Joab – Kapitel 35 – Die abgewichenen Brudervölker

Joab

Die abgewichenen Brudervölker

Sie waren stark in ihrem Land und Jeruschalajim leuchtete unter der Sonne Jeschuruns. Die geschnitzten Zedernsäulen des Königshauses standen hoch und gerade und ihr Duft umgab die Versammlung der Vertrauten Dawids: die Berater Joschafat und Ahitofel, die Heerobersten Joab und Abischai und der junge Benaja, die Priester Abjatar und Zadok, die Propheten Gad und Nathan und der Schreiber Seraja. Sie waren die Männer, auf die der Sohn Isais sich verlassen konnte. Bis auf Benaja hatten sie sich alle schon seit Adullam bewährt. Besonders in seinen grimmigen Neffen Joab setzte der König immer mehr Vertrauen, denn es war nötig.

Im Westen lag das Meer, hinter dessen unberechenbaren Fluten ganze Völkermeere warteten, wie man sich erzählte. Inseln voller Unbeschnittener, deren Söhne ja schon an die südwestliche Küste gespült worden waren. Die Philister verhielten sich nach den unzähligen Demütigungen durch Dawid und seine Helden jetzt ruhig, doch die Gefahr war sicher nicht für immer gebannt. Fünf unabhängige Könige in ihren festen Städten konnten einzeln oder gemeinsam zuschlagen wie sie es schon seit Generationen taten.

Doch diese Anbeter des Dagon waren nicht die größte Sorge, denn Dawid war stark und er hatte die Beleidigung durch Achisch, den König von Gat, nicht vergessen, so wie er niemals etwas vergaß, das ein Mann ihm gegenüber mit bösem oder gutem Willen getan hatte. Der König erstürmte Gat und die umliegenden Siedlungen. Er nahm Philisterland ein und schlug es dem Gebiet Israels zu. Nun gab es nur noch die vier anderen großen Städte mit ihren umliegenden Siedlungen, doch jeder König sah vorerst nach sich selbst. Sie hatten genug Demütigungen seit Goliath erfahren. Vor dem Gebiet der Unbeschnittenen war Ruhe eingekehrt und regelmäßige Abgaben besänftigten den Kriegswillen des Sohnes Isai.

Seit Dawid das Königtum über alle zwölf Stämme Jakobs innehatte und damit über ein Gebiet herrschte, so groß und weit wie nie zuvor ein einzelner Israelit über etwas Herr gewesen war, regten sich sofort andere in offener Feindschaft. Ein Mann, der das Priestertum und sämtliche Zelte und Häuser des versprengten Samens Jakobs an sich binden konnte. Ein Mann, dessen Heer immer zahlreicher wurde und immer mehr Eisenschwerter in Händen führte. Ein Mann, der vom Töten der Löwen und Bären aufgestiegen war zum Töten von Tausenden Männern. Solch ein Mann war eine Bedrohung.

Einst hatte der Sohn Isais seinen Vater und das ganze Haus Obeds bei den Söhnen Lots versteckt. Der Urenkel Ruths vertraute auf die Verbindung seiner Familie zu den Zelten Moabs. Seine Freundschaft war willkommen gewesen, solange es noch Schaul gab und man einen Keil zwischen die beiden kriegerischsten Stämme, Judah und Benjamin, treiben konnte. Doch jetzt stand Dawid allein da, sein Haus durch Söhne gefestigt und hinter den neu errichteten und verstärkten Mauern Jeruschalajims verborgen. Joab selbst, der ein erfahrener und kluger Mann war, was diese Dinge anging, hatte die Ausbesserung der Anlagen überwacht und angewiesen. Die ehemalige Stadt der Jebusiter war uneinnehmbar geworden, aber das Volk der Hürden und Felder ringsum war schwach ohne das Heer der Dreihundert Tausend. Das wussten die Moabiter und sie wagten vermehrt Ausfälle.

Dawid beriet sich mit seinen Vertrauten. Nicht das unberechenbare Meer im Westen, die Philister, mit denen man immer fertig geworden war, bedrohten das Königtum Israels. Es waren die anderen Beschnittenen, die Brudervölker, die von Jah abgewichen waren. Mit Ammon im Westen hatte man vorerst einen Bund, doch sein Bruder Moab war unwillig. Es war nur eine Frage der Zeit, bis vielleicht auch die schlafenden Söhne Esaus im Süden erwachten oder die Aramäer im Norden in ihren Palmenstädten sich beunruhigten. Man musste Moab schlagen und gefügig machen.

Gemeinsam kämpften sie wieder, wie in den Zeiten Adullams, Dawid und die Söhne der Zeruja. Der König gab ein Beispiel für die anderen Stämme, als das Heer der Moabiter geschlagen war und man die Männer allesamt gefangen genommen hatte. Er hieß sie, sich auf den Boden legen.

– Sie sind keine Unbeschnittenen. Sie sind nicht von den Verfluchten Kanaans, die wir unter Joschua ausmerzen sollten. Sie sind ein Brudervolk. Wir müssen sie schlagen, aber der Bann soll sie nicht treffen. Sie schwächen, aber nicht vernichten.  –

Mit der Messschnur, wie man sonst nur Land abmisst, nahm Dawid das Maß der auf dem Boden liegenden Krieger. Durch drei teilte er sie. Der dritte Teil von Dreien sollte leben bleiben und fliehen. Die ersten beiden Teile fraßen die Schwerter der beiden harten Söhne Zerujas und der Leibwache der Dreißig um Dawid. Ohne Regung vollstreckte Joab seinen Teil des Urteils. Nicht noch einmal würden die entronnenen Söhne Lots sich erheben. Sie kehrten zurück an ihren Ort, doch sie leisteten dem Haus Dawids und dem Hause Jahs ihre Abgaben und ihre Knechtsdienste. Der schwache Gott Kemosch diente endlich dem größeren Jah.

Wie erwartet gerieten jedoch daraufhin der Nordosten und der Norden in Aufruhr. Bis zum Euphrat jagten die erlesenen Kriegsmannen Dawids dem aufsteigenden König Hadad-Eser von Zoba entgegen. Nicht nur ihm mussten sie begegnen, auch die Aramäer, die von Damaskus her zuschlugen. Sie hatten Wagen mit Pferden, doch sie richteten nichts aus gegen die zähen Hirtensöhne, denen es gleich war, ob sie Menschen oder Löwen erschlugen.

Pferde gab es in Israel sehr wenige und der König behielt als Beute und Zeichen des Sieges nur Ein Hundert von Ihnen. Den Rest der beinahe Zwei Tausend ließ er lähmen, um sie für künftige Kriege unbrauchbar zu machen. Die Priester lehrten, was Moshe über das Gesetz für die Könige gesagt hatte. Ein König in Israel sollte keine Wagengespanne besitzen wie sie die Ägypter und die Aramäer hatten. Im Krieg sollten sie sich auf die Macht Jahs und ihren eigenen starken Arm und das Schwert verlassen. Ohnehin war es nach den Ordnungen des Höchsten Gottes sehr aufwändig, Pferde zu halten. Sie waren keine Tiere, die man nutzte wie Schafe und Ziegen. Wenn ein Pferd ein erstes Fohlen warf, musste es getötet werden oder durch ein anderes Tier ersetzt werden, denn ein Pferd hatte keine gespaltenen Hufe. Es war unrein. Den Aufwand wollte sich auch Dawid ersparen. Es genügte, wenn man Esel und Kamele auslösen musste. Lasttiere hatten ohnehin viel größeren Nutzen für das Hirtenvolk, das immer noch zwischen den Weidegründen umherzog.

Nicht alle wohnten in festen Häusern. Selbst Joab vermisste oft die Knabenzeit bei den Hürden und er atmete erleichtert auf, wenn er im Feld lag, den Wind in den Bahnen seines Zeltes hörte oder in seinen Mantel gehüllt auf dem Boden lag und die Sterne über sich sehen konnte. Jah selbst zog mit seinem Volk umher oder wohnte in einem Zelt. Weshalb sollte es Joab reizen, ein allzu festes Heim zu haben? Sein Onkel Dawid schien das anders zu sehen. Den letzten Krieg gegen eines der Brudervölker, gegen Edom, schlug Dawid zwar selbst im Feld, doch er überließ Joab und Abischai die Führung. Joabs Bruder und seine Abteilung schlugen die Söhne Esaus mühelos zurück im Salztal bei dem bitteren Meer, das die gerichteten Stätten von Sodom und Gomorra bedeckte. Dennoch war es Dawids Name, der jubelnd gerufen wurde, als er nach Jeruschalajim zurückkehrte.

Er zog sich für einige Zeit zurück in seinen säulengeschmückten Palast, um sich dem Saitenspiel, Plänen für einen weiteren, großen Bau und den Weibern und Kindern zu widmen. Der Porophet Nathan hatte ihm einen Erben verheißen, der das errungene Königtum unversehrt in seinen Händen empfangen würde. Ein Sohn des Friedens, der einst dem umherziehenden Gott ein festes Heim bauen sollte. Der König war eifrig damit beschäftigt, die erbeuteten Schätze und die Abgaben zu häufen, zu sichten und den ersten Tempel, den Israel je haben würde, zu erdenken.

Sollte der König denken und träumen und beten. Joab hingegen würde wachsam bleiben und weiter ins Feld ziehen, denn beim letzten, beschnittenen Brudervolk, das mit Dawid einen Bund hatte, zeichneten sich Veränderungen ab. Ihr König Nahasch starb und hinterließ seinem Sohn Hanun die Herrschaft. Finster blickte Joab den Boten nach, die sein Onkel zu dem Nachkommen Ben-Ammis ausschickte. Man konnte diesen Völkern nicht vertrauen, auch wenn sie ihre Haut abschnitten, denn sie beteten nicht zu Jah. Milkolm hieß ihr Gott. Ein schwacher Gott. Über diesen letzten Gedanken lächelte Joab.