Folter und Gebete – Das Guantánamo Tagebuch

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Folter und Gebete – Das Guantánamo Tagebuch

Guantánamo Diary (Guantánamo Tagebuch)
Von Mohamedou Ould Slahi, Gefangener Nr. 760

Herausgegeben von Larry Siems
Canongate, Edinburgh GB, 2015

Über Werbung in den Sozialen Netzwerken und ein paar Artikel diverser bekannter Zeitungen und Magazine bin ich auf die dieses Buches aufmerksam geworden. Sofort nach der Veröffentlichung zu Anfang 2015 habe ich mir das Buch besorgt. Zugegeben, die Werbung dafür war geschickt gemacht und die Berichte darüber zum Teil bewusst herzerweichend, weshalb ich zunächst recht skeptisch über den Wahrheitsgehalt der ganzen Sache war. Nichtdestotrotz ist es einer meiner Grundsätze, mir die unterschiedlichsten Perspektiven über ein Thema vorzunehmen, ehe ich für mich ein abschließendes Urteil fälle. Damit setzt man sich zwar der Gefahr aus, am Ende nicht schlauer zu sein als zu Beginn (bzw. die schöne Täuschung fahren zu lassen, man wisse um die Wahrheit), aber ich halte Grundsätze wie: „Im Zweifel für den Angeklagten“ für sehr wichtig.

Wie heißt es so schön? Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst. Von dieser Tatsache konnte man sich nach den Ereignissen vom 11. September 2001 hinreichend überzeugen. Die Verunsicherung über die Richtigkeit bestimmter politischer Entscheidungen, Kriegsführung, Ermittlungen etc. ist in uns allen gewachsen. Manch einer neigt gar dazu, sich für die wildesten Verschwörungstheorien zu öffnen. Von „Die Amerikaner haben die Türme selbst gesprengt, um Krieg gegen den Islam und die ganze Welt zu führen“ bis „Der Islam ist böse und hat sich gegen die freie, westliche Welt verschworen“ ist alles zu finden und zu hören. Die Wahrheit liegt, wie so oft, genau dazwischen. Irgendwo, im Niemandsland der Grauzone, in den niedrigen Gefilden menschlichen Irrens und Wirrens. Schwarz-Weiß ist für Kinder und Feiglinge. Das Guantánamo Tagebuch ist nichts für Kinder und Feiglinge.

Ist Mohamedou Ould Slahi ein Terrorist? War er ein wichtiger Drahtzieher für die Anschläge des 11. September? Ist er ein Hauptkontaktmann für die Al Quaida gewesen? Hat er drei der Attentäter rekrutiert? Hat er mit seinen Computerkenntnissen terroristische Akte unterstützt? War er das Haupt der sogenannten Duisburger Terrorzelle? Hat er ein Doppelleben als Student und Al Qaida Mann geführt? Wer eindeutige Beweise und Antworten dazu finden will, wird sie in dem Tagebuch dieses Mannes nicht finden. Er leugnet nicht, dass es die Hinweise und Indizien gibt, durch die man erst auf ihn aufmerksam geworden ist. Er verneint aber jegliche Beteiligung und jedes Wissen um die Anschläge des 11. September. Und warum auch nicht? Man kann es ihm nicht zweifelsfrei beweisen und wäre ich in seiner Lage, würde ich es ebenfalls leugnen, denn für die unmittelbare Beteiligung an diesen Anschlägen droht die Todesstrafe. Das ist eine Tatsache. Welcher Mensch hängt nicht an seinem Leben?

Es scheint auch gar nicht Mohamedous Anspruch zu sein, die Öffentlichkeit, für die er ja bewusst schreibt (erbeten von seinen Anwälten und den Journalisten), von seiner Unschuld zu überzeugen.
„I have only written what I experienced, what I saw, and what I learned firsthand. I have tried not to exaggerate, nor to understate. […] I don´t expect people who don´t know me to believe me, but I expect them, at least, to give me the benefit of the doubt.”
„Ich habe nur aufgeschrieben, was ich erlebt habe, was ich sah und was ich aus erster Hand weiß. Ich habe versucht, weder zu übertreiben, noch zu untertreiben […] Ich erwarte nicht, dass Menschen, die mich nicht kennen, mir glauben, aber ich erwarte, dass sie zumindest dem Zweifel Raum geben.“
(Seite 369)

Ich werde in diesem Blogeintrag nicht versuchen, für die Schuld oder Unschuld Mohamedou Ould Slahis (im Folgenden MOS abgekürzt) zu streiten, obwohl ich persönlich davon überzeugt bin, dass hier einem Menschen Dinge zur Last gelegt werden, die nicht den Tatsachen entsprechen. Inwieweit MOS in seiner Jugend- und Studentenzeit in das Netz von Al Quaida verstrickt gewesen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Sicher ist, dass er tatsächlich zweimal in Afghanistan war, sich hat ausbilden lassen und auch in den Reihen der Al Quaida gekämpft hat. Er ist tief religiös, hat äußerst regelmäßig die Moschee auch in Duisburg frequentiert, selbst gepredigt und sich für den Dschihad ausgesprochen. Das allein ist kein Verbrechen im Sinne der Dinge, die die USA ihm zur Last legen und wegen derer sie ihn in Guantánamo (im Folgenden GTMO abgekürzt) inhaftiert haben. Nach MOS eigener Aussage hat er das wilde Leben hinter sich gelassen, als er merkte, dass es zunehmend um Anschläge ging, in denen Unschuldige, Frauen und Kinder getötet werden sollten. Kämpfen für etwas ja, Anschläge nein. Das kann man ihm glauben oder auch nicht. Tatsache ist jedenfalls, dass es keine konkreten Beweise gegen ihn gibt. Auch die deutschen Behörden konnten ihm keinerlei kriminelle Aktivitäten nachweisen, obwohl er tatsächlich (noch vor dem 11. September!) unter Beobachtung stand. Es gibt schlicht keine Beweise gegen ihn, nur Indizien, lose Kontakte, widersprüchliche Aussagen und das, was MOS selbst gesagt hat oder sagt.

Juristisch gesehen, würde er wohl freigesprochen werden müssen. Im Zweifel für den Angeklagten. Ein Grundsatz, der zwar nicht unseren Rachedurst stillt, unser Bedürfnis nach Genugtuung, aber der Unschuldige davor schützt, verurteilt zu werden. Ein Grundsatz, den wir uns in unserer „freien westlichen Welt“ so hart erkämpft haben. Einer von vielen Grundsätzen, die wir meinen, verteidigen zu müssen. Für einen Terroristen in GTMO gelten solche Grundsätze freilich nicht. Das ist es, worüber uns MOS Tagebuch berichtet. Selbst nach MOS Geständnissen, ist sein Fall nichts als heiße Luft. Denn seine Geständnisse sind wertlos, da sie nachweislich unter Folter zu Stande gekommen sind. Das ist es auch, worauf sich die Aufzeichnungen von MOS beziehen, einzig und allein auf seine Erfahrungen der Inhaftierung, der Verhöre und Verhörmethoden.

Soviel zum eigentlichen Inhalt. Die Lektüre dieses Buches ist eine recht spezielle Erfahrung und voll von Hindernissen. Was man hier unter seine Augen hält, ist keine Fiktion, kein Sachbuch, ja nicht einmal eine Tagebuch im klassischen Sinne. Es ist kein Stück Kunst, das man distanziert betrachten und genießen kann, deshalb fällt es mir recht schwer darüber zu schreiben, selbst wenn es mich drängt zu dieser intensiven Erfahrung etwas zu äußern.

MOS ist ein intelligenter, sehr gebildeter Mann, der in mehreren Ländern gelernt, gelebt und gearbeitet hat. Die einfache, zum Teil sehr rohe Sprache scheint dem zu widersprechen und trifft einen oft wie ein Schlag vor die Stirn. MOS spricht Arabisch, er kann den Koran auswendig. Er spricht Französisch, denn er kommt aus Mauretanien, ehemals französisches Kolonialgebiet. Er spricht Deutsch, denn er hat 12 Jahre lang hier studiert und gearbeitet. Als er in GTMO inhaftiert wird, spricht er kaum ein Wort Englisch. Er schnappt die Sprache von seinen Wärtern und den Beamten auf, die ihn verhören. Es ist ein Militärgefängnis und die Sitten sind entsprechend rau. MOS lernt zuerst, wie man auf Englisch flucht und droht, ehe er die Struktur der Sprache für sich ordnen und erlernen kann. Über seine Ausdrucksweise lernen wir eine Menge von der Gefängnis- und Wärterkultur, in der er lebt und wir lernen über seine Persönlichkeit. Ein Mann der, weil zutiefst religiös, die blasphemischen Äußerungen und Flüche zunächst überhört, die Sprache ablehnt, sie dann aber lernt, um mit dem Personal und den Beamten kommunizieren zu können. Es ist nicht wirklich erwünscht, dass die Gefangenen die Englische Sprache beherrschen, um ihre Wärter zu verstehen, doch MOS bemüht sich darum und er ist intelligent. Natürlich versucht er, eine Art Beziehung aufzubauen, zu verhandeln, freizukommen.

Es ist also für jemanden, der moderat Englisch spricht und versteht, einfach, das Buch zu lesen, aber kein sprachlicher Genuss. Hindernis bei der Lektüre sind eher die vielen Streichungen. Textpassagen, die geschwärzt wurden, ehe MOS Aufzeichnungen freigegeben wurden. Der Herausgeber Larry Siems hat sich dafür entschieden, ebenjene zensierten Passagen genauso in das veröffentlichte Buch zu übernehmen. Zwischen dem fließenden Bericht MOS gibt es mitunter drei bis fünf Seiten, die völlig geschwärzt sind. Dem oberflächlichen Leser wird diese Verschwendung von Druckerschwärze wohl lächerlich erscheinen, doch es hat durchaus Methode und Wirkung. Es wird deutlich, wieviel vom gesamten Text durch die Zensur verloren gegangen ist, dass MOS dieses Dokument tatsächlich unter der Aufsicht der Behörden verfasst und der Zugriff auf seine Persönlichkeitsrechte umfassend ist. Der Herausgeber hat in Anmerkungen unter dem Text versucht, den Inhalt der geschwärzten Passagen trotzdem sinngemäß wiederzugeben, rekonstruiert aus Interviews mit MOS, Gerichtsaussagen und Äußerungen seiner Anwälte und Familie. Von den US-Behörden geschwärzt und gestrichen wurden vor allem Klarnamen und Personenbeschreibungen. Das ist insoweit nachvollziehbar, als dass ein Staat seine Beamten und Verantwortlichen zu schützen hat. Weshalb allerdings konsequent die weiblichen Personalpronomen „she“ und „her“ geschwärzt sind, ist kaum nachvollziehbar, denn es ist bekannt, dass im US-Miltär und in den Behörden auch weibliche Angestellte agieren. Aus den Zusammenhängen des Textes wird es ohnehin klar. Man muss außerdem sagen, dass durch die Streichung von Beschreibungen und sogar Spitznamen, die MOS den Wärtern und Regierungsbeamten gibt, ein besonderer Effekt entsteht. MOS bemüht sich, die einzelnen Personen, mit denen er interagiert, zu erfassen und zu beschreiben, er bricht seine Behandlung und die Verhöre möglichst weit herunter auf die persönliche, menschliche Ebene. Er versucht, die einzelnen Verantwortlichen je für sich zu sehen und sie aus ihrem Kontext von Regierung und Militär zu nehmen. Durch die Zensur allerdings erreicht die US-Regierung genau das Gegenteil. Die USA und ihre Organe erscheinen dem Leser plötzlich noch viel mehr als eine große, anonyme, böse Kraft, die auf ein einzelnes Leben einwirkt. Orwell lässt grüßen. Das Beschriebene wird noch beängstigender als es ohnehin schon ist. Man kann sich plötzlich nicht mehr gegen den Gedanken wehren: „Was ist, wenn ich in meinem Leben Personen begegne, die in etwas Kriminelles, Terroristisches verstrickt sind? Rein zufällig. Kann man mich dann auch verhaften und ausliefern, einfach so, nur weil ich jemanden kenne, der jemanden kennt?“ Das genau scheint es zu sein, was MOS passiert ist. Es entspricht nicht ganz den Tatsachen, aber es kommt dem nahe und durch die geschwärzten Passagen verstärkt sich dieser Eindruck enorm.

Der Bericht selbst ist kein klassisches Tagebuch mit einzelnen Daten und chronologisch geführt. MOS hat diesen Text verfasst, nachdem sein erzwungenes Geständnis die militärische Operation an seiner Person bereits beendet hat und er unter abgemilderten Umständen „nur“ noch in Haft sitzt. Es gibt kurze Rückblicke auf sein Leben, allerdings nur recht wenig persönliche, emotionale Bezüge zu seinen Verwandten und Freunden, aus dem Bedürfnis heraus, sie zu schützen, wie er sagt. Wichtigste Person in seinem Leben ist die Mutter (mittlerweile verstorben, während er immer noch in Haft ist). Das scheinen auch die Regierungsbeamten und Ermittler zu wissen. Man versucht MOS Kooperation zu erzwingen, indem man Drohungen gegen seine Mutter ausspricht, sie ebenfalls zu verhaften und nach GTMO zu bringen. Eine alte, kranke Frau. MOS weiß, dass es nur Drohungen sind, dennoch verfehlen sie ihre psychologische Wirkung nicht. Diese Methode ist nur eine von mehreren, enthalten im „Special Interrogation Plan“ zu seiner Person.

Als MOS es nach anfänglichen Versuchen, sich zu verteidigen aufgibt, überhaupt mit den Beamten zu kooperieren, greift der „Special Interrogation Plan“. Er ist persönlich abgezeichnet von Donald Rumsfeld, Verteidigungsminister der USA. Schreibtischtäter gibt es eben überall und zu jeder Zeit. Der Plan ist ein Dokument, das spezielle Verhörmethoden im Fall von MOS zulässt. Über die konkreten Einzelheiten dieser Methoden gibt es keine Zweifel und man kann dem Bericht von MOS Glauben schenken. Es ist längst offiziell bestätigt. Sie umfassen:
Isolationshaft, Redeverbot, Schlafentzug über mehrere Tage und Wochen, Entzug von Tageslicht, Essensentzug, im Wechsel Zwangsernährung und Aushungern, Zwangsdiät mit Wasser alle zwei Stunden eine ganze Flasche, Zellendurchsuchungen, Verbot der Ausübung seiner Religion, Verhinderung der Ausübung von Körperhygiene, stundenlanges Stehen in Fesseln und gebückter Haltung, Vorenthalten medizinischer Behandlung und schmerzlindernder Mittel, sexuelle Handlungen an ihm durch weibliches Personal, stundenlanger Aufenthalt in unterkühlten Räumen, Herunterreißen der Kleidung, Befüllen seiner Kleidung mit Eiswürfeln, ständiges Fesseln, Vermummung (Ohren und Augen) zur Erzeugung von Desorientierung, Androhung von Gewalt gegen ihn und seine Familie, Beleidigung seiner Religion, 24 Stunden Verhöre, Beschallung mit lauter Musik über Stunden mitunter die ganze Nacht, Entführung und Verbringung an einen unbekannten Ort, Entzug sämtlicher Informationen über die Außenwelt, militärischer Drill und Übungen, heimliche Schläge auf die Rippen etc.

Allein die Auflistung lässt keinen Zweifel zu. Es ist ein absoluter Verstoß gegen die Genfer Menschenrechtskonventionen. Es ist Folter. An dieser Tatsache gibt es nichts zu rütteln und nichts schön zu reden. Was MOS – und mit ihm zahlreichen anderen Gefangenen – widerfährt, ist Unrecht. Das allein ist es, was das Guantánamo Tagebuch dem Leser mitzuteilen hat. Das ist eine Wahrheit, vor der man eben nicht die Augen verschließen kann, ganz gleich, inwieweit MOS in die Anschläge von 9/11 verwickelt war oder nicht.

GTMO ist für die USA mittlerweile ein Ballast, mit dem man nicht umzugehen weiß. Man muss dieses Gefängnis loswerden und weiß nicht wie, ohne dabei sein Gesicht zu verlieren. Denn Tatsache ist, dass die Männer, die die Türme mit Flugzeugen zum Einsturz brachten, selbst tot sind und nicht mehr belangt werden können. Sie sind dahin und man hat nach jeder Verbindung, nach jedem noch so winzigen Strohhalm gegriffen, der nach Al Quaida aussah. Viele dieser Strohhalme haben sich später eher als Spreu im Wind erwiesen, als Null und Nichtig. Man muss sich der Möglichkeit öffnen, dass es vielleicht gar keine riesige Verschwörung gegeben hat. Auf keiner Seite.

3000 Menschen sind gestorben. Das ist furchtbar, das soll auch nicht vergessen werden. Aber nichts bringt diese Menschenleben zurück und ich zweifle doch erheblich daran, dass die Inhaftierung und Folterung eines Mannes, der Muslim ist und der jemanden kennt, der jemanden kennt, eine wirkliche Hilfe ist. Der Verdacht erhärtet sich, dass es weniger um die Verteidigung westlicher Werte geht oder um den Schutz der sogenannten freien Welt. Grundsätzlich ist jeder Mensch frei, sich für das Gute oder Böse zu entscheiden. Wovon jedoch kein Mensch frei ist, ist die Versuchung zu Hass und dem Bedürfnis, erlittenes Unrecht zu vergelten. Das hat nichts mit Freiheit oder Werten zu tun. Es ist eine Reaktion der Psyche, die man durch geschickten Einsatz von Medien auch auf eine ganze Bevölkerung übertragen kann.

„Gewalt erzeugt Gewalt“ schreibt MOS (S. 341) und er hat Recht. Es ist durchaus kein Zufall, dass die heute durch Männer des IS geköpften Gefangenen häufig orangefarbene Overalls tragen. Wer von diesen Bildern keine Verbindung zurück zu den Bildern von GTMO und der orangefarbenen Versammlung kniender „Terroristen“ hinter Gefängniszäunen zieht, der muss in den letzten Jahren tatsächlich blind gewesen sein.

Soviel zu meinen Gedanken über den Horizont des Buches hinaus. Viel mehr will ich auch über den Inhalt des Guantánamo Diary nicht schreiben. Es sei empfohlen, sich die bereichernde und nachdenklich stimmende Perspektive Mohamedous selbst anzulesen. Wir begegnen hier einem zurechnungsfähigen, intelligenten, gebildeten, tief religiösen Mann. Eine Persönlichkeit, die durchaus einnehmend ist. Die Aufzeichnungen sind keineswegs voller Hass und Verachtung wegen der erlittenen Folter. Sie sind tatsächlich um Objektivität und Gleichgewicht bemüht und offenbaren faszinierende Einblicke in die inneren Vorgänge eines Menschen, der unter Gefangenschaft und Folter gerät.

MOS schreibt: „I think prison is one of the oldest and greatest schools in the world: you learn about God and you learn patience. A few years in prison are equivalent to decades of experience outside it.” (Seite 319)
„Ich denke, das Gefängnis ist eine der ältesten und größten Schulen der Welt: man lernt eine Menge über Gott und Geduld. Ein paar Jahre im Gefängnis sind wie Jahrzehnte an Erfahrung außerhalb davon.“

Der Gefangene Nummer 760 hat sich in sein neues Leben eingefügt. Es gibt faszinierende Passagen in seinen Aufzeichnungen, die über innere Mechanismen eines Menschen sprechen, dem man die Kontrolle über sein ganzes Leben entzieht. Was geschieht mit einem Mann, der keine Privatsphäre mehr kennt, der nichts besitzt außer einem dünnen Laken und einer Isomatte, dem es nicht einmal erlaubt wird zu duschen oder die Toilette zu benutzen? Worauf kann ein Mensch dann zurückgreifen? Es sind zwei Dinge, die MOS am Leben erhalten. Er akzeptiert den Umstand, dass er jetzt in Haft ist. Er leugnet es nicht, er arrangiert sich, er hört auf, sich Illusionen hinzugeben. Und es ist unzweifelhaft auch sein starker Glaube an einen gerechten Gott, der ihn nicht im Stich lassen wird. Dazu kommen seine Intelligenz, sein höfliches Wesen und sein Humor. Er macht sich die Wärter und Beamten nicht zu Feinden. Er gibt sich in die Situation, ohne den Kern seiner Persönlichkeit aufzugeben. Das ist das Zeugnis einer festen Persönlichkeit, vor der ich tiefe Achtung habe.

„The key to surviving any given situation is to realize that you are in it“ (S. 88)
(Der Schlüssel, um jede Situation zu überleben ist, sich bewusst zu werden, dass man in eben dieser Situation ist.)
“No matter how smart somebody plans, God´s plan always works.” (S. 95)
(Es spielt keine Rolle, wie klug jemand plant, Gottes Plan wird immer ausgeführt.)
“But the Lord is very patient, and doesn´t need to rush to punishment, because there is no escaping him.” (S. 245)
(Aber Gott ist sehr geduldig und braucht sich nicht zu beeilen, um zu strafen, weil ihm ohnehin keiner entkommt.)
“You know there are always serious prayers and lazy prayers. My experience has taught me that God always responds to our serious prayers.” (S. 273)
(Es gibt ernsthafte und nachlässige Gebete. Nach meiner Erfahrung antwortet Gott immer auf ernsthafte Gebete.)
“I made my mind up to spend the rest of my life in jail. You see most people can put up with being imprisoned unjustly, but nobody can bear agony day in and day out for the rest of his life.” (S. 278)
(Ich stellte mich darauf ein, den Rest meines Lebens im Gefängnis zu verbringen. Die meisten Menschen können damit umgehen, unschuldig inhaftiert zu werden, aber keiner erträgt für den Rest seines Lebens tagein und tagaus Qualen.)
“I deal with everybody according to what he shows me, and not what he could be hiding, With this motto I approach everybody, including my interrogators.” (S. 353)
(Ich gehe mit jedem nach dem um, was er mir nach außen zeigt und nicht nach dem, was er verbergen könnte. Nach diesem Grundsatz nähere ich mich jedermann, eingeschlossen meine Befrager.)

Man ist sogar versucht, das vielzitierte „Stockholm-Syndrom“ wiederzuentdecken. MOS beschreibt, dass er eine Art Beziehung zu den einzelnen Wärtern und Beamten, die ihn verhören, aufbaut. Er berichtet davon, dass er weinen musste, als einige von ihnen ihren Abschied nahmen und durch neue ersetzt wurden. Von diesen emotionalen Reaktionen ist er selbst überrascht und schockiert. Doch was bleibt einem Mann in seiner Situation, schuldig oder nicht, anderes übrig, als aufzugeben und den Verstand zu verlieren oder sich zu arrangieren und auf seine Umgebung einzugehen? Das Guantánamo Tagebuch ist auch ein Dokument über die Fähigkeit des Menschen, seelisch zu überleben. Er entscheidet sich, nicht zu hassen, sondern zu verstehen. Das ist durchaus eine mutige Entscheidung, die man anerkennen muss.

Es gäbe noch so viel mehr über den Inhalt von MOS Bericht zu schreiben. Über seine Ansichten von Demokratie und Diktatur (die unseren „westlichen“ Ansichten ziemlich genau entsprechen), über seine Erfahrungen mit unterschiedlichen Kulturen, über seine außerordentliche Fähigkeit, einzelne Charaktere und ihre Motive zu durchschauen, über einzelne Abschnitte, deren Inhalt einem Schauer über den Rücken jagt, so einfach und banal sie die grausamsten Demütigungen beschreiben. Das Buch wird den aufgeschlossenen, mitfühlenden Leser so schnell nicht mehr loslassen. Es öffnet Abgründe, in die man nicht gerne schaut. Jeder wird für sich Schlussfolgerungen über die Glaubwürdigkeit und Bedeutung des Guantánamo Tagebuchs ziehen.

Ist Mohamedou Ould Slahi nun also völlig unschuldig? Ich weiß es nicht und ich werde es hier wie oben gesagt nicht endgültig behaupten. Muss er aus der Haft in Guantánamo entlassen werden? Ja! Unbedingt! Wenn wir wirklich an die Grundwerte unserer westlichen Zivilisation glauben, wenn wir die Menschenrechte tatsächlich für richtig halten, wenn wir an dem juristischen Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ festhalten, weil er jeden Menschen vor Verfolgung und ungerechter Verurteilung schützen soll, dann muss MOS aus der Haft entlassen werden. Ohne Zögern. Das ist der Preis für die Freiheit. Es kommt vor, dass Schuldige nicht verurteilt werden. Wir verzichten auf Vergeltung und Genugtuung, um niemanden ungerecht zu verurteilen. Schuld muss nachgewiesen werden. Unschuld wird angenommen, bis sie bewiesen ist. Warum sollte das im Fall eines Terroristen anders sein?

Es ist grauenhaft, dass durch Anschläge Menschen ums Leben kommen. Es ist aber genauso grauenhaft, einen Mann zu foltern, weil man vermutet, dass er schuldig sein könnte. Man kann es drehen und wenden wie man will. Es gibt kein Schwarz und Weiß. Wir müssen mutig sein und eine graue Welt akzeptieren, die kompliziert und schmerzhaft ist. Wie gesagt, das Guantánamo Tagebuch ist nichts für Feiglinge. Es ist ein Buch, dem man sich stellen muss.