Joab
Das Tal der Riesen II
Nachdem Dawid zum König über alle verteilten Stämme Israels ausgerufen war, hatten die Unbeschnittenen einen großen Ausfall gewagt, doch die Nachricht, dass der neue König die alte Lade des Höchsten Gottes wieder umhergeführt hatte, trieb die Flut der Philister noch tiefer zwischen Juda und Benjamin. Sie überrannten erneut die Felder und bedrohten die bevorstehende Ernte. Jetzt hatten sie sogar Bethlehem eingenommen und in dieser kleinen Stadt ihr Lager aufgeschlagen. Jeruschalajim lag nicht mehr sehr weit entfernt von ihnen.
Der König sang keine Lieder mehr. Stattdessen verließ er sich auf den Rat seiner treusten und zuverlässigsten Männer, die ihm seit Adullam gefolgt waren. Das Auge des Sohnes aus dem Hause Obeds ruhte nun wieder sanfter auf seinen Neffen Joab und Abischai. Doch auch Jischbaal, Eleasar und Schamma standen im Eingang der Höhle bei ihnen. Sie hatten sich aus der Stadt wieder in die Berge zurückgezogen, um von dort bessere Sicht auf Bethlehem zu haben und sich notfalls wie zu früheren Zeiten eilig in die Felsen flüchten zu können.
Missmutig, verstimmt und zugleich sehnsüchtig, wie nur der bevorzugteste von Ruths Enkeln es konnte, blickte Dawid hinab in Richtung Bethlehem. Dort gab es Wasser. In Jeruschalajim wohnte jetzt zu viel Volk, das vor den Philistern aus dem Umland geflohen war und verzweifelt Schutz bei seinem großen König suchte. Sie erwarteten von ihm, dass er sie auf dieselbe Weise rettete wie einst unter Schaul. Sollte er doch die Zehn Tausend erschlagen, dass ihm Israels Frauen wieder sangen und die Knaben frisches Wasser trinken konnten.
Dawid leckte sich die Lippen. Er verzichtete wie jeder andere Mann und jede Frau auf das Wasser, das in dieser trockenen Zeit nur allzu schnell aus den Zisternen schwand, zumal das Volk in der Stadt sich verdreifacht hatte und oben bei den Höhlen die meisten Quellen schon versiegten. Die Philister waren im Vorteil. Sie hatten das Land und die Tränken und Quellen der Hirten vor sich liegen, denn die Weidegründe um Bethlehem waren groß und das Vieh dort war stark und satt. Seufzend sah der König auf jenen Ort, an dem er geboren war. Eine Schande, dass die Unbeschnittenen den Sitz des Hauses Obed umfassen konnten.
„Am Tor von Bethlehem ist eine Zisterne. Dort tränkte ich oft die Schafe meines Vaters. Wenn ich doch jetzt nur einen Schluck dieses Wassers trinken könnte! Wer schafft mir Wasser aus Bethlehem her?“, fragte Dawid.
„Wir tun es!“ Jischbaal war nicht wie Joab oder Abischai ein Mann, der die Dinge auch nur für einen Augenblick abwog oder Pläne machte. Jischbaal war ein Mann, der in der Schlacht so handelte, wie es ihm von Gottes Hand vorgegeben war. Wer ihm in den Weg trat, wurde erschlagen. Eleasar und Schamma begleiteten ihn oft und man nannte sie nur „Die Drei“, ohne ihre Namen zu erwähnen. Eleasar und Schamma traten entschlossen wie immer zu ihrem Gefährten. Sie wollten es wagen. Ein Zeichen ins Gesicht der unbeschnittenen Hunde. Ein Zeichen der Gunst des Herrn aller Heerscharen, dass er mit ihnen sein würde, auch wenn die Bundeslade unantastbar blieb.
Joab und Abischai nickten sich zu. Es war Irrsinn, doch ihr König brauchte eine solche Tat seiner ihm ergebenen Männer. Wenn ihm schon nicht mehr die Lieder und Prophetenworte Mut machten, mussten es die Taten grimmiger Männer sein, die ihm freiwillig ihr Leben gaben. Noch ehe der König etwas sagen konnte, brachen „Die Drei“ aus dem Schatten Adullams aus und schlichen in die reifen Kornfelder.
Joab verstand sie. Wäre er nicht verantwortlich gewesen für das gesamte Heer des Königs, so hätte er sie begleitet, frei von Verantwortung und nur zur Treue und zum Mut verpflichtet. Doch Joab wollte mehr. Er wollte Macht und er wollte sie behalten. Ihm waren nicht viele Frauen und Söhne vergönnt wie dem König, aber seine Fähigkeiten im Feld konnten von niemandem übertroffen werden. Ohne Joab gab es kein Königtum. Sollten die Männer lebendig zurückkehren, wären es doch Joab und Abischai, die letztlich die Ordnungen der eingeteilten Krieger gegen die Philister führen würden.
Über die Vorgehensweise hatte sich Dawid bereits mit dem klugen Ahitofel und dem Priester Abjatar beraten. Der König war jedoch sehr unsicher. Das musste unbedingt enden. Trotzdem sah Joab den Drei gelassen nach. Wenn sie getötet würden, müsste Dawid sich umso mehr auf seine Neffen stützen, dass sie ihm gegen die Philister halfen. Kämen sie lebendig zurück, würde es das erschütterte Vertrauen Dawids wiederherstellen. So oder so gäbe es einen Krieg.
Joab fasste nach seinem Schwert, dessen Scheide es nicht ganz genau umschloss. Die Klinge saß sehr locker darin. Sein Bruder Abischai hatte oft darüber gespottet, dass das Schwert herausfiel, wenn Joab sich nach vorne beugte. Doch Joab wusste, dass es gut war, die Klinge schnell ziehen zu können. Es war seine Aufgabe, schnell zuzuschlagen.
Schweigend warteten sie, während die Sonne über Jeschurun wanderte und immer sanftere Strahlen über das Land schickte. Waren das dort die Köpfe dreier Männer im Feld? Sie verschwanden wieder. Hatten sie sich getäuscht und nur eine letzte Spiegelung der Tageshitze als flimmernden Wunsch vor Augen gesehen?
Tatsächlich stiegen die Drei zur Festung hinauf. Ihre Gesichter lachten im Glanz der untergehenden Sonne. Jischbaal reichte dem König den Krug, den sie mit sich genommen hatten. Darin glitzerte das klare Wasser aus der Zisterne Obeds. Seine Tropfen lachten mit den Männern über den Scheol, der an ihnen keine Beute gemacht hatte. Doch was war das? Joab blinzelte. Die Oberfläche des Wassers nahm im Licht und im Widerschein des Tons eine rötliche Färbung an. Es berührte ihn. Was musste erst der König darüber denken? Joab sah hinüber und seufzte erleichtert. Auf Dawids Stirn sah er wieder die Zuversicht in seinen Gott, der ihm den Arm stark machte, wie er es immer gesungen hatte.
Laut machte der Sohn Isais seine Stimme, als er die Hand hob und das Wasser, nach dem er wie alle anderen so sehr dürstete, auf den Boden schüttete. „Niemals werde ich dieses Wasser trinken! Ich gieße es aus für den Herrn aller Heerscharen, für unseren Gott! Wie könnte ich es trinken? Das wäre, als würde ich das Blut der Drei trinken, die es um den Preis ihres Lebens zu mir gebracht haben!“
Der König ließ Abjatar rufen und hieß ihn die Urim und Thummin befragen. „Soll ich wieder in die Ebene Refaïm ziehen, den Philistern in offener Schlacht entgegen? Wird er sie in meine Hand geben wie das letzte Mal?“ Die Steine fielen und sie machten den Rat fest und sicher.
Abjatar sah auf in die Gesichter der vertrauten Kriegsmannen Dawids. „Nein, nicht wieder auf dieselbe Weise. Du sollst die Berge hinabsteigen und sie umgehen. Geht hinein in den Wald und verbergt euch unter den Bakabäumen. Von der Seite des Lagers her. Wartet auf den Wind, bis er wie ein Daherschreiten durch die Wipfel rauscht. Dann ist der Herr mit euch, dann ist er bereits vor dir her ausgezogen, um die Philister zu schlagen.“
Es war ein langer Marsch in dieser Nacht, bis sie die lagernden Philister umschritten hatten. Sie mussten bis nach Gibeon gehen, um sich ungesehen unter die Bakabäume zu hocken. Dann warteten sie und lauschten. Als der Wind leise begann, richteten sich die Krieger auf. Sie waren nicht mehr nur durstig nach Wasser. Sie hatten Lust nach dem vergossenen Blut ihrer Feinde. Der Wind kam ihnen günstig entgegen und das Rauschen in den Wipfeln der Bäume schwoll an, bis es die murmelnden und raunenden Stimmen der Männer übertönte. Der Herr war mit ihnen, stellte Joab fest. Er war wirklich mit ihnen. Die Philister würden sie zunächst nicht sehen unter den Bäumen und der Wind verdeckte das Stampfen ihres Laufs und den Geruch ihres Herannahens.
Dennoch wurde der Kampf hart an diesem Tage. Versprengte Gruppen aus dem Heer des Königs liefen zurück vor der überraschten Wut der Philister. Aber ungebrochen blieb die Kraft der Dreißig um den König. Aus ihnen traten wieder die Drei hervor. Sie waren trunken von ihrem Erfolg, den Philistern schon in Bethlehem entkommen zu sein. Hatten sie ihnen das Wasser genommen, so würden sie ihnen jetzt auch das Leben nehmen. Jischbaal, Eleasar und Schamma führten ihre Männer an und sie alleine hielten sich in vorderster Reihe und schlugen einen nach dem anderen nieder. Nirgendwo floss an diesem Tage so viel Blut wie vor diesen Drei.
Auch der König schlug zu wie in alten Tagen bei Schaul. Mit ihm seine Leibwache von dreißig Mannen. Abischai löste sich heraus und sein Spper durchbohrte zuverlässig Dutzende. Joab fühlte sich wie in den Zeiten Adullams und Ziklags, als er mit Asaël und Abischai gemeinsam tödlich war. Auch das Schwert des Obersten in Israel fraß zuverlässig die Philister auf. Sein Waffenträger Nachrai leistete gute Dienste und der schwere Speer mähte Reihe um Reihe von den Füßen.
Die Helden Dawids schlugen um sich, bis ihre Arme schwer und schwerer wurden und ihre Finger sich kaum noch von den Griffen ihrer Schwerter lösen konnten, so sehr klebten sie von bereits trocknendem Blut. Leichtfüßig wie einst Asaël rannten auch die anderen beiden Söhne der Zeruja über die Felder und sie trieben die Inselsöhne zusammen und vor sich her von Giebeon an bis hinab nach Geser, immer weiter weg aus dem Gebiet Judas, fort vom stolzen Jeruschalajim, vom vertrauten Bethlehem. Die Philister hatten keine Wahl. Vor der Grausamkeit der Söhne Zerujas und vor dem Grimm der Drei flohen sie zurück auf ihr Gebiet.
Lachend und siegreich, blutüberströmt, aber ohne große Verluste kehrten sie nach Jeruschalajim zurück. Das Volk trank Wasser und die Frauen sangen wieder. Dawids Augen leuchteten glücklich. Er umarmte seine Neffen. Konnte es sein, dass er nun endlich vergeben hatte, was Joab tat, um den Schmerz über Asaël zu stillen? Dawid jedenfalls begegnete den Söhnen Zerujas heute freundlich und er lud seine Vertrauten zu sich in sein Haus ein. Fröhlich verlangte er nach seiner Zither, die alten Saiten, die er einst als Knabe auf den Feldern Bethlehems, die sie heute befreit hatten, spielte.
„Jah ist für mich!
Ängstete ich zuvor, so vertaue ich jetzt!
Ich vertraue und fürchte kein Fleisch!
Im Licht
Im Angesicht
Unter den Lebenden!
Vor meinem Gott gehe ich einher!“
Der König sang das alte Lied, das er früher gedichtet hatte, als er den Philistern schon einmal entkommen war. Er hatte sein Vertrauen in Jah wiedergefunden.
Joab griff in seinen Bart und er dachte nach. Es war nützlich für Israel, wenn der König stark war im Feld und zugleich im Glauben der Väter. Doch die Philister würden die Hebräer nun nicht mehr unterschätzen. Sei mutig und sei stark, sagte sich Joab. Einst hatte der Herr mit diesen Worten den Joschua ermutigt, den größten Kriegsmann Israels. Solange Dawid König war, würden die Unbeschnittenen immer wieder versuchen, sich seiner Gebiete zu bemächtigen. Sie hatten weder Goliath noch Ziklag vergessen. Er war ein Stachel in ihrem Fleisch.
Joab lächelte, als Dawid fest beschloss, die Lade des Höchsten Gottes nun doch nach Jeruschalajim zu holen. Ein weiterer Sieg über die unbeschnittenen Hunde, für die der Sohn der Zeruja nichts weiter als Verachtung übrig hatte. Ihr Teil war der Scheol. Das Teil Israels war die Herrlichkeit unter den Schwingen der anmutigen Cherubim.

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