Joab
Bundeslade II – Jahs Lieblichkeit
Niemals hätte der Oberste sein Schwert abgenommen, doch heute hatte er zumindest ein längeres, mit bunten Fäden durchwirktes Festgewand angelegt und seine Haare, die langsam graue Strähnen bekamen, mit Öl gesalbt. Selbst sein Weib und die Söhne hatten sich unter das Volk gemischt und Joab war an diesem Morgen freundlich und gut gelaunt mit ihnen umgegangen. Es war ein Tag der Freude und des großen Festes, der größte und fröhlichste Tag, den Joab in seinem Leben kannte. Dawid war König, Joab Herr über alle Hände, die ein Schwert führten, Herr über mehr als Dreihundert Tausend Krieger.
Die Philister wagten nur noch kleinere Streifzüge. Seit drei Monaten hatte das Volk Frieden, die Ernte konnte ohne Bedrohung eingefahren werden und der König hatte sich lange mit Abjatar, dem Priester, beraten. Dieses Mal wollten sie alles richtig machen. Sie hatten sich geheiligt, die Familienoberhäupter der Leviten. Selbst Joab hatte sich seines Weibes enthalten. Er fürchtete diesen Gott, der in den Bakabäumen rauschte und der Usa mit unsichtbarer Hand aus den Lebenden riss, als wäre er nie gewesen.
Große Ehrfurcht überkam den Krieger, als er wie so viele andere Hauptleute eines der Widderhörner an die Lippen setzte und mit kräftigen Atemstößen aus seiner breiten Brust den langen, dröhnenden Ton hervorstieß, der verkündete, dass hier das Volk Jahs ging, ein Volk, das mit Gott stritt und für Gott stritt. Auch sein Bruder Abischai brütete heute nicht grimmig. Vergessen waren die Mühen, vergessen war selbst, dass Asaël nicht mit ihnen sein konnte an diesem größten aller Tage. Joab sog die Luft ein. Es duftete nach Salböl und in der steigenden Wärme dampfte das Blut unzähliger Rinder süßlich auf und umnebelte die Sinne. Joab rief mit lauter Stimme und er stieß mit aller Kraft in das Widderhorn, dass es ihm selbst bis fast zum Bersten im Schädel bebte.
Wieder hielt der Zug an und ein brüllender Ochse wurde vor der Lade geschlachtet. Die Leviten trugen sie über das abfließende Blut, um nach sechs Schritten abermals zu halten und wieder einem Rind die Kehle zu öffnen. Weit vorn tanzte der König mit entblößtem Oberkörper. Seine Hüften und Schenkel bedeckte nur ein weißes, reines Priesterleinen. Dawid bewegte sich mit geschlossenen Augen. Er warf die Hände in die Luft und rief mit seinen Versen den Gott des Himmels und der Erde an. Andere Männer aus den Nachkommen des Levi, ganze Abordnungen der einzelnen Sippen, schlugen die Trommeln, bliesen in blecherne Trompeten, stimmten neue Melodien mit hohen und tiefen Flöten aus edel geschnitztem Wacholder an.
Joab freute sich mit seinem König und Onkel, er lachte mit seinem Bruder Abischai. Hier sterben oder in der Schlacht! Usas Tod war nicht der schlimmste aller Tode gewesen. Besser vom Herrn selbst geschlagen als in die Hände eines Menschen gefallen. Besser in der Nähe des Thrones des Höchsten aller Götter den letzten Atemzug tun, als irgendeinen bedeutungslosen Tod zu sterben und namenlos vom Scheol gefressen zu werden.
Joab setzte das Widderhorn an die Lippen und er blies noch kräftiger hinein. Der Geruch des Blutes berauschte ihn wie in einer Schlacht, seine Sinne waren weit gespannt und seine Brust schien vor Freude auseinander zu brechen. Nie hätte er sich wie Dawid vergessen können und nackt vor seinem Gott tanzen, aber gerne wollte er sein Schwert neu dem Herrn Israels weihen und sich mit den anderen freuen.
Das Schlagen, Schreien, Singen wurde immer lauter. Das Brüllen der geopferten Rinder schwand im Gebrüll der Menge. Wieder und wieder wurde die Lade sachte angehoben, sechs Schritte weit getragen und abgesetzt. Ein Jeder der in Jeruschalajim Versammelten würde nicht nur die Gaben aus dem Königshaus erhalten, sondern auch seinen Teil der Opfer. Sie alle, die obersten Männer über den Familien aller zwölf Stämme Israels, weit über Dreißig Tausend, erhielten ihr Teil an Freude, Ehre und Opfer.
Sie schritten jetzt am Haus des Königs vorbei. Seine Frauen und Töchter sahen zu den Fenstern hinaus. Sie winkten und lachten aufgeregt. Einige stimmten ein Lied an, gesegnet mit der Gabe ihres Herrn und Vaters. Die Ärmel ihrer weiten Gewänder fielen zurück, als auch sie die Hände hoben, um Jah zu danken. Einzig Michals Gesicht sah anders zu Dawid hinab. Joab stellte fest, dass sie finster und dunkel vor sich hin starrte, das einzige Weib ohne Freude in Israel an diesem Tag. Dawid hätte sie nie zu sich holen dürfen. Joab zuckte mit den Schultern. Was scherte ihn die Tochter Schauls an diesem Tage?
Der Sohn der Zeruja stieß wieder mit aller Kraft ins Horn und die Lade wurde endlich abgesetzt auf dem erhöhten Platz in der Nähe des Königshauses. Hier hatte man das weite Zelt für sie aufgestellt. Alles Volk schwieg, während Obed-Edom und die anderen Leviten den kostbarsten Schatz Israels auf ihren Schultern sachte hineintrugen und unsichtbar im Allerheiligsten, im Abgetrennten des inneren Zeltes, absetzten.
Blut der Opfertiere wurde auf den Deckel gesprengt. Das wusste Joab und es war ihm, als könnte er es sehen, obwohl die Zeltbahnen die Sicht verdeckten. Der Herr war wieder ins Herz seines Volkes eingezogen. Ins Herz konnte niemand sehen als nur Jah selbst. So hatte Schmuel gesprochen, als er das Öl auf das Haupt des jüngsten Isai-Sohnes gegossen hatte. Jah war verborgen, deshalb wohnte er in einem Zelt.
Auch die Hörner des Brandopferaltars im Vorhof vor dem Eingang des Innersten wurden mit dem Blut eines geschlachteten Tieres bestrichen. Hier würden künftig alle Opfer stattfinden. Joab blickte auf die glänzenden, erhobenen Ecken des Altars. Hier ist deine Zuflucht, Israel! Der Oberste schlug sich ans Herz. Er hatte die Worte des Priesters Abjatar im Ohr und er glaubte sie.
Dawid bedeckte sich wieder und er trat zu den beiden obersten Priestern Zadok und Abjatar beim Altar. Die alte Hirtenzither lag in seinen geschickten Fingern. Er stimmte das Lied für diesen Tag an, das Lied, das er den Vorsängern der Leviten, allen ihren Häusern, beigebracht hatte. Sie alle sangen es und Joab war eins mit ihnen, eins mit dem Priester und mit dem König, wie nie zuvor. Diesen Tag wollte er sich merken. Im Vorhof beim Brandalter. Ein guter Ort. Ein blutiger Ort und ein guter Ort.
Dankt Jah!
Ruft laut seinen Namen!
Verkündet Völkern was er tut!
Singt Jah!
Spielt Saiten für Ihn!
Sprecht über seine Wundertaten!
Sprecht euch Ruhm zu für Seinen heiligen Namen!
Lasst euer Herz fröhlich sein, weil ihr ihn sucht!
Sucht nach Seiner Stärke,
Sucht nach Seinem Gesicht!
Gedenken an Seine Wudertaten,
Gedenken an Seine Urteilsworte!
Abrahams Same, Gottesknecht,
Jakobs Kindeskinder, Auserwählte allesamt!
Jah, unser Gott,
hält Gericht über Erdenreiche,
denkt für ewig an seinen Bund,
mit vieltausend Geschlechtern nach Abraham,
nach Seinem Schwur mit Jakob,
die Ordnungen aufgestellt.
Sprach:
„Dir gehört Kanaan,
Besitz der Messschnur.“
Sie waren Wenige,
Sie waren Fremde.
Sie wanderten von Volk zu Volk,
Sie wanderten von Ort zu Ort.
Niemand durfte bedrücken,
Könige wurden ermahnt:
„Tastet die mir Geheiligten nicht an,
Übelt nicht den Wortkündern!“
Singt Jah ein neues Lied!
Singt Jah ganzes Erdenreich!
Singt Jah, Seinem heiligen Namen!
Von einem Tage zum anderen
singt von Seiner Befreiung,
Von einem Volke zum anderen
berichtet von Seinen Wundertaten,
Von einem Stamm zum anderen,
haltet Seine Ehre hoch!
Groß ist Er, hoch zu loben,
Zu fürchten ist er, vor allen Göttern,
Nichtse sind sie, die Götter aller Völker.
Denn Er hat das Himmelszelt gewirkt,
Sein Gesicht ist voller Schönheit und Glanz,
Sein Heiligtum ist voller Kraft und Macht.
Ehrt Ihn, ihr Sippen,
Ehr Ihn, den Mächtigen,
Ehrt Ihn, Seinen Namen!
Bringt die Opfer und tretet in den Vorhof,
Werft euch nieder vor Seinem Heiligtum,
Vor Seinem Gesicht bebe nun, ganze Erde!
Er ist König,
Er ist Erdengründer,
Er ist rechter Richter!
Der Himmel freut sich,
Die Erde jubelt,
Das Meer tönt,
Die Felder loben,
Die Bäume preisen
Alle Sein Erscheinen.
Denn er kommt, erscheint,
um mit Recht gerecht zu richten,
Die Erde,
ihre Reiche,
ihre Völker.
Schaffe uns Raum und Freiheit, Jah, unser Gott,
Sammle uns ein aus allen Völkern zu dir,
Dass wir dir danken,
Dass wir dich ehren!
Preis Ihm, Gott Israels,
In alle Weltzeit hinein,
Sein Volk rufe dazu:
Es ist wahr!
Preis Ihm!
[Anmerkung unten ***]
„Es ist wahr! Preis Ihm!“, rief auch Joab mit den anderen. Freundlich war das Gesicht seines Onkels Dawid, als er auf den ältesten Sohn seiner Schwester Zeruja zuging und ihm die Gabe schenkte, die für alle Versammeltenm an diesem Tage vorgesehen war. Der König fluchte ihm nicht mehr, er segnete ihn wie die anderen. Erleichtert hielt Joab das Brot, den Dattelkuchen und den Rosinenkuchen in den Händen. Es war auch für ihn und sein bescheidenes Haus ein Tag der Erlösung und des Friedens. Sein Weib und seine Söhne würden vom Segen des Königs und der Priester kosten. Vielleicht heilten so die Wunden und wenigstens einer der Knaben würde das Mannesalter erreichen.
Wie alle anderen kehrte Joab in sein Heim zurück, in das Haus bei seinem Feld, das ihm vom König zum Besitz gegeben war und das er an seine Söhne vererben könnte. Sie würden vielleicht keinen so großen Namen tragen wie der Vater, doch sie würden Besitz haben. Immer noch waren Korn und Vieh das Wertvollste, das ein Israelit haben konnte, wenn er nicht in der Nähe des Königs weilte, um sich von den Diensten seines Schwertes zu ernähren. Für Joab selbst war es zu spät, einen anderen Weg zu wählen, jedoch nicht für seine Söhne.
Das Volk verlief sich und Jeruschalajim lag wieder friedlich da. Der Segen des Höchsten Gottes hatte Joab Kraft gegeben für das Kommende. Der Feldherr Israels ahnte, dass in der zweiten Hälfte seines Lebens noch große und entscheidende Dinge warteten. Treue zu Jah und Treue zum Sohn Isais. Das schwor er sich, als er die Gabe seines Königs mit der Familie teilte und seine schweren, am Schwert hart gewordenen Hände segnend auf die Köpfe seiner Söhne legte.
[Anmerkung ***
nach
Psalm 105, 1 – 15
Psalm 96
und
Psalm 106, 47 – 48]

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