Ein bisschen Rassismus ist gesund? – Buchbesprechung zu: „Das Heerlager der Heiligen“ von Jean Raspail

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Ein bisschen Rassismus ist gesund?

Buchbesprechung zu:

„Das Heerlager der Heiligen“ von Jean Raspail

(neu übersetzt von Martin Lichtmesz und herausgegeben im Verlag Antaios 2015)

„Wo die Größe nicht mehr anerkannt wird, bleibt nur noch die Groteske als einziger Ausweg.“ (Zitat Seite 65)

Manchmal wird man auf die Spur eines Buches gebracht, mit dessen Inhalt und Ansichten man nicht völlig konform geht, das einen aber dennoch fasziniert und dessen Größe man anerkennen muss, während man durch die Seiten geht und von einer genial gebauten Dramaturgie gefesselt wird. Bereits vor der Lektüre war mir bewusst, dass es ein nicht unumstrittener Titel in einem nicht unumstrittenen Verlag von einem nicht unumstrittenen Autor ist. Meine Recherchen dazu habe ich allerdings erst nach dem Lesegenuss vervollständigt, um relativ unbefangen mit dem Werk als Solchem vertraut zu werden.

Vorweg sei also erwähnt, was ich beim Lesen bereits ahnte und was mir danach an Informationen zur Verfügung stand. Der Autor Jean Raspail ist ein in Frankreich durchaus bekannter und erfolgreicher Schriftsteller, der zahlreiche (verdiente) Auszeichnungen für sein Werk erhalten hat. Vor allem durch seine Reiseliteratur ist er einem breiteren Publikum bekannt. Es ist wichtig zu wissen, dass Raspail ein weltgewandter, weitgereister und informierter Mann ist, wenn man sein Buch in die Hand nimmt und geneigt ist, allzu voreilige Schlüsse zu ziehen und ihm beißenden Rassismus vorzuwerfen. Dennoch ist der Roman ganz durchtränkt von einer distanzierten Haltung dem Fremden und Anderen gegenüber. Jean Raspail ist traditioneller Katholik, rechtskonservativ und Royalist. Er ist konservativ im Sinne eines „Bewahrers“, weniger im Sinne eines feindlich Gesinnten. Man kann seiner Meinung sein, ihr völlig entgegengesetzt oder einen der letzten, steifen Royalisten belächeln. Ganz gleich, wie weit links oder rechts man politisch steht, so ist dieser Hintergrund Raspails wichtig für das Verständnis seines Romans „Das Heerlager der Heiligen“.

Was für die erneute Aufnahme bei deutschem Publikum vielleicht schwerer wiegt und auch mir zugegebenermaßen recht unbequem im Magen liegt, ist, dass der Antaios Verlag sich der Neuübersetzung und Veröffentlichung des Romans angenommen hat. Der Verlag steht mit der Neuen Rechten in Verbindung und ist wenn nicht rechtsextrem, so zumindest äußerst rechtskonservativ einzuordnen. Leider bin ich der französischen Sprache nur eingeschränkt mächtig und kann eventuelle Tendenzen in der Übersetzung nur ungenügend beurteilen. In jedem Falle ist es aber so, dass gewisse Begriffe im Deutschen, die hierzulande einen sehr harschen oder faden Beigeschmack haben, im Französischen abgeschwächter oder mit anderer Bedeutung und Geschichte verbunden sind. Vergessen wir nicht, dass Frankreich eine Kolonialmacht war und schon lange ein Einwanderungsland ist.

All dies im Hinterkopf und sämtliche politischen und persönlichen Vorbehalte eingedenk, die man jetzt hegen könnte, lohnt es sich dennoch zu diesem Buch zu greifen und es zu lesen. Es ist geradezu eine zwingend gebotene Lektüre, da die düstere Dystopie von Jean Raspail in einigen Zügen mehr denn je an Aktualität gewonnen hat.

Wenn man empfänglich für die Wirkung von seltsamen Zufällen und sich scheinbar erfüllenden Prophetien ist, könnten den Leser Seite um Seite Schauer des Unheimlichen erfassen. Jean Raspail hat vorweggenommen, was wir heute jeden Tag vor Augen haben. Eine Flotte von 100 abgewrackten Schiffen bricht am Ganges-Delta in Indien auf. An Bord sind mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder, die vor einer drückenden Hungersnot in das paradiesische Europa aufbrechen. Sie werden von Australien und Neuseeland abgewiesen, am Suez-Kanal halbherzig bedroht, segeln unbehelligt am Kap der Guten Hoffnung vorbei, nehmen Kurs auf die Straße von Gibraltar und stoßen hinein ins Mittelmeer, um an der Côte d´Azur auf Grund zu laufen und die Masse der Elenden an die Küste Frankreichs zu spülen. 800.000 haben die Fahrt überlebt, die anderen sind an Bord gestorben, treiben als aufgedunsene Leichen auf dem Meer.

Es sind bekannte Bilder und Zahlen, die dem Leser gleichsam wie die Wellen des Mittelmeeres entgegen schlagen. Dazu muss man wissen, dass der Roman in Frankreich zuerst 1972 erschienen ist. Heute schalten wir den Fernseher ein und hören, dass 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland einreisen werden, bald hoch korrigiert auf eine Million. Ebenso wie es im Buch immer wieder zwischen den Zahlen 800.000 und einer Million schwankt.

Das bleibt indes nicht die einzige Parallele. Es gibt einen Papst Benedikt den XVI., der aus Brasilien stammt und in selbstgewählter Armut lebt. Der Leser fühlt sich unweigerlich an Benedikt XVI. erinnert und dessen bescheidene Gesten und den darauf folgenden, jetzigen Papst Franziskus, der tatsächlich aus Lateinamerika stammt. Unheimliche Zufälle, die den heutigen Leser packen und in den Sog der Handlung ziehen. Es gibt geplante „Willkommensprojekte“ der französischen Bevölkerung für die ankommenden Menschen, ähnlich der vieldiskutierten „Willkommenskultur“ in der deutschen Bevölkerung. „Wir sind alle Menschen vom Ganges“ skandieren die begeistert solidarischen Massen, ergriffen von einem kollektiven, durch die Massenmedien zusätzlich aufgeputschten Mitgefühl. Seltsamerweise erinnert dieser „Slogan“ an das durch alle Welt transportierte „Nous sommes Charlie“ (Wir sind [alle] Charlie) nach den Anschlägen auf das französische Satireblatt Charlie Hebdo. Solche Bekundungen wurden einerseits wohlwollend begrüßt, andererseits auch scharf kritisiert. Ein Beigeschmack von Albi-Mitleid und kollektivem schlechtem Gewissen, das schlicht zur Political Correctness gehört, schleicht sich ein. Frankreich fragt sich im Roman, ob es die Folgen seiner Großzügigkeit allein tragen muss. So wie Kanzlerin Merkel heute von der Europäischen Union fordert, dass doch Deutschland nicht allein den Andrang der Flüchtlinge bewältigen sollte.

Soweit die faszinierenden Parallelen zu unserer Gegenwart und den Tendenzen in unserer (post)modernen, westlichen Gesellschaft. Das alles kann man wie in einem altertümlichen Schauerroman für den privaten Nervenkitzel am Unheimlichen lesen und genießen. Man kann den Autor fanatisch als einen modernen Propheten stilisieren. Man kann sich aber auch dem Rest der Geschichte zuwenden, wo die Parallelen enden.

Vergessen wir nicht, dass es sich bei den Flüchtlingen der letzten Wochen und Monate zum allergrößten Teil um unfreiwillig ihre durch Krieg zerstörte Heimat verlassende Menschen handelt, die nicht nur Europa ansteuern, sondern auch und gerade die Nachbarländer aufsuchen, um das nackte Überleben zu sichern. Bei den Elenden auf den Schiffen in Raspails Roman handelt es sich um eine mehr oder weniger bewusst ausgeführte Invasion, angeführt von verblendeten, fanatischen „Propheten“, die die Massen ins Paradies Europa weisen. Die Menschen vom Ganges wollen bewusst eine gewaltlose Invasion des „weißen“ Europa durchführen. Es ist eine Fiktion, eine spannend ersonnene Geschichte mit Anklängen an heutige Realitäten. Nicht mehr und nicht weniger.

Das Schwierige an dem Roman ist die extreme Überspitzung, die eingangs im Zitat erwähnte „Groteske“. Es ist ein Stilmittel, das im Roman dramatische Wirkung entfaltet und die skurrilsten Blüten treibt. Der Roman steht dadurch in der Gefahr, falsch verstanden und als völlig rassistisch interpretiert zu werden. Der weiße Mann wird gegen den schwarzen gesetzt, die Massen vom Ganges werden gespickt mit geistig und körperlich behinderten Missgeburten, die man gezielt zur Abschreckung der Europäer einsetzt, als Stich in ihr anerzogenes, hochgezüchtetes, pflichtbewusstes schlechtes Gewissen. Die Europäer, allen voran die Franzosen, steigern sich in eine Orgie des Selbsthasses und der Selbstverachtung hinein, befeuert durch das propagandistische Werk der Medien. Das Abendland, das sich über Jahrhunderte mit Waffengewalt und Präsentation seiner Überlegenheit über alle anderen Kontinente behauptet hat, wird durch eine gewaltlose Invasion verhungerter Massen vernichtet. Die Dritte Welt macht sich auf und betritt den Boden des europäischen Paradieses. Sie wollen Teil haben und sie verdrängen auf fast lautlose Weise die ansässige Bevölkerung, die auch noch freiwillig ihre Koffer packt und flieht, weil sie sich für all die Jahrhunderte der Unterdrückung schämt. Es ist eine Völkerwanderung wie es sie schon oft in der Geschichte gegeben hat. Unaufhaltsam, auf die Spitze getrieben, von den verdrängten Völkern sogar willkommen geheißen.

Bei dem Begriff der Völkerwanderung kann der Leser wieder an der Gegenwart anknüpfen, denn es ist eine Tatsache, dass all die Flüchtlinge, die zur Zeit bei uns Aufnahme und Asyl suchen, nicht sofort wieder gehen werden. Sie bleiben und sie werden unter uns leben und ihre Kultur und ihre Religion mit sich bringen. Das rein „weiße, christliche“ Europa gibt es längst nicht mehr. Es gehört der Vergangenheit an. Ob man das als Untergang bezeichnet, als Bereicherung begrüßt oder eher mit gemäßigtem Blick darauf schaut und sich fragt, wie am besten damit umzugehen ist, spielt keine Rolle. Die Menschen sind da und sie gehen nicht morgen wieder vor die Tür. Das ist die eigentliche Botschaft des Romans, wenn er überhaupt eine hat.

Das Buch kann gefährlich wirken, weil es Ängste unbedachter Leser nährt. Es kann aber auch durchaus als positive Warnung und Mahnung verstanden werden, sich seiner eigenen Kultur und Größe ohne schlechtes Gewissen bewusst zu sein. In jedem Fall ist es in seiner Deutung schwierig und mit Vorsicht zu genießen. Es ist und bleibt ein Roman, Fiktion eben. Er warnt vor falschem Mitleid und pervertierter Anteilnahme und feiert überspitzt ein paar fröhlich rassistische Helden, die ihren Stolz und ihre Traditionen bewahren wollen, während der Rest in Selbsthass untergeht und verdrängt wird.

Freilich sterben auch die letzten „gesunden“ Rassisten in Raspails Roman. Das müssen sie auch, denn das Buch ist als reines, düsteres Untergangsszenario angelegt. Immer wieder wird aus dem 20. Kapitel der Offenbarung des Johannes zitiert. „Die tausend Jahre sind erfüllt“ heißt es. Das Abendland geht unter. Der kleine, schwache Gott der Christen versinkt im Pantheon der Götter vieler Völker. Bezeichnenderweise wird die Bedeutungslosigkeit der christlichen Religion im Angesicht der vielen anderen Religionen als typisch französisches Chanson formuliert und besungen. Satire auf dem Höhepunkt.

Wie ein Mantra erscheint in fast jedem Kapitel des Romans der Satz: „Vielleicht ist das eine Erklärung“. Das ganze Buch ist Erklärung. Jedes Ereignis und jede Person sind verknüpft miteinander, zusammenwirkend für den unvermeidlichen Untergang. Eine Kettenreaktion aus Rassismus und Gegenrassismus, Verachtung und Selbstverachtung, Elend und Mitleid, eine unaufhaltsame Spirale der Selbstentfernung des Abendlandes.

Die handelnden Personen sind ebenso überspitzt gezeichnet wie die Ereignisse. Sie sind Typen, stehen für verschiede Lager und Befindlichkeiten. Und Jean Raspail schafft es, dass man die meisten Sympathien nicht für das verhungerte, elende Volk vom Ganges empfindet, sondern für den Literaturprofessor Calguès, der in seinem alten Haus mit dem Fernrohr die Geschehnisse am Strand beobachtet und die Vorgänge im Radio verfolgt. Er erschießt einen verächtlichen Hippie und fühlt sich wohl dabei. Er deckt sich danach kultiviert den Tisch und wartet mit Würde das Ende ab. Im Radio spielt das letzte Lied, das im Roman als Begräbnismotiv für alles Europäische und Abendländische dient. Mozarts Requiem.

Das ist nur eines von vielen Beispielen. Ich erspare mir die ausführliche Beschreibung der anderen Personen und erwähne nur einige der Wichtigsten. Der indische Kotkneter, der die elenden Massen anführt. Der alte Oberst Dragusès, der als letzter Verteidiger des Abendlandes sein Maschinengewehr auf den Strand richtet. Der Journalist Dio, von afrikanischer Herkunft, der von Hass zerfressen die Rache am Abendland sucht und den Untergang durch geschickte Worte im Radio herbeiredet und die Franzosen gründlich mit Mitleid und schlechtem Gewissen impft. Und schließlich der schwarzindische Franzose Hamadura, dessen Zitat zum Schluss noch einmal beweisen soll, dass es nicht eigentlich um Rassismus geht: „Weiß zu sein ist meiner Meinung nach keine Frage der Hautfarbe, sondern vor allem ein geistiger Zustand.“

Das Abendland, eine Illusion, eine große Idee, die nur noch Schall und Rauch ist. Sie besteht einzig in Folgendem: „Auch das gehörte zur Seele des Abendlandes: Es gab so etwas wie eine geheime, verschworene Bruderschaft, die ein gewisses Raffinement des Geistes, ein ästhetischer Konsens und eine herzliche Verachtung des Vulgären und Gewöhnlichen verband. Es gab nur mehr wenige, die dieser Kaste angehörten, aber dafür erkannten sie einander umso schneller.“

Verachtung ist überhaupt das Schlüsselwort zum Verständnis des Romans. Nicht Rassismus. Es ist die Verachtung für sich selbst, die das Abendland in den Augen Jean Raspails in den Untergang treibt. Ein gesunder Stolz und ein Bewusstsein für die Größe der eigenen Geschichte, Herkunft, Tradition, ja der eigenen Ethnie, ist das, was dem Autor wohl vorschwebt. Das, was uns fehlt.

„Das Heerlager der Heiligen“ ist ein politisch schwieriges Buch. Genial konstruiert, düster mahnend, vergnüglich überspitzt, unheimlich nahe an der Realität, eine unterhaltsam gezeichnete, symbolträchtige Dystopie. In Teilen eine „Orgie aus Scheiße und Lust.“ Es lohnt sich, den Roman zu lesen, wenn auch mit der gebotenen Umsicht und Nachdenklichkeit. Der Autor ist und bleibt ein Schriftsteller, der eine fiktive Welt beschreibt, eine alternative Historie. Er ist kein Prophet und es muss sich nicht bewahrheiten, was er dunkel vorausahnt. Vielleicht werden wir auch in tausend Jahren noch ein Abendland haben, vielleicht aber auch nicht. Oder wir stellen fest, dass alles eine Illusion war. Das liegt in jedem Fall nicht mehr in Jean Raspails Hand.