Buchbesprechung zu:
Ungläubiges Staunen. Über das Christentum
von
Navid Kermani
Aus dem Verlag C.H. Beck 2015 / 2016
(Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2015)
Barocke Augenlust, das Heilige im Banalen, wegweisende Freundschaften
Die intensive Lektüre eines Buches darf auch sein wie das Eintauchen in eine tiefe, reiche Welt. Dort begegnet man dem schon immer Bekannten, das die eigene Seele tröstet und beruhigt. Dort steht man zugleich dem völlig Fremden gegenüber, einem Gebilde, dessen Andersartigkeit und Schönheit einlädt, es zu erforschen und sich der Gefahr zu stellen, selbst verändert zu werden. Ein Buch ist ein Abenteuer, dem man sich freiwillig stellt, aber auf dessen unwiderstehlichen Sog man selten vorbereitet ist.
Es spricht für sich, dass „Ungläubiges Staunen“, wie es mir gerade das Netz verraten hat, bereits in 10. Auflage erschienen ist – innerhalb kürzester Zeit. Auch das ist etwas zutiefst Tröstliches, rührt der Inhalt doch gerade auch an dem wieder sensibel gewordenen Thema der Begegnung zwischen Islam und Christentum. Aktueller, drängender und klarer denn je. Es ermutigt, dass es scheinbar immer noch genug aufgeschlossene Herzen gibt, die sich dem Suchen und Fragen, dem Glauben und dem Religiösen stellen, ohne es von vorneherein als irrelevant und ewig gestrig abzutun. Für mich zumindest ist es ein tröstliches Zeichen. Als solches nehme ich es.
Was ist zu einem Buch zu sagen, das ich im Überschwang als intelligent, herausfordernd, unterhaltsam, aktuell, informativ, intensiv und schön mit allzu vielen, beschreibenden Adjektiven belegen möchte?
Die Perspektive
Es ist eine langsam vordringende und hineindringende Außen- und Draufsicht. Ein schiitischer Muslim begegnet vor allem dem katholischen und orthodoxen Christentum in intensiver Auseinandersetzung mit der Bibel, den apokryphen Schriften, Hagiografien, Gottesdienstformen, Gesprächen und in der Betrachtung christlicher Kunst, sei sie bildlich oder gegenständlich.
Besonders Caravaggio, dieser frühbarocke Exzentriker, hat es Navid Kermani während seines einjährigen Aufenthaltes in Rom wohl schwer angetan. Caravaggios Bilder sind dramatisch menschlich und lichtvoll banal, ja mit nahezu gewagt pornografischen Zügen, wenn man so will. Sie scheinen gerade dadurch das Besondere und Heilige zu verdeutlichen. Gott, der sich – wie auch immer – im Irdischen, Leiblichen, Körperlichen offenbart. Ist das Christentum letztlich doch nicht nur leibesfeindlich und leidensverliebt? Finden sich nicht Schrecken und Schönheit des einen Gottes darin wieder? In dem, was die Menschen glauben, beten und in ihrer Kunst abbilden?
Mit herrlich offenem Blick nähert sich Kermani den Kunstwerken, die im Buch auch abgebildet sind. Und es bringt tatsächlich zum Lachen, wenn man die Darstellung des Christuskindes ansieht und sich nur (in christlich zurückhaltender Manier) heimlich denkt: „Was für eine absolut hässliche Figur“. Plötzlich liest man genau im ersten Satz des Kapitels von dieser Hässlichkeit. Es sind diese humorvollen, warmherzigen Anknüpfungspunkte, die eine Begegnung mit Navid Kermanis Sichtweise des Christentums erleichtern und wahrscheinlich überhaupt erst möglich machen. Es ist unverschämt sympathisch.
Die Gliederung
Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert.
In „Mutter und Sohn“ geht es vorwiegend um die Betrachtung christlicher Kunstwerke, die Jesus und Maria einzeln oder im Verhältnis darstellen. Ganz menschlich wird die Beziehung zwischen Mutter und Sohn reflektiert. Das Auftreten Jesu in seiner Anziehungskraft, aber auch nahezu abschreckenden Formen. Jesus nicht nur als rasûlullâh (Gesandter Gottes) wie Mohammed, sondern durchaus als rûhullâh („Geist Gottes“). Die Verehrung Marias als tröstende Mutter, Mutter Gottes im Katholizismus. Ja! rufe ich zu mir selbst, er hat Recht: Es ist ganz furchtbar für Lazarus, wieder aufgeweckt zu werden, zurück in diese Welt, aus der Ruhe gerufen. Ein erschreckendes Wunder, durch eine neue Perspektive wird mir diese bekannte Geschichte ganz anders wieder nahe.
Natürlich kann Kermani als Muslim die Dogmen der Inkarnation, der Trinität und des Kreuzes nicht als wahr annehmen, doch es geschieht die größtmögliche Annäherung und was hier gewagt wird, das nötigt Respekt und Bewunderung ab.
Im zweiten Abschnitt „Zeugnis“ werden Heilige und deren Darstellung und Verehrung betrachtet. Die Bildauswahl ist enorm breit und außergewöhnlich. Ganz besondere Vorliebe erfährt hier, wie auch später im Buch, der Heilige Franz von Assisi. Wie sich in der neueren Franziskus-Forschung immer mehr herausgestellt hat, war er einer derjenigen, die die Kreuzzüge im Namen Christi nicht befürwortet haben.
Bestrickender noch ist der plötzliche Bruch mit der Methode der Kunstbetrachtung. Nicht mehr ein Kunstwerk steht im Mittelpunkt. Da ist auf einmal die verschwommene Momentaufnahme eines Mannes, der in eine Kamera spricht, während im Hintergrund die Syrer für einen freien Staat demonstrieren. Pater Paolo Dall´Oglio, der seine Berufung stets darin gesehen hat, dem Islam zu dienen. Ein Christ, der die Muslime liebte. Ein Mann, der dafür wohl sein Leben hingegeben hat. Ein bewegendes Zeugnis „christlicher Liebe“, von deren Bedingungslosigkeit Navid Kermani durchaus beeindruckt ist.
Im dritten Abschnitt „Anrufung“ geht es nicht mehr um christliche Kunstwerke, sondern um Formen des Gottesdienstes und der Anbetung, die Navid Kermani vor allem im katholischen und orthodoxen Ritus beobachtet hat. Die Beschreibungen und Reflexionen führen zurück in die Gegenwart, in den Iran, nach Syrien, in den Kosovo, nach Köln. Es geht schließlich – wie die Überschrift des letzten Kapitels es sagt – um „Freundschaft“. Freundschaft zwischen dem Islam und dem Christentum. Das ist die große Sehnsucht und Hoffnung. Das ist es, was dieses Buch in seiner schönen, verstehenden Art und Weise vermittelt. Der Friedenspreis ist berechtigt.
Fazit
Ein Buch, das selbst ganz Einfühlung, Beschreibung und Schönheit ist, kann man nicht mit noch mehr Worten empfehlen. Man muss sich darauf einlassen und es selbst nachspüren, und nachdenken. Der Text in jedem Kapitel ist wohlgesetzt und abgewogen. Es herrscht ein warmer Ton voller Achtung, der es aber nicht an den schmerzlich notwendigen Grenzziehungen und an intelligentem Humor fehlen lässt.
Das Buch ist in seinem Wesen und in seiner Schönheit eine ausgestreckte Hand der Freundschaft, die man ergreifen kann, wenn man es so wählt. Sollte man sich dafür entscheiden, dieses Angebot anzunehmen, findet man sich ein kleines Stück verändert vor. Und wenn es einem nur die Augen für die Schönheit und Tiefe des eigenen Glaubens geöffnet hat, ist das doch ein enormes Geschenk, das ein „Ungläubiger“ mit seinem Staunen machen kann. Die Religionen der „Schrift“ haben mehr Verbindendes, als man ahnt. Wenn man sich darauf einlässt, kann der eigene Glaube, die eigene Gottesbegegnung sich vertiefen und bereichert werden, ohne dass klare Grenzen nivelliert werden.
Zweierlei hängt mir nach in meinen Gedanken. Gott ist schön. Und: „Nur wer steht, kann sich niederwerfen“, denn „Demut setzt Würde voraus“.


Hinterlasse einen Kommentar