Die Söhne der Zeruja

Von König David hat fast jeder gehört. Der berühmte, siegreiche König Judas und Israels, der viel erfolgreicher war als sein Vorgänger Saul. David, der Hirte und Dichter und Kriegsmann, der treue Freund, Riesentöter und Frauenliebhaber. Ob man nun die Bibel gelesen hat oder nicht – König David ist eine heldenhafte Größe, nach der man seine eigenen Kinder benennt. Selbst Menschen, die dem Glauben eher fern stehen, wählen gerne den Namen David für den eigenen Sohn. Doch es war auch jener David, der sagte: „Ich aber bin, obwohl zum König gesalbt, heute noch schwach, während diese Männer, die Söhne der Zeruja, härter sind als ich. Der HERR vergelte dem, der das Böse tut, nach seiner Bosheit!“ (2. Samuel 3, 39)
Wer sind diese geheimnisvollen Söhne der Zeruja, die keinen Vater haben und mächtiger sind als David? Es sind die Männer, auf deren Härte, Gewalt und Blutvergießen David sein Königreich aufbauen konnte. Die gefährlichen Männer in der zweiten Reihe, die David brauchte und fürchtete, die treu und ergeben waren, aber auch eigensinnig und mächtig. Männer, die fromm und brutal zugleich waren. Männer, die blutige und notwendige Entscheidungen trafen und David mit zur Macht verhalfen, auf eine Weise, die diesem nicht immer gefallen hat, aber ihm auch nützlich war.
Zeruja war eine Halbschwester von David und ihre drei Söhne somit die Neffen Davids, aber vermutlich etwa in seinem Alter, denn David war bekanntlich der Jüngste unter seinen Brüdern. Es ist gut möglich, dass David und die drei Söhne der Zeruja gemeinsam aufwuchsen wie Brüder. Gemeinsam spielten, gemeinsam Schafe und Ziegen hüteten, gemeinsam Kriegskünste einübten, gemeinsam zu Männern wurden. Wahrscheinlich waren die drei Söhne der Zeruja bereits an der Seite ihres jungen Onkels, als er vor seinem Schwiegervater Saul floh und sich mit einer Horde wilder, kriegerischer Männer in den Höhlen beim Toten Meer versteckte. Zumindest Joab und Abischai, die beiden älteren, werden ihm gefolgt sein.
Von dem Vater der drei Söhne der Zeruja erfahren wir nichts. Das macht ihre Geschichte umso ungewöhnlicher. Welchen Grund gab es, ihren Vater zu verschweigen? Sie sind ohne Ursprung und ohne Stammbaum und einzig durch die Mutterschaft der Zeruja mit der Familie Davids verbunden. Auch über die Nachkommen dieser Männer erfahren wir nichts, einzig über einen Sohn des Jüngsten der drei Brüder. Asaëls Sohn Sebadja wird ein großer Kriegsmann wie sein Vater und seine Onkel. Sonst gibt es kein Wort über Frauen, Kinder, Nachkommen, Vorfahren. Die Söhne der Zeruja kommen aus dem Nichts und sie verschwinden ins Nichts. Dennoch gehören sie zum Fundament des Israelischen Königtums. Ohne sie, besonders ohne Joab, den Mann über alle Kriegsmänner Isreals und Judas, wäre ein dauerhaftes Königtum Davids undenkbar gewesen.
Die Männer ohne Vater haben große Namen. Joab, der älteste der Brüder, trägt den Namen „Jah ist Vater“. Gott ist Vater. Vater über ihn und alle Israeliten. Er ist der besonnenste und härteste der drei Brüder. Er kennt nur ein Schwarz und Weiß, ein gerecht und ungerecht, Leben und Tod, Entweder Oder. Für ihn gibt es kein Dazwischen. Das lässt ihn grausame Entscheidungen treffen, die dem Willen Davids zuwiderlaufen und auch den Bemühungen des jungen Königs um Frieden mit den Stämmen Israels, die dem Sohn des toten Saul noch treu anhängen. Joab tötet den alten Heerführer Sauls, Abner, als David ihn nach Verhandlungen bereits in Frieden entlassen hat. Joab führt die Klinge und Abischai, der zweitälteste der Brüder, hält den Todgeweihten dabei fest. Das lässt David den oben zitierten Ausruf machen. Joab und Abischai haben ihren Bruder Asaël, der durch Abners Speer getötet wurde, gerächt. Doch es steckt mehr als nur Rache dahinter. Es ist zugleich so etwas wie politisches Kalkül. Wenn auch David zornig über das eigenmächtige Handeln Joabs ist, so spielt ihm die Beseitigung Abners umso eher die anderen, nun wirklich führungslosen Stämme Israels in die Hand. David verflucht Joab und da es ein Mord ist, kann er die Handlung nicht übergehen. Er überträgt später seinem Sohn Salomo die Bestrafung Joabs. David selbst legt zu Lebzeiten jedoch keine Hand an Joab. Er braucht Joab.
Joab ermahnt den König, als er sich in der Trauer um seinen abtrünnigen Sohn Absalom vor dem ganzen Volk lächerlich macht. Joab war es auch, der Absalom tötete. Joab ist jede Art von Abtrünnigkeit ein Gräuel. Umso mehr verwundert es, dass er nach dem Tod seines Königs David, dessen ältesten Sohn den Vorrang gibt und das Königtum Salomos nicht unterstützt. Doch ganz so verwunderlich ist es im Grunde wieder nicht. David hat Joab benutzt, um Uria, den Mann der Bathseba, von der Salomo geboren ist, in vorderster Schlachtreihe töten zu lassen. Vermutlich wusste Joab zunächst nichts davon. Er war ein Mann, der es gewohnt war, zu töten und töten zu lassen. Er vertraute dem Todesurteil Davids. Der Ehebruch des Königs wird ihm ein Gräuel gewesen sein und er konnte in seinem Sinn für absolute Gerechtigkeit keinen Nachkommen der Ehebrecherin Bathseba akzeptieren. Joab kannte nur das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn, grausame und ausgleichende Gerechtigkeit.
Ebenso ist es auch Joab, der seinen König David davor warnt, das ganze Volk Israel zählen zu lassen. Es galt als schweres Vergehen, die gesamte Zahl der Stämme zu erfassen. Es gab Teile, die nicht gezählt werden durften, weil sie ganz dem Herrn gehörten. Joab wusste das. Die Gesetze Gottes sind für Joab absolut und heilig gewesen. Joab ist der Inbegriff des gewaltigen, gottesfürchtigen Mannes. Wir können ihn nur schwer verstehen und lieben, aber die Bibel nötigt uns große Achtung vor diesem entschiedenen Mann ab, dessen Gerechtigkeitssinn ihn alles kostet, schließlich auch sein Leben, als er am Horn des Brandopferaltars Zuflucht sucht. Als Benaja, der neue Heerführer unter Salomo ihn auffordert, aus dem Haus des Herrn zu treten, um sein Todesurteil zu empfangen, antwortet Joab: „Nein, sondern hier will ich sterben.“
Darin steckt mehr als die Furcht vor dem Sterben und die vage Hoffnung, dem Tod zu entgehen, weil er sich am Altar Gottes festhält und dort wie ein Totschläger Asyl sucht. Joab will beim Herrn sterben, bei jenem Altar, auf dem die Opfer für die Sünden des Volkes Israel dargebracht werden. Joab ist und bleibt ein großer Mann, der sich seiner Schuld wohl bewusst ist. Auch wenn Salomo über ihn urteilt, dass Joab Männer tötete, die gerechter waren als er, so bleibt Joab ein großer Held, dem man in der Schrift viele Verse widmet. Kaum eine Persönlichkeit ist so vielfältig und im Detail, in all ihren Widersprüchen, dargestellt.
Joab ist der bestimmende Mann. Seine Brüder werden selten allein genannt, dennoch sind es alle drei, die die Basis für Davids irdische Macht bilden. Und sie lieben sich. Nicht umsonst haben Joab und Abischai ihren Jüngsten, den Asaël, gerächt.
Abischai, der zweitälteste, ist ebenso heftig und gewaltig wie sein älterer Bruder Joab, ihm fehlt jedoch die besonnene Entschlossenheit. Er drängt und prescht oft voran. Er drängt David dazu, Saul zu töten und ist ganz der Mann des Krieges. Nicht umsonst ist Joab der Heerführer aller Männer in Israel und Juda. Der Name Abischai bedeutet wahrscheinlich in etwa „Vater ist Gott“ oder auch „Der Gott des Friedens ist Vater“. Auch hier ist es nicht die menschliche Abstammung, sondern ein Name, der den Mann ganz auf Gott zurückwirft.
Ebenso ergeht es uns mit Asaël, dem Jüngsten der Brüder, dem ein frühes Ende beschert ist. Sein Lauf wird mit dem Lauf einer Gazelle verglichen. Er muss unglaublich schnell gerannt sein. Diese Schnelligkeit verhalf ihm schon in jungen Jahren zu Sieg und Erfolg, bedeutete jedoch auch seinen Tod. Asaël konnte seinen Lauf nicht rechtzeitig abbremsen und er rannte in den ausgestreckten Speer Abners. Sein junger Übermut kostete ihn das Leben. Es ist mehr ein Unfall als ein wirklicher Schlachtentod gewesen. Die Rache seiner Brüder ist emotional und spricht für die enge Bindung der drei Männer. Asaëls Name bedeutet „Gott hat erschaffen“. Auch hier wird die Vaterschaft wieder ganz auf Gott gelegt.
Joab, Abischai und Asaël. Drei Brüder, eng miteinander verbunden. Gewaltig, geheimnisvoll, unverständlich, bewundernswert. Sie sind wie Vieles in der Schrift ein Bild oder können uns zu einem Bild werden.
Für mich versinnbildlichen sie ein blutig verstandenes Gottesbild. Es sind drei Männer und in der Schrift tauchen zuvor schon drei geheimnisvolle Männer ohne Ursprung auf. Drei Männer, die den Stammvater Israels, Abraham, bei seinem Zelt besuchen. Abraham spricht davon, dass der Herr ihn besucht. In Gestalt der drei geheimnisvollen Fremden. Sie haben die Botschaft, dass Abrahams Frau Sarah endlich einen Sohn gebären wird. Aber sie kündigen auch das Gericht über Sodom und Gomorra an. Die Städte werden mit Mann und Frau und Kindern und Vieh und jeder Maus darin verbrennen. Keiner, außer Lot und seine beiden Töchter, wird entrinnen. Gott beschließt die Vernichtung. Da ist er wieder, der harte, unverständliche Gott, der Tod zulässt. Der dunkle Gott. Er begegnet uns wieder in den drei Männern Joab, Abischai und Asaël. Vielleicht ist es kein Zufall, dass es drei Männer sind. Drei Männer, mit denen nicht zu spaßen ist.
Wir glauben als Christen an einen dreieinigen Gott. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Ein geheimnisvoller Gott der Liebe, den wir nicht immer verstehen, dem wir aber unser Leben anvertrauen. Ein Gott, der eben kein Kriegsmann ist. Einer, der sich selbst schlachten lässt am Kreuz… Und wie David sagte, ist es hart, ein blutiges Gottesbild zu überwinden, wie es uns durch Joab und seine Brüder vor Augen gemalt wird. Diese Schattenseite unseres Herzens und unserer blutigen Weltwahrnehmung verkörpern die drei Männer ohne Ursprung in Vollkommenheit.

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