Menschenfett und Philosophie
Buchbesprechung zu:
„Fragen Sie Ihren Bestatter“
Caitlin Doughty (erfahrene Bestatterin, bekannt durch ihre Youtube-Videos „Ask A Mortician“; Gründerin der Gesellschaft „The Order Of The Good Death“)
(Titel der amerikanischen Originalausgabe:
„Smoke Gets In Your Eyes & Other Lessons from the Crematory“)
Basierend auf dem YouTube-Kanal von Caitlin Doughty “Ask A Mortician”
Deutsche Übersetzung C.H. Beck 2016
„Eine Frau erinnert sich immer an die erste Leiche, die sie rasiert hat.“ So lautet der erste Satz des ersten Kapitels von „Fragen Sie Ihren Bestatter“. Den ersten Satz zu zitieren, ist natürlich nicht der genialste Einstieg für eine Buchempfehlung, aber es ist genau dieser Satz gewesen, der in mir die Neugier auf das gesamte Buch geweckt hat. Diese unverfroren direkte Art, über Leichen, Leichenteile und über das, was mit ihnen in unserer westlichen Zivilisation geschieht, zu reden, macht den morbiden Charme dieser schonungslosen Analyse unserer Bestattungskultur aus.
Nach einem traumatischen Erlebnis in ihrer Kindheit entwickelt die Autorin eine mit Zwängen belegte Angst vor dem Tod und dem Sterben, die über das normale Maß hinausgeht. Anstatt sich therapieren zu lassen oder diese Ängste geschickt zu unterdrücken, entscheidet Doughty sich für die absolute Konfrontation. Sie studiert Mediävistik und beschäftigt sich dabei besonders mit dem Tod. Doch die Theorie genügt nicht. Kurzerhand heuert sie in einem privaten Bestattungsunternehmen an und ist mit Anfang 20 dafür zuständig, Tag für Tag tote Männer, Frauen und Kinder zu verbrennen. Wir erfahren unter anderem, dass Babys nur etwa eine halbe Stunde brauchen, um vollständig zu Asche zu werden. Richtig fette Leute hingegen verursachen große Probleme und es kommt vor, dass ihr Fett aus dem Ofen läuft und eine große Sauerei verursacht. Bedeckt von Knochenstaub und Menschenfett endet da schon mal ein ganz normaler Arbeitstag.
Mit derlei unappetitlichen Details wird der Leser locker und gründlich versorgt, was ihn von Seite zu Seite bei der Stange hält. Denn neugierig ist der Mensch. Auch in diesen Dingen, die das Ableben und den Umgang mit Leichen angehen. Nebenher jedoch verfolgt Caitlin Doughty eine ganz andere Mission. Sie will unser Bewusstsein dafür schärfen, dass wir sterblich sind und dass ein bedeutungsvolles Leben gerade auf dieser Sterblichkeit beruht. Die kurze Zeit, die uns zur Verfügung steht, unsere sichere Endlichkeit ist es, die uns zu Leistung, Nachdenken, Sinnsuche und Bedeutung antreibt.
Das ist ein alter, philosophischer Gedanke. Das Rad wird hier nicht neu erfunden, aber „Fragen Sie Ihren Bestatter“ macht uns auf zwei wesentliche Entwicklungen aufmerksam. Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts erfährt der Tod gerade in Nordamerika zunächst eine nie gekannte Dimension der Verklärung und schließlich ein nie gekanntes Maß an Verleugnung und Verdrängung. Exemplarisch für die erste Entwicklung steht der berühmteste Friedhof Kaliforniens und der USA. Forest Lawn, das sogenannte „Disney-Land des Todes“. So wie Walt Disney Harmonie und Happy Ends vermarktet, verkauft Forest Lawn geschickt und gekonnt „Unsterblichkeit“. Es lohnt sich, dazu Evelyn Waughs Roman „Tod in Hollywood“ zu lesen (hier empfohlen), der diese Art des Umgangs mit Verstorbenen in großartiger Satire verarbeitet. Es wird zu höchster Kunst, einen Leichnam „natürlich“ herzurichten, was bedeutet, möglichst jede Spur des Todes auszulöschen und den Toten als einen rosig und glücklich Schlafenden zu präsentieren, um damit auch dem Tod und dem Sterben den Schrecken zu nehmen.
Doch diese Stufe der Verleugnung war noch nicht genug. Mit der Zeit wurde das lukrative Bestattungsunternehmen auch effektiv. Eine wahre Industrialisierung der Todesbranche setzte ein. Heute werden nahezu 50 % der Amerikaner verbrannt, Tendenz steigend. Man überantwortet seinen Toten, der selbstredend in einem Heim oder Krankenhaus gestorben ist und nicht zu Hause in den eigenen vier Wänden, so schnell wie möglich dem Fachpersonal. Aus den Augen, aus dem Sinn. Der Tote wird entfernt, gekühlt, einbalsamiert, effizient verbrannt. Der Schrecken des Sterbens ist gänzlich aus der Öffentlichkeit verschwunden. Ein Szenario wie in Indien am Ganges, wo täglich hunderte von Leichen vor allen Augen verbrennen, ist in unserer Gesellschaft undenkbar. Der Tod hat seine Verwalter und es gibt immer mehr Menschen, die niemals eine Leiche gesehen haben, nicht einmal die eines nahen Angehörigen.
Zugegeben, das sind Auswüchse der amerikanischen Gesellschaft, doch die Tendenzen sind auch in unserer Gesellschaft diesseits des großen Teiches längst spürbar. Die im Buch beschriebenen Entwicklungen sind gedanklich nachvollziehbar und spiegeln auch eigene Erfahrungen wieder. Wer von uns könnte sich vorstellen, einen nahen Angehörigen nach seinem Ableben selbst zu waschen, herzurichten, anzukleiden? Immer das leere, tote Gesicht vor Augen und die kalte Haut unter den Fingern. Wer von uns weiß, dass einem Verstorbenen nach einer gewissen Zeit der Mund offen steht und man ihn zubinden muss, um die Kiefer schön ordentlich aufeinander zu halten? Das Grauen und der Schrecken des Todes sind uns fern und wir halten sie fern.
Es gibt heutzutage genügend Leichen zerlegende Sendungen im Fernsehen, die uns tiefsten Einblick in das geben, was unter unserer Haut liegt. Aber Vorsicht! Auch diese Leichen sind immer noch gut geschminkt, ästhetisch angerichtet und in bestes Licht gerückt (selbst die widerlichsten Arrangements haben immer noch eine Art künstlerischen Anspruch). Wovon uns Caitlin Doughty berichtet, das ist die leblose, kalte, der Verwesung anheim gegebene Realität eines Toten, der unser naher Verwandter sein könnte. Wir selbst könnten es sein, die demnächst von Maden zerfressen oder in einem Ofen verfeuert werden.
Ziel des Buches ist es, uns unsere Sterblichkeit schonungslos vor Augen zu führen und uns zum Nachdenken darüber anzuregen, welche Bedeutung wir unserem Leben und unserem Ableben geben wollen. Das ist in einer zunehmend säkularen Welt eine extreme Herausforderung. Welchen Trost und welche Rituale finden wir, um künftig mit dem Tod umgehen zu können, ihn als natürlichen Teil dieser Welt zu akzeptieren und ihn als etwas Wesentliches in unsere Identität und Sinnsuche zu integrieren? Wir haben Rituale mit Trost und Bedeutung verloren. Wir haben den Schrecken des Todes ausgeblendet. Und uns damit die Möglichkeit zu mehr Leben genommen.
„Fragen Sie Ihren Bestatter“ stellt einen unterhaltsamen Querschnitt durch kulturelle, historische, alltagsbezogene und unterhaltsame Aspekte des Bestattungswesens dar. Es regt an, sich mit der eigenen Sterblichkeit in positiver und konstruktiver Weise zu befassen. Wir bleiben mit der Frage zurück: Wie gehe ich in guter Weise mit dem Tod um und wie ist es möglich, selbst einen „guten Tod“ zu sterben. Ein modernes, zuweilen sogar amüsantes Memento Mori, gekonnt präsentiert durch lebensnahe Anekdoten und aberwitzige Bezüge zur Popkultur.
Zum Abschluss ein Zitat: „Für diejenigen unter Ihnen, die bislang nicht das Privileg hatten, Eau de Decomposition zu goutieren: Die erste Duftnote, die Ihnen angesichts eines in Fäulnis übergehenden menschlichen Körpers in die Nase steigt, ist Lakritz mit starkem Zitrus-Unterton. […] Dazu geben Sie ein Gläschen richtig schön abgestandenen Weißweins, um das bereits reichlich Fliegen schwirren, und runden das Ganze mit einem Kübel Fisch ab, der schon ein paar Tage in der Sonne vor sich hin gärt. So und nicht anders, meine Freunde, riecht ein verwesender menschlicher Körper.“ (Seite 170)

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