Joab
Zwischen den Fronten
Der König war empört. Hatte er die Aramäer nicht genug zurechtgewiesen? Die Tausendschaften Israels waren nahezu ohne Verluste aus einer Schlacht gegen berittene Krieger und Wagen hervorgegangen und hatten Zweiundzwanzig Tausendschaften der Männer Hadad-Esers geschlachtet. Die Ebenen der Palmenstädte am Euphrat mussten immer noch stinken vom Tod. Dennoch hatte sich dieser König noch einmal erdreistet, gegen den Hirten Israels zu ziehen, indem er dem frechen Spross des verstorbenen Ammoniterkönigs beistand. Waren Moab und Ben-Ammi nicht Brudersöhne für Abraham gewesen? Hatte Jah nicht geboten, dass der Besitz von Edom, Moab und Ammon unangetastet bleiben sollte? Daran hielten sich die Kinder Jakobs, als sie aus Ägypten heraufkamen. Dennoch hatte Edom Wasser verweigert, hatte Moab ihnen fluchen wollen und Ammon war nun störrisch.
So grimmig der Zorn des Königs auch gegen Hanun war, zuerst ließ er Milde gegen die eigenen Männer walten. Sie sollten in den Mauern Jerichos ausharren, dass niemand in Jeruschalajim seine Augen auf sie legte und ihre Schande sah. Wie hatte der junge König der Ammoniter ihnen das nur antun können? Joab schüttelte den Kopf, als er davon hörte. Es waren Friedensboten in Zeiten der Trauer gewesen und Hanun hatte sie packen lassen, ihnen die Bärte zur Hälfte abgeschnitten und ihre Gewänder bis unter den Hintern gekürzt. Halbnackt und geschändet jagte er sie aus Rabba davon. Joab hatte sogar Mitleid für sie übrig, wenn er sich vorstellte, wie sie durch die Ebene des Jordan gezogen waren, den Blicken aller ausgesetzt, ehe sie sich in den Häusern Jerichos verstecken konnten, um Dawid einen Boten zu senden.
Deshalb zögerte Joab nicht, ohne den König so eilig wie möglich auszuziehen. Hanun war es nicht wert, dass der Sohn Isais sich selbst um ihn kümmerte. Er hatte keinen Bund mit dem König Israels gewählt, also würde er ihm auch auf dem Schlachtfeld nicht die Ehre geben. Zudem war Dawid mit anderen Dingen in seinem eigenen Hause beschäftigt. Er war über die Jahre des Krieges ein wenig müde geworden, immerhin war er ein wenig älter als Joab. Dem Obersten war es gleichgültig, wie ein Werkzeug benutzt zu werden. War er nicht genau das? Ein Werkzeug, ein Schwert in der Hand des Königs und damit ein Schwert in der Hand Jahs, um den frechen Sohn Ben-Ammis zu züchtigen?
Die beiden Söhne der Zeruja jagten an der Spitze der dreißig Helden Dawids und an der Spitze der ausgehobenen Dreißig Tausendschaften aus den Reihen der Kriegstüchtigen Israels voran. Eine Tausendschaft für jeden, allesamt angeführt von Abischai und Joab. Um die Ammoniter zu stutzen brauchten sie Dawid nicht. Sollte er die Saiten streichen und seine Weiber lieben. Zerujas Söhne liebten das Feld und sie strichen lieber über die Hälse der Feinde ihres Gottes. Hier sterben oder vor dem Gesicht des Höchsten Gottes. Entschlossen zogen sie an Jericho vorbei, durchschritten eine flache Furt im Jordan und strömten in die Ebene vor Rabba.
Zumindest waren die Ammoniter nicht feige wie damals die Amalekiter. Sie verkrochen sich nicht in ihrer Stadt. Hanun war dreist und mutig genug, die Reihen seiner Männer vor das Tor der Stadt zu führen und sie geordnet aufstellen zu lassen. Joab und Hanun standen sich gegenüber und der Sohn der Zeruja freute sich bereits auf eine ehrliche Schlacht, als er im Rücken das Beben anderer Schlachtenreihen bemerkte. Er wandte sich um und schon riefen die Männer es sich zu. Aramäer! Die Aramäer in unserem Rücken von Nordosten her! Sie ordnen sich gegen uns zur Schlacht! Es sind viele!
Joab griff in seinen Bart. Er dachte an die Schande, die man den Söhnen Israels angetan hatte. Er dachte an den Tag bei der Lade des Herrn aller Heerscharen. Sie hatten den stärkeren Gott. Aber sie mussten jetzt schnell sein. Er wandte sich an seinen Bruder. „Höre zu. Wir teilen die Männer, Bruder. Ich nehme den größeren Teil der Tausendschaften und gehe gegen die Aramäer vor. Du nimmst den kleineren Teil und drückst die Ammoniter gegen die Mauern Rabbas. Sollten die Aramäer stärker sein, wende dich um und eile mir zur Hilfe. Ich will dasselbe tun, wenn ich sehe, dass euch die Ammoniter zu stark werden. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht. Es gibt kein Entrinnen aus dieser Ebene, wenn nicht so.“
Abischai nickte. Er war ebenso grimmig und tapfer wie sein Bruder, doch Joab sah ihm an, dass er zögerte. Deshalb packte er seinen Bruder und zog ihn noch einmal zu sich heran. „Sei stark, Abischai! Lass uns stark sein! Für unser ganzes Volk, alle Stämme Israels, für alle Städte, die wir errungen haben. Für unseren Gott. Er entscheidet. Sein Wille ist es, der hier geschieht. Er möge mit uns tun, was Er für richtig hält. Nur lass uns stark sein!“
Abischai lächelte. Die Söhne der Zeruja waren einmal mehr entschlossen. Joab wusste, dass sein Bruder ihn nicht enttäuschen würde. Gelassen rückte er an der Spitze seiner ausgewählten Tausendschaften in breiter Reihe gegen die Aramäer vor. Schon einmal hatten sie diese Horden vom Euphrat niedergeschlagen. Er würde es wieder tun. Nicht Dawid fürchteten sie, sondern Joab, den Spross aus Zerujas Schoß, den blutigen Neffen des Königs. Nur kurz musste er zuschlagen. Die Aramäer stoben auseinander und machten sich davon, zurück in den Norden. Auch die Ammoniter zogen sich vor Abischai in die Stadt zurück, als sie sahen, wie leicht sie von ihren Bundesgenossen verlassen wurden.
Die Söhne der Zeruja nickten sich zu. Ein Gottesurteil. Vorerst kehrten sie Ammon den Rücken und marschierten nach Jeruschalajim zu Dawid zurück. Ammon war ein lächerlicher Gegner, doch Aram mit seinen Wagen und Reitern war bedrohlich. Zudem schienen sie Männer zu sein, die ihr Wort hielten. Sie hatten Hanun versprochen, ihm gegen Dawid zu helfen und ihn zu schwächen. Noch mehr Horden, noch mehr Wagen strömten über den Euphrat, um sich von Norden her in das Gebiet Israels zu ergießen. Dieses Mal erwachte auch wieder der Kampfeswille des Königs. Er selbst führte die Gesamtheit der Dreihundert Tausend aus Israel an. Alle Krieger wurden ausgehoben.
Wieder lagen Tausende zerstreut in den Berghängen bei Helam. Der Tod stank. Wagen und Pferde waren Hadad-Eser nicht von Nutzen. Der Sohn Isais schlug ebenso blutig zu wie sein Neffe Joab. Zuverlässig traf sein Speer den Heerobersten des Aramäischen Königs. Damit war der Krieg beendet. Der König Arams sandte Boten und Geschenke. Nie wieder wollte man den Ammonitern helfen. Das Wort war zuverlässig und die Abgabe besänftigte den König. Er zog seine Mannen ab, überflutete das Land der Ammoniter und drängte sie zurück, dass sie sich feige in Rabba verschließen mussten. Beruhigt gab Dawid seinem Neffen Joab neue Befehle. Er selbst blieb in Jeruschalajim. Er hatte es nicht nötig, sich mit dem lächerlichen Hanun auseinanderzusetzen. Zieh aus gegen Rabba. Fälle diese Stadt. Lehre die Söhne des Lot, was es heißt, gegen Jah und seinen Ihm gesalbten König vorzugehen.

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