Buchbesprechung
Die Ehre des Scharfrichters. Meister Frantz oder ein Henkersleben im 16. Jahrhundert
Von Joel F. Harrington (Prof. für Europäische Geschichte, Vanderbilt University)
Übersetzt von Norbert Juraschitz
(Originaltitel: The Faithful Executioner. Life, Death, Honor and Shame in the Turbulent Sixteenth Century)
Siedler 2014
Heute äußere ich mich in meinem Blog einmal nicht zu einem belletristischen Werk, sondern zu einem Sachbuch, das mich bei der Lektüre wirklich beeindruckt und „gefesselt“ hat. Der deutsche Titel ist reißerisch gewählt und ich wollte mich zunächst nicht mit den üblichen gruseligen Schauermärchen auseinandersetzen, die man sonst aus Büchern über die Grausamkeiten von Mittelalter und Früher Neuzeit kennt. Aber nachdem ich ein paar Mal um das Buch geschlichen bin und einmal hineingesehen hatte, schien es mir einen Versuch wert, sich damit auseinanderzusetzen. Es ist klar, dass in der Verkaufsstrategie der Titel „Die Ehre des Scharfrichters“ besser zieht als der wörtlich übersetzte Originaltitel „Der fromme Henker“. Das Buch wirkt auf diese Weise eher wie ein Schauerroman oder ziemlich flach populärwissenschaftlich, aber das ist es keineswegs.
„Die Ehre des Scharfrichters“ basiert durchweg auf gut recherchiertem Quellenmaterial und dessen fundierter Auswertung sowie einem nüchtern nachgezeichneten „Sittenbild“ Nürnbergs im 16. Jahrhundert. Harrington schreibt flüssig und verständlich und durchaus für ein breites, interessiertes Publikum, ohne jedoch Nüchternheit und Seriosität zu vergessen. Es liegt in der Natur des Themas, dass einige Beschreibungen und Fakten in uns Heutigen entweder Abscheu oder schaurige Faszination auslösen, jedoch ist das Buch nicht darauf angelegt, genau das zu erreichen.
Es geht vielmehr darum, das Leben und Umfeld eines Mannes seiner Zeit nachzuzeichnen und durch diese Methode eine Art Spiegel zu erschaffen, in den wir hineinsehen und die Grausamkeiten unserer eigenen Zeit wiedererkennen. Ja wir müssen letztlich zugeben, dass unser heutiges Rechtssystem aus jener uns so grausig und schaurig erscheinenden Praxis entsprungen ist. Nachdenklichkeit ist angesagt und nicht die Überheblichkeit unserer angeblich durchweg zivilisierten Gesellschaft.
In der Hauptsache dient als Quelle das Tagebuch eines Frantz Schmidt, der 40 Jahre lang in Nürnberg als Scharfrichter gedient hat. Er hat sämtliche von ihm vollzogenen Hinrichtungen, Leibesstrafen und Folterungen notiert. Natürlich nicht in der Weise eines reflektierenden, persönlichen Tagebuchs, sondern vielmehr als eine dokumentierende Chronik seines Berufslebens. Nüchtern werden die hingerichteten Personen aufgezählt, die Art der Hinrichtung erwähnt und hin und wieder auch Hintergründe notiert wie einzelne Straftaten und Umstände. Anhand dieser Quelle und ergänzend dazu Material aus dem Nürnberger Archiv, Aufzeichnungen der Ratsmitglieder, die die Todesurteile und Strafen verhängt haben und auch persönliche Aufzeichnungen der Geistlichen, die den Hinrichtungen immer als Zeugen beiwohnten und die Verurteilten bis zuletzt begleiteten, wird das Leben und Wirken des Frantz Schmidt zu rekonstruieren versucht.
Natürlich bleiben Fragen nach seinem wirklichen Empfinden, seinen Motiven und Überzeugungen weitestgehend Spekulation, aber es lässt sich doch ein recht genaues Bild dieses Mannes zeichnen sowie seiner Profession ganz allgemein. Denn ein Dasein als Henker ist zu jener Zeit durchaus, wenn auch nicht gerade als ehrenhafte, so doch tatsächlich als Profession zu bezeichnen. Es entsteht das Bild eines Mannes, der pragmatische, nüchterne und zielstrebige Lebensentscheidungen trifft. Es überrascht uns Heutige, von seiner persönlichen Frömmigkeit zu erfahren, davon, dass er sich geschworen hat, nie einen Tropfen Alkohol zu trinken (ein zu der Zeit durchaus ungewöhnlicher Schwur) und dass er eine langjährige, scheinbar harmonische Ehe führte, aus der 7 Kinder hervorgingen.
Wie passt das Bild eines nüchternen, ruhigen, anständigen Mannes zu dem grausigen Beruf des „Nachrichters“ fragen wir uns. Ein Mann, der auf der einen Seite jede Grausamkeit gegen Kinder zutiefst verachtete und auch fassungslos erscheint angesichts der Gräueltaten verschiedener Räuber und Mordbrenner, der aber andererseits auf Befehl der Stadt hin fast 400 Männer und Frauen auf zum Teil bestialischste Weise hinrichtete (die ganze Palette der üblen Methoden ist vertreten: Hängen, mit dem Schwert köpfen, Ertränken, lebendig verbrennen, Rädern). Nicht eingerechnet die hunderten Leibesstrafen (Auspeitschen mit Ruten, Amputieren diverser Gliedmaßen und Folterungen, sogenannte „Peinliche Befragungen“). Der berufliche Erfolg des Scharfrichters, der sich 40 Jahre in diesem Amt in der angesehenen Stadt Nürnberg halten konnte, gründete nicht zuletzt darauf, dass er in besonders gekonnter und geübter Weise Menschen zu Tode zu bringen wusste.
Nach und nach erfahren wir aber von dem durchaus konklusiven Weltbild des Frantz Schmidt. Es ist für ihn ein Unterschied, ob Grausamkeit aus Niedertracht, Habgier und Lust begangen wird oder ob die ausgeübte Gewalt institutionalisiert und ritualisiert ist. Der Nachrichter ist das verkörperte Schwert Gottes, das der Justitia in die Hand gegeben ist. Seine Funktion und seine Existenzberechtigung gründen ganz stark in den Weltanschauungen jener Zeit und sind nicht zuletzt vom protestantischen Glauben in besonderer Weise sanktioniert. Eine Hinrichtung mit festgelegten Abläufen kommt einem sichtbar gewordenen Erlösungswerk gleich und besonderen Wert legen sowohl der Scharfrichter Frantz als auch die Geistlichen darauf, wie der Verurteilte gestorben ist. Hatte er einen guten Tod, ist die letzte Frage. Ist er im Glauben gestoben?
Das Wirken des Frantz Schmidt bedarf wegen seiner Grausamkeit einer persönlichen Rechtfertigung. Für den Nürnberger Nachrichter ist es der Blick auf die Opfer der Verbrechen. Was hat der Hingerichtete getan, dass er die Strafe verdient? Mehrere Male zählt Frantz die Missetaten auf und betont die besondere Grausamkeit und Schwere der Taten, besonders wenn Minderjährige die Opfer sind oder die Grausamkeit des Täters zu einem unverbesserlichen Charakterzug geworden ist.
Beides zusammengenommen, die Genugtuung für Opfer und Angehörige und die Sanktionierung durch das herrschende Weltbild, ermöglichen es, dass ein Mann wie Frantz Schmidt ruhigen Gewissens grausamste Urteile vollstrecken kann und zugleich nach und nach zu einem zwar gefürchteten, aber auch angesehenen und ehrbaren Bürger Nürnbergs wird. Dass ein Henker das Bürgerrecht zugesprochen bekommt ist schon sehr außergewöhnlich, denn sein Berufsstand verbat ihm und auch seinen Kindern den Zugang zur Gesellschaft und ehrbaren Berufen. Er war ein notwendiges, nützliches Mittel, aber man distanzierte sich von ihm.
All diese Aspekte werden in dem Buch detailliert beleuchtet und ausgelotet. Die einzelnen Abschnitte beschäftigen sich mit den Lebensabschnitten des Frantz Schmidt und zeichnen zugleich alle wichtigen Ereignisse und Bewegungen der Zeit nach. Wir werden hineinversetzt in die Frühe Neuzeit, konfrontiert mit der ritualisierten Grausamkeit der Hinrichtungen, aber gewinnen zugleich auch ein tieferes Verständnis der menschlichen Natur und unserer eigenen, heutigen Gesellschaft. Wer, der nicht einigermaßen vorgebildet ist, hätte zum Beispiel geahnt, dass Henker zugleich auch gefragte Wundheiler waren, da sie sich hervorragend mit der menschlichen Anatomie auskannten? Viele Henkerssöhne sind später in medizinische Berufe eingetreten. Auf der Sezierung Hingerichteter beruht ein guter Teil unseres heutigen medizinischen Wissens.
Schließlich werden wir am Ende des Buches wieder zurückgeworfen auf die Ereignisse in jüngster Zeit: die gesteigerte Grausamkeit der Kriege des 20. Jahrhunderts, gestiegene Kriminalität und der Ruf nach schärferen Strafen für Verbrechen. Das ist uns nichts Unbekanntes und in den Seelen der zivilisierten Menschen der westlichen Welt schlummert immer noch der leise Ruf nach einem Frantz Schmidt, dem man die unliebsame Aufgabe des Richtens anvertrauen kann und von dem man sich gleichzeitig distanzieren darf, um mit der Grausamkeit, die als Antwort auf Grausamkeit folgt, nichts zu tun zu haben. Wir fühlen uns fortschrittlich und human, aber zugleich verfolgen moderne Gesellschaften Strategien der Strafverfolgung, die einem Frantz Schmidt grausam erschienen wären (z. Bsp. langjährige Isolationshaft).
Mein Fazit für dieses Buch ist: lesenswert aus zwei Gründen. Erstens weil es flüssig und interessant geschrieben und zudem gut recherchiert ist. Zweitens weil es zu gesunder Reflexion über die eigene, zivilisierte Überheblichkeit anregt.

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