Joab
Bundeslade I – Jahs Schrecken
Was die Priester lehrten, entsprach der Wirklichkeit. Das wusste Joab, wenn er seinen Blick über die waffenfähigen Männer ganz Israels schweifen ließ. Auf die Stimme Dawids hin zog der grimmigste Sohn Zerujas ein und aus. Es war der Arm des vaterlosen Neffen des Königs, der diese Waffe aus Fleisch bewegte. Joab sann nach über die Worte des Moshe, die er aus den Lesungen des Priesters Abjatar nur zu gut behalten hatte. Abraham, der selbst nur zwei Söhne gehabt hatte, sollte zu Unzähligen werden. Was der Herr zu dem einst unbedeutenden Aramäer gesprochen hatte, erfüllte sich vor den Augen Joabs. Dreihundert Tausend Mannen folgten dem neuen König in seine Kriege und es wurden täglich mehr. Dawid war jetzt schon größer als Schaul. Die Auserwählten unter Schauls Heer hatten einst Drei Tausend gezählt. Jetzt zogen zehnmal so viele Krieger mit ihnen. Dreißig Tausend, alles Anführer, Fürsten, Häupter großer Häuser aus allen Stämmen Israels.
Gnädig ging also heute die Sonne auf über Jeschurun. Der Same Abrahams breitete sich um die Hügel Jeruschalajims aus. Der zehnte Teil aller Männer, die die Schlachten des Herrn aller Heerscharen schlugen, war ausgewählt worden, um vor dem Herrn selbst zu erscheinen, dort, wo er Wohnung genommen hatte, ehe Schaul König geworden war. Denn es war dieser eine, schwere Schlag gewesen, der die Sehnsucht nach einem starken Königshaus in den Herzen der Nachkommen Jakobs geweckt hatte. „Gib uns einen König, Schmuel! Gib uns einen König, der vor uns her auszieht, die Philister zu schlagen! Gib uns einen König wie die anderen Völker ihn haben!“ So riefen sie, als Joab noch ein Knabe war.
Und Schmuel befragte den Herrn und der Herr gab nach und ließ Schaul erfolgreich gegen die Philister streiten, unter ihm später Dawid. Jetzt war Dawid der König und unter ihm stritt Joab gegen die Unbeschnittenen, die es einst gewagt hatten, das Allerheiligste mitten aus dem Herzen Israels zu reißen. Sie hatten die Bundeslade geraubt und in ihren Tempel gestellt. Durch Seuche und Tod und Schmerzen hatten sie bitter erfahren, dass Jah nicht ihrem Gott Dagon glich. Ein Gottesurteil entschied schließlich. Die Lade wurde alleingelassen auf einem Wagen und die davor gespannten Rinder hatten wie unter Qualen gebrüllt, während sie den Thronsitz des Höchsten Gottes zogen. Es waren Milchkühe. Man hatte sie von ihren Kälbern getrennt, dennoch verließen sie ihre Jungen und folgten einem unsichtbaren Wink, der sie bis nach Kirjat-Jearim führte, wo die Bundeslade bis heute ruhte. Sie hatte seitdem keinen der Kriege mehr begleitet, war nicht mehr umhergezogen, hatte keine Heimat mehr im Zelt gefunden. Der Herr schien sich, noch ehe der üble Geist Schaul verdarb, aus seinem Volk entfernt zu haben.
„Wenn es in den Augen aller führenden Männer Israels als gut erscheint und wenn es auch in den Augen des Herrn, unseres Gottes, gut erscheint, dann lasst uns die Priester und Leviten von ihren Weidegründen und aus ihren Städten rufen. Lasst uns mit ihnen und mit dem ausgewählten Zehnten des Heeres versammeln und zu Kirjat-Jearim ziehen. Die Lade Gottes soll nach Jeruschalajim geholt werden. Zu lange schon, in all der Zeit, in der Schaul über uns war, haben wir sie nicht aufgesucht, kein Fest mehr vor ihr gefeiert.“
Joab sah die Klugheit in den Worten seines Königs, die er an alle führenden Israeliten aller Stämme richtete. Seit die Lade von den Philistern zurückgekehrt war, verharrte sie im Gebiet der Gibeoniter, auf der Grenze zwischen Juda und Benjamin. Sie gehörte keinem der Stämme, sie gehörte niemandem. Sie gehörte ganz allein Jah, dem Ewigen. Keine der älteren Siedlungen auf dem Gebiet irgendeines Stammes konnte ohne Unfrieden zu verursachen ausgewählt werden. Etwas Neues musste geschehen. Jeruschalajim war eine neue Stadt, eine befestigte Stadt. Der König wohnte in ihr und sie lag in der Mitte. Auf diese Weise erzürnte Dawid keinen der stolzen Männer in Israel, indem er einen der Stämme bevorzugt hätte, zumal er sie alle zuvor befragt hatte. Dennoch stärkte er seine eigene Macht, indem er den Thron des Höchsten näher an seinen eigenen Thron rückte, begleitet von der Zustimmung der Priester und Leviten, die für den Dienst an der Bundeslade zuständig waren.
Joab und sein Bruder Abischai folgten zufrieden ihrem Onkel nach Kirjat-Jearim, das man auch Baala nannte. Einst hatten hier die Gibeoniter, ein Stamm der Hiwiter, in großer Zahl gewohnt. Joshua, der Nachfolger Moshes, hatte einen heiligen Bund mit ihnen geschlossen und sie gingen nach und nach fast völlig in den Stämmen Israels auf. Sie hatten sich allesamt Dawid angeschlossen, denn sie hegten einen tiefen Groll gegen Schaul. Der Benjaminiter hatte in einem jähzornigen Ausbruch versucht, seine Ehre als König des Herrn mit äußerster Gewalt wiederherzustellen. Er hatte nicht nur die Totenbeschwörerinnen und Wahrsagepriester vertreiben und schlachten lassen, er wollte auch alles andere Fremde aus Israel gründlich vernichten. Er hatte den geheiligten Bund mit den Gibeonitern missachtet. Sie dienten längst nicht mehr dem Baal, wie es der alte Name der Stadt noch berichtete. Viele von ihnen dienten am Heiligtum Jahs, sie trugen Holz und Wasser für die heiligen Brandopfer. Doch Schaul war bereits blind für Freund und Feind gewesen. Er bereitete sich und seinen Söhnen den eiligen Weg in den Scheol.
Der Sohn Isais jedoch wusste, wie man sich Freunde machte, wie man sich möglichst jeden Mann zum Freund machte. Das und die Treue der Söhne der Zeruja, die bereit waren, jederzeit Blut für den König zu vergießen, sicherte die Macht und Beständigkeit des neuen Königshauses. So schirmten die ausgewählten Dreißig, die Leibwache Dawids unter der Führung Abischais, den König ab, der ohne seinen Waffenrock und ohne Schwert ging. Er tanzte und sang mit den Leviten und Priestern und Propheten, während Joab es grimmig verfolgte. Doch selbst in seinem harten Herzen regte sich Freude über dieses Ereignis. Es war das, wonach sich jeder aufrechte Mann in Israel sehnen musste. Der Herr kehrte ins Kriegslager zurück.
Joab sang mit den anderen, als sie in Kirjat-Jearim ankamen. Dort, mitten in friedlichen Weinbergen, ragte ein Hügel auf. Ein schlichtes Haus, das dem Mann Abinadab, einem einfachen Judäer, gehörte, barg jetzt die Lade. Ein kostbarer, kleiner Behälter, glänzend von Gold, verschlossen mit dem Deckel der zwei wundervoll aus reinstem Gold getriebenen Cherubim, die ihre Flügel mächtig und anmutig über jenen Ort breiteten, von dem her die Stimme und die Macht des Höchsten Gottes kamen.
Die Söhne des Abinadab, Achjo und Usa, trugen diesen kostbarsten aller Schätze sachte hinaus. Sie waren keine Priester und keine Leviten, doch man hatte sie geweiht und sie trugen gereinigte, leinene Priestergewänder. Vorsichtig stellten sie die Lade auf einen großen, neu gezimmerten Wagen, vor den wie einst Rinder gespannt waren. So wie die Lade aus der Hand der Philister zurückgekehrt war, sollte sie in die Sicherheit Jeruschalajims einkehren. Ein sichtbares, mächtiges Zeichen in das Angesicht der ärgsten Feinde Israels.
Joab schlug sich gegen die Brust. Er fühlte etwas Unbestimmtes und zum ersten Mal konnte er seinen Onkel etwas mehr verstehen, warum er mit glänzendem Gesicht immer wieder neue Lieder erdachte und sang, um seine Gebete auf diese Weise dem großen und schrecklichen Jah darzubringen. Er verstand die Freude und den Eifer. Hier sterben oder in der Schlacht. Im Kampf für den Herrn oder im Dienst für den Herrn. So dachte Joab, als er hinter dem tanzenden Dawid herschritt und seine Augen fest auf die Lade Gottes richtete.
Die Rinder gingen nicht von allein den bestimmten Weg wie damals. Achjo führte sie langsam den Pfad entlang nach Süden, in Richtung Jeruschalajim. Ringsum lärmte und schrie und sang das Volk. Propheten und Prophetinnen, Männer und Knaben, Priester und Leviten. Und der gewaltige Zug der Dreizig Tausend. Es war groß und heilig und dennoch verstimmte irgendetwas den Sohn der Zeruja. Es war richtig, die Lade, den Thron Gottes, an den Thron Dawids zu bringen. Doch die Art und Weise erwies den Philistern zu viel Ehre, wie Joab fand. Rinder zogen den Schatz, als würde er immer noch in den Händen Unbeschnittener liegen.
Vielleicht waren es die lauten Instrumente, all die Flöten und Trommeln und Saiten. Vielleich war es auch nur ein scharfer Stein auf dem Wege. Die Rinder wurden unwillig in der Menge. Sie brachen zur Seite aus, um den Weg zu verlassen. Achjo konnte sie unmöglich halten. Sein Bruder Usa, der die ganze Zeit recht müßig neben dem Wagen gegangen war, erschrak heftig und er streckte beide Arme aus. Seine Hände legten sich auf die Seite der Lade. Joab hätte es nie gewagt, dieses Gefäß des Ewigen anzufassen. Ganz im Gegenteil zu Dawid schreckten ihn die heiligen Dinge immer auch ein wenig. Doch der König sollte bald für eine ganze Weile ebenso empfinden wie Joab. Schweigsam fürchtend vor dem Schrecken Jakobs.
Sobald die Handflächen Usas die Seite der Lade berührt hatten, um sie nicht vom Wagen gleiten zu lassen, fiel der Mann nach hinten und blieb liegen. Dawid hieß den Zug anhalten. Alles Singen und alle Instrumente schwiegen, während der König auf den stillen Leichnam des Sohnes Abinadabs starrte.
„Perez Usa! Perez Usa! Perez Usa!“, riefen die Menschen. „Der Herr hat ihn weggerissen! Er ist aus den Lebendigen getilgt!“
Joab war ebenso erschüttert wie die meisten, doch mehr noch bewegte ihn das bleiche Gesicht seines Onkels. Jedes Lied, das dieser Mann je gesungen hatte, verstummte auf seinen Lippen und in seinem Herzen. Der Sohn Isais verlor die Lieblichkeit Ruths und eine nie gekannte Angst breitete sich über ihm aus. Joab konnte sie sehen und fühlen. Er und sein Bruder Abischai und die dreißig der Leibwache schlossen sich um den König, den Leichnam Usas und die Lade.
Dawid konnte sich nur schwer fassen, doch er gab den Befehl. In der Nähe lag Gat-Rimmon. Dort gab es Leviten. Die Lade konnte niemals in das Haus eines Judäers kommen. Sie musste zu dem Stamm kommen, der für die Sorge um sie einst ausgewählt worden war. Eilig wurden die Befehle ausgegeben und man zog den Wagen bis zum Haus Obed-Edoms. Der Mann war nicht weniger erschrocken als alle anderen, doch er war ein Levit und er befolgte den Befehl seines Königs. Wieder ruhte die Lade Gottes, wieder schien sich die Gunst Jahs von seinem Volk abzuwenden. Woran nur mochte es liegen?
Gedemütigt kehrte Dwaid zurück nach Jeruschalajim. Die Dreißig Tausend waren zu erschrocken über die Macht ihres Gottes, um dem König diesen Fehler wirklich vorzuwerfen, dennoch fanden Worte ihren Weg bis zu den Philistern. Man hatte in Israel versucht, die alte Macht der Bundeslade zu wecken. Der Gott der Israeliten jedoch hatte seinem eigenen Volk diese Gunst verwehrt. Es war Zeit, einen erneuten Versuch zu wagen und den von seinem eigenen Gott gedemütigten König zu schlagen, ehe dessen Macht unüberwindbar wurde. Das Tal der Riesen füllte sich erneut mit der Heuschreckenplage der gefräßigen Unbeschnittenen.

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