Gesenktes Gesicht

Gesenktes Gesicht
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„Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist´s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.“ 1. Mose 4, 6 – 7

Und wieder scheint hier ein Gegensatz zwischen dem rechtschaffenen Viehzüchter Abel und dem sesshaften Ackerbauer Kain sich aufzubauen, gipfelnd in einem Konflikt, der die schlimmste aller Konsequenzen nach sich zieht. Krieg, Mord, Blut. Ist denn Abel gerechter und besser als Kain, weil er mit Herden von Vieh umherzieht? Ist denn Kain der Schlechtigkeit verfallen, weil er sich am Ackerboden festhält und ihn bearbeitet? Ist es so einfach? Wer sesshaft, „zivilisiert“ ist, der ist verdorben? Aber hat nicht Gott selbst gesagt, dass der Mensch den Boden, von dem er genommen ist, bebauen soll? Sozusagen als zweite Chance der Bewährung, nachdem die erste Anordnung, in Eden zu weilen und zu bewahren, nicht eingehalten werden konnte?

„Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.“ (1.Mo4,4)

Ist Gott also wählerisch und hat keine Lust auf Getreide, dafür aber Appetit auf ein saftiges Steak? Oder wie ist das zu verstehen? Was bedeutet es ganz praktisch, wenn Gott ein Opfer gnädig ansieht? Müssen wir uns das so vorstellen, dass zwei kleine Jungen zu ihrer Mutter kommen und ihr jeder ein gemaltes Bild schenken? Zu dem einen Jungen sagt die Mutter: Das ist ein schönes Bild, danke, mein lieber Sohn. Und zu dem anderen sagt sie: Das Bild gefällt mir nicht, ich will es nicht!

Ist es nicht vielmehr so, dass die Mutter beide Bilder annimmt, aber ihren Söhnen unterschiedliche Gaben gibt, weil sie unterschiedliche Bedürfnisse haben? Dem einen Sohn schenkt sie ein neues Hemd und dem anderen ein paar neue Schuhe. Doch der mit den Schuhen sagt: Ich hätte lieber so ein Hemd wie mein Bruder! Ich hasse meinen Bruder, weil er so viel bessere Dinge hat als ich!

Ein Opfer an eine Gottheit hat den Zweck, dieser Gottheit zu danken und zukünftigen Segen zu erbitten. Über Sinn und Unsinn dieses Tauschhandels lässt sich trefflich streiten. Enttäuschungen sind vorprogrammiert. Offensichtlich ist die Gabe Gottes ja nicht so ausgefallen, wie Kain es erwartet hatte. Der Neid auf seinen Bruder zerfrisst ihn und lässt ihm keine Ruhe. Es treibt ihn um. Er sucht nicht einmal die Schuld bei dem Gott, dem er geopfert hat und von dem er nicht das erhalten hat, was er wollte. Er sucht die Schuld bei seinem Bruder, der in seinen Augen mehr hat, Besseres hat. Es wäre schon genug gewesen, den Schöpfer anzuklagen, doch Kain entscheidet sich, seinen Bruder, der ihm Ärgernis ist, auszulöschen. Seinen Bruder, der ebenso nach dem Bild Gottes geschaffen ist wie er selbst. Und so schließt sich der Kreis und Kain vergeht sich am Schöpfer, weil er das Geschöpf tötet.

Das Wesentliche ist hierbei aber nicht einmal die Tat des Kain, als er seinen Bruder erschlägt. Das Wesentliche ist eben das, was zuvor geschah. Das, was Kain empfunden und gedacht hat. Sein Blick senkte sich, lesen wir. Hier ist der entscheidende Hinweis. Darin steckt viel mehr noch als die Geste, als die reine Bewegung der Augen nach unten. Es ist Ausdruck des Inneren, das absinkt, sich nicht nach oben zu den guten Dingen und zu Gott dem Schöpfer ausrichtet. In den Versen steckt viel mehr als nur der Bericht über den ersten Mord in der Geschichte der Menschheit. Es ist die Geschichte eines jeden Menschen bis heute, der es nicht schafft, über die Sünde zu herrschen, über die Versuchung zu üblen Taten, nachdem der Blick sich in Ärger und Zorn, Eifersucht und Neid, Gier und Verlangen abgesenkt hat. Die Warnung gilt bis heute: Herrsche über die Sünde! Wir wissen, dass wir nicht über sie herrschen können, nicht ohne Hilfe und Wegweisung.

Darum, wenn du bemerkst, dass dein Gesicht sich senkt, hebe es schnell wieder auf und rufe nach Hilfe. Schiebe nicht die Schuld auf andere ab, so wie Adam sie auf Eva lud und Eva auf die Schlange und Kain auf Abel. Dann klage lieber deinem Schöpfer die erlebte Ungerechtigkeit. Vielleicht erkennst du dann, dass die Ursache des Übels dein eigenes Herz ist. Und wenn dein Herz nicht bereit ist, das Gute von Gott zu empfangen, dann wirst du das Gute auch nicht erkennen, sondern nur deinen Mangel.