Buchbesprechung: The Pilgrim´s Regress von C.S. Lewis
Ausgabe: The Pilgrim´s Regress – Wade Annotated Edition, William B. Eerdmans Publishing Company, 2014
Herausgegeben und mit einer Einführung von David C. Downing
Illustriert von Michael Hague
The Pilgrim´s Regress ist das erste fiktive Werk des Autors C.S. Lewis, das er nach seiner Rückkehr zum Christentum innerhalb von zwei Wochen schrieb und seinem Freund Arthur Greeves widmete. Es gibt meines Wissens auch deutsche Übersetzungen unter den zwei Titeln „Das Schloss und die Insel“ und „Flucht aus Puritanien“. Die erste Bezeichnung legt die Betonung auf das Ziel der in dem Buch beschriebenen Reise, der zweite Titel betont den Startpunkt, von dem aus der Hauptprotagonist John zu seiner Pilgerreise aufbricht. Die zunächst seltsam anmutende Titelwahl im Deutschen rührt daher, dass eine wörtliche Übersetzung der Titels sehr schwierig ist, denn der Originaltitel spielt in Anlehnung an das Werk John Bunyans „The Pilgrim´s Progress“ mit den Wortgegensätzen „Progress“ und „Regress“. Es ist auch kein Zufall, dass der Reisende in Lewis Werk John heißt. Es spiegelt den Bezug zur Pilgerreise Bunyans und auch den autobiografischen Bezug zu Lewis selbst wieder, dessen Freunde ihn „Jack“ nannten.
Es ist überhaupt von Vorteil, sich ein wenig mit der Lebensgeschichte des Autors auseinanderzusetzen und eventuell sogar Lewis kleine Autobiografie zu lesen, bevor man sich mit „The Pilgrim´s Regress“ auseinandersetzt. „Surprised by Joy“ (dt. Übersetzung: Überrascht von Freude) berichtet von Lewis Erfahrungen in seiner persönlichen und vor allem gedanklichen Entwicklung vom kindlichen Glauben über Atheismus zu Theismus und zurück zum Christentum in seiner orthodoxen Form, von Lewis „Mere Christianity“ (in etwa: Christentum an sich, Christentum schlechthin) genannt. Diese sehr subjektive Beschreibung zu lesen, bevor man sich The Pilgrim´s Regress zuwendet, ist ein hilfreicher Schlüssel zum Verständnis der Reise des Protagonisten John. Ein zweiter Schlüssel zu diesem Buch liegt in einer gewissen Vorbildung in Sachen Philosophie, Literatur und der Gesellschaftsgeschichte der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, also dem Zeitraum zwischen den beiden Weltkriegen, der auch Lewis Umfeld zur Zeit seiner Bekehrung bildet.
Warum es notwendig ist, sich gewisse Schlüssel zur Lektüre von The Pilgrim´s Regress anzueignen, liegt an der literarischen Form dieses Werkes. Es ist ebenso wie John Bunyans Pilgerreise als Allegorie angelegt. Zum Verständnis der Allegorie als Stilmittel und Erzählform ist es wichtig, dass man eben nicht jedes einzelne Detail oder Bild nimmt und mit Dingen und Ereignissen in der Realität vollständig gleichsetzt. Die Pilgerreise des John von Puritanien aus bis zu seiner ersehnten, geheimnisvollen Insel steht zwar für die gedankliche Reise C.S. Lewis zurück zum Christentum. Die Geschichte steht jedoch nicht in dem Sinne für die Ereignisse und Erfahrungen in der Wirklichkeit, dass man die Einzelheiten eins zu eins übersetzen sollte. Die Bilder bleiben selbständig und sollen durch Ähnlichkeiten mit den Dingen in der Wirklichkeit entsprechende Wahrheiten verdeutlichen. Es sind in gewisser Hinsicht Gemeinplätze und im Nachwort zur dritten Ausgabe wies Lewis selbst darauf hin, dass es ihm weniger um die autobiografischen Bezüge ging, als vielmehr um die Verdeutlichung geistiger Tendenzen in der Gesellschaft der 20er und 30er Jahre und um die Beschreibung eines möglichen Weges hin zum Christentum, den Lewis selbst für eine nicht ungewöhnliche und gedanklich übliche Entwicklung hielt.
Ebenfalls hilfreich ist es, die neue (oben genannte) Ausgabe des Buches aus dem Verlag Eerdmans als Lektüre zu wählen. Seit 2014 ist diese wunderschöne Neuauflage erhältlich und mit zahlreichen Anmerkungen versehen. Die Anmerkungen erfüllen verschiedene Zwecke. Zum einen gibt es Worterklärungen für ein US-Publikum. Ein paar ältliche Begriffe aus dem British English werden dem modernen, vor allem US-amerikanischen Leser erklärt, denn seit jeher hat Lewis auf amerikanischem Boden viele begeisterte Leser. Die meisten Anmerkungen übersetzen lateinische und griechische Zitate, französische und deutsche Begriffe und nordischen Sprachen entnommene Wendungen. Darüber hinaus decken die Anmerkungen die von Lewis verwendeten und verarbeiteten Werke der Literatur auf und erklären vor allem philosophische und geistige Strömungen und Hintergründe, die für das Verständnis des Textes hilfreich sind. Die Erklärungen sind durchaus gewinnbringend für Leser, die Zugang zu diesem Werk von Lewis suchen und über wenig Vorbildung in Literatur, Philosophie und klassischen Sprachen verfügen. Wirkliche Freude am Lesen und Entschlüsseln des Textes hat jedoch nur der Leser, der selbst einige Grundkenntnisse besitzt und einige von Lewis anderen, vor allem späteren Werken kennt, um ein paar Rückschlüsse ziehen zu können.
The Pilgrim´s Regress ist ein Buch, für das man andere Bücher gelesen haben muss und C.S. Lewis selbst hat zugegeben, dass es im Grunde ein Werk für Eingeweihte ist, eines für ein sogenanntes „Highbrow“-Publikum. Den einzelnen Seiten zugeordnete, mitlaufende Überschriften, die den Stand der Handlung leicht umschreiben, hat Lewis erst bei einer späteren Ausgabe hinzugefügt, als das Interesse an seinen Werken gewachsen war. Dennoch ist und bleibt The Pilgrim´s Regress eine schwierige Lektüre, wirklich geeignet nur für echte „Freaks“. Einige Gedanken des Buches sind es durchaus wert, sich damit auseinanderzusetzen. Zur Übersicht dazu verhilft eine „Mappa Mundi“ (Weltkarte, lat. Begriff aus dem MA), eine von Lewis dem Werk beigefügte Landkarte, auf der die Reise Johns durch die Welt der Gedanken und geistigen Strömungen eingezeichnet ist.
Im Grunde geht es darum, einen gesunden, geraden und ausgewogenen Mittelweg zwischen den verschiedensten philosophischen Ansichten zu finden und zu gehen. Es gibt unterschiedliche geistige Bereiche im Norden und im Süden dieser Welt, bevölkert von wenig verschleierten Persönlichkeiten, aus denen man die ganze Bandbreite gedanklicher Strömungen der Zeit zwischen den Weltkriegen herauslesen kann. Es gibt Freudianer, Hegelianer, Idealisten, Atheisten, liberale Geistliche, Faschisten und Kommunisten, um nur einige zu nennen. Der Norden ist von strenger, gesetzlicher Rationalität geprägt, jeglichem Gefühl und jeglicher irdischen Freude völlig entfremdet. Kalte, fehlgeleitete Logik führt den Pilger John in die Irre. Der Süden hingegen, den John kaum besucht, ist im Gegensatz dazu geprägt von der Hingabe an jedes Gefühl und jeden denkbaren Reiz, bis hin zur Verstrickung in überspitzte Spiritualität, die in dunkelstem Okkultismus endet. Lewis zeichnet hier das dunkle Bild des beständigen Angriffs feindlicher Kräfte auf den Verstand und das Gefühl des Menschen. Es sind diese beiden Ebenen, über die ein Mensch auf Abwege geraten kann, abirrt von dem geraden, gesunden Weg, der ein Gleichgewicht wahrt. Für Lewis bleibt es zeitlebens eine tiefe Wahrheit, dass der Mensch ein geschaffenes Wesen ist, das der Materie stets verhaftet bleibt, aber dass er auch ein zutiefst spirituelles Wesen mit höherer Bestimmung ist. Irdisches und Geistliches gehören für Lewis gleichermaßen zum menschlichen Dasein dazu.
Das zentrale Motiv der Pilgerreise des Protagonisten John ist seine Sehnsucht nach einer Insel, die er finden will und für die er sich aus Puritanien aufmacht. Die Insel ist in der Weltliteratur ein beliebtes Bild für ein ersehntes Paradies. Lewis bezeichnet das Sehnen Johns als „Sweet Desire“, süßes Verlangen nach etwas, von dem er nicht genau weiß, was es ist. Das Verlangen ist so süß, dass es John schließlich sogar nach dem Verlangen selbst verlangt. Es ist die Falle, in die er immer wieder fällt. Was ihm die Erfüllung der Sehnsucht verheißt, entpuppt sich im Nachhinein immer wieder als „brown girl“, braunes Mädchen. Die Frauengestalten verkörpern Erfahrungen, die in John das Bild der Insel hervorrufen und das Verlangen danach doch nicht erfüllen.
Das Motiv verschiedener Frauen- und Mädchengestalten, denen John im Laufe seiner Reise begegnet und die es mal übel und mal freundlich mit ihm meinen, ist etwas, das an ein Werk erinnert, das C.S. Lewis vor seiner Bekehrung ebenfalls sehr geprägt hat. Man fühlt sich an den Phantastes von George McDonald erinnert, in dem der Protagonist Anodos (griechisch für „Aufstieg“) ebenfalls verschiedenen Frauengestalten begegnet, die ihn entweder wieder auf den rechten Weg weisen oder ihn davon abbringen, bis seine Reise sich vollendet hat und er an das Ziel gelangt, seine Reife als Mann. Auch in The Pilgrims´s Regress irrt John mal mehr und mal weniger vom gerade Weg ab. Später (in Surprised by Joy) erklärte Lewis, dass bei der Lektüre des Phantastes seine Fähigkeit zur Imagination eine Art Taufe erhielt, noch bevor er sich wieder dem Christentum zuwandte.
Die Männergestalten in The Pilgrim´s Regress, zum Beispiel Mr. Sensible oder Mr. Broad oder der Riese in Zeitgeistheim (vergleiche der „Giant Despair“, der Riese Verzweiflung bei Bunyan) erinnern hingegen wieder viel mehr an John Bunyans Pilgerreise. Lewis hat sich offensichtlich von beiden Werken inspirieren lassen, als er seine eigene Allegorie schrieb. Um die literarische Struktur dieses frühen Werkes von Lewis zu verstehen, ist es von großem Vorteil, den Phantastes und Bunyans The Pligrim´s Progress zu kennen.
Trotz seiner Kürze ist The Pilgrim´s Regress ein derart vielschichtiges Werk, dass man zu beinahe jeder Seite etwas schreiben könnte. Jede Figur und jeder beschriebene Ort bergen die Möglichkeit für verschiedenste Ausdeutungen in philosophischer, literarischer und geistlicher Hinsicht. Auf der anderen Seite gibt es auf längere Strecken Dialoge und Gedankenspiele, die den Fortgang der eigentlich spannenden Handlung ausbremsen und verlangsamen. Das ist einer der häufig erwähnten Kritikpunkte, wenn es um The Pilgrim´s Regress geht. Lewis selbst gibt zu, dass ihn sein sogenannter „expository demon“ (erklärender Dämon) häufig verleitete. Das ist bei einem so frühen Werk von Lewis nicht weiter verwunderlich, darf man doch nicht vergessen, dass seine Profession zuerst die eines Oxforder Don war, der es gewohnt war, mit Studenten und Kollegen zu diskutieren und selbst Vorlesungen zu halten und wissenschaftliche Arbeiten zu verfassen.
Deshalb ist und bleibt The Pilgrim´s Regress das am wenigsten gelesene fiktionale Werk von Lewis. The Pilgrim´s Regress ist ein Buch, das man durchaus mit Gewinn und Vergnügen lesen kann, wenn man ein paar Voraussetzungen mitbringt und zuvor die richtigen Bücher gelesen hat.


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