Joab – Kapitel 30 – Jeruschalajim

Joab

Jeruschalajim

Joab bewunderte seinen Onkel für das, was er vor sich sah. Er sah Dinge, die ihm in die Hand fallen würden und er sah die Menschen, die ihm diese Dinge in die Hand legen könnten. Als die Ältesten aus ganz Israel und Juda ihn zum König gemacht hatten und ihn beriefen: Zieh du weiter vor uns her! Denn du bist immer siegreich gewesen über die Philister und alle unsere Feinde! Als sie das riefen, wandte Dawid schon seinen Blick nach Norden und er wusste, dass alle Stämme nur vereint sein könnten, wenn er in ihrer Mitte eine feste Königsstatt hätte, eine, zu der jeder Israelit aufblicken konnte, eine, die zwischen Juda im Süden und den nördlich angesiedelten Söhnen Jakobs liegen würde.

Gegen Jebus ging der Blick, eine alte Stadt mit recht dicken Mauern, eine der wenigen festen Städte der fremden Völker mitten in den Stämmen Israels. Niemand hatte bisher gewagt, die Hand gegen die Jebusiter und ihre Stadt zu erheben. Aber nun standen Dawid die ganzen Tausendschaften Israels zur Verfügung und er hatte die Eisenwaffen, wo sie zuvor nur die bronzenen Schwerter und Beinschienen gehabt hatten.

Die Jebusiter spotteten wie stets über das Hirtenvolk, das um sie herum nur kleine Siedlungen und ungenügend befestigte Städte mit nicht allzu viel Volk hatte. Sie lachten Dawid aus, als er Boten zu ihnen sandte, um neu zu verhandeln. Sie unterschätzten seine Stärke und seinen Willen. „Blinde und Lahme werden diese Stadt eher erobern als du, König der Hebräer!“

Dawid sichtete seine Hundertschaften, all die Mannen, die ihm seit Adullam treu dienten und folgten. Er rief ihnen zu und auch denen aus Israel: „Wer auch immer mir diese Stadt einnimmt, wer auch immer es schafft, eine Bresche zu schlagen und über den Wassergraben in die Stadt zu gelangen und mir diese Blinden und Lahmen erschlägt, der soll Oberster über alle Männer in Israel sein!“

Joab wusste, dass seine Stellung gefährdeter war denn je. Dawid hatte ihm nicht die Macht über die Heerscharen Israels in die Hand gelegt, denn der Mord an Abner stand immer noch unüberwindbar zwischen ihnen und der Sohn Isais suchte von seinen übermächtigen Neffen loszukommen.

Doch Joab wollte mit diesem König steigen und fallen, das hatte er sich damals in Adullam geschworen. Seine Männer, die Hundertschaften aus Ziklag, hielten zu ihm und sie wussten, dass Joab längst das Schwert Dawids war. So waren es wieder die Söhne der Zeruja, die den Scheol nicht fürchteten und die sich in den Wassergraben der Stadt stürzten und mit Speer und Schwert allen anderen voran durch die stinkenden Abflüsse der Jebusiter in die Stadt heraufstiegen. Ohne Zögern schlug Joab zu und seine Hundertschaften waren es, die für Dawid die Stadt einnahmen.

Joab öffnete die Tore für seinen König und Dawid legte seine Augen auf den siegreichen Neffen. Seine Stirn war unbewegt, aber er hielt zu seinem Wort und er wusste, dass er in diesem Leben die Söhne seiner Schwester niemals loswerden würde. Er machte Joab zum Obersten über die Heerscharen Israels. Vielleicht war der Sohn Isais auch glücklich darüber, denn es bedeutete, diesen Mann, der ihn so tief gekränkt hatte mit dem Mord an Abner, stets weit weg von sich zu haben.

Denn Dawid nahm Wohnung in Jeruschalajim, wie es nun von allen immer öfter genannt wurde. Eine Stadt des Friedens sollte es sein, eine Stadt, die alle Stämme Israels verband und eine Stadt, in der Dawid mit seinen Frauen und Kindern ein Haus baute. Es kam nie wieder das Wort auf die Sache mit Abner und fast ging Dawid mit Joab und Abischai wieder freundlich um, abgelenkt durch seine Frauen und die wachsende Schar seiner Söhne. Doch Joab wusste, dass Dawid, der die Lieblichkeit Ruths auf dem Gesicht trug, in seinem Herzen niemals die Tat eines Mannes vergaß, ob sie gut oder böse war.

Dawid gab Joab sogar einen Teil der Befestigung der Stadtmauer in Auftrag. Der König selbst mochte ein Kriegsmann sein, geschickt mit dem Schwert und mutig im Kampf, doch es war Joab, dessen Geist durch und durch auf den Krieg und das Schlachten ausgerichtet war. Unter seiner Hand wurde Jeruschalajim so fest und stark wie nie zuvor, die Mauern so stolz und hoch, dass man sie weithin sehen konnte. Mit diesem Hügel mitten in Israel hatte auch Joabs Kraft an Höhe gewonnen.

Ja, die Zuneigung des Königs zu seinem Neffen schien sogar so weit zu gehen, dass er Joab die Streifzüge gegen die Philister und das Befestigen der Grenzen gegen die anderen Völker nach und nach ganz überließ. Während Dawid sich in seiner Stadt mehr und mehr der süßen Liebe zu vielen Frauen und der Freude an seinen Söhnen hingab, lag Joab in seinem Zelt an allen Orten in Israel. Er blickte mit Sorge zu den Sternen über Jeschurun auf. Er sorgte sich nicht um sich selbst. Sein Haus war gebaut, ob mit oder ohne Fluch aus Dawids Mund.

Joab sah, wie Dawid sich selbst verlor und er hatte noch genug Liebe zu seinem Onkel und zum Hause Isais, dass er wachsam blieb. Es war nur eine Frage der Zeit, bis aus Dawids eigenem Hause Kummer steigen würde oder bis ihn die eigenen Empfindungen hinrissen. Joab hatte nur Asaël gehabt, für den er sich einmal vergessen hatte. Doch wie viel mehr hatte der König zu verlieren? Woran hing sein Herz am meisten? Joab wusste, dass der König nicht immer stark und kühl bleiben konnte, er musste es für ihn sein.

Der Oberste über Israels Heerscharen lauschte dem Lied Dawids, das er sang, als sein großes Königshaus, prachtvoll und duftend aus Hirams schönsten und edelsten Zedern gebaut und geschnitzt, auf festen Fundamenten, inmitten Jeruschalajims, auf dem Hügel unter allen Völkern errichtet wurde.

„Hoch hinaus hebe ich dich, HERR,

denn du hast auch mich erhoben.

Kein Feind lacht über mich.

Jede Wunde hast du mir verbunden.

Vor dem Scheol hast du mich bewahrt und bewahrt.

Ich lebe und kenne das Grab nicht.

Jeder, der zu IHM gehört,

soll IHN auch loben und IHM Lieder singen!

Nur kurz ist dein Zorn,

nicht einmal einen Abend lang,

nur einen Augenblick dauert die Finsternis.

Deine Gnade und dein Licht jedoch,

sie sind ein Leben lang da.

Und schon am Morgen jubele ich!

Es ist mir Tod gewesen,

wenn du nur einmal dein Angesicht von mir wandtest.

Dann rief ich,

dann kleidete ich mich in Sacktuch.

Schrecken war über mir.

Dann sprach ich:

Was willst du mein Blut?

Wie soll ich im Dunkel des Grabes

von deiner Größe und Treue singen?

Und schon hast du Trauer und Schrecken gelöst

und lässt mich auf dem Berg wohnen,

in Sicherheit und nahe deinem Angesicht.

Deshalb preise ich dich in alle Weltzeit,

niemals höre ich damit auf!“

Ja, so sollte Dawid nur seine Lieder in die Saiten singen und Gesichte von Jah sehen und sich mit seinem Priester Abjatar und mit den Propheten Gad und Nathan bereden. Joab war das Schwert des Schreckens Jakob über den Völkern, er war der ausgestreckte Arm des Königs und solange der Scheol ihn nicht holte, würde Joab das Haus des Königs befestigen und damit auch seinen eigenen Platz.