Joab
Schauls Rest
Man hörte nichts mehr aus Benjamin und nichts mehr von Schauls letztem und schwächstem Sohn. Isch-Boschet schwieg und Stille senkte sich über Israel und Juda, bis zu dem Tag, an dem die Obersten des Königs die Straßen Hebrons betraten. Baana und Rechab waren Oberste unter Abner und zunächst rechnete Dawid wohl damit, dass er mit ihnen nun die Verhandlungen weiterführen würde, die er mit Abner begonnen hatte. Doch sie brachten ein seltsames Geschenk an Dawids Hof. Der Kopf begann schon zu stinken, denn die beiden Männer hatten ihn am Vortag vom Rumpf getrennt und ihn den ganzen Tag und die ganze Nacht bis hin zu Dawid gebracht.
„Wir bringen dir den Kopf Isch-Boschets, den Kopf des Sohnes Schauls, der dir nach dem Leben trachtete. Du bist unser König und wir haben deinen letzten Feind getötet.“ So sprachen die beiden Benjaminiter und Dawid befragte sie. Sie hatten den König Israels schlafend auf seinem Lager in seinem Haus aufgesucht, ihm die Klinge in den Leib gestoßen und seinen Kopf abgetrennt.
Joab wusste genau, wie sein Onkel mit diesen Männer verfahren würde und er selbst verachtete Baana und Rechab für ihre Tat. Ja, er hatte Abner in einen Hinterhalt gelockt und ihn getötet, aber niemals hätte Joab einen schlafenden Mann in seinem Bett ermordet. War das Haus Benjamin denn wirklich so verdorben? Er erinnerte sich an die Geschichten aus den Zeiten weit vor Schmuels Richterschaft in Israel, als der Stamm Benjamin schon einmal bis ins Mark verdorben war und von seinen Brüdern nahezu ausgerottet wurde. Sie mussten ihnen schließlich von den eigenen Frauen abgeben, damit er nicht ganz erlosch. Benjamin war wieder erstarkt und hatte den mächtigen König Schaul hervorgebracht und gewaltige Männer wie Abner. Aber diese beiden hier fielen weit hinter die Größe Benjamins zurück, als läge die alte Schande Gibeas auf ihnen, nicht seine Ehre.
Dawid hielt sofort Gericht über die beiden. „Der Lebendige, Jah selbst, hat mich aus jeder Not gerettet bis auf diesen Tag. Einst kam ein Mann zu mir in Ziklag, der berichtete mir vom Tode Schauls und er meinte, mir gute Botschaft zu bringen. Den brachte ich zu Tode, obwohl ich ihm doch guten Lohn hätte geben müssen, da er mir vom Tod dessen berichtete, der mich töten wollte. Umso mehr gebe ich zwei gottlosen Männern, die einen Mann in seinem eigenen Haus schlafend auf seinem eigenen Lager getötet haben, den gerechten Lohn. Sein Blut fordere ich von euch!“
Der König gab den Befehl und seine Soldaten erschlugen Baana und Rechab. Sie schlugen ihnen sogar die Hände und Füße ab und hängten sie zur Schau für alle am Teich bei Hebron auf. Den Kopf des getöteten Sohnes Schauls aber ließ Dawid in Abners Grab legen. Er ertrug es nicht, dass man diesem Mann solches angetan hatte. Joab traf den Blick seines Königs und er wusste, dass ihm selbst auch ein solcher Tod für den Mord an Abner zugestanden hätte. Allein, Dawid wagte nicht, seine Hand gegen ihn zu heben.
Doch Dawids Urteil zeigte Folgen. In den kommenden Tagen zogen die Ältesten aus ganz Israel zu ihm hinauf nach Hebron. Nach sieben Jahren war die Stunde für den Sohn Isais gekommen. Joab stand dabei, vor den Tausendschaften aus allen Stämmen Israels, als sie einen neuen Bund schlossen und auch seine eigene Hand hatte es mit bewirkt. Abner, der größte von Schauls Männern, war tot, ebenso die anderen beiden Obersten und der letzte Sohn Schauls. Bei aller Aufrichtigkeit in Dawids Trauer und Klage, wurde ihm jedoch durch den Tod dieser Männer das Königtum über ganz Israel in die Hände gelegt. Nur noch ein verkrüppelter Sohn Jonathans, der armselige Mephi-Boschet, war aus dem einst so stolzen Hause übrig.
Joab war die Stütze seines Herrn und Königs und er würde stets mit ihm steigen und fallen, selbst wenn es zwischen dem Neffen und dem Onkel keine Zuneigung mehr gab. Als Dawid in Hebron zum König über alle zwölf Stämme gesalbt wurde, besiegelte das auch den Stand der Söhne der Zeruja. Zufrieden nickten sich Joab und Abischai zu. Wie gerne hätten sie in diesem Augenblick auch Asaël an ihrer Seite gehabt.

Hinterlasse einen Kommentar