Kafkaesk, kryptisch, kurios oder: Von Liebe, verpassten Gelegenheiten und Identität

Kafkaesk, kryptisch, kurios

oder:

Von Liebe, verpassten Gelegenheiten und Identität

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Buchbesprechung zu:

V. M. Straka: Schiff des Theseus

oder:

J. J. Abrams / Doug Dorst: S

(Original bei Canongate Books 2013 – Deutsche Übersetzung bei Kiepenheuer & Witsch 2015)

The Beginning – Der Anfang

Eines Tages gehst du eine Straße entlang, siehst nach oben und erblickst auf einer Mauer, die einst jungfräulich und sauber dort stand, ein großes, geschwungenes S, leicht in Fraktur gesetzt, vielleicht schwarz gemalt oder doch schon etwas verblasst, ein bleicher Schatten aus vergangenen Tagen. Das Zeichen kann von Freund oder Feind gemalt worden sein. Sicher wirst du es nie wissen. Du weißt nur, dass S existiert und überall seine Spuren hinterlassen hat. Wer ist S? Was ist S? Du verfolgst die Zeichen und Hinweise, aber du wirst das letzte Geheimnis seiner Identität niemals ergründen. Es ist möglich, dass du über die Zeit nicht mehr weißt, wer du selbst bist und aus welchen Teilen du bestehst. Doch S bleibt immer S. S gab es schon immer und S wird es immer geben.

Genau diesem unergründlichen Ozean von S gehen Jen und Eric auf den Grund und die beiden Literaturstudenten geraten dabei in einen gefährlichen Sog, der sie und die Menschen, die ihnen nahe stehen, zu verschlingen droht. In der Welt von S ist nichts sicher und nichts endgültig. Daran muss der Leser sich gewöhnen, diesen Lektüre-Schmerz muss er oder sie aushalten. Mehr noch. Man muss sich, will man den aus Text und Marginalien bestehenden Roman genießen, willig der Möglichkeit des unauflösbaren Rätsels aussetzen. Wer dazu in der Lage ist, wird mit Gewinn und Lust die Zeilen atmen und trinken. Den süßlichen, nach Bestand strebenden Wein aus Tinte und Druckerschwärze.

Doch zurück zum Anfang, nämlich dem Buch in der Hand. Das Öffnen dieses Romans ist ein gewollt bibliophiles Ritual. Ein Siegel, das den Roman im Schuber hält, muss zunächst aufgebrochen werden. Es empfiehlt sich ein scharfes Messer oder eine handliche Schere, um keine bedauernswerten Schäden zu verursachen. Das gelöste Siegel lässt sich selbstklebend und passgenau auf dem Buchrücken befestigen. Damit wirkt der Titel auch später noch vollständig adrett im Bücherregal. Beim Aufschlagen des Buches ist Vorsicht geboten. Insgesamt 22 Beilagen ruhen zwischen den Seiten. Es sind Postkarten, Lagepläne, Zeitungsartikel, Briefe und Fotos. Ihre Platzierung im Buch ist nicht zufällig und man tut gut daran, sich entweder eine Liste der einzelnen Beilagen mit der je dazugehörigen Seitenzahl anzulegen oder beim Lesen sehr aufzupassen, dass nichts heraus fällt. Es ist in jedem Fall ein Buch, das man eher zu Hause in ruhigen Stunden liest, als dass man es unterwegs oder zwischendurch zur Hand nehmen könnte.

Die eigentliche Herausforderung von S besteht dann jedoch darin, wie man es lesen will. Es gibt die Möglichkeit, einfach den abgedruckten Roman zu lesen und hinterher die handschriftlichen Anmerkungen und die verstreuten Beilagen anzusehen und dem Text zuzuordnen. Eine andere, für mich persönlich reizvollere Möglichkeit, ist, einfach jede Seite zu lesen, mitsamt zeitlich verschieden einzuordnenden Randbemerkungen und Materialien. Darin liegt die lustvolle Schwierigkeit des Romans. Beim Lesen setzen sich Stück für Stück die einzelnen Zeitebenen zusammen und übereinander. Alles scheint einer Auflösung entgegen zu streben. Sobald man jedoch die letzte Seite umgeschlagen hat und mit verdutztem Auge auf die Dechiffrierscheibe starrt, die einen Code im zehnten und letzten Kapitel lösen soll, muss man feststellen, dass sich bis auf die Liebesbeziehung zwischen Jen und Eric, so gut wie nichts aufklärt.

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The Voice In The Margins – Die Stimme in den Anmerkungen

Die junge Literaturstudentin Jen findet ein Buch mit dem Titel „Das Schiff des Theseus“ (Ship of Theseus) von einem gewissen V. M. Straka. Offensichtlich hat jemand den 1949 erschienenen Titel vor längerer Zeit (laut letztem Ausleihvermerk im Jahr 2000) aus einer Bibliothek entwendet, Bleistift-Anmerkungen am Rand des Textes hinterlassen und für ihn wichtige Passagen unterstrichen. Jen kann dem Reiz nicht widerstehen. Sie liest ihrerseits das Buch und die Notizen, fügt ihre eigenen Antworten auf die Anmerkungen des Unbekannten hinzu und hinterlegt das Buch. Tatsächlich geht der Unbekannte darauf ein und reagiert wiederum mit Notizen. Es ist Eric, ein älterer Student, der von seinem eigenen Professor in der Forschung um den Autor V. M. Straka bestohlen wurde. Derart in seiner tiefsten Leidenschaft verletzt setzt er kurzerhand ein Gebäude der Universität unter Wasser (der entsprechende Zeitungsartikel ist natürlich beigefügt). Eric fliegt von der Universität, aber er bewegt sich weiter unerkannt durch das Tunnelsystem der Lüftungsschächte und setzt seine Forschungen fort. Für Jen, die ihrerseits nach der Trennung von ihrem Freund darum kämpft, sich von alten Fesseln ihrer Kindheit zu befreien, sich von ihren Eltern zu emanzipieren und herauszufinden, was sie wirklich will, ist die Unterhaltung mit Eric und die Welt des V. M. Straka zunächst eine willkommene Flucht vor der Realität. Eric geht es zunächst nur um seine Leidenschaft für diesen Autor. Das ist scheinbar sein einziger Lebensinhalt. Er ist fasziniert davon, dass plötzlich noch ein anderer Mensch in diese Welt eintaucht. Obwohl er zuerst die Arroganz des Wissenden hervorkehrt, ist er durchaus dankbar für die ungewöhnliche Hilfe in seinen Forschungen.

Aus anfänglicher Neugier wird schnell Sympathie, Sorge um den anderen, Zuneigung und schließlich eine ungewöhnliche Liebe zwischen zwei Menschen, die hart darum kämpfen zu erkennen, wer sie sind und was sie wollen. Gleichzeitig dringen sie durch ihre Forschungen und Recherchen immer tiefer in das Geheimnis um den Autor V. M. Straka. Erics Scharfsinn eines leidenschaftlichen Literaturwissenschaftlers und Jens überragende Fähigkeiten, aus aller Welt Informationen und Archivmaterial aufzufinden, bringen beide der Lösung des Rätsels sehr nahe, bis sie so weit sind, dass sie wahrscheinlich gemeinsam ein Buch veröffentlichen werden, das die Arbeit des Professors Moody, der Erics Forschungen gestohlen hat, widerlegen könnte. Dabei geraten sie zwischen alte Fronten. Auf der einen Seite erhält Eric von einem gewissen Serin finanzielle Unterstützung für seine Forschungen, auf der anderen Seite werden er und Jen von unbekannten Leuten verfolgt, die Feuer legen und sogar die Familie von Jen bedrohen. Die Familie wiederum vermutet in Eric einen schlechten Einfluss und glaubt, dass Jen nun endgültig verrückt geworden ist, weil es ja diese eine Sache in ihrer Kindheit gegeben hat. Eric und Jen entschließen sich, ihrer Liebe eine Chance zu geben, die Sachen zu packen und weit fort zu gehen, um gemeinsam an ihrem Projekt um den Autor V. M. Straka zu arbeiten. Hier bricht die Geschichte der beiden, die mittels der verschiedenfarbigen, handschriftlichen Anmerkungen und der Beilagen vom Leser rekonstruiert werden muss, ab.

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Perilous Waters – Gefährliche Gewässer

Ein Mann, durchnässt und ohne Erinnerung an sein früheres Selbst, durchwandert die Straßen einer unbekannten Stadt. In einer Hafenkneipe begegnet er einer faszinierenden Frau namens Sola, die nahezu fehl am Platze wirkt, allein und ein dickes Buch namens „The Archer´s Tales“ (Die Erzählungen des Bogenschützen) lesend. Alles und nichts kommt dem Mann bekannt vor. Er wird betäubt und entführt und findet sich an Bord eines Schiffes wieder, dessen Mannschaft sich nur vermittels Pfeifentönen miteinander verständigen kann, denn ihre Münder sind mit schwarzem Faden vernäht und die Zwischenräume lassen gerade genug Platz für das Ende einer Pfeife. Einzig der Mann, der scheinbar das Schiff anführt, redet mit dem Mann, der im Folgenden einfach S. genannt wird. Bezeichnenderweise heißt der Kapitän, der natürlich behauptet, gar kein Kapitän zu sein, Maelstrom. Eine Anspielung auf den unheimlichen Edgar Allan Poe und Sinnbild für den Strudel von Ereignissen, der den Mann ohne Erinnerungen mitreißt und in sich verschlingt, keinen Raum dafür lässt, die verlorene Identität wiederzuerlangen oder wirklich eine neue zu gewinnen.

Das Schiff ist ein Flickwerk aus alten und neuen Teilen. Wie das Vorbild der Antike, das tatsächliche Schiff des Theseus aus dem Mythos, werden die Teile Stück für Stück ersetzt, bis zum Schluss nicht mehr eine einzige Planke die des ursprünglichen Seefahrzeugs ist. Die Bestimmung, die „Tradition“ wie es heißt, bleibt jedoch stets dieselbe. S. weiß nicht, warum man ihn entführt hat. Ihm wird nichts mitgeteilt. Jeder Ausflug oder jede Flucht an Land endet damit, dass er doch wieder in den Schoß dieses unheimlichen Kahns aufgenommen wird, bis er selbst „Part o´ the tradition“ (Teil der Tradition) wird wie Maelstrom es ausdrückt.

Was ist die Mission des Schiffs? „What begins at the water shall end there, and what ends there shall once more begin. Words are a gift to the dead and a warning to the living.” (Was auf dem Wasser beginnt wird dort enden und was dort endet wird erneut beginnen. Worte sind ein Geschenk an die Toten und eine Warnung für die Lebenden.) Die Besatzung des Schiffes steigt im Wechsel unter Deck und taucht wieder auf. Sie zehren sich auf zwischen einer geheimnisvollen Arbeit im Bauch des Schiffes und dem Navigieren und der Instandhaltung über Deck. S. ist der einzige Mann, der hin und wieder die Planken verlässt, die Fäden zerschneidet und an Land tödliche Missionen erfüllt, die sich gegen die Agenten eines perfiden und mächtigen Unternehmers richten, dessen Einfluss scheinbar in alle Teile der Welt reicht und der in der Lage ist, sämtliche Mächtigen an sich zu binden. Er hat etwas, das alle wollen und das die Welt zerstören kann. Was genau das ist, erfahren wir nicht, nur, dass es erbärmlich stinkt.

Der eigentliche Roman „Schiff des Theseus“ ist eine Geschichte voller Symbole und Andeutungen, sie ist eine Metapher auf die Bedeutung von Kultur, Zerstörung und Identität – individuell und global. Das macht die Wirkung dieses extrem verschlüsselten Textes mit seinen fantastischen Zügen aus. Hinzu kommt die durch die Marginalien angeschnittene Ebene eines subjektiven Geheimnisses, nämlich der verborgenen Identität des V. M. Straka. Ist er ein und derselbe Mann, der mit seinem letzten Roman einer Frau seine Liebe gestehen will und bei ihr Abbitte leistet für die Entscheidung, seine Mission wichtiger zu nehmen als die Möglichkeit eines gemeinsamen Lebens? Ist der Text eine Schablone für Strakas Biografie? Eine Offenbarung mächtiger Verschwörungen? Gibt es nur den einen Straka oder setzt er sich aus mehreren Autoren zusammen, die eine revolutionäre Gruppe bilden? Wer von ihnen ist S? Alle? Keiner? Weder Jen und Eric noch der wirkliche Leser können es vollständig entschlüsseln.

Neben den Marginalien und dem Textblock des Romans gibt es in allen zehn Kapiteln Fußnoten unter dem Text, die teilweise völlig zusammenhanglos erscheinen. Jedes Kapitel enthält in diesen Fußnoten einen eigenen mehr oder weniger schwierigen Code, vermittels dem der Übersetzer Francisco Xabregas Caldera mit dem verschollenen Autor zu kommunizieren versucht, in der Hoffnung, dass er noch lebt und die Botschaft wahrnimmt. Auch hier wird der Leser im zehnten Kapitel recht hilflos zurück gelassen und muss versuchen, den letzten Code mit der beigelegten Scheibe zu knacken.

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The Devil Is In The Details – Der Teufel steckt im Detail

Über ein Buch der Andeutungen kann man auch nur in Andeutungen schreiben und reden, denn die Andeutung ist das Wesen von S. Zeichen und Symbole weisen in alle und in keine Richtung. Es gibt zahlreiche wiederkehrende Motive. Viele der Personennamen zum Beispiel sind fremdsprachige Ausdrücke für verschiedenste Vogelarten. Vögel haben hier eine charakterisierende Aufgabe oder sind positive Boten für die richtige Seite. Bezeichnenderweise gibt es in der Nähe der Residenz des Erzfeindes keine Vogelstimmen in den Bäumen.

Immer wieder taucht das S- Symbol auf, flexibel verwendet von jedem Lager. Freund und Feind sind genau wie alles andere nicht immer genau zu bestimmen, Gut und Böse verwischen miteinander, Identität löst sich auf und setzt sich neu zusammen. Das einzig Sichere ist die Unsicherheit. Genau das ist es, was die Faszination von „S“ bzw. „Ship of Theseus“ ausmacht.

Die Bedeutung von Kultur, Tradition und Überlieferung im Wesen von sich übereinander ablagernden und sich gegenseitig durchdringenden Schichten wird in starken Bildern ausgedrückt. So in der Beschreibung der viele Generationen umfassenden Höhlenmalereien eines verschwundenen Volkes oder in der Art und Weise, wie der Mann ohne Identität die Fetzen seiner Erinnerungen und Erlebnisse auf die Ränder unzähliger Zeitungen kritzelt, die er eigens für diesen Zweck kauft. Der zum Inbegriff des Bösen stilisierte Erzfeind lagert in seinen labyrinthisch verzweigten Kellern willkürlich angehäufte Kulturgüter, destilliert zu einem schwarzen Wein, der wie Tinte die Zunge färbt und symbolisch für das Verschlingen und Verzehren von Identität und Kultur im Sinne der Interessen von Mächtigen steht.

Auch die Machart des Buches selbst spiegelt diese Symbolik wieder. Wir halten das Projekt von Abrams und Dorst erst in Händen, weil unzählige Schichten von Kultur, Überlieferung und Identität es möglich gemacht haben, dass ein solches Werk entsteht. Jedes Buch wird neu zusammengesetzt aus Teilen, die der Autor in sich selbst und in seiner Umwelt und Prägung findet. Doch ein Buch bleibt immer ein Buch. Oder nicht? Ist es Selbstzweck, Mittel zum Zweck, führt es in eine bestimmte Richtung? Prägt es meine eigene Identität?

In jedem Fall ist es wie alles andere „Part o´ the tradition“.

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