Joab – Kapitel 28 – Dawids Fluch

Joab

Dawids Fluch

Die zwei Söhne der Zeruja hatten Abner zwar im Schatten des Tores niedergestochen, doch sie taten es nicht im Verborgenen und Joab, der Heerführer des judäischen Königs, hatte nicht nötig, um Erlaubnis zu bitten, einen Mann mit eigener Hand zu richten. Er wusste es und Dawid wusste es. Wer auch immer es dem König mitgeteilt hatte, wie Abner ums Leben gekommen war, es machte keinen Unterschied, denn jeder wusste, dass es Asaëls Blut war, das gerächt worden war. Ein offenes Geheimnis, das Dawids Zorn entfachte, doch er konnte sich schon längst nicht mehr freimachen von den Diensten seines Heerführers. So wie Schaul daran gefallen war, dass Dawid seine Tausendschaften siegreich geführt hatte, so würde der neue König ebenfalls daran fallen, dass Joab sein Heer siegreich führte, wenn er es nicht schaffte, die Söhne Zerujas an sich zu binden.

Joabs Stirn blieb hart, als er die Worte seines Onkels hörte, aber sein Herz war doch getroffen, denn er lauschte oft diesem Mann, wie er in seine Saiten sang und Dawid hatte zu Jah ein fast ebenso inniges Verhältnis wie die Propheten. Hatten seine Worte dann auch ebensolche Kraft wie die Weissagungen Schmuels, die stets eingetroffen waren? Schmuel hatte dem Schaul gesagt, dass er und sein Geschlecht untergehen würden.

Und nun machte Dawid sein Gesicht hart und sagte: „Mich und meine Macht und Kraft als König treffen keine Schuld und Verantwortung am Blut Abners, Sohn des Ner! Sein Blut komme über Joabs Kopf und auf Joabs ganzes Haus! Nie wird das Geschlecht Joabs frei sein von Krankheit und Fäulnis und Hinfälligkeit, verfolgt von gewaltsamem Tod und Hunger und Not!“

Joab schwieg dazu und er handelte nach dem, was Dawid anordnete. Der Schaden, den Joab angerichtet hatte, musste wiedergutgemacht werden. Abner hatte mit allen Ältesten in Israel und vor allem in Benjamin verhandelt und Dawid das Königtum über ganz Israel in die Hände gelegt. Wenn man nun hören würde, dass Dawid Abner, der ebenso siegreich und tapfer war wie Joab, und Israel schon oft vor den Philistern und den anderen Völkern gerettet hatte, als Freund empfangen und mit ihm gegessen hatte und er danach vor den Toren Hebrons dennoch den Tod finden musste, wäre ein Bruderkrieg unvermeidlich. Es gab noch andere große Männer und noch immer lebte der letzte Sohn Schauls und hielt an seinem geschwächten Königtum fest.

Dawid stand auf und gab den weisen Befehl eines Königs, nach dem sich auch Joab und Abischai ohne Murren und Zögern richteten. Ihre Rache war befriedigt und es war gut, dieselbe Betroffenheit zu zeigen, dass aus dem offenen Geheimnis nicht eine Tatsache würde, die den Söhnen Zerujas den Kopf kostete. Immerhin war Abner ein großer Mann gewesen, der seinem Herrn treu gedient hatte und ein anständiges Begräbnis verdiente.

„Zerreißt alle euer Obergewand! Legt euch das Sacktuch der Trauer an und beklagt den Toten! Lasst uns ihn mit Ehren und Totenklage begraben!“

Und Dawids ganzes Haus und alle Ältesten und Obersten, auch Joab und Abischai, gingen vor der Bahre Abners her wie der König geheißen hatte. In Israel war es Sitte, die Toten alsbald zu begraben und so legte man Abner in ein Grab dicht bei Hebron. Dawid ehrte den neu gewonnenen Bundesgenossen im Tode und ließ Boten zu allen Stämmen aussenden und verkünden: Dawid ist unschuldig am Tode Abners, Sohn des Ner!

Ja, der Sohn Isais griff sogar zu seiner Laute und spielte beim Grab Abners ein Klagelied für ihn, wie er es schon für Schaul und Jonathan getan hatte. Dawid hatte auch mit Abner Seite an Seite gestritten, als er sich noch Schwiegersohn des Königs nannte und in Schauls Namen die Philister bekriegte. Mit jedem Wort, das Dawid sang, begriff Joab umso mehr, dass es falsch gewesen war, seine Blutrache auszuüben.

„Wie einer, über den man Gericht gehalten hat,

einer, den man verurteilt hat,

einer, dem man Fesseln um die Hände

und Ketten um die Füße legt.

So bist du gestorben, wie ein Gottloser.

Du warst ein aufrechter Mann

und bist unverdient gerichtet

wie ein Verbrecher.“

Das Volk von Hebron weinte und klagte, denn Abner war ein Held gewesen und Dawids Lied reizte ihre Trauer umso mehr. Man wollte dem König das Brot der Trauer reichen und es mit ihm brechen, doch die demütigen Gesten des Sohnes Isais hatten noch kein Ende. Er hob die Hand und schwor dem ganzen Volk in Hebron: „Der Herr möge mich strafen, wenn ich das Fasten vor dem Sonnenuntergang breche oder irgendeine Speise oder irgendeinen Trank anrühre!“

Joab sah das Wohlgefallen in den Augen der Männer Israels, der Männer Judas und Benjamins. Das Ansehen des Königs stieg und die Furcht vor den Söhnen der Zeruja wuchs gleichermaßen. Ihn würden sie lieben, den Neffen nur achten und fürchten. Joab wusste, dass das sein von Jah für ihn bestimmter Teil war und er hörte die Worte seines Onkels, die er zu seinen Vertrauten redete.

„Abner war einer der Großen in Israel, wie Schaul und sein Sohn Jonathan. Man hat mich zum König gesalbt und viele sind willens, mich über ganz Israel zu setzen, doch ich bin schwach ohne die Söhne Zerujas. Sie sind härter als ich und ich vermag nichts gegen sie auszurichten und nichts mehr ohne sie. Der Herr selbst soll denen ihre Bosheit vergelten, die sie tun. Ich kann es nicht.“

Joabs Platz war gesichert, aber seines Onkels Liebe für ihn war erstorben. Dawid würde sich stets auf die beiden gewaltigen Söhne Zerujas stützen, das musste Joab genügen, auch wenn der Fluch seines Onkels schwer auf seinem Herzen lastete.

Hatte er nicht nach Gottes Gesetz gehandelt, das Blut seines Bruders von Abner zu fordern? Stand es ihm denn nicht zu? Jah hatte doch die Blutrache in seinem Gesetz nicht untersagt. Doch, was wusste Joab, der Sohn der Zeruja, schon von Gottes Gesetzen? Er war kein Priester und kein Prophet. Er war ein Kriegsmann und er tötete. Hatte er denn gegen das Gebot verstoßen, in dem es hieß, man solle nicht morden? Hatte er nicht hunderte Male dagegen verstoßen? Oder nur das eine Mal bei Abner?

Joab wusste, dass er falsch gehandelt hatte, aber er hatte nicht anders handeln können. Er war nicht der Mann, den man mit Gottes Geist gesalbt hatte. Der war Dawid. Ihm würde er treu bleiben. Doch das Blut, das Joab so gottlos vergoss, verhalf dem lieblichen Enkel Ruths auch zu seiner Macht.