Der Katholik und die grauen Pillen
Buchbesprechung zu:
Gilbert Pinfolds Höllenfahrt
Von Evelyn Waugh
Ein Konversationstück
Aus dem Englischen von Irmgard Andrae
Taschenbuchausgabe aus dem Diogenes Verlag 2016
Meine Verehrung für zynische, religiöse Briten ist eine seltsame Schwäche, der ich mich hin und wieder mit Genuss hingebe. Einer davon ist zweifelsohne Evelyn Waugh. Und wie kann man der Leidenschaft für diesen Autor in ein paar stillen Stunden besser frönen, als wenn man dessen literarisch verpacktes Selbstportrait „Gilbert Pinfolds Höllenfahrt“ liest? Der englische Originaltitel legt die Betonung wie immer auf das Wesentlichere des Inhalts: „The Ordeal of Gilbert Pinfold“ – das Martyrium des Gilbert Pinfold. Nicht um die seltsame Schiffsreise in die Tropen geht es, sondern um das Folterszenario, dem sich der erzkonservative, aus Prinzip katholische, liebevoll zynische und kulturverdrossene Familienvater und Schriftsteller Gilbert Pinfold plötzlich ausgesetzt sieht.
Zu seinem fünfzigsten Geburtstag tritt etwas ein, mit dem Gilbert wohl nicht gerechnet hätte. Eine gemütliche Trägheit ergreift von ihm Besitz und lieb gewordene Gewohnheiten aus einem solide eingerichteten Schriftstellerleben beginnen plötzlich, ungeahnte Probleme zu bereiten. Dem Mann in mittleren Jahren geraten seine Schlaflosigkeit und sein Rheuma außer Kontrolle. Großbritannien ist ja nun auch nicht gerade für trockenes, sonniges Klima bekannt. Alles zusammen genommen lässt ihn recht elend werden. Versorgt mit Zuversicht und neuen, grauen Pillen tritt er eine kurzzeitige Flucht an und bucht eine Kabine auf einem kleinen Schiff, das ihn für einige Wochen in die Tropen fahren soll. Tabletten und Sonne, das wird schon helfen.
Tatsächlich scheint es Gilbert Pinfold nach ein oder zwei Tagen schon etwas besser zu gehen. Die Medikamente schlagen an und die Seeluft tut gut. Wenn da nur nicht dieses Kabelgewirr über seinem Kopf wäre, in dem es knackt und rauscht. Irgendetwas mit dieser alten Anlage stimmt nicht, denn plötzlich hört der Reisende alles mit, was auf dem Schiff vor sich geht. Ein tödlicher Unfall, der vertuscht wird. Eine Foltersitzung, die aus den Fugen gerät, eine große Verschwörung, die sich immer enger um Gilbert Pinfold zieht. Ihm wird klar, dass er selbst das Ziel all dieser Angriffe ist.
Man schwankt zwischen drei Ideen. Ist es tatsächlich ein abgekartetes Spiel ist, um ihn zu zerstören? Sind Menschen an Bord, die ihm feindlich gesinnt sind und ihn in den Selbstmord zu treiben versuchen? Oder ist es ein Plan zu seiner Rettung? Wollen die Stimmen ihn auf den rechten Weg bringen und ihm seine Charakterschwächen aufzeigen? Oder wird Gilbert Pinfold wahnsinnig? Vertragen sich die grauen Pillen nicht mit dem Schlafmittel, dass er seit Jahren ohne ärztliches Wissen schluckt? Ist es das? Bis zum Schluss erfahren wir es nicht und ich werde die Auflösung hier natürlich nicht geben.
Nur soviel sei gesagt. Es wird wie immer bei Evelyn Waugh ganz herrlich abstrus. Wenn Gilbert Pinfold in eine Tischlampe schreit und Befehle gibt oder wenn er im Morgenmantel auf ein junges Mädchen wartet, plötzlich all seinen Katholizismus vergessend, dann ist man mitten in der gewohnten Welt der Waugh´schen Absurditäten angelangt und amüsiert sich prächtig. Trotz alledem hat dieser Roman auch seine ernsteren, nachdenklichen Töne. Gekonnt wird man in das Universum der inneren Überzeugungen eines Mannes gezogen und erlebt den Kampf darum, ob diese Persönlichkeit jetzt wohl auseinanderfällt oder ob ihre Ideale all dem Irrsinn standhalten werden. Wir begegnen hier einmal nicht dem passiven Helden, der alles erduldet. Hier ist ein Kämpfer, der sich nicht beugen will. Ein durchaus verschrobener, aber dafür auch umso liebenswerterer Charakter. Ein Mann, mit dem man schwer befreundet sein kann, den man aber respektieren muss.
Unverkennbar trägt der Held dieser Geschichte die Züge des Schriftstellers, der über ihn schreibt. Wieviel vom Schreiber in der Romanfigur steckt, ist nicht immer klar, doch grobe biografische Bezüge und allgemein bekannte Charaktereigenschaften des Mannes lassen sich wiedererkennen. Evelyn Waugh selbst ist nach einer gescheiterten jungen Ehe und einigen Berufsfindungsversuchen, bis er endlich das Literatentum für sich entdeckt hatte, zum Katholizismus übergetreten und hat mit dem Segen seiner Kirche neu geheiratet. Mit dieser Frau hat er sieben Kinder und ist bis zu seinem Tod mit ihr zusammen. Man kann durchaus behaupten, dass der zynische Blick Evelyn Waughs auf seine Zeit und die ihn umgebende Gesellschaft einem gediegenen, britischen Konservatismus und einer prinzipiell katholischen Grundüberzeugung entspringen.
Dennoch – oder gerade deswegen – erfreuen sich seine Werke bis heute größter Beliebtheit, denn die herrlich absurde Satire und der zum Teil schockierende Zynismus gründen in einer durchaus verständnisvollen und wohlwollenden Draufsicht auf die Welt. Man findet die absurdesten Einfälle und die miesesten Niederungen menschlicher Charaktere in seinen Werken, aber niemals so etwas wie völlige Verachtung. Das macht die Romane so überaus unterhaltsam. Es gibt eine Leichtigkeit und eine sprachliche Brillanz, die den Leser fesseln und die Lektüre jeden Buches zu einem fröhlichen Ritt werden lassen, der leider allzu schnell vorüber ist.
Gilbert Pinfolds Höllenfahrt ist wieder so ein Buch für Liebhaber, ein Buch für diejenigen, die den Autor ohnehin lieben. Ein Buch über das Schreiben von Büchern, ein Buch über einen Bücherschreiber. Eine unterhaltsame, kreative Selbstanalyse, die Sympathie weckt und wie immer bestens unterhält.

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