr die Männer im Kopf als das Verbreiten frommer Botschaften. Die genaue Rolle von Mrs. Ape und ihren Engeln soll hier nicht näher erläutert werden, aber es sei versichert, dass diese Schar ebenso überspitzt unanständig ist wie all die anderen skurrilen Figuren in Waughs Roman.
Die atemlose, leichtfüßige Gesellschaftssatire erscheint in „Lust und Laster“ jedoch in etwas gebrochener Weise. So gibt der Autor in einem späteren Vorwort selbst zu, dass inmitten des Romans ein Bruch stattfindet, eine Wendung von der Leichtigkeit hin zur Bitterkeit, wohl zu einem Teil Ereignissen im Privatleben des Autors geschuldet, zum anderen Teil den bekannten krisenhaften Entwicklungen Ende der Zwanziger Jahre.
Doch im Grunde geht alles schief, nachdem Adam Fenwick-Seymes versucht hat, mittels erfundener Geschichten über das Nachtleben der „Jungen Wilden“ (an dem er nicht gerade wenig beteiligt ist) eine grüne Melone als den letzten modischen Schrei einzuführen. Als Mr. Chatterbox (in etwa: „Mr. Schnatterkasten“) einer Klatschzeitung gibt uns Adam auf amüsante Weise ein Beispiel für die Macht der Medien, eine Art Schatten für die Wirkungsweise von Propaganda. Der durch die Willkür der Zensur verhinderte Schriftsteller Adam schafft es, durch erfundene Berichte über angesehene Personen der Gesellschaft, die angeblich schwarze Wildlederschuhe tragen, dass bald alle solche Schuhe tragen wollen und es auch tun. Bei dem Versuch mit der grünen Melone allerdings hat er wie gesagt weniger Erfolg. Das ist eines der typischen Beispiele für Waughs Art der Satire. Durch eine banale Sache wird eine banale Gesellschaft ad absurdum geführt und in den Abgrund gestoßen.
Adam muss also büßen für die grüne Melone. Zudem läuft er 35 Tausend Pfund hinterher, die ein betrunkener Major für ihn aufbewahrt. Von diesem Geld hängt es nämlich ab, ob Adam seine Nina heiraten kann. Das ist sozusagen seine Quest, die sich durch das Buch zieht. Mehr Handlung, die beschreibungswürdig wäre, gibt es eigentlich nicht. Das ist auch nicht nötig, denn es geht um etwas Anderes. Um etwas Anderes? Ja, das ist es, wonach Adam sich inmitten der Querelen sehnt. Was will er? Etwas Anderes, sagt er zu Nina. Was wäre das, fragt sie. Er weiß es nicht, aber es soll etwas Anderes sein, anders als all das, in dem er sich bewegt. Adam läuft seinem Glück hinterher und erfasst es nicht. Er hat alles satt, er sehnt sich nach Sinn. Aber es gibt keinen.
Der Tonus in „Lust und Laster“ ist sehr viel pessimistischer und noch etwas bissiger als im ersten Roman. In „Verfall und Untergang“ wird der Hauptprotagonist aus allem Unbill noch wundersam gerettet, weil das Ideal des Gentlemans noch existiert und es in der Gesellschaft doch noch gute Kräfte gibt. Das Happy End scheint auch in „Lust und Laster“ zeitweise zum Greifen nahe. Dann aber kommt der Krieg. Es ist recht zynisch, dass das letzte Kapitel „Happy End“ genannt wird. Dort liest Adam auf dem Schlachtfeld einen Brief von seiner Geliebten, die für ihn unerreichbar ist und bleibt. In diesem Roman verliert die Hauptfigur alles und landet am Schluss auf dem Schlachtfeld, von dem es kein Entrinnen gibt.
Die alte englische Gesellschaft steht gänzlich vor dem Aus. Es gibt kein Happy End mehr für sie. Alles ändert sich. Ein pessimistischer Grundton schleicht sich ein. Dennoch bleibt das Lesevergnügen auch bei „Lust und Laster“ ungebrochen. Es lohnt sich, diesen Roman zur Hand zu nehmen. Es gibt selten ein Buch, das man mit so viel Gewinn und Genuss lesen kann, während man durch den rasanten Stil getrieben durch die Seiten gejagt wird. Eine echte Empfehlung für diese Übersetzung und eine Anregung, zukünftig vielleicht auch zu Evelyn Waugh im englischen Original zu greifen.