Die Summe der Teile oder das Rätsel des Theseus
Buchbesprechung I zu:
„S“
Von J J Abrams und Doug Dorst
Oder:
„Das Schiff des Theseus“
Von V. M. Straka
Englische Ausgabe:
472 Seiten
Canongate Books Ltd., Main 2013
Deutsche Ausgabe:
544 Seiten
Kiepenheuer&Witsch, 2015
Kann man etwas über ein Buch schreiben, das man noch nicht gelesen hat? Denn das ist es, was ich hier gerade versuche. Natürlich kann jeder, der an „S“ interessiert ist, die gängigen Suchmaschinen bemühen und sämtliche auffindbaren Informationen selbst recherchieren. Es gibt eine Unzahl an Fotos, Kommentaren, Videos und Werbemitteln über das Buch, so dass man einen fundierten Eindruck von der Machart und der Richtung des Inhalts gewinnen kann. Also, weshalb bemühe ich die Tastatur und schreibe über etwas, das ich nicht gelesen habe? Weil es hier einmal nicht um den Inhalt geht, sondern um den äußeren Schein dieses kreativen Machwerks, der den faust´schen Reiz des „Erwirb es, um es zu besitzen“ erzeugt.
Es geht weniger um die erzählte Geschichte, als um die Art und Weise, wie sie dem Leser präsentiert wird, nämlich in Form eines bibliophilen Monuments, eines Denkmals für das gedruckte und gelesene Buch, das seit Gutenbergs Zeiten Macht und Faszination auf jene ausübt, die sich nur allzu gerne durch den Buchstaben vor ihrem Auge gefangen nehmen lassen. Jedes Buch ist dabei eine neu erschaffene Welt, das Abbild der Gedanken des Schreibenden, der seinerseits die Wahrnehmung der äußeren Welt spiegelt und an den Leser weiter transportiert. Das Buch als Sehnsucht und Heimat. Als eigenes, kleines Universum. Das Buch als Weltenöffner und Hilfe zur Weltflucht.
Es beginnt mit dem Erwerb des Titels für den Privatbesitz. Man muss dieses Buch kaufen, ohne dass man die Gelegenheit hatte, es mit den Händen zu öffnen und unter Tageslicht hineinzusehen. Es ist versiegelt. Man trägt ein gut verschlossenes Geheimnis mit nach Hause, an dessen Inhalt man nur gelangt, wenn man das Siegel vorsichtig aufbricht und das Buch heraus zieht. Selbstverständlich kann man vorher all die Fotos und Videos im Netz bemühen, aber das ist nicht dasselbe, wie mit eigenen Fingern über das Buch zu streichen und es zu öffnen. Mit eben diesem Reiz spielt die Aufmachung von „S“ im versiegelten Schuber.
Aber was genau ist „S“?
Das Buch ist eigentlich ein Roman mit dem Titel „Das Schiff des Theseus“ („Ship of Theseus“) verfasst von einem Autor namens V. M. Straka. Wobei es natürlich keinen Autor dieses Namens gibt und daher im Grunde auch der Roman nicht existiert, obwohl man ihn ja gerade liest. Der Roman, dessen Text sich auf den – selbstverständlich vergilbten – Seiten des Buches findet, ist eigentlich eine Art kryptisches Kunstwerk und funktioniert als Schablone für die handschriftlichen Anmerkungen zweier Personen am Rand des Textes. Es ist tatsächlich genau so: In der Mitte der gedruckte Text, am Rand verschiedenfarbige Notizen in zwei unterschiedlichen Handschriften, einer männlichen und einer weiblichen. Die verschiedenen Farben entsprechen zudem je anderen Zeitebenen des Austauschs.
Ein junger Literaturwissenschaftler entwendet das Buch aus einer Universitätsbibliothek, versieht während des Studiums die Seiten mit seinen Anmerkungen und lässt das Buch aus Versehen liegen. Eine junge Frau, ebenfalls angehende Literaturwissenschaftlerin, findet das Buch und antwortet auf diese Notizen. Auf diese Weise kommt eine Unterhaltung über das Buch und seinen geheimnisvollen Autor zu Stande. Beide Kommentatoren kommen sich über diesen Austausch näher und sie versuchen gemeinsam hinter das Geheimnis des V. M. Straka und seines letzten Romans zu kommen, denn Straka ist ein Mann ohne Gesicht und die zwischen den Buchseiten zurückgelassenen Hinweise sollen auch den dritten Leser auf die Spur dieses Geheimnisses führen. Die Versiegelung des Buches hat eben auch ganz praktische Gründe, sonst würden all die verstreuten Postkarten, Briefe und Zeitungsartikel herausfallen, die dem Käufer mitsamt Buch geliefert werden.
Die Aufgabe des geneigten Lesers ist es also, während der Lektüre den verstreuten Hinweisen nachzugehen und die einzelnen, zeitlichen Ebenen zu entschlüsseln und zusammenzusetzen. Das Buch ist ein künstlerisches Gesamtkonzept und in seiner Erscheinung das Zitat eines geliebten, viel gelesenen und umkämpften Buches schlechthin. Einen Hinweis auf die Art der Lektüre, die jemanden erwartet, wenn er der haptischen Versuchung erlegen ist und das Buch in seinen Besitz gebracht hat, liefert gleich der Titel. Das Schiff des Theseus ist eine Denksportaufgabe, hinlänglich bekannt seit der Antike. Wenn ich die Teile eines Ganzen nach und nach durch Neue ersetze, ist dann zum Schluss das Ganze immer noch Dasselbe oder etwas völlig Anderes? Die Frage von Identität und Wahrheit, Stück für Stück zusammengesetzt und entschlüsselt. Oder auch nicht. Wir werden sehen.
Das Lesen und Besitzen von Büchern kann eine sehr individuell ausgeprägte Sucht sein. Wenn ich ihr vielleicht (bestimmt) ein weiteres Mal erlegen bin, werde ich eine zweite Äußerung zum Inhalt des Ganzen oder zu seinen Teilen wagen. Wer mit Theseus und V. M. Straka an Bord des Schiffes geht, wird wohl zumindest in ästhetischer Hinsicht kaum enttäuscht werden.

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